Mo, 16:30 Uhr
25.04.2022
Spendenaktion ermöglicht Flüchtlingen Badehaus-Besuch
Abschalten, abtauchen, ankommen
Der Krieg in der Ukraine tobt unvermittelt weiter und treibt Menschen in die Flucht. Bis zu 700 geflüchtete Ukrainer sollen sich derzeit im Landkreis aufhalten und für einige davon versucht der Verein Schrankenlos zu sorgen und ein Ankerpunkt im Ungewissen zu sein. Hilfe dabei kommt auch von der Stadt und vom Badehaus…
Ein Sprung ins kühle Nass, ein paar Bahnen im Becken - das kann befreiend sein, den Kopf entlasten und entspannen. Nur kommt man überhaupt auf die Idee, den Weg ins Wasser zu suchen, wenn daheim Krieg tobt und man selber in der Fremde leben muss, im Ungewissen wie es weiter gehen wird?
Eher nicht, weiß man im Verein Schrankenlos. Die Betreuung von Geflüchteten gehört seit jeher zu den Kernaufgaben des Vereins, dass hat sich auch in der jüngsten Flüchtlingskrise nicht geändert. Rund 70 Menschen aus der Ukraine begleitet man derzeit im Nordhäuser Stadtgebiet und den Ortsteilen, sagt Vereinschefin Stephanie Tiepelmann-Halm. Neben den Sozialarbeitern und Ehrenamtlern bei Schrankenlos wollten auch andere helfen, wie die Musiker des Loh-Orchesters. Ende März konnte man ein kleines Benefiz-Konzert auf die Beine stellen, bei dem über den Eintritt und die Spenden insgesamt 11.000 Euro zusammengetragen werden konnten.
Einen Teil des Geldes hat man jetzt dazu genutzt, um den Geflüchtete Abseits der Sachspenden ein Tür zu Stadt und zur Region aufzustoßen - in Form von Gutscheinen für das Nordhäuser Badehaus, erklärt Studentin Maria Bers, die für Schrankenlos die Aktion mit koordiniert hat. Beim Badehaus rannte man damit offene Türen ein. Mehr Badegäste haben wir durch den Zustrom bisher nicht. Ich denke die Leute haben andere Sachen im Kopf und denken nicht daran das es hier ein Bad gibt, wenn man sie nicht darauf stößt. Insofern passt die Aktion gut und wir unterstützen das sehr gerne, sagt der Badehaus Chef heute Mittag und übergibt neben den Gutscheinen auch eine kleine Spendenkasse, die von Gästen und Mitarbeitern gefüllt wurde.
Man habe einiges aus 2015 gelernt, berichtet Tiepelmann-Halm, gerade auch was Bedarf und Bedürfnisse angeht. Anstatt einfach zu sagen: hier habt ihr Hilfe sei es sinnvoller zu fragen: Was braucht ihr tatsächlich. Den Erfahrungen und Parallelen zum Trotz seien Vergleiche mit der Situation damals dennoch nicht ganz einfach, die Grundvorraussetzungen sind andere. Viele Flüchtlinge kommen mit Sack und Pack, mitunter mit dem eigenen Auto. Der Bedarf an reinen Sachspenden ist im ersten Moment entsprechend niedrig, bis einem auffällt, was dann doch fehlt. Wir haben viele Ehrenamtliche die helfen wollen, das ist ganz ähnlich zu 2015. Den Leuten fällt dann schnell auf, dass man als Flüchtling nicht in Saus und Braus lebt und es gerade zu Anfang an ganz einfachen Dingen fehlt, die organisiert werden müssen wie ein paar Töpfe, eine Gardine vor dem Fenster oder ein Lampenschirm an der Decke.
Das Materielle ist aber nur die eine Seite, weiche Faktoren wie eben die Begegnung mit anderen Menschen oder etwas simples wie ein Besuch im Bad seien Bedürfnisse, die auf die eine oder andere Art nachgefragt werden. Unter anderem deswegen hat man die Begegnungscafés wieder ins Leben gerufen, die ab sofort, mit freundlicher Unterstützung des Nordhäuser Rathauses, immer Dienstag und Donnerstags von 10 bis 12 Uhr im Café der Flohburg stattfinden. Außerdem will man das im letzten Jahr ausgelaufene Patenprogramm wiederbeleben, erzählt die Schrankenlos-Chefin.
Das Ehrenamt ist für die Sozialarbeiter eine große Entlastung, gerade auch dann, wenn es um die Begleitung im Alltag geht. Mit rund 700 Geflüchteten im Landkreis ist es für die professionelle soziale Arbeit schlicht nicht möglich, jede Person auf allen Wegen zu begleiten, sei es der Gang zum Arzt oder der Termin auf dem Amt. Immerhin kann man heute auf Netzwerke, Partner und Erfahrungen zurückgreifen, die es in dieser Form vor sieben Jahren so noch nicht gab. Im Moment sind neben den zuständigen Ämtern und Schrankenlos auch der Horizont-Verein und das Deutsche Rote Kreuz damit beschäftigt, sich um die Flüchtlingssituation im Landkreis zu kümmern. Das DRK hat erst jüngst eine eigene Sammelunterkunft in Nordhausen mit rund 150 Plätzen eingerichtet. Hinzu kommen zahlreiche private Hilfsinitiativen. Das bringt auch neue Herausforderungen mit sich, denn noch immer ist nicht ganz klar, wer nun wirklich hier angekommen ist, wer weiterzieht und wer bleibt. Noch ruckelt sich alles ein wenig zurecht und stellt sich auf die neue Situation ein, sagt Tiepelmann-Halm.
Es sind unsichere Zeiten. Und vielleicht hilft es ja tatsächlich, wenn man ein paar Bahnen ziehen kann und die Kinder ihren Spaß beim planschen und rutschen haben. Einen Versuch ist es allemal Wert.
Angelo Glashagel
Autor: redEin Sprung ins kühle Nass, ein paar Bahnen im Becken - das kann befreiend sein, den Kopf entlasten und entspannen. Nur kommt man überhaupt auf die Idee, den Weg ins Wasser zu suchen, wenn daheim Krieg tobt und man selber in der Fremde leben muss, im Ungewissen wie es weiter gehen wird?
Eher nicht, weiß man im Verein Schrankenlos. Die Betreuung von Geflüchteten gehört seit jeher zu den Kernaufgaben des Vereins, dass hat sich auch in der jüngsten Flüchtlingskrise nicht geändert. Rund 70 Menschen aus der Ukraine begleitet man derzeit im Nordhäuser Stadtgebiet und den Ortsteilen, sagt Vereinschefin Stephanie Tiepelmann-Halm. Neben den Sozialarbeitern und Ehrenamtlern bei Schrankenlos wollten auch andere helfen, wie die Musiker des Loh-Orchesters. Ende März konnte man ein kleines Benefiz-Konzert auf die Beine stellen, bei dem über den Eintritt und die Spenden insgesamt 11.000 Euro zusammengetragen werden konnten.
Einen Teil des Geldes hat man jetzt dazu genutzt, um den Geflüchtete Abseits der Sachspenden ein Tür zu Stadt und zur Region aufzustoßen - in Form von Gutscheinen für das Nordhäuser Badehaus, erklärt Studentin Maria Bers, die für Schrankenlos die Aktion mit koordiniert hat. Beim Badehaus rannte man damit offene Türen ein. Mehr Badegäste haben wir durch den Zustrom bisher nicht. Ich denke die Leute haben andere Sachen im Kopf und denken nicht daran das es hier ein Bad gibt, wenn man sie nicht darauf stößt. Insofern passt die Aktion gut und wir unterstützen das sehr gerne, sagt der Badehaus Chef heute Mittag und übergibt neben den Gutscheinen auch eine kleine Spendenkasse, die von Gästen und Mitarbeitern gefüllt wurde.
Man habe einiges aus 2015 gelernt, berichtet Tiepelmann-Halm, gerade auch was Bedarf und Bedürfnisse angeht. Anstatt einfach zu sagen: hier habt ihr Hilfe sei es sinnvoller zu fragen: Was braucht ihr tatsächlich. Den Erfahrungen und Parallelen zum Trotz seien Vergleiche mit der Situation damals dennoch nicht ganz einfach, die Grundvorraussetzungen sind andere. Viele Flüchtlinge kommen mit Sack und Pack, mitunter mit dem eigenen Auto. Der Bedarf an reinen Sachspenden ist im ersten Moment entsprechend niedrig, bis einem auffällt, was dann doch fehlt. Wir haben viele Ehrenamtliche die helfen wollen, das ist ganz ähnlich zu 2015. Den Leuten fällt dann schnell auf, dass man als Flüchtling nicht in Saus und Braus lebt und es gerade zu Anfang an ganz einfachen Dingen fehlt, die organisiert werden müssen wie ein paar Töpfe, eine Gardine vor dem Fenster oder ein Lampenschirm an der Decke.
Das Materielle ist aber nur die eine Seite, weiche Faktoren wie eben die Begegnung mit anderen Menschen oder etwas simples wie ein Besuch im Bad seien Bedürfnisse, die auf die eine oder andere Art nachgefragt werden. Unter anderem deswegen hat man die Begegnungscafés wieder ins Leben gerufen, die ab sofort, mit freundlicher Unterstützung des Nordhäuser Rathauses, immer Dienstag und Donnerstags von 10 bis 12 Uhr im Café der Flohburg stattfinden. Außerdem will man das im letzten Jahr ausgelaufene Patenprogramm wiederbeleben, erzählt die Schrankenlos-Chefin.
Das Ehrenamt ist für die Sozialarbeiter eine große Entlastung, gerade auch dann, wenn es um die Begleitung im Alltag geht. Mit rund 700 Geflüchteten im Landkreis ist es für die professionelle soziale Arbeit schlicht nicht möglich, jede Person auf allen Wegen zu begleiten, sei es der Gang zum Arzt oder der Termin auf dem Amt. Immerhin kann man heute auf Netzwerke, Partner und Erfahrungen zurückgreifen, die es in dieser Form vor sieben Jahren so noch nicht gab. Im Moment sind neben den zuständigen Ämtern und Schrankenlos auch der Horizont-Verein und das Deutsche Rote Kreuz damit beschäftigt, sich um die Flüchtlingssituation im Landkreis zu kümmern. Das DRK hat erst jüngst eine eigene Sammelunterkunft in Nordhausen mit rund 150 Plätzen eingerichtet. Hinzu kommen zahlreiche private Hilfsinitiativen. Das bringt auch neue Herausforderungen mit sich, denn noch immer ist nicht ganz klar, wer nun wirklich hier angekommen ist, wer weiterzieht und wer bleibt. Noch ruckelt sich alles ein wenig zurecht und stellt sich auf die neue Situation ein, sagt Tiepelmann-Halm.
Es sind unsichere Zeiten. Und vielleicht hilft es ja tatsächlich, wenn man ein paar Bahnen ziehen kann und die Kinder ihren Spaß beim planschen und rutschen haben. Einen Versuch ist es allemal Wert.
Angelo Glashagel


