Mi, 11:15 Uhr
04.06.2025
Neue Ausstellung erinnert an Sarah Kirsch
Eine Lyrikerin – eine Dichterstätte – ein Förderverein
Eine Ausstellung besonderer Art ist am Dienstagabend in der Galerie der Kreissparkasse Nordhausen eröffnet worden: Sie ist der weit über Deutschlands Grenzen bekannten Künstlerin Sarah Kirsch gewidmet. Sie wäre am 16. April 90 Jahre alt geworden. Doch die aktuelle Präsentation weiß nicht nur über sie zu erzählen…
Auch die Dichterstätte gleichen Namens sowie deren Förderverein spielen eine nicht minder gewichtige Rolle. Vera Angelstein als Vertreterin der Nordhäuser Kreissparkasse ließ in ihrer Begrüßungsansprache den Lebensweg der Kirsch Revue passieren. Sie bezeichnete die Künstlerin als eine große Stimme der deutschsprachigen Lyrik.
Sarah Kirsch – ihr bürgerlicher Name war Ingrid Bernstein – erblickte am 16. April 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode das Licht der Welt. In Halle studierte sie Biologie und nahm im Anschluss ein Literaturstudium am Literaturinstitut in Leipzig auf. Alsbald zählte sie zu der kritischen Generation von Autoren in der DDR. Sie legte ihren bürgerlichen Namen ab und nannte sich fortan Sarah Kirsch.
Infolge kritischer Äußerungen zur Ausbürgerung Wolf Biermanns musste auch sie 1977 die DDR verlassen. Sie ging zunächst nach Westberlin, später zog es sie in einen kleinen Ort in Schleswig-Holstein. Sehr zurückgezogen lebte sie in einem umgebauten Schulgebäude und verfasste hier u.a. unzählige lyrische Texte, Erzählungen, Hörspiele und Tagebücher und hielt so gut es eben möglich war Kontakt zu ihrer Nordthüringer Heimat.
Laudatorin Heidelore Kneffel ergriff schließlich das Wort und nahm die anwesenden Gäste, darunter zahlreiche Mitglieder des Fördervereins und Freunde der Lyrik, mit auf eine Reise, die vor gut zweieinhalb Jahrzehnten ihren Anfang nahm. Alles begann mit einem rostigen Nagel, den Heidelore Kneffel nahe des verlotterten Geburtshauses in Limlingerode gefunden und diesen bei einem Treffen der Kirsch geschenkt hatte.
Und so begann eine wunderbare Freundschaft zwischen der Künstlerin und einem Kreis von Liebhabern ihrer Lyrik. Alsbald wurde beschlossen, das stark in Mitleidenschaft gezogenen Pfarrhaus zu retten und daraus ein Ort für Poesie, Kunst und Musik zu schaffen. Eva Müller, Heidelore Kneffel, Karin Kisker, Erdmute Neubert und Marlies Ludwig waren die treibenden Kräfte. Auf deren Einladung besuchte Sarah Kirsch 1997 erstmals wieder ihr Geburtshaus.
Laudatorin Heidelore Kneffel (Foto: Hans Georg Backhaus)
Und am 23. März 1998 gründete sich der Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch.
Heidelore Kneffel, langjährige Pressesprecherin im Landratsamt Nordhausen, konnte den damaligen Landrat Joachim Claus (CDU) für das Vorhaben des Fördervereins begeistern. Er ebnete den Weg zur Landesregierung und Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), der sich rasch für das Projekt begeistern ließ. Spenden wurden eingeworben und Fördermittel flossen. Nach manchem Auf und Ab konnte das restaurierte Pfarrhaus am 30. November 2002 im Beisein von Sarah Kirsch, dem Thüringischen Landesvater Bernhard Vogel und einer großen Schar Kunstinteressierter seiner neuen Bestimmung übergeben werden.
Das kleine Dorf mit seinen etwa 300 Einwohnern hatte von nun an einen Ort, in dem Poesie zu Hause war. Ungezählte Veranstaltungen, darunter die Limlingeröder Diskurse, Kunstausstellungen, Schreibwerkstätten und musikalisch-literarische Nachmittage, zählten zu den Höhepunkten des engagierten Fördervereins. Dann kam das Jahr 2023.
Es war ein Tag im Juni: Es war ein furchtbarer Tag!, rief Heidelore Kneffel den Anwesenden bei der Vernissage in Erinnerung. Sie wirkte bei diesen Worten äußerst erregt und dieser emotionale Ausbruch setzte sich bis zum Ende ihrer Schilderungen fort. Sie kam nicht umhin, die Worte des neuen Bürgermeisters der Gemeinde Hohenstein noch einmal zu wiederholen, der ihr damals im barschen Ton zu verstehen gab: Am 30.06. 2023 verlassen Sie dieses Haus! Oder Sie zahlen 900 Euro Miete!
Das war ein Schlag ins Gesicht aller engagierter Vereinsmitglieder und Lyrikfreunde, für die die Dichterstätte über zwei Jahrzehnte ein Ort vielfältiger Kunst bedeutete. Dem Förderverein war der Treffpunkt quasi über Nacht von einer politischen Gemeinde entzogen worden. Die Lyrik musste notgedrungen weiterziehen, mal fand/ findet sie ein Domizil in Bleicherode, mal im Schloss Heringen.
Und auch der Evangelische Kirchenkreis, darauf wies Heidelore Kneffel ausdrücklich hin, sah offensichtlich keine Möglichkeit (oder wollte sie auch nicht sehen), dem Förderverein die erforderliche und wünschenswerte Unterstützung zu gewähren. Und das, obwohl die Sanierung des Pfarrhauses mit Mitteln vom Freistaat Thüringen und des Bundes ermöglicht worden war. - Sarah Kirsch verstarb am 5. Mai 2013 in Heide (Holstein).
Dies und vieles mehr ist in der aktuellen Ausstellung mittels zahlreicher Fotos, Zeitungsartikeln, Auszügen aus Briefwechseln zwischen der Lyrikerin und dem Förderverein sowie weiteren Dokumenten zu sehen bzw. nachzulesen. Interessierte können sie täglich zu den Öffnungszeiten der Sparkasse am Nordhäuser Kornmarkt (Montag bis Freitag jeweils von 08 bis 18 Uhr) bis einschließlich 8. August 2025 besuchen.
Die musikalische Ausgestaltung der Vernissage meisterten an diesem Abend die 11jährige Lilly Baldermann (Blockflöte) und der Direktor der Kreismusikschule Nordhausen, Holger Niebhagen (Klavier), die für ihre Darbietungen mit herzlichem Applaus bedacht wurden.
Hans-Georg Backhaus
Autor: redAuch die Dichterstätte gleichen Namens sowie deren Förderverein spielen eine nicht minder gewichtige Rolle. Vera Angelstein als Vertreterin der Nordhäuser Kreissparkasse ließ in ihrer Begrüßungsansprache den Lebensweg der Kirsch Revue passieren. Sie bezeichnete die Künstlerin als eine große Stimme der deutschsprachigen Lyrik.
Sarah Kirsch – ihr bürgerlicher Name war Ingrid Bernstein – erblickte am 16. April 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode das Licht der Welt. In Halle studierte sie Biologie und nahm im Anschluss ein Literaturstudium am Literaturinstitut in Leipzig auf. Alsbald zählte sie zu der kritischen Generation von Autoren in der DDR. Sie legte ihren bürgerlichen Namen ab und nannte sich fortan Sarah Kirsch.
Infolge kritischer Äußerungen zur Ausbürgerung Wolf Biermanns musste auch sie 1977 die DDR verlassen. Sie ging zunächst nach Westberlin, später zog es sie in einen kleinen Ort in Schleswig-Holstein. Sehr zurückgezogen lebte sie in einem umgebauten Schulgebäude und verfasste hier u.a. unzählige lyrische Texte, Erzählungen, Hörspiele und Tagebücher und hielt so gut es eben möglich war Kontakt zu ihrer Nordthüringer Heimat.
Laudatorin Heidelore Kneffel ergriff schließlich das Wort und nahm die anwesenden Gäste, darunter zahlreiche Mitglieder des Fördervereins und Freunde der Lyrik, mit auf eine Reise, die vor gut zweieinhalb Jahrzehnten ihren Anfang nahm. Alles begann mit einem rostigen Nagel, den Heidelore Kneffel nahe des verlotterten Geburtshauses in Limlingerode gefunden und diesen bei einem Treffen der Kirsch geschenkt hatte.
Und so begann eine wunderbare Freundschaft zwischen der Künstlerin und einem Kreis von Liebhabern ihrer Lyrik. Alsbald wurde beschlossen, das stark in Mitleidenschaft gezogenen Pfarrhaus zu retten und daraus ein Ort für Poesie, Kunst und Musik zu schaffen. Eva Müller, Heidelore Kneffel, Karin Kisker, Erdmute Neubert und Marlies Ludwig waren die treibenden Kräfte. Auf deren Einladung besuchte Sarah Kirsch 1997 erstmals wieder ihr Geburtshaus.
Laudatorin Heidelore Kneffel (Foto: Hans Georg Backhaus)
Und am 23. März 1998 gründete sich der Förderverein Dichterstätte Sarah Kirsch.Heidelore Kneffel, langjährige Pressesprecherin im Landratsamt Nordhausen, konnte den damaligen Landrat Joachim Claus (CDU) für das Vorhaben des Fördervereins begeistern. Er ebnete den Weg zur Landesregierung und Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), der sich rasch für das Projekt begeistern ließ. Spenden wurden eingeworben und Fördermittel flossen. Nach manchem Auf und Ab konnte das restaurierte Pfarrhaus am 30. November 2002 im Beisein von Sarah Kirsch, dem Thüringischen Landesvater Bernhard Vogel und einer großen Schar Kunstinteressierter seiner neuen Bestimmung übergeben werden.
Das kleine Dorf mit seinen etwa 300 Einwohnern hatte von nun an einen Ort, in dem Poesie zu Hause war. Ungezählte Veranstaltungen, darunter die Limlingeröder Diskurse, Kunstausstellungen, Schreibwerkstätten und musikalisch-literarische Nachmittage, zählten zu den Höhepunkten des engagierten Fördervereins. Dann kam das Jahr 2023.
Es war ein Tag im Juni: Es war ein furchtbarer Tag!, rief Heidelore Kneffel den Anwesenden bei der Vernissage in Erinnerung. Sie wirkte bei diesen Worten äußerst erregt und dieser emotionale Ausbruch setzte sich bis zum Ende ihrer Schilderungen fort. Sie kam nicht umhin, die Worte des neuen Bürgermeisters der Gemeinde Hohenstein noch einmal zu wiederholen, der ihr damals im barschen Ton zu verstehen gab: Am 30.06. 2023 verlassen Sie dieses Haus! Oder Sie zahlen 900 Euro Miete!
Das war ein Schlag ins Gesicht aller engagierter Vereinsmitglieder und Lyrikfreunde, für die die Dichterstätte über zwei Jahrzehnte ein Ort vielfältiger Kunst bedeutete. Dem Förderverein war der Treffpunkt quasi über Nacht von einer politischen Gemeinde entzogen worden. Die Lyrik musste notgedrungen weiterziehen, mal fand/ findet sie ein Domizil in Bleicherode, mal im Schloss Heringen.
Und auch der Evangelische Kirchenkreis, darauf wies Heidelore Kneffel ausdrücklich hin, sah offensichtlich keine Möglichkeit (oder wollte sie auch nicht sehen), dem Förderverein die erforderliche und wünschenswerte Unterstützung zu gewähren. Und das, obwohl die Sanierung des Pfarrhauses mit Mitteln vom Freistaat Thüringen und des Bundes ermöglicht worden war. - Sarah Kirsch verstarb am 5. Mai 2013 in Heide (Holstein).
Dies und vieles mehr ist in der aktuellen Ausstellung mittels zahlreicher Fotos, Zeitungsartikeln, Auszügen aus Briefwechseln zwischen der Lyrikerin und dem Förderverein sowie weiteren Dokumenten zu sehen bzw. nachzulesen. Interessierte können sie täglich zu den Öffnungszeiten der Sparkasse am Nordhäuser Kornmarkt (Montag bis Freitag jeweils von 08 bis 18 Uhr) bis einschließlich 8. August 2025 besuchen.
Die musikalische Ausgestaltung der Vernissage meisterten an diesem Abend die 11jährige Lilly Baldermann (Blockflöte) und der Direktor der Kreismusikschule Nordhausen, Holger Niebhagen (Klavier), die für ihre Darbietungen mit herzlichem Applaus bedacht wurden.
Hans-Georg Backhaus















