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Mo, 16:12 Uhr
09.10.2006

Bemerkenswertes Modellprojekt

Nordhausen (nnz). Bundeswert erregt ein einmaliges Nordhäuser Modellprojekt Aufsehen, das Soziale-Integrations-Zentrum. Eigentlich schon abgeschriebene Hartz IV Empfänger werden fit gemacht für das Arbeitsleben. Und oft gelingt es. Nnz hat erfahren, wie das möglich ist.

Thomas Rzepus, Ansprechpartner für Jugendliche aus dem Landkreis, berichtet von Marco. Den Namen hat er geändert, aber der junge Mann ist ein exemplarisches Beispiel. Er hat zwar eine Ausbildung abgeschlossen, mit schlechten Noten, aber einen Job gefunden hat er nie. Marco lebt bei seinen Eltern und hängt mit den falschen Leuten rum. Von der Arbeitsgemeinschaft des Landkreises bekam er einen Platz im Sozialen- Integrations-Zentrum (SIZ)vermittelt. Dort soll er lernen, seine Probleme in den Griff zu kriegen und wieder eine Arbeit aufnehmen. Beim ersten Kontakt mit seinem neuen Ansprechpartner konnte der Jugendliche mit jemanden ernsthaft reden und bekam Unterstützung sein Leben anzugehen. Dazu gehört auch ein Besuch bei der Familie. Thomas Rzepus war nicht sonderlich überrascht, daß zuhause wenig Ordnung herrscht, Bier- und Schnapsflaschen herumliegen und die Eltern sich kaum Zeit nehmen für ihren Sohn. Solche Familien sind häufig Kunden der ARGE. Probleme sind vorprogrammiert. „Multiple Vermittlungshemmnisse“ heißt das im Amtsdeutsch. Die sollen vom SIZ abgebaut werden.

Solche Hemmnisse können Schulden sein, ein ungünstiges soziales Umfeld, gesundheitliche Probleme, Suchtkrankheiten, mangelnde Schul- und Berufsabschlüsse, Gewalt, strafrechtliche Probleme und noch viele weitere Gründe. Auch Marco hat Schulden, vom Handy, wie so viele Jugendliche, und weil er Geldstrafen nicht bezahlte. Von einer Schuldnerberatung hatte er noch nie gehört. „Das ist bei vielen Leuten ein Problem, sie wissen einfach nicht, von wem sie Hilfe bekommen können.“ Berichtet Projektleiterin Stefanie Seeboth. „Wir zeigen den Leuten dann, wo sie sich hinwenden können, welche Ämter und Institutionen für sie zuständig sind. Manche kannten nicht einmal die Nordhäuser Tafel.“

Das Soziale-Integrations-Zentrum ist erst mal als Modellversuch für drei Jahre geplant. Der Horizont e.V. betreut das Projekt in der Grimmelallee 46. „Wir sind Dienstleister der ARGE“ sagte Rene Kübler, Horizont-Geschäftsführer. Ursprünglich war das Projekt für 70 Teilnehmer gedacht, jetzt sind es 85 und es werden Wartelisten geführt. Der Bedarf ist groß, weiß auch ARGE-Geschäftsführer Hans-Georg Müller. „Wir betreuen ein breites Spektrum an Menschen. Einige sind nach einem halben oder ganzen Jahr Arbeitslosigkeit ins Arbeitslosengeld II gerutscht. Sie sind fit und könnten sofort wieder eine Arbeit finden. Andere brauchen etwas Hilfe, einen Schweißerpaß oder den Stablerschein und schon hätten sie wieder Aussicht auf einen Job. Eine dritte Gruppe sind Personen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. Sie haben selbst so viele Probleme, daß sie nicht mal eine Arbeitsgelegenheit annehmen könnten.“ Diese Leute sollen im SIZ lernen, einen geregelten Tagesablauf zu finden und wieder mehr Selbstwertgefühl aufbauen. Wöchentliche Treffen mit dem Ansprechpartner und Hausaufgaben helfen dabei.

Die Betreuung durch einen der sieben Mitarbeiter des SIZ ist erst mal auf ein halbes Jahr begrenzt. Oft reicht das aus, denn schon nach den ersten 200 Tagen konnte der Horizont e.V. ein positives Fazit ziehen. Von den bisherigen Teilnehmern sind elf vorzeitig ausgeschieden, zwei haben einen Job gefunden, einer kommt schon jetzt allein klar. Zwei mußten allerdings eine Freiheitsstrafe antreten und zwei hatten einfach keinen Bock mehr. In dem Fall drohen Sanktionen der ARGE. Sieben der Abbrecher sind unter 25 Jahren, vier darüber. Obwohl sich der Horizont sonst vor allem um Jugendliche kümmert, sind hier mehr ältere Teilnehmer dabei, aktuell 59 Personen, und 26 sind Jugendliche.

„Wir hatten zuerst mit Spannungen zwischen den Altersgruppen gerechnet.“ Erinnert sich Projektleiterin Stefanie Seeboth. Inzwischen kommen alle gut klar, treffen sich auch in der Freizeit in den Räumen des SIZ. Es gibt Frauen, die gemeinsam basteln und Gymnastik machen. Die Männer spielen Skat. Besonders beliebt sind die Wandertage. Obwohl sie damit nicht gerechnet hätte, kommt Stefanie Seeboth grade von Jugendlichen viel Interesse dafür entgegen. „Darf ich meine Freundin mitbringen und meinen Hund, werde ich gefragt. Und manchmal hat einer seine ganze Familie mobilisiert.“ Freut sich die Projektleitern.
Wichtig ist ihr, daß die Leute nach der Betreuung nicht in ein Loch fallen und alles so wird wie vorher. Deswegen werden Selbsthilfegruppen aufgebaut und Netzwerke geschaffen, die dafür sorgen sollen, daß die Menschen nicht wieder abstürzen.

Vorurteile, daß Einzelförderung nur viel Geld kostet und nichts bringt für die Allgemeinheit, will Rene Kübler entkräften. „Wir halten Menschen zu Eigeninitiative an. In den letzten 15 Jahren haben das viele verlernt. Wer mit sich selbst etwas anfangen kann, wird nicht aggressiv gegen andere. Somit leisten wir einen Beitrag zum sozialen Frieden in Stadt und Landkreis.“ Angesichts extremistischer Demonstrationen wie am vergangenen Wochenende könne ein funktionierendes Sozialgefüge auch ein wichtiger weicher Standortfaktor für Unternehmen sein.
Autor: wf

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