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Fr, 21:16 Uhr
02.07.2021
Traumapädagogik in Theorie und Praxis

Den Menschen respektieren, das Verhalten ändern

Traumata existieren auf einem Spektrum. Manch schweres Erlebnis wird besser weggesteckt, andere begleiten den Menschen ein Leben lang. Warum es gerade in der sozialen Arbeit wichtig ist, die Wirkmechanismen zu kennen, klärte man heute an der Nordhäuser Hochschule…



Denn hier wird für das kommende Semester ein eigener Studiengang zur Traumapädagogik auf Master-Niveau angeboten werden. Das Thema berühre nahezu alle Bereiche der sozialen Arbeit, erklärte Prof. Dr. Elke Gemeinhardt von der Nordhäuser Hochschule heute. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die sich in Einrichtungen wie Kinderheimen wiederfinden, schleppen schwere Belastungen mit sich und laut klinischen Studien leidet jeder zweite Obdachlose unter seelischen Belastungen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Als „Trauma“ versteht die Wissenschaft hier eine „akute Belastungsstörungen“, die verschiedene Grade der Härte aufweisen. Wer einen schweren Autounfall als Zeuge erlebt, mag das erschütternde Ereignis nach ein paar Stunden oder Tagen in der Regel wieder abschütteln. Der Verlust von Hab und Gut durch ein Feuer oder der Tod eines geliebten Menschen wären ähnliche, alltägliche Beispiele, die einen aus der Bahn werfen können, zumindest eine Zeit lang.

Wer selber Opfer wurde hat aller Wahrscheinlichkeit nach länger an den Folgen zu knabbern, auch wenn es einem rein körperlich wieder gut geht. Auch körperliche Übergriffe oder selbst ein überstandener Herzinfarkt können zu solchen posttraumatischen Belastungssyndromen (PTBS) führen. Worauf sich die angehenden Studenten aber vor allem konzentrieren werden, sind „komplexe“ Belastungsstörungen, die Folge lang anhaltender und wiederholter traumatischer Erfahrungen. Das können physische und sexuelle Übergriffe sein, lange Inhaftierung unter menschenunwürdigen Bedingungen, Flucht- und Kriegserfahrungen.

Theorie und Praxis
Das Studienangebot richtet sich vor allem an Praktiker, die bereits in Lohn und Brot stehen, also vor allem an Sozialarbeiter und das Personal entsprechender Einrichtungen. Und die nehmen die Idee der Akademiker wohlwollend auf.

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Sven Heyn ist pädagogischer Leiter im Horizont Verein und ein Mann mit viel Erfahrung. Traumatische Belastungen bedürften, gerade in seinem Arbeitsfeld, nicht nur eines therapeutischen sondern auch eines pädagogischen Ansatzes, meint der Sozialarbeiter. Rund 70% der Kinder, die er und seine Kollegen betreuen, sind von diversen traumatischen Erlebnissen gezeichnet. Unbequeme Kinder, deren Verhalten von außen nicht logisch nachzuvollziehen ist. „Für die Jugendhilfe ist das ein spezielles Thema. Man spricht da von „Systemsprengern“ aber das ist irreführend. Es sind nicht die Kinder, die das System sprengen, ihr System wurde gesprengt. Viele der Kinder mit denen wir zu tun haben wurde in eine Situation der Ohnmacht gebracht. Die haben nie eine Selbstwirksamkeit erfahren.“, erklärt Heyn. Der Welt an sich wird mit misstrauen begegnet und auch diejenigen die helfen wollen, werden als potentielle Bedrohung wahrgenommen. Es sei wichtig, dass Kind oder den Jugendlichen als Person wahrzunehmen und die nötige, fachliche Kompetenz an den Tag zu legen um das Verhalten von der Person trennen zu können. „Das ist schwer. Das braucht Professionalität“, sagt Heyn, und beschreibt seine Arbeit als „emotionalen Vollkontakt“, der schon viele gute Leute hat ausbrennen lassen. Um dagegen gewappnet zu sein und um die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen oder die eigenen „Baustellen“ mitzubringen, brauche es gut ausgebildetes Fachpersonal, das über das theoretische Rüstzeug verfügt, um Folgen und Ursachen zu verstehen, entsprechend einzuordnen und Beistand bieten zu können.

Beruf und Bildung
Das Studienangebot richtet sich klar an Fachkräfte und ist so angelegt, dass berufliche Praxis und Studium in Einklang gebracht werden können. Ersonnen wurde das System in Kooperation mit der Hochschule Gera/Eisenach und ist als eine Art hybrides Fernstudium angelegt. Das Studium müsse daher auch dann funktionieren, wenn der eigene Lebensmittelpunkt nicht in Nordhausen oder Gera liegt, erklärt Professor Joachim Henseler von der Geraer Hochschule. Man habe schon ähnliche Angebote umgesetzt und gute Erfahrungen gemacht.

Die fünf Semester werden in „Blockwochen“ absolviert, die abwechselnd an den zwei Hochschulen stattfinden. Der Rest der Zeit verbleiben die Studierenden in ihren Einrichtungen. Die Studieninhalte orientieren sich am Curriculum der deutschen Psychotraumatologie und umfassen die Kerngebiete der sozialen Arbeit, die Vorbereitung auf Leistungspositionen sowie eine Supervision in Kleingruppen nach jedem Semester.

Das hier vor allem Berufstätige und Einrichtungen angesprochen werden sollen, spiegelt auch die Preisfrage wieder: die Semestergebühren betragen jeweils 2.390 Euro. Angesetzt sind zunächst 27 offene Plätze von denen bisher wahrscheinlich acht bereits belegt sind. Der Start für das Wintersemester wird der 15.09. sein, im Sommersemester wird man am 15.03. beginnen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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