eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige Refinery (c1)
Mi, 14:35 Uhr
30.07.2025
Artenschützer erhalten artenreiche Wiese

Zehnjähriges Mähjubiläum mit Wermutstropfen

Am 11. Oktober 2015 pflegten fünf Enthusiasten eine knapp einen Hektar große, artenreiche Wiese bei Bleicherode zum ersten Mal. Ohne die Ehrenamtler um Bodo Schwarzberg würde es sie heute so wohl nicht mehr geben...

Kraft, Kondition und Naturliebe gehören bei der ehrenamtlichen Landschaftspflege zusammen. Zwei Enthusiasten harken am 24. Juli, um den wertvollen Magerrasen zu erhalten. (Foto: B. Schwarzberg) Kraft, Kondition und Naturliebe gehören bei der ehrenamtlichen Landschaftspflege zusammen. Zwei Enthusiasten harken am 24. Juli, um den wertvollen Magerrasen zu erhalten. (Foto: B. Schwarzberg)
Damals war die Untere Naturschutzbehörde mit dem Anliegen auf mich zugekommen, ob der BUND-Kreisverband Nordhausen nicht die Mahd übernehmen könne, da der bisherige Nutzer kein Interesse mehr daran habe.

Anzeige Refinery (lang)
Obwohl wir ehrenamtlich aktive Artenschützer bereits seit 2010 eine ganze Anzahl artenreicher Trocken- und Halbtrockenrasen pflegten, sagten wir auch bei dieser Wiese nicht nein. Und das, obwohl der betreffende Halbtrockenrasen bei Bleicherode mit knapp einem Hektar zur mit Abstand größten Einzelfläche im Portfolio von uns Aktiven werden würde.

Ich persönlich konnte nie mit ansehen, wie eine blüten- bzw. artenreiche Fläche nach der anderen seit der Wiedervereinigung verbrachte, verbuschte oder nicht artenschutzgerecht bewirtschaftet wurde.

Wir hatten auch bei dieser Wiese das Bedürfnis, den Abwärtstrend bei der Landschaftspflege wenigstens geringfügig zu bremsen. 1990 habe es in Nordthüringen noch 30.000 gehütete Schafe gegeben, vor rund fünf Jahren noch 3.000, sagte mir einer der letzten Schäfer des Landkreises vor einiger Zeit. Die Schafherden hatten von jeher einen entscheidenden Anteil an der Erhaltung jahrhunderte alter Magerrasen im Gebiet des Südharzer Zechsteinrandes und damit ja ⁶auch eines Stücks unserer Kultur.

Im Oktober 2015 waren wir zu Fünft und wir mähten zunächst nur rund 2.600 m², was schon mehr war, als wir über das Programm NALAP zu mähen hatten: Ich mähte mit unserem einzigen Freischneider und die anderen Teilnehmer harkten ab.

In den folgenden Jahren rüsteten wir mit friedlicher Technik weiter auf, ein zweiter Freischneider und später sogar ein leistungsstarker Allmäher kamen hinzu, so dass wir auch die gemähte Fläche vergrößern konnten.

Dabei war es uns stets wichtig, kleinere Teile des Halbtrockenrasens zunächst ungemäht zu lassen: Vor allem bei einer Mahd schon während der Sommermonate, damit die Insekten auf andere Blüten und Nahrungspflanzen für ihre Raupen ausweichen können.

Und vor Insekten wimmelt es nur so auf der Wiese oder unmittelbar daneben: Distelfalter, Silbergrauer und Gewöhnlicher Bläuling, Zwerg-Bläuling, Kleiner Fuchs, Gitterspanner, Großes Ochsenauge, Admiral und Tag-Pfauenauge so heißen mehrere der beobachteten Schmetterlinge.

Die Gelbe Spargelerbse (Lotus maritimus) gehört zu jenen stark gefährdeten Pflanzenarten, die wir auf der Wiese bei Bleicherode erhalten. (Foto: B. Schwarzberg) Die Gelbe Spargelerbse (Lotus maritimus) gehört zu jenen stark gefährdeten Pflanzenarten, die wir auf der Wiese bei Bleicherode erhalten. (Foto: B. Schwarzberg)
Für den botanischen Artenschutz ist die Wiese vor allem wegen der Gelben Spargelerbse (Lotus maritimus) bedeutsam, ein Schmetterlingsblütengewächs mit auffallend großer, einzeln stehender, gelber Blüte, das in Thüringen stark gefährdet ist. Hinzu kommen einige Orchideenarten, wie beispielsweise die Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea). Ihr Bestand ist infolge der extensiven Mahd auf heute wohl mehrere Tausend Exemplare angewachsen. Stellenweise blühten 2025 zehn Exemplare auf einem Quadratmeter.

Lückigkeit, Kurzrasigkeit und Magerkeit sind Schlüsselbegriffe zur Förderung vieler seltener und geschützter Wiesenarten, die auf Dauer heute oft nur noch punktuell realisiert werden können. Denn leider sind naturschutzfachlich einigermaßen geeignete Projekte, wie auch steuerfinanzierte Hotspotprojekte von Landschaftspflegeverbänden, zeitlich befristet. Fehlen nach Projektende aber für einige Flächen das Geld oder geeignete Bewirtschafter, stirbt die Pflege - mit der Folge von Verbrachung, oft noch stärkerer Verbuschung als vor dem Projekt und weiterem Artenrückgang.

Wir Ehrenamtler hingegen mähen und harken nicht selten ohne Einnahmen oder gegen die geringen Sätze des Programms NALAP, aber dafür über viele Jahre hinweg kontinuierlich. Diese Kontinuität aber ist für die Erhaltung seltener Arten oft ausschlaggebend. Geschätzt 150 Vorkommen bedrohter und geschützter Pflanzenarten, darunter mehrerer in Thüringen oder darüber hinaus fast ausgestobener, erhalten wir Ehrenamtler mittlerweile auf meist nur kleinen Flächen im Landkreis Nordhausen. Oder mit anderen Worten: Mit großer Wahrscheinlichkeit hätten viele dieser Vorkommen ohne unser ehrenamtliches Engagement kaum noch eine Zukunft.

Für das Problem teils fehlender Kontinuität und auch Qualität im Rahmen der naturschutzgerechten Landschaftspflege haben Land und Bund bisher aber keine wirklich hilfreiche Lösung.

Ein weiteres Problem: Als wir vor wenigen Tagen die Wiese bei Bleicherode nunmehr im zehnten Jahr abharkten, waren wir nur zu Dritt. So können wir zwar stolz auf unsere Kontinuität und auf unsere Erfolge im Artenschutz sein, aber ohne engagierte Mitmenschen, die sich ihre Freizeit nicht selten bei widrigen Wetterverhältnissen mit Freischneidern, Heugabeln, Bigbags und Harken um die Ohren schlagen, können auch wir diese Kontinuität nicht ewig wahren.

Aber eigentlich ist das ja auch gar nicht unsere Aufgabe!

Der Staat und seine Behörden sowie die Landschaftspflegeverbände sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie ihre gesetzlichen Verpflichtungen im Natur- bzw. Artenschutz erfüllen, Urteile z.B. des EuGH für unsere Flora-Fauna-Habitat-Gebiete umsetzen (wir Bürger müssen uns ja auch an die Gesetze halten) und wie sie auch folgenden Widerspruch lösen:

Ein Land, das Milliarden Euro Schulden machen kann, um gigantische Rüstungsprojekte zu finanzieren, vielleicht sogar mit Firmen bei uns in der Goldenen Aue, ist in der Tendenz nicht in der Lage, seinen Artenreichtum zu erhalten, wobei ja der heutige Artenreichtum nur noch ein leichtes Schimmern der Biodiversität von vor 50 Jahren ist. - Dass heute die Reste dieses großes Artenreichtums auf dem Spiel stehen, das wird, wegen des damit eigentlich verbundenen Handlungsdrucks, sehr gern vergessen. Die nächste Legislaturperiode mit neuen "Verantwortlichen" kommt ja bestimmt.

Wir ehrenamtliche Artenschützer haben für das laufende Jahr noch zahlreiche Einsätze vorgesehen.

Wer uns dabei unterstützen möchte, der kann sich gern unter bodo_schwarzberg@yahoo.de melden.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

Anzeige symplr (6)
Kommentare
Straßenfeger
30.07.2025, 15:52 Uhr
Hr. Dr. Leibbrand und Co vermisst
Ich vermisse auf den Fotos immer die Akteure der Nordhäuser Grünen, Hr. Dr
Leibbrand, Frau Busch usw. ?? Tesla fahren ist noch kein grüner Existenzgrund.

Haben die nie Zeit? Landschaftspflege braucht die starke Hand, nicht den schnellen Mund.
Junge21
30.07.2025, 19:37 Uhr
Hochachtung für Herrn Schwarzberg
Wenigstens einer, der sich um die Umwelt und den Naturschutz kümmert. Und das in echt und unverfälscht.
Bodo Schwarzberg
31.07.2025, 01:18 Uhr
Artenschutz: Vielen Dank den Kommentatoren
Ja, die Grünen waren mal eine Partei, die Frieden, Umwelt und Soziales zusammengedacht und als Einheit vertreten haben.

Dass sie in der Ampel aber belegbar unökologische (FLüssiggas/Flüssiggasterminals, kompromissloser Ausbau Erneuerbarer) und den Frieden nicht stärkende Entscheidungen trafen, ja, siehe Aufrüstung, geradezu mit einem Turbo versehen wollten, das hat mich Abstand zu dieser Partei gewinnen lassen..

Im Naturschutzberech hat sich in Thüringen unter grüner Regierungsbeteiligung in den Feldern, in den ich mich engagiere, konkret für uns an der Basis aktive Artenschützer also, nichts zum Besseren gewendet.

Nach wie vor müssen wir uns mit Pflegedefiziten fast aller Orten beschäftigen und schauen, ob behördliche Entscheidungen auf dem Gebiet der Landschaftspflege tatsächlich gut für die oft mit letzten Vorkommen bedrohter Arten gesegneten Schutzgebiete sind. Trotz bestehender Schutzgebietsverordnungen.

Die Einheit von Wort und Tat ist das zentrale und konsequente Element unserer ehrenamtlichen Arbeit. Und diese vermisse ich seitens der herrschenden Politik im Naturschutzbereich seit Jahren.

Die Grünen machen da überhaupt keine Ausnahme. Reden halten ist das eine: Schöne Worte zu Taten und zum Erfolg zu führen aber etwas ganz anderes.
KeinKreisverkehr
31.07.2025, 08:48 Uhr
Kulturlandschaft
Hier zeigt sich mal wieder die Superkraft mancher Leute aus jedem beliebigen Thema den Grünen eine Klatsche zu drehen.

"Kulturlandschaft" wenn ich diesen Begriff schon höre.

Hey wir haben nach Jahrhunderten, eigentlich zwei Jahrtausenden, intensiver Landwirtschaft und menschlichen Einfluss nur noch 31 Prozent Waldfläche und quasi 0 Prozent Urwald. Während zu Römerzeiten noch 80 Prozent von Deutschland bewaldet waren. Und genau dieses nicht vorhanden sein von Wald ist jetzt besonders Schützenswert indem man den Wald regelmäßig zurücktreibt?

Mager und Trockenrasen bildet sich natürlich an Südhanglagen. Wo das nicht der Fall ist und der Mensch mithelfen muss gehört er nun Mal einfach nicht hin. Wenn wir weniger Agrarwüste in Deutschland hätten müssten wir uns auch nicht selbst darum kümmern andere Biotope zu erhalten wo sie eigentlich nicht hingehören. Es wäre von Natur aus genügend Platz dazu.

Wir betreiben Naturschutz indem wir die natürlich Verwaldung der Flächen durch regelmäßige Bewirtschaftung verhindern. Und dann gleichzeitig darüber aufregen, dass Windkraft im Wald ja Naturzerstörung ist weil zig Quadratkilometer gerodet werden müssten.

Nach getaner Arbeit gönnt man sich bestimmt auch eine Bratwurst und ein Bierchen und feiert sich für Naturschutz.

Die kognitive Dissonanz ist stark.
Schröder
31.07.2025, 11:44 Uhr
Vielfalt erhalten
Einige Priroritäten in unserem Land werden leider etwas anders gesetzt.
Naturschutz fängt im Kleinen an. Da hilft auch kein Tag des Artenschutzes, des Waldes ...
Ich glaube auch nicht , daß die ehrenamtlichen Artenschützer sich selbst für Naturschutz
feiern. Der Bericht von Herrn Schwarzberg war ehrlich und glaubwürdig.
Vielen Dank für ihren Beitrag.
Kommentar hinzufügen
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (8)