Fr, 13:24 Uhr
07.07.2006
nnz-Betrachtung: Gegen die Wand
Nordhausen (nnz). In Thüringen gibt es eine Wand – die Kulturwand. Die ist nicht mehr 60 Millionen Euro hoch, sondern nur noch 50 Millionen Euro. Und genau gegen diese Wand ist das Nordhäuser Theater gefahren. Die nnz mit einer Betrachtung.
Wenn das Wort Lobbyismus neu definiert werden muss, dann sicherlich in Thüringen. Um genauer zu sein – in Nordthüringen. Da haben wir in diesem Landstrich des Freistaates nicht nur den Ministerpräsidenten zu Hause, nein, in Nordhausen leben noch zwei Minister. Und sie zusammen haben zugelassen, dann das Nordhäuser Theater und das Sondershäuser Lohorchester in ihrem jetzigen Bestand nicht mehr existent sein werden. Einem Andreas Trautvetter und seinem Meininger Theater wäre das nicht passiert. Ab 2009 werden die Lichter der großen Kronleuchter in Nordhausen und Sondershausen langsam abgeschaltet. Um 70 Prozent wird das Land Thüringen die Zuschüsse für den Norden des Freistaates senken.
Selten sah man Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) so zynisch und sarkastisch. Sie könne es nicht verstehen, dass ein christlicher Ministerpräsident es zulasse, dass es in seinem Land Menschen erster und zweiter Klasse gebe. Zumindest, wenn es um Kultur geht. In wirtschaftlicher Hinsicht ist das in den vergangenen 16 Jahren ja schon deutlich geworden. Rinke zog drum auch Vergleiche, die sonst nicht ihre Art sind: Die Fürsten, die Weimarer Republik und die DDR hatten allesamt Geld für das von den Nordhäuser Bürgern aufgebaute Theater, jetzt aber ist nichts mehr da!
Was die kommunalen Politiker in und um Nordhausen herum einfach klar erkennen müssen ist die Tatsache, dass nach dem wirtschaftlichen Desaster oft der kulturelle Ausverkauf folgt. Wie anders kann erklärt werden, dass entlang der Autobahn A 4 von Erfurt über Weimar, Jena und Gera (fast) alles beim Alten bleibt? Wie anders ist zu erklären, dass neben den schon immer gesetzten Häusern in Erfurt und Weimar auch die Jenaer Philharmonie und das Theaterhaus Jena quasi unangetastet bleiben sollen? Entlang des Speckgürtels der A 4 wird sich das Leben nach Vorstellung der Landesoberen auch weiterhin entwickeln. In Weimar werden sich weiterhin wohlhabende Pensionäre ansiedeln, in Jena ist es die intellektuelle junge Elite. Und für diesen prognostizierten Aufschwung ist natürlich auch weiterhin subventionierte Hochkultur vorzuhalten.
Für den doofen Rest genügt eine bauliche Hülle, die bespielt werden kann, vermutlich mit Volksstücken, bei denen sich das Publikum auf die Schenkel klatschen wird und bei denen das Nachdenken an der Garderobe abgegeben werden kann. Das reicht für einen Landstrich, in dem zwei Minister und ein MP sich zu Hause fühlen, der immer ärmer, älter und dümmlicher wird. Es grenzt schon an ein großes Wunder, dass einst die Fachhochschule etabliert wurde, vermutlich ein politisches Versehen.
Das, was seit gestern bekannt ist, das ist aber auch nur Ausdruck der Hilflosigkeit einer Landesregierung, die der Hilflosigkeit der Bundesregierung ähnelt, die Gesundheitsreform hinzukriegen. Merkel und Co. konnten wenigstens nur zur Beitragserhöhnung als kreative Kapitulation greifen. In Thüringen wird gekürzt, politisch gekürzt. Das aber mit dem Hinweis: Ihr da oben im Norden, ihr braucht ein Theater nicht wirklich.
Es werden Perspektiven für Nordthüringen kaputt gemacht, klagt die Oberbürgermeisterin. Doch hatte Nordthüringen je eine solche? Schön, die A 38 hat man hier durchgebaut. Vermutlich aber auch nur, dass Waren schnell von Ost nach West oder umgekehrt transportiert werden können. Auf Ab- und Auffahrten hätte man eigentlich getrost verzichten können.
Wer glaubt, dass die jetzt verkündete Kürzung der Gelder der Höhepunkt der politischen Entwicklung in Thüringen sein wird, der irrt. Es wird munter weitergehen. Bei Bildung und Erziehung, vor allem im sozialen Bereich, bei der Gesundheit, beim öffentlichen Nahverkehr. Es wird kein Subventionsgeld mehr da sein. Und bitteschön: Wer Kunst genießen will, wer Erziehung und Bildung genießen will, der soll sie auch bezahlen. So einfach und so logisch ist dass nun mal in einem System, in dem wir alle leben: Im Kapitalismus...
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzWenn das Wort Lobbyismus neu definiert werden muss, dann sicherlich in Thüringen. Um genauer zu sein – in Nordthüringen. Da haben wir in diesem Landstrich des Freistaates nicht nur den Ministerpräsidenten zu Hause, nein, in Nordhausen leben noch zwei Minister. Und sie zusammen haben zugelassen, dann das Nordhäuser Theater und das Sondershäuser Lohorchester in ihrem jetzigen Bestand nicht mehr existent sein werden. Einem Andreas Trautvetter und seinem Meininger Theater wäre das nicht passiert. Ab 2009 werden die Lichter der großen Kronleuchter in Nordhausen und Sondershausen langsam abgeschaltet. Um 70 Prozent wird das Land Thüringen die Zuschüsse für den Norden des Freistaates senken.
Selten sah man Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD) so zynisch und sarkastisch. Sie könne es nicht verstehen, dass ein christlicher Ministerpräsident es zulasse, dass es in seinem Land Menschen erster und zweiter Klasse gebe. Zumindest, wenn es um Kultur geht. In wirtschaftlicher Hinsicht ist das in den vergangenen 16 Jahren ja schon deutlich geworden. Rinke zog drum auch Vergleiche, die sonst nicht ihre Art sind: Die Fürsten, die Weimarer Republik und die DDR hatten allesamt Geld für das von den Nordhäuser Bürgern aufgebaute Theater, jetzt aber ist nichts mehr da!
Was die kommunalen Politiker in und um Nordhausen herum einfach klar erkennen müssen ist die Tatsache, dass nach dem wirtschaftlichen Desaster oft der kulturelle Ausverkauf folgt. Wie anders kann erklärt werden, dass entlang der Autobahn A 4 von Erfurt über Weimar, Jena und Gera (fast) alles beim Alten bleibt? Wie anders ist zu erklären, dass neben den schon immer gesetzten Häusern in Erfurt und Weimar auch die Jenaer Philharmonie und das Theaterhaus Jena quasi unangetastet bleiben sollen? Entlang des Speckgürtels der A 4 wird sich das Leben nach Vorstellung der Landesoberen auch weiterhin entwickeln. In Weimar werden sich weiterhin wohlhabende Pensionäre ansiedeln, in Jena ist es die intellektuelle junge Elite. Und für diesen prognostizierten Aufschwung ist natürlich auch weiterhin subventionierte Hochkultur vorzuhalten.
Für den doofen Rest genügt eine bauliche Hülle, die bespielt werden kann, vermutlich mit Volksstücken, bei denen sich das Publikum auf die Schenkel klatschen wird und bei denen das Nachdenken an der Garderobe abgegeben werden kann. Das reicht für einen Landstrich, in dem zwei Minister und ein MP sich zu Hause fühlen, der immer ärmer, älter und dümmlicher wird. Es grenzt schon an ein großes Wunder, dass einst die Fachhochschule etabliert wurde, vermutlich ein politisches Versehen.
Das, was seit gestern bekannt ist, das ist aber auch nur Ausdruck der Hilflosigkeit einer Landesregierung, die der Hilflosigkeit der Bundesregierung ähnelt, die Gesundheitsreform hinzukriegen. Merkel und Co. konnten wenigstens nur zur Beitragserhöhnung als kreative Kapitulation greifen. In Thüringen wird gekürzt, politisch gekürzt. Das aber mit dem Hinweis: Ihr da oben im Norden, ihr braucht ein Theater nicht wirklich.
Es werden Perspektiven für Nordthüringen kaputt gemacht, klagt die Oberbürgermeisterin. Doch hatte Nordthüringen je eine solche? Schön, die A 38 hat man hier durchgebaut. Vermutlich aber auch nur, dass Waren schnell von Ost nach West oder umgekehrt transportiert werden können. Auf Ab- und Auffahrten hätte man eigentlich getrost verzichten können.
Wer glaubt, dass die jetzt verkündete Kürzung der Gelder der Höhepunkt der politischen Entwicklung in Thüringen sein wird, der irrt. Es wird munter weitergehen. Bei Bildung und Erziehung, vor allem im sozialen Bereich, bei der Gesundheit, beim öffentlichen Nahverkehr. Es wird kein Subventionsgeld mehr da sein. Und bitteschön: Wer Kunst genießen will, wer Erziehung und Bildung genießen will, der soll sie auch bezahlen. So einfach und so logisch ist dass nun mal in einem System, in dem wir alle leben: Im Kapitalismus...
Peter-Stefan Greiner

