Do, 15:00 Uhr
10.03.2022
Fluchthelfer sollen sich beim Landratsamt melden
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Die Geschehnisse in der Ukraine haben für eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft gesorgt. Das geht soweit, das manche Nordhäuser mit dem Pkw gen ukrainischer Grenze aufgebrochen sind, um Flüchtlinge abzuholen. Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht…
Das Landratsamt bittet Flüchtlinge und Helfer sich bei den zuständigen Behörden zu melden (Foto: agl)
Mehr als zwei Millionen Menschen sind laut Schätzungen der Vereinten Nationen bereits aus der Ukraine geflohen. Rund 80.000 davon sollen inzwischen die Bundesrepublik erreicht haben. Wie viele es genau sind, das weis keiner so genau.
Mit dem gleichen Problem hat man auch im Landkreis Nordhausen zu kämpfen. Bisher weiß man von 80 Flüchtlingen, die sich bereits in der Region befinden und bei den Behörden gemeldet haben. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann man im Landratsamt aber nicht sagen. Diverse private Initiativen hätten es auf sich genommen, Flüchtlinge abzuholen und sicher nach Deutschland zu bringen. Für die zuständigen Behörden und die Flüchtlinge bringt die gute Tat aber unter Umständen eine Reihe an Problemen mit sich und bindet dann dringend benötigte Ressourcen.
Wir verstehen das man auf verschiedensten Kanälen Freunden, Bekannten und Verwandten helfen und sie aus der Gefahrenzone holen will. Menschlich ist das absolut verständlich, aber wir müssen Wege finden, diese Prozesse zu kanalisieren, sagte heute der erste Beigeordnete des Kreises, Stefan Nüßle. Wer noch keinen Kontakt zu den Behörden hatte, wird deswegen dringend gebeten sich zu melden. Auf der Website des Landratsamtes wurde entsprechende Informationen zweisprachig zusammengetragen. Eine Erstmeldung sei schnell gemacht, umfasse vor allem Kontaktdaten und Angaben zu Familienmitgliedern und diene den Ämtern in erster Linie dazu, den dringend nötigen Überblick zu bekommen.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Die Entwicklung sei im Moment sehr dynamisch und kurzfristig, berichtet Marc Hesse, der im Landratsamt für die Koordination der Flüchtlingshilfe zuständig ist. Man steht mit bewährten Partnern wie dem Horizont-Verein, dem Deutschen Roten Kreuz und dem Verein Schrankenlos in Kontakt um die nötigen Hilfsystem organisiert zum laufen zu bringen. Mit Blick auf die professionelle Zusammenarbeit herrsche eine gewisse Gelassenheit, aber man habe keine Blaupause aus 2015, auf die man zurückgreifen könne und man werde nicht "leichtsinnig" an die Situation herangehen. Hinzu kommt, dass die personellen Ressourcen in vielen Bereichen, sowohl in der Verwaltung wie auch bei den Trägern, durch Krankheits- und Quarantänefälle angespannt sind.
Pressekonferenz im Landratsamt: Wir müssen Wege finden, die Hilfsaktionen zu kanalisieren" (Foto: agl)
Die Hilfe privater Initiativen kann in dieser Situation zu Mehrbelastungen und Problemen führen. Es gäbe eine ganze Reihe an Dingen, welche private Helfer im ersten Moment häufig nicht bedenken würden. Die größte Sorge macht den Fachkräften im Landratsamt die fehlende Krankenversicherung. Wir erleben zunehmend Personen, die von Kriegshandlungen traumatisiert sind. Diese Leuten muss man eine vernünftige Umgebung bieten und sie werden professionelle Hilfe brauchen, auch medizinische. Und die bekommen sie nicht, wenn die nötigen Verfahren nicht angelaufen sind., sagt Hesse. Weitere Knackpunkte können der Anspruch auf Sozialleistungen oder gesetzliche Vorgaben zur Unterbringung sein. In der Verwaltung muss man in solchen Fällen im Zweifelsfall nachsteuern und das bindet Ressourcen, die man im Moment besser anderweitig einsetzen möchte. Wir haben dadurch weniger Kräfte, die sich um die jetzige Situation kümmern können und es gibt gerade sehr viel organisatorische Arbeit zu erledigen. Wir wollen die Solidarität der Menschen auf keinen Fall bremsen. Wer Hilfe anbieten möchte kann das auch tun. Aber wir müssen sie lenken, wenn wir das Beste für die Betroffenen herausholen wollen, meint Hesse.
Ein weiteres Problemfeld sind gut gemeinte aber fachlich nicht korrekte Beratungen zum deutschen Asyl- und Aufenthaltsrecht. Wen hier aufgrund falscher Beratung Entscheidungen getroffen werden, kann das einschneidende Konsequenzen für Geflüchtete haben. Wir bitten deswegen bei aller Verständnis schnell und unbürokratisch helfen zu wollen, eindringlich darum den engen Kontakt zu uns zu suchen.
Etwaige private Helfer sind dazu angehalten, ihre Vorhaben möglichst im Vorfeld bei den zuständigen Stellen anzukündigen und mit den Fachleuten abzusprechen. Zudem rät man dazu, dass eigene Engagement innerhalb der etablierten Strukturen einzubringen, also etwa bei den freien Trägern, die sich um die Flüchtlingshilfe kümmern. Das Landratsamt werde hier Interessenten gerne weiterleiten und vermitteln. Unter anderem werden Sprachmittler gesucht, insbesondere im Gesundheits- und Bildungsbereich. Im Gegensatz zu 2015 rechne man mit mehr älteren Flüchtlingen. Auch das werde eine gesellschaftliche Aufgabe, der man sich werde stellen müssen, sowohl in pflegerischer wie psycho-sozialer Hinsicht, meint Marc Hesse.
Desweiteren rät das Landratsamt für den Moment davon ab, Sachspenden gen Ukraine zu schicken. Dies sollte nur dann Geschehen, wenn man sich sicher sein könne, dass die Sachen auch im Land verteilt werden. An der polnisch-ukrainischen Grenze würden sich derzeit Sachspenden in unkontrollierter Menge stapeln. Im Zweifelsfall seien Geldspenden über bekannte Initiativen der bessere Weg um zu helfen.
Der Bund sollte mehr Verantwortung übernehmen
Die Organisation läuft im Moment vor allem vor Ort, wobei es Signale der Landesseite gibt, wieder Erstaufnahmeeinrichtungen als Puffer aufzubauen, erklärte Stefan Nüßle. Wir würden uns wünschen das auch der Bund mehr Verantwortung übernimmt. Es gibt Steuerungsbedarf und den hätte an schon deutlich früher wahrnehmen müssen.
Die Fragen der Finanzierung würden noch mit dem Land diskutiert, führte Stefan Nüßle aus, man gehe aber davon aus das die Kosten von Seiten des Freistaates gedeckt werden.
Alle Informationen sowie Kontaktdaten für Flüchtlinge wie auch potentielle Helfer und Unterstützer finden sich auf der eigens eingerichteten Website des Landratsamtes.
Angelo Glashagel
Autor: red
Das Landratsamt bittet Flüchtlinge und Helfer sich bei den zuständigen Behörden zu melden (Foto: agl)
Mehr als zwei Millionen Menschen sind laut Schätzungen der Vereinten Nationen bereits aus der Ukraine geflohen. Rund 80.000 davon sollen inzwischen die Bundesrepublik erreicht haben. Wie viele es genau sind, das weis keiner so genau.
Mit dem gleichen Problem hat man auch im Landkreis Nordhausen zu kämpfen. Bisher weiß man von 80 Flüchtlingen, die sich bereits in der Region befinden und bei den Behörden gemeldet haben. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann man im Landratsamt aber nicht sagen. Diverse private Initiativen hätten es auf sich genommen, Flüchtlinge abzuholen und sicher nach Deutschland zu bringen. Für die zuständigen Behörden und die Flüchtlinge bringt die gute Tat aber unter Umständen eine Reihe an Problemen mit sich und bindet dann dringend benötigte Ressourcen.
Wir verstehen das man auf verschiedensten Kanälen Freunden, Bekannten und Verwandten helfen und sie aus der Gefahrenzone holen will. Menschlich ist das absolut verständlich, aber wir müssen Wege finden, diese Prozesse zu kanalisieren, sagte heute der erste Beigeordnete des Kreises, Stefan Nüßle. Wer noch keinen Kontakt zu den Behörden hatte, wird deswegen dringend gebeten sich zu melden. Auf der Website des Landratsamtes wurde entsprechende Informationen zweisprachig zusammengetragen. Eine Erstmeldung sei schnell gemacht, umfasse vor allem Kontaktdaten und Angaben zu Familienmitgliedern und diene den Ämtern in erster Linie dazu, den dringend nötigen Überblick zu bekommen.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Die Entwicklung sei im Moment sehr dynamisch und kurzfristig, berichtet Marc Hesse, der im Landratsamt für die Koordination der Flüchtlingshilfe zuständig ist. Man steht mit bewährten Partnern wie dem Horizont-Verein, dem Deutschen Roten Kreuz und dem Verein Schrankenlos in Kontakt um die nötigen Hilfsystem organisiert zum laufen zu bringen. Mit Blick auf die professionelle Zusammenarbeit herrsche eine gewisse Gelassenheit, aber man habe keine Blaupause aus 2015, auf die man zurückgreifen könne und man werde nicht "leichtsinnig" an die Situation herangehen. Hinzu kommt, dass die personellen Ressourcen in vielen Bereichen, sowohl in der Verwaltung wie auch bei den Trägern, durch Krankheits- und Quarantänefälle angespannt sind.
Pressekonferenz im Landratsamt: Wir müssen Wege finden, die Hilfsaktionen zu kanalisieren" (Foto: agl)
Die Hilfe privater Initiativen kann in dieser Situation zu Mehrbelastungen und Problemen führen. Es gäbe eine ganze Reihe an Dingen, welche private Helfer im ersten Moment häufig nicht bedenken würden. Die größte Sorge macht den Fachkräften im Landratsamt die fehlende Krankenversicherung. Wir erleben zunehmend Personen, die von Kriegshandlungen traumatisiert sind. Diese Leuten muss man eine vernünftige Umgebung bieten und sie werden professionelle Hilfe brauchen, auch medizinische. Und die bekommen sie nicht, wenn die nötigen Verfahren nicht angelaufen sind., sagt Hesse. Weitere Knackpunkte können der Anspruch auf Sozialleistungen oder gesetzliche Vorgaben zur Unterbringung sein. In der Verwaltung muss man in solchen Fällen im Zweifelsfall nachsteuern und das bindet Ressourcen, die man im Moment besser anderweitig einsetzen möchte. Wir haben dadurch weniger Kräfte, die sich um die jetzige Situation kümmern können und es gibt gerade sehr viel organisatorische Arbeit zu erledigen. Wir wollen die Solidarität der Menschen auf keinen Fall bremsen. Wer Hilfe anbieten möchte kann das auch tun. Aber wir müssen sie lenken, wenn wir das Beste für die Betroffenen herausholen wollen, meint Hesse.
Ein weiteres Problemfeld sind gut gemeinte aber fachlich nicht korrekte Beratungen zum deutschen Asyl- und Aufenthaltsrecht. Wen hier aufgrund falscher Beratung Entscheidungen getroffen werden, kann das einschneidende Konsequenzen für Geflüchtete haben. Wir bitten deswegen bei aller Verständnis schnell und unbürokratisch helfen zu wollen, eindringlich darum den engen Kontakt zu uns zu suchen.
Etwaige private Helfer sind dazu angehalten, ihre Vorhaben möglichst im Vorfeld bei den zuständigen Stellen anzukündigen und mit den Fachleuten abzusprechen. Zudem rät man dazu, dass eigene Engagement innerhalb der etablierten Strukturen einzubringen, also etwa bei den freien Trägern, die sich um die Flüchtlingshilfe kümmern. Das Landratsamt werde hier Interessenten gerne weiterleiten und vermitteln. Unter anderem werden Sprachmittler gesucht, insbesondere im Gesundheits- und Bildungsbereich. Im Gegensatz zu 2015 rechne man mit mehr älteren Flüchtlingen. Auch das werde eine gesellschaftliche Aufgabe, der man sich werde stellen müssen, sowohl in pflegerischer wie psycho-sozialer Hinsicht, meint Marc Hesse.
Desweiteren rät das Landratsamt für den Moment davon ab, Sachspenden gen Ukraine zu schicken. Dies sollte nur dann Geschehen, wenn man sich sicher sein könne, dass die Sachen auch im Land verteilt werden. An der polnisch-ukrainischen Grenze würden sich derzeit Sachspenden in unkontrollierter Menge stapeln. Im Zweifelsfall seien Geldspenden über bekannte Initiativen der bessere Weg um zu helfen.
Der Bund sollte mehr Verantwortung übernehmen
Die Organisation läuft im Moment vor allem vor Ort, wobei es Signale der Landesseite gibt, wieder Erstaufnahmeeinrichtungen als Puffer aufzubauen, erklärte Stefan Nüßle. Wir würden uns wünschen das auch der Bund mehr Verantwortung übernimmt. Es gibt Steuerungsbedarf und den hätte an schon deutlich früher wahrnehmen müssen.
Die Fragen der Finanzierung würden noch mit dem Land diskutiert, führte Stefan Nüßle aus, man gehe aber davon aus das die Kosten von Seiten des Freistaates gedeckt werden.
Alle Informationen sowie Kontaktdaten für Flüchtlinge wie auch potentielle Helfer und Unterstützer finden sich auf der eigens eingerichteten Website des Landratsamtes.
Angelo Glashagel


