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Sa, 10:00 Uhr
09.01.2021
EIN ANGEBOT AN KAI BUCHMANN:

Herr Oberbürgermeister, wir setzen auf Dialog!

Kurt Frank kam als junger Volontär vor 60 Jahren in die Rolandstadt und hat ein Leben lang als Journalist gearbeitet. Wie kein anderer Zeitungsredakteur kann er die Entwicklung Nordhausens beurteilen. Jetzt wendet sich der Nestor des Nordhäuser Journalismus direkt an den Oberbürgermeister und unterbreitet ihm ein Angebot...

Nordhausens Oberbürgermeister Kai Buchmann (Foto: nnz-Archiv) Nordhausens Oberbürgermeister Kai Buchmann (Foto: nnz-Archiv)

Es gab da mal eine Zeit, da wollte ein Mitglied des Nordhäuser Stadtrates, der leider schon viel zu früh verstarb, dem Lokalchef einer Tageszeitung die Teilnahme an Tagungen des Stadtrates in Nordhausen verwehren und einen entsprechenden Beschluss fassen lassen. Der Journalist, so seine Begründung, berichte tendenziös und unsachlich über die Tätigkeit des Stadtrates, weshalb er von Tagungen auszuschließen sei. Kopfschütteln und mitleidvolles Lächeln waren das Ergebnis.
 
digital
Heute ist es die nnz, die bei OB Kai Buchmann und seinem Pressesprecher Lutz Fischer in Ungnade fiel. Der Stadtchef ließ auf den Rechnern der Mitarbeiter die Seite nnz-online sperren. Er unterstellt ihr eine unseriöse Berichterstattung und empfahl den Mitarbeitern zu Dienstzwecken im Rahmen des Pressegesetzes ihren städtischen PC für TA, MDR oder die städtische Homepage zu nutzen.
 
Sehr verehrter Herr Buchmann. Ich erlebte Journalismus viele Jahre lang in der DDR. Und erlebe ihn auch heute. Der Unterschied: Freiräume gab es damals nicht. Allenfalls Spielräume. Das kleine Politbüro des Landkreises, das Sekretariat der Kreisleitung der SED, das jeden Freitag tagte, saß quasi mit am Redaktions-Schreibtisch. Wir wussten die eigene Meinung und das, was aufs Papier zu bringen war, von einander zu trennen. Man kannte gewisse Parteioberen, hörte sie Parteichinesisch reden, wusste um ihre Doppelmoral, ihre Saufgelage. Mit ihnen anlegen? Lieber nicht. Trotzdem war der Beruf Journalist auch zu DDR-Zeiten begehrt. Hunderte bewarben sich für den Studiengang in Leipzig.
 
Auch Sie, Herr Buchmann, wären seinerzeit nicht frei in ihren Handlungen als Stadtchef gewesen. Die Partei mit dem 1. Kreissekretär hätte sie überwacht, ihr Schicksal besiegelt, wären sie vom Kurs abgewichen. Heute sind Sie ein frei gewählter Mann, nur dem Wohl der Stadt und sonst keinem verpflichtet. Das unterscheidet Sie von Vorgängern der Vergangenheit. Vom Volk gewählt worden zu sein, ist eine große Ehre. Das wissen Sie.
 
Hätte ich doch seinerzeit die Freiräume gehabt, die heute ein Journalist hat. Der Journalist von heute ist nur der Wahrheit verpflichtet. Den Regierenden sollte er auf die Finger schauen, sachkundig und fair berichten, Unzulänglichkeiten beim Namen nennen. Das und nur das tat die nnz, verehrter Herr Buchmann. Ein Journalist, der heute den Regierenden nach dem Munde schreibt, ob Landrat, Oberbürgermeister, Ministerpräsident oder wer auch immer, um deren Wohlwollen zu erlangen, ist ein Weichei.
 
Der Text, das Onlineportal dieser Zeitung für Ihre Mitarbeiter zu sperren, dürfte, mit Verlaub, aus der Feder Ihres Pressesprechers geflossen sein. Er ist kein Journalist, was keinen Nachteil bedeutet. Eingedenk des Pressegesetzes hätte ich Ihnen als Pressemann allerdings von einer Anzeige gegen zwei Redakteure dieser Zeitung abgeraten.  

Ohne es zu wollen, haben Sie, Herr Buchmann, als OB der Stadt Nordhausen der nnz einen Dienst erwiesen. Wir haben es der „Bild“-Zeitung nicht gesteckt, die über den Skandal informiert.

Deutschlandweit wird die nnz noch mehr Leser finden als sie ohnehin schon hat. Ihre Macher lehnen sich jetzt aber nicht wohlwollend in ihren Schreibtischstühlen zurück. Im Gegenteil. Sie suchen den Dialog, das Einvernehmen. Jahrelang hatte es mit der Rathausspitze Bestand.
 
Ich erinnere mich gern an die erfrischende und belebende Zusammenarbeit mit OB Dr. Klaus Zeh und seinem Pressesprecher, Patrick Grabe. Klaus Zeh sah bei ihm unangenehmer Kritik nicht gleich Rot. Wir fanden immer zu einem Miteinander. Mit ihm und dem  Rathaus starteten wir gemeinsame Aktionen zum Wohle der Stadt. Erinnert sei an die Initiative „Sauberes Gehege!“
 
Heute berichtet die nnz unseriös, lassen Sie, der Oberbürgermeister Kai Buchmann, wissen, auch Ihnen gegenüber. Die Frage sei erlaubt, ob Sie überhaupt diese Zeitung etwas intensiver lesen oder eventuell nur das mitnehmen, was Ihnen der Pressesprecher "flüstert"? Ich erinnere an Artikel wie „Goldener Misthaufen für die Stadt?“,  „Auch im Rathaus sitzen kluge Köpfe“ oder „Droht etwa ein Gegeneinander?“, um nur einige zu nennen. Vehement nahmen wir Sie in Schutz gegen Anfeindungen, die Sie nicht nur in dieser Zeitung haben alt aussehen lassen.
 
Auf gute Erfahrungen mit der Rathausspitze aufbauend, verehrter Herr Buchmann, wollte auch ich wie die Kollegen den Dialog weiterführen und ließ es Ihren Pressesprecher wissen. Doch wenn man nach schriftlicher Anfrage keine Antwort erhält und Tage später erst höflich nachfragen muss und Unwillen spürt, gibt das kein gutes Beispiel von Toleranz und gegenseitigem Respekt. Oder sollten Sie etwa keine Kenntnis von meinem Ansinnen über den Pressesprecher erhalten haben?
 
Sehr verehrter Oberbürgermeister Kai Buchmann, lieber Lutz Fischer,

vielleicht gefällt Ihnen nicht jedes Gesicht der nnz-Redakteure. Sie alle aber wollen den Dialog und das leidige Kapitel aus der Welt schaffen. So wage ich, der Sie persönlich nicht kennt, an dieser Stelle den Versuch zu einem Dialog im Rathaus. Ihren Pressesprecher, Lutz Fischer, haben wir gebeten – falls Sie die nnz nicht selbst lesen -  Ihnen unsere Dialogbereitschaft wissen zu lassen. Sollte daran gelegen sein, eine Mitteilung per E-Mail genügt.
 
Ein Wort in eigener Sache: Nach den enormen Zuschriften unserer Leserschaft auf den Beitrag „Ein Hauch von Nordkorea“, der sowohl Lob als auch Kritik und manche Wahrheiten enthielt, ist auch die nnz angehalten, in sich zu gehen, manches zu überdenken und es besser zu machen.
Kurt Frank
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