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Mi, 08:17 Uhr
31.08.2022
Jüdische Geschichte in Bleicherode: gab es eine Mikwe?

Feuchte Felssteine und ein Verdachtsmoment

Schon seit langem hegte Michael Lotsch, der sich im Förderverein „Alte Kanzlei Bleicherode“ um die weitere Erforschung der historischen Baulichkeiten bemüht, die Vermutung, dass es dort auch ein rituelles Tauchbad, die Mikwe, gegeben haben könnte...

Sind die herausragenden Holzbalken der Beweis für die frühere Mikwe? (Foto: Michael Lotsch) Sind die herausragenden Holzbalken der Beweis für die frühere Mikwe? (Foto: Michael Lotsch)

Im Zuge der Aktivitäten des Landes Thüringen zum Thema „900 Jahre jüdisches Erbe in Thüringen“ im Jahr 2021/22 ergaben sich Kontakte zur Hochschule Nordhausen und Frau Dr. Zahradnik, mit der sich ein lebhafter wissenschaftlicher Austausch entwickelte.
Die Annahme, dass es eine Mikwe in der „Alten Kanzlei“ in Bleicherode gegeben hat, speist sich aus der Tatsache, dass ein Ritualbad bis in das 19te Jahrhundert zu jeder jüdischen Gemeinde gehört. Erste Erwähnung finden Juden aus Bleicherode im Jahr 1368 in Erfurter Aufzeichnungen. Die damalige Siedlungsstruktur, der Ort des Bethauses und der Mikwe innerhalb der 1322 erstmals als Ort erwähnten Ansiedlung, lassen sich heute nicht mehr nachweisen.

Wahrscheinlich gab es mit zeitlichen Unterbrechungen ein ziemlich kontinuierlich jüdisches Leben in der Stadt. Nachdem die Grafschaft Hohnstein im Jahr 1700 zum Großherzogtum Preußen gelangte und damit eine allen Lebensbereichen größere Liberalität Einzug hielt, blühte die jüdische Gemeinde auf. Diese verfügte ab ca. 1720 einen von der Gräfin von Hagen im 1791 sogar auf „ewig“ überlassenen Betraum in der ihr gehörenden „Alten Kanzlei“ für Gottesdienste und die religiösen Feste. Neben dem Betraum bestand eine jüdische Schule, wie auch ein heute noch sichtbarer jüdischer Begräbnisplatz.

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Ungeklärt blieb bisher der Ort des jüdischen Ritualbades, der Raum für zu überprüfende Hypothesen öffnet. Es wäre nur folgerichtig, wenn in nicht zu großer Entfernung zu dem Betsaal in der „Alten Kanzlei“ auch eine Mikwe bestanden hätte. Der vermutete Ort der Mikwe ist ein recht großer Kellerraum, der sich im Bereich des Westflügels der Alten Kanzlei befindet und durch seinen kompletten Aufbau (Steinhaus) mit Kalk- und Felssteinen aus der sonst vorherrschenden Bauweise und Architektur heraussticht, da die angrenzenden Gebäude nur einen rund 1 m hohen Felssteinsockel haben. Es sind Reste von Rundbögen an der Außenwand des Kellers von der Hagenstraße her zu sehen, die vermuten lassen, dass der Raum zurück gebaut wurde, also einst über den Bleichbach ragte.

Heute ist der Bleichbach nicht mehr zu sehen und befindet sich unter der Hagenstraße. Auf den Steinen der Außenwand ist stellenweise eine andere, dunklere Färbung die bis zu 1,60 m hoch ist, zu sehen. Diese lässt darauf schließen, dass diese Steine lange Kontakt mit Wasser hatten. Zudem ist heute noch Feuchtigkeit im Keller erkennbar und zu riechen.
Da schriftliche Quellen nicht vorliegen, müssen Vergleiche mit vergleichbaren Geschichtszeugnissen aus der Region herangezogen und letztendlich eine archäologische Grabung in Erwägung gezogen werden.
Die Ansiedlungen von jüdischen Gemeinden in Sondershausen und Bleicherode sind etwa zeitgleich im 15. Jhd. durch die adeligen Herrschaften und ihre Schutzregale begünstigt geworden. In beiden Orten bauten die Juden ihr Gemeindeleben, den Lebensmittelpunkt, die Wirtschaft und die religiösen Orte auf. Dieser strukturellen Vergleichbarkeit folgend, wurde eine Besichtigung der Mikwe in Sondershausen durchgeführt. Die Sammlungsleiterin Bettina Bärnighausen vom Schlossmuseum Sondershausen führte die an der Sache interessierten Hannes Gräser (Projektleitung jüdische Kulturtage, Erfurt), Michael Lotsch (Historiker und im Förderverein Alte Kanzlei Bleicherode) und Dr. Marie-Luis Zahradnik (Hochschule Nordhausen) in eine der ältesten Mikwen in Thüringen und gab detaillierte Informationen zum jüdischen Leben und der Mikwe vor Ort.

Die mittelalterliche Mikwe in Sondershausen ist eine Grundwassermikwe, da sie ihr fließendes Wasser aus dem Grundwasser speiste und das Wasser zur rituellen Reinigung ein „lebendiges Wasser“ sein muss. Das kann sowohl fließendes Wasser aus einem Bach, Fluss oder auch Regenwasser sein. Für das vermutete Ritualbad in Bleicherode könnte die Speisung des Wassers aus dem angrenzenden Bleichbach mit einem Zu - und Ablauf erfolgt sein. Was wissenschaftlich nicht relevant ist, jedoch bei der Begehung des Kellers in der Alten Kanzlei und der Mikwe in Sondershausen auffiel, war der recht ähnliche Geruch der Feuchtigkeit. Der Keller und das Ritualbad sind beide auf Kalk- und Felsstein gebaut worden, die in Verbindung mit Wasser z. B. eine Färbung und einen Geruch annehmen anders als z. B. Ziegelsteine.

In Bleicherode wird die Existenz einer Mikwe in früherer Zeit vermutet (Foto: Michael Lotsch)
In Bleicherode wird die Existenz einer Mikwe in früherer Zeit vermutet (Foto: Michael Lotsch)
In Bleicherode wird die Existenz einer Mikwe in früherer Zeit vermutet (Foto: Michael Lotsch)


Schon seit der frühesten Zeit des Judentums sind schriftlich und mündlich überlieferte Regeln zur rituellen Reinheit ein fester Bestandteil der Glaubensausübung und des Alltagslebens. Im Judentum gibt es verschiedene Traktate u. a. zur Reinheit, die nicht nur erklären, wann eine Frau oder ein Mann eine Mikwe aufsuchen sollte, um sich z. B. auf ein Fest wie eine Hochzeit vorzubereiten oder eine innere Reinigung zu erfahren, sondern auch zum Ritualbad Hinweise geben. Im Traktat "Mikwaot" wird zur Beschaffenheit des Tauchbades geschrieben. So sollten 7 Stufen in das Wasser hineinführen und eine Wassermenge von 40 Seah (ca. 295 Liter) enthalten sein, so, dass der ganze Körper bedeckt werden kann. Oft wurde das Wasser in einem rechteckigen Schacht gehalten, der durch den sich verjüngenden Treppeneinstieg trapezförmig wurde und den Körper mit Wasser bis zum Haar umschloss.
Mit der Liberalisierung und den Reformbewegungen im Judentum ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Gebot in vielen Reform-Gemeinden zunehmend ignoriert. Heute gibt es in Deutschland ca. 100 jüdische Gemeinden, jedoch nur 30 in Betrieb befindliche Mikwot. Für die Forschung sind Mikwot aus dem Mittelalter und aus der frühen Neuzeit von großer Bedeutung, da diese neben anderen schriftlichen oder baulichen Artefakten die Kontinuität jüdischen Lebens in einer wichtigen Ausprägung darstellen.

Eine Auffindung der Mikwe in Bleicherode die es zweifellos gegeben hat würde eine weitere Leerstelle in der Geschichte des jüdischen Lebens in der Region schließen.

Mit den jüdischen Kulturtagen in diesem Jahr werden auch Veranstaltungen in Bleicherode geplant, die einen Raum für einen Austausch aller Interessierten zu diesen und anderen Themen zum jüdischen Leben eröffnet. Näheres wird dazu noch bekanntgegeben.
Dr. Marie-Luis Zahradnik/Michael Lotsch


Autor: red

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