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Di, 13:03 Uhr
29.04.2025
NNZ Betrachtung

Menetekel Klettenberg

Die gestrige Diskussion zur Zukunft der Klettenberger Grundschule hat neben dem eigentlichen Thema zwei andere Aspekte deutlich gemacht. Zum einen, dass viele offenbar nicht wissen wir ihr Land funktioniert und zum anderen, dass man sich mit der Realität an sich schwer tut und das nicht nur im kleinen Klettenberg…

Die schreibende Zunft liebt ihre geflügelten Worte. „Menetekel“ ist so eines, kurz, griffig, erhaben aber nicht zu obskur. Beschrieben wird ein Zeichen drohenden Unheils oder eine Warnung. Ein „Menetekel“ ist die inzwischen lebhaft geführte Debatte um die Zukunft der Klettenberger Grundschule, nur will das scheinbar keiner so recht wahr haben.

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Die neun kleinen Ortsteilen der Gemeinde Hohenstein zählen inzwischen weniger als 2000 Seelen, die natürlichen Neuzugänge halten sich in Grenzen. Gerade einmal acht Kinder aus den umliegenden Ortschaften werden in diesem Jahr eingeschult, um die Schule in adäquater Größe am Leben zu halten, müssten es eher 15 sein. Im nächsten Jahr rechnet man mit 13 ABC-Schützen, dann 12, dann 11, dann 9.

Die Hohensteiner wollen ihre Grundschule gerne erhalten und wer könnte es ihnen verdenken? Viele hier haben ihre Schulzeit hier begonnen, haben hier ihre ersten Freunde und ihre Bindung an den Heimatort gefunden. In der Schule kommt die Gemeinde zusammen, seien es nun junge Kinder oder Eltern, die einmal Schüler waren. Eine Schließung der Schule wäre ein harter Schlag für die Dörfer am äußersten Rand von Kreis und Freistaat, nicht der erste und wohl auch nicht der Letzte.

Auf der anderen Seite wie im Publikum saßen gestern Kreisverwaltung und Politik. Während Erstere die Aufgabe hat, das Schulwesen in der Region zu organisieren, gibt Letztere die Rahmenbedingungen vor, in denen sich Ämter und Behörden bewegen dürfen. Wie eng gesteckt die mitunter sind und wie viele Köche am mehrgängigen Menü „Schule“ arbeiten sollte einmal mehr deutlich werden, nur drängt sich nach zweieinhalb Stunden Debatte auch die Einsicht auf, dass viele eben nicht wissen wir ihr Land in seinen Grundzügen funktioniert.

Einfach mal „Eier haben und machen“, wie es ein Teilnehmer eloquent formuliert, lässt sich leicht fordern, findet aber in der Realität an den Schreibtischen in Klettenberg, Nordhausen oder Erfurt keinerlei Halt. „Einfach mal machen“ funktioniert nicht in einem Gemeinwesen, das nach Regeln und Gesetzen handeln soll. Einen Leopard-Panzer weniger bauen und stattdessen die Schule auf Vordermann bringen sagt sich leicht daher, nur hat der Landkreis noch nie auch nur einen einzigen Cent für einen Panzer ausgegeben, noch könnte oder dürfte das eine regionale Kreisverwaltung entscheiden. Und selbst wenn in Berlin an der Rüstung gespart würde, hieße das nicht automatisch mehr Geld für das Thüringer Schulwesen schon allein weil der Bund sich hier im Sinne des Föderalismus qua Gesetz gar nicht einmischen darf. Das Geld für den „Hexenbesen“ hat sich die Servicegesellschaft des Kreises bei den Banken, nicht aus dem Kreishaushalt geholt und während man hier zwar auch für die Unterhaltung der Schulen sorgt, stellt man Hausmeister ein und keine neuen Lehrer. Das ist Sache des Schulamtes, welches nicht mit dem Schulverwaltungsamt zu verwechseln ist. Ersteres bekommt seine Order aus Erfurt, Letzteres hat für die materielle Ausstattung der Nordhäuser Schulen zu Sorgen, nicht für Lehrplan oder Personal.

Und so mussten sich die Klettenberger gestern mehrfach anhören, was alles nicht geht, ohne das es den Verantwortlichen gelungen wäre, das „warum“ auch deutlich aufzuzeigen. Dass die Feinheiten deutscher Bürokratie die Bürgerschaft im Allgemeinen eher weniger interessieren ist wenig verwunderlich, man will das der Alltag funktioniert, sei es nun bei Schule, Verkehr oder Grundversorgung. Dass man die Zusammenhänge nicht kennt oder wenigsten ordentlich erklärt ist gleichermaßen problematisch denn in der emotionsgeladenen Debatte ist gestern vor allem eines passiert: man hat den falschen Baum angebellt.

Die Grenzen, in denen sich die kleine Politik vor Ort bewegen darf, werden im Landtag gezogen und hier war man in den letzten Jahren offenbar nicht gewillt, sich den Realitäten zu stellen. Mutmaßlich weil die Folgen unangenehm und politisch wenig opportun wären. Den Schwarzen Peter schiebt man den ländlichen Gemeinden zu und so hat die Diskussion, die man auf Landesebene offen hätte führen müssen, sich gestern - fernab fundamentaler Entscheidungsgewalt - in Klettenberg abgespielt.

Wir werden weniger. Es wird Schulschließungen geben, es werden Kindergärten verschwinden. Weil nicht mehr genug Nachwuchs da ist. Will man das verhindern, müsste man sich den Realitäten stellen und entweder das Thüringer Bildungswesen grundsätzlich umbauen oder mehr Menschen in die entlegensten Regionen Thüringens locken und das zügig. Ein Möglichkeit wäre etwa, auch kleinere Schulen zu zulassen. Dafür bräuchte es mehr Lehrer, die man nicht von den Bäumen pflücken kann und vielleicht auch andere Unterrichtsformen, als sie im althergebrachten System angelegt sind. Natürlich wäre eine Klasse mit acht Kindern zu unterrichten, es wäre im Sinne der Wissensvermittlung mitunter sogar wünschenswert. Aber unter den gegebenen Bedingungen ist das nicht möglich.

Für grundlegende Reformen und schwierige Diskussionen fehlt es in der volatilen Landespolitik, denke ich, an politischem Mut. Carolin Gerbothe aus den Reihen der Christdemokraten kann sich hinstellen und den Erhalt ihrer alten Grundschule fordern, die Mehrheiten dafür müsste sie im Landtag aus ganz Thüringen zusammentragen, da reicht der Applaus der Klettenberger nicht. Frenetischen Zuspruch gab es auch für AfD Abgeordneten Jörg Prophet, der sich den mit dem Satz verdiente „stirbt die Schule, stirbt der Ort“. Seine Fraktion werde an der Schulnetzplanung festhalten. Resolut fordern kann man das, mit den Realitäten, wie sie im Moment gegeben sind, hat das nichts zu tun. Aber fordern ist einfach.

Klettenberg ist ein Menetekel. Ändert sich nichts, werden wir diese Diskussionen bald an anderer Stelle erneut führen müssen. Und diejenigen, die daran etwas grundlegend ändern können, sitzen nicht in Nordhausen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Franz 2018
29.04.2025, 17:50 Uhr
Sehr guter Artikel
vielen Dank dafür, denn so nüchtern muss man es betrachten. Ich kann mich gut an die Schließung meiner früheren Schule im Nachbarort und an die Schließung des Kindergartens in unserem Ort erinnern. Hat uns nicht gefallen, aber wenn man vernünftige Lernbedigungen und wenigstens ansatzweise genug Lehrer möchte, geht es nur mit genug Kindern.... Ich verstehe den Frust der Eltern gut, aber man muss den Realitäten ins Auge sehen, das muss man in der eigenen Finanzierung von Haus etc. ja auch. Auch wenn es schwerfällt.... Und das politische Getöse ist Bauernfängerei der schlimmsten Sorte, besonders wenn man ganz genau weiß, das es nichts ändert, aber Menschen dann hinterher sagen kann, wir waren ja dagegen, aber die "Anderen" haben nicht mitgemacht ..... Einfach mal ehrlich sein, auch wenn es unbequem ist... Ja, ich weiß, ist aus der Mode gekommen und keiner will sich mit unbequemen Wahrheiten beschäftigen..... Vor der Realität und dem Leben kann man aber nicht davon laufen...
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