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Mi, 15:00 Uhr
29.09.2021
Einwohnergespräch zum Hochwasserschutz

Was tun, wenn das Wasser kommt?

Das man der Kraft des Wasser Respekt zu zollen hat, zeigte das Hochwasser im Ahrtal in diesem Jahr nur allzu deutlich. Um nicht eines Tages ähnliche Bilder in Nordhausen zu sehen, hat man sich in der Verwaltung jetzt eingehend mit dem Hochwasserschutz der Stadt und ihrer Ortsteile befasst…

Hochwasser - Alarm im Südharz, hier im Februar 2017 (Foto: nnz-Archiv) Hochwasser - Alarm im Südharz, hier im Februar 2017 (Foto: nnz-Archiv)

Hochwasser? Kein Problem für Nordhausen, mag sich der Bürger denken, der gemütlich seit Jahr und Tag an den Hängen der Stadt wohnt. Das Nass fließt schließlich ab. In der Unterstadt und einigen Ortsteilen hat man freilich in der Vergangenheit ganz andere Erfahrungen gemacht. Gewässer „erster Ordnung“ wie die Zorge und die Helme treten immer mal wieder über ihre Ufer. Früher geschah das mit schöner Regelmäßigkeit, die Auen entlang der Zorge waren Überschwemmungsgebiet, Hochwasser mit Verlust an Wert und Leben inklusive.

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Den „wilden Fluss“ in seine Schranken zu weisen versuchte man vor über hundert Jahren unter anderem mit dem Bau des Van-der-Foehr-Damms. Man hat also durchaus Erfahrung. Mit dem Gewässerunterhaltungsverband „Harzvorland“ hat man sich im Verbund vor Ort um die Pflege der Flüsse gekümmert. Seit zwei Jahren ist ein größeres Konstrukt, der Verband „Bode - Ohne - Wipper“, vom Eichsfeld über Nordhausen bis zum Kyffhäuserkreis für diese Aufgaben zuständig. Was seine ganz eigenen Probleme mit sich bringt, doch dazu später mehr.

Kritische Selbstschau
Über die Ufer tretende Flüsse sind in Nordhausen ein bekanntes Problem, die Häufung sogenannter „Starkregen-Ereignisse“ hat man hingegen erst seit kurzem im Blick. Das spiegelt auch das „Hochwasser-Audit“ der Stadtverwaltung wider, dass gestern in Auszügen den interessierten Bürgerinnen und Bürgern in der Ballspielhalle vorgestellt wurde.

Die Kernfrage hinter der Bestandsaufnahme: Wie gut sind wir vorbereitet? Mit objektiven Blick zu klären hatten das die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) und das Ingenieurbüro HGN mit der Unterstützung der zuständigen Ämter. Dank der gewachsenen Erfahrung im Umgang mit den Gewässern der Stadt und ihrer Ortsteile steht man in diesem Bereich vergleichsweise gut da. Unter anderem wurden in Sundhausen Hochwasser-Schutzmaßnahmen realisiert, für Bielen laufen die entsprechenden Planverfahren wohl noch bis zu anderthalb Jahre.

Das "Audit" sollte die Stärken und Schwächen der Verwaltung in Sachen Hochwasserschutz identifizieren (Foto: agl) Das "Audit" sollte die Stärken und Schwächen der Verwaltung in Sachen Hochwasserschutz identifizieren (Foto: agl)

Schlechter sieht es beim Starkregen aus. Das Ziel der Überprüfung sei letztlich, Flutschäden zu minimieren und Infrastruktur zu schützen, erklärte Oberbürgermeister Kai Buchmann. Um dem Problem baulich begegnen zu können, fehle es in Sachen Starkregen aber an entsprechenden Modellen. „Wenn es über Nordhausen Nord zu einem Starkregen-Ereignis kommt, fließt das Wasser den Berg hinab, das ist klar. Aber ob das stärker auf der Westseite oder der Ostseite des Berges geschieht wissen wir nicht.“ Zwar könne man sich auf gewisse Erfahrungswerte stützen und die Feuerwehr tut das im Ernstfall auch, fährt neuralgische Punkte an und behält die Pegelstände im Blick, durch die Bebauung einstiger Überflutungsflächen und der Versiegelung in der Innenstadt reicht der Blick in die Vergangenheit aber allein nicht aus. Das „Audit“ soll der Stadt die Möglichkeit geben, eben solche Daten zu erfassen und Fördermittel zu beantragen.

Hochwasserschutz ist Gewässerpflege
Der Schlüssel zum Schutz vor Flusshochwassern ist die Gewässerpflege, die man in Nordhausen die Längste Zeit über den oben genannten Gewässerverband „Harzvorland“ organisiert hatte. Die ist keine Selbstverständlichkeit, wie Oberbügermeister Buchmann gestern ausführte, im Freistaat gebe es Gemeinden die hätten sich in den letzten 31 Jahren gar nicht um ihre Gewässer gekümmert. Da die Sorge vor dem Wasser auch die Landesregierung erreicht hat, beschloss man in Erfurt die Gemeinden und Kommunen in regionalen Verbänden zwangsweise zusammenzufassen. Der kleine Südharzer Verband war damit Geschichte, an seine Stelle ist nun der Verband „Bode-Ohne-Wipper“ getreten. Für Nordhausen sei das im Kern keine gute Entwicklung gewesen, meint Buchmann, da andere Gemeinden anders als Nordhausen „bei Null“ anfangen, liegen die Prioritäten hier.

So erklärt sich auch die Frage eines Bürgers, der wissen wollte warum an der Salza lange nichts geschehen ist und der Fluss zunehmend verschlammt. Der Verband werde sich auch der Salza wieder widmen, versicherte Kerstin Windisch, die im Rathaus für die Gewässer zuständig ist. Gerade die Salza sei dabei ein schwieriger Kandidat. Freie Uferrandstreifen, die es eigentlich geben müsste, sind oft bebaut und der Fluss mit Gerät nur stellenweise zu bearbeiten. Langfristig müsse man die Gewässer wieder der Natürlichkeit zuführen, meinte Windisch weiter, ein Fluss sei keine „Wohnstube“ und sehe nicht von Natur aus „ordentlich“ aus.

Die Nordhäuser Wasserwehr
Die konkreten Ergebnisse des Hochwasser-Audits für die Kreisstadt und ihre Ortsteile und die Handlungsempfehlungen für die nächsten sechs Jahre sollen dem Stadtrat möglichst noch im Oktober, spätestens aber im Dezember vorgelegt werden.

Thomas Schinköth erläuterte die Möglichkeiten der Nordhäuser Feuerwehren im Wasserschutz (Foto: agl) Thomas Schinköth erläuterte die Möglichkeiten der Nordhäuser Feuerwehren im Wasserschutz (Foto: agl)

Der Vorbeugung seien aber Grenzen gesetzt, man kann schlicht nicht auf alles vorbereitet sein. Deswegen hat die Stadt nach den Möglichkeiten der Thüringer Gesetzgebung ein eigene Wasserwehr auf die Beine gestellt um im Fall der Fälle schnell reagieren zu können. Neue Kräfte braucht es dafür nicht, man greift auf die gleichen Mechanismen zurück, die auch bei einem Blindgängerfund aktiviert würden. Die technische Ausrüstung wird von der Feuerwehr unterhalten. Neben einem gut ausgestatteten Hochwasserschutzanhänger und Pumpen verfügt die Feuerwehr über 125.000 Sandsäcke. Weitere 750.000 Säcke warten im Katastrophenschutzlager auf den Notfall. Das nötige Füllmaterial wird vom Bauhof vorgehalten.

Feuerwehr-Chef Thomas Schinköth appelierte an die Bevölkerung, auch ein gewisses Maß an Eigenvorsorge zu treffen. „Die Feuerwehr hilft aber wir können nicht alles leisten. Es ist jeder angehalten zu sehen, wo man mit seinem Grundstück liegt“, erklärte Schinköth. Dazu könne man interaktive Hochwassergefahrenkarten im Netz nutzen. „Die größte Sorge macht uns der Starkregen. Lokale Erscheinungen ähnlich denen, die man im Ahrtal sehen musste, gab es auch bei uns schon, etwa bei Sundhausen und Steinbrücken. Letztes Jahr hat es 150 Meter Getreidefeld auf die Autobahn verlegt, dieses Jahr geschah das gleiche mit einem Maisfeld bei Hochstedt", führte der Leiter der Berufsfeuerwehr aus.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Paulinchen
29.09.2021, 15:37 Uhr
Wohin der Starkregen....
... abfließen kann, darüber sollte man sich mal mit dem Vorbesitzer der Kaufhalle Töpferror austauschen. Er wird sich bestimmt noch an die Überflutung seiner damaligen Existenz erinnern können. Auch ist der Starkregen in der Rautenstrasse nicht zu unterschätzen. Der setzte die gesamte HO - Kreuzung einschließlich der Arnoldstrasse in beiden Richtungen unter Wasser. Auch stand das Kinderheim Frohe Zukunft nebst Teilen des Stadtparks im kostbaren Nass. Dabei möchte ich nicht das Gumpetal vergessen. Das alles geschah 1980 im Juli, oder Juni. Also in absoluter Sicherheit sollten wir Nordhaeuser nicht fühlen. Man sollte niemals nie sagen. Damals war es nur eine Nacht, aber was letztlich im Ahrtal geschehen ist, ging etwas länger. Ich möchte es mir nicht für unsere Stadt vorstellen. Was würde wohl aus dem Bingerhof werden, wenn die Straße vom Gehege absackt? Also liebe Stadtverwaltung, bitte prüfen Sie sehr gewissenhaft!
Frank Tabatt
29.09.2021, 20:45 Uhr
Hochwasserplan für Nordhausen ?
Besonders zur Schneeschmelze (wenn sie plötzlich kommt und genug Schnee gefallen ist ) sehe ich mir mit Sorge unsere Zorge an . Gibt es eigentlich einen aktuellen Lageplan , in dem mögliche Überflutungsbereiche ausgewiesen sind ? Auf jeden Fall sollte jeder Hausbesitzer seine Gebäudevesicherung auf Elementarschäden kontrollieren. Manche Versicherungen versuchen gerade nach den Überflutungen im Ahrtal kräftig Kasse zu machen- es gibt aber auch welche , die normal geblieben sind. Da ich hier keine Werbung für irgend eine Gesellschaft machen möchte , kann man mich , falls es jemand wissen will direkt kontaktieren.
Bodo Schwarzberg
30.09.2021, 00:04 Uhr
Hochwasserschutz: Nichts begriffen in Nordhausen
Das lineare Denken ist in unseren Institutionen weit verbreitet, wie auch der obige Beitrag zeigt. Denn seit Jahren zeigt der AHA, der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder in regelmäßiger Folge auch in der nnz die Schwachstellen der Fließgewässer im Landkreis auf. Bei der obigen Veranstaltung wurde laut dem Bericht von A. Glashagel nicht darauf Bezug genommen.

Dabei beruht die AHA-Argumentation auf wissenschaftlich fundierten, also nichtlinearen sondern systemischen Beobachtungen, die die natürliche Leistungsfähigkeit eines unverbauten, auengeprägten Gewässers als Hochwasserschutz zum Inhalt hat und die nicht den menschlich erzeugten, im Extremfall u.U. wenig geeigneten Flussverbau als das Maß der Dinge darstellt.

Statt mit den Experten des AHA zu reden, scheinen die Nordhäuser Hochwasserschützer ihr Behördensüppchen zu kochen, dessen Grundgedanke doch letztlch ist, möglichst wenig am verbauten und eingezwängten Zustand unserer größeren Fließgewässer zu ändern und trotzdem im Hochwasserfall Schäden zu verhindern.

Kein Wort über die Folgen der Versiegelung, gerade nach 1990, für den Abfluss, kein Wort über die Folgen des menschgemachten Waldsterbens im Harz für potenzielle Starkregenereignisse, kein Wort über die klimatischen Ursachen des Ganzen.

Dass der Mensch die Hauptverantwortung für drohende Probleme trägt, geschenkt. So aber werden wir im Extremfall nur die kommenden Hochwasserereignisse zu managen versuchen, nicht aber die bewährten natürlichen Regelungsmechanismen wie ausgedehnte Auenwälder, unverbaute Überflutungsflächen "beauftragen", uns die schlimmsten Probleme wenigstens abzuschwächen.

Wir werden uns noch umgucken, wenn wir an unserem linearen Denken nichts ändern. Denn die Flutkatastrophe an der Ahr war nur der Anfang einer von uns nicht mehr steuerbaren, katastrophalen Entwicklung mit fatalen Konsequenzen. In Nordhausen ist man jedenfalls wie immer im Tiefschlaf.
Saebelzahntiger
30.09.2021, 00:45 Uhr
Wasser ist Leben!
Bei allem Verständnis für die Ängste der Landsleute in Nordhausen.
Die Abflussprofile werden vermessen und die gewonnenen Daten analysiert.
Wofür gibt es sonst Vermessungsingenieure-und Büros?
Die Mitarbeiter sind topfit und arbeiten bundesweit schon für die Sicherheit der Bevölkerung, spätestens seit dem Oderhochwasser.
Die Stadt und der Landkreis Nordhausen wären daher sicher auch gut beraten, wenn sie die Zorge-und Helmeprofile auf ihre Abflussquote bei einem angenommenden Jahrhunderthochwasser untersuchen lassen und anschliessend fortschreiben.
Die Mitarbeiter hiesiger Büros, nehmen derzeit auch lange Fahrten, mit wöchentlicher Trennung von der eigenen Familie und etwaigen Kindern in kauf, um z.B. die Daten in den Krisengebieten und den innländischen Gebirgsregionen zu bestimmen.
Der Osten kämpft somit auch für die Sicherheit der Mitmenschen im Westen der Republik. Nur mal so, als politische Info. ;-)
Bitte nicht vergessen, liebe Mitkommentatoren! Und bleibt gesund...
Kontrapost
30.09.2021, 07:53 Uhr
Auch hier wenig Plan in NDH
Zitat Bürgermeister Buchmann: "Wenn es über Nordhausen Nord zu einem Starkregen-Ereignis kommt, fließt das Wasser den Berg hinab, das ist klar. Aber ob das stärker auf der Westseite oder der Ostseite des Berges geschieht, wissen wir nicht.“
Was weiß man in Nordhausen?
Fönix
30.09.2021, 10:54 Uhr
Das Problem ist weniger ein ingenieurtechnisches
sondern vielmehr (wie so oft!) ein politisches! In den Talauen die Abflußquerschnitte und die Morphologie der Vorlandflächen mit angemessener Genauigkeit zu ermitteln ist heute genauso wenig ein Problem wie die Simulation unterschiedlich intensiver Hochwasserereignisse und die Projektion der entstehenden Wasserspiegellagen auf die jeweiligen topographischen Karten.

Wo liegen dann die Risiken?

Heutzutage werden von der Politik in Deutschland in der Regel 100-jährige Hochwasserereignisse (HQ100) als sogenanntes Bemessungshochwasser definiert, im Einzelfall wird auch mal ein HQ200 betrachtet.

Dieses Bemessungshochwasser ist dann die Grundlage für alle weiteren Maßnahmen von der Darstellung von Überschwemmungsgebieten auf den amtlichen Kartenwerken über die Meldedienste bis hin zu den Einsatzplänen der Feuerwehren und des Katastrophenschutzes.

Wenn dann wie zuletzt in der Eifel außergewöhnliche Niederschlagsereignisse ein Hochwasser auslösen, dass hinsichtlich der Abflussmengen das Niveau von HQ100 oder auch HQ200 deutlich überschreitet (nach meinen Informationen gehen die Hydrologen bei ersten Schätzungen für das aktuelle Ahrhochwasser von einer Größenordnung im Bereich HQ500 aus!), sind alle Pläne für die Katz und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, weil niemand auf eine solche Größenordnung vorbereitet ist. In engen Flusstälern mit wenigen kleinen, meist auch noch verbauten Retentionsflächen potenzieren sich dann die Schadbilder entsprechend.

Erschwerend kommt hinzu, dass heutzutage bei starkem Hochwasser wesentlich mehr Treibgut mobilisiert wird. Die schaurig-traurigen Bilder aus dem Ahrtal mit sich vor den Brücken auftürmenden Treibgutbänken (von der Bohnenstange über den Maschendrahtzaun bis hin zu Wohnanhängern war hier alles vertreten!) unterstreichen diesen Sachverhalt. Dieses Treibgut verlegt gerade in den Ortslagen die Brückendurchlässe und lässt deren Leistungsfähigkeit rapide sinken. In der Folge wirken diese Brücken dann fast wie Staudämme und der größere Teil des Wassers muss sich über und/oder neben den Brücken durch das Tal zwängen, was die Wasserspiegellagen noch einmal deutlich nach oben drückt.

Die Bemessungsgrundlage der Politik ist schlichtweg unzureichend !!!
geloescht.20250302
30.09.2021, 12:39 Uhr
Danke Fönix!
Sehr gut erklärt!

Physik muss endlich wieder Ideologie schlagen. Das würde aber bedeuten, Greta bleibt in Lönnerberga, Reemtsma und Neubauer bleiben im Tabakland, Baerbock malträtiert das Trampolin und FFF-Kids müssen freitags zur Schule.

Ich finde es moralisch abartig, fern vom "Klimawandel" menschengemachte Umweltkatastrophen (Für den Wahllampf) zu instrumentalisieren.

Und Sie, Fönix, stehen zu Ihrer Meinung! Allein was das grüne Unwesen von Seiten Sachsen-Anhalts bezüglich des Stausees Kelbra betrifft.

Respekt und Na Sdarowje ;)!
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