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Mo, 08:27 Uhr
08.08.2005

„Ich wollte immer nur tanzen“

Nordhausen (nnz). Sie ist mit 33 Jahren die jüngste Ballettdirektorin Deutschlands. Seit September 2004 leitet die Compagnie des Theaters Nordhausen und inszenierte in ihrer ersten Spielzeit mit „Generation 80ies“ und „Macht der Bilder“ zwei von Kritik und Publikum gleichermaßen mit Lob bedachte Stücke. Evelyn Lange hat die Frau für die nnz porträtiert.


Der Juli verspricht schon am Morgen einen heißen Tag. Sommer strömt durch die weit geöffneten Fenster in das kleine Büro, tauscht neue Wärme gegen abgestandene von gestern. Alltagsgeräusche wehen von der Straße herein. Töne vormittäglicher Betriebsamkeit mischen sich mit Klängen klassischer Musik aus dem Ballettsaal nebenan. Das knapp zweistündige Training ist beendet. Die Compagnie probt jetzt mit dem Gastchoreografen für die Premiere der „Coppelia“ im Oktober. Das ist lange hin. In drei Tagen beginnen erst einmal die Theaterferien.

„Ich trainiere fast täglich mit, soweit es meine anderen Aufgaben zulassen“, sagt Jutta Wörne, „oder ich nicht selbst Training gebe.“ Aber alles müsse sie nun nicht mehr mitmachen. Die grazile junge Frau schichtet Kekse auf ein Tablett und ruht sich aus. Sie zieht ein Knie zu sich heran und legt ihre Hände darauf. Nur kurz, denn Stillstand kennen diese Hände nicht: sie sprechen mit, unterstreichen, verleihen Nachdruck. Das schwarze Shirt gibt die linke Schulter frei. Man kann es auch anders tragen, ganz normal. Jutta Wörne will es so.

Generation 80ies ist in weißen Buchstaben aufgedruckt, so hieß ihr Choreografie – Debüt, die Feuertaufe am neuen Haus und überhaupt. Die Uraufführung liegt fast neun Monate zurück. Als der Schlussapplaus endlich verebbt war damals, die Anspannung von ihr abfiel, habe sie geweint. So eine Arbeit, sagt sie, sei wie ein Kind, das Arme und Beine bekommt, das man Laufen lehrt und es dann loslässt. Loslassen muss, damit es allein weitergehen kann. Die weiße Schrift auf dem Shirt verblasst. Die Erinnerung an die Tränen nicht.

Eine Assistentin steckt den Kopf ins Büro, hat eine Frage. Durch den Türspalt dringen die Kommandos des berühmten Leipziger Ballettmeisters, er springt, lacht, dirigiert die Tänzer. Sergej Bolan ist Russe, seine Anweisungen klingen deutsch, französisch, englisch. Meist hintereinander, manchmal auch alles zusammen. Das ist so bei einer internationalen Truppe. Schwierig wird es bei Künstlern, mit denen Jutta Wörne über eine gemeinsame Fremdsprache arbeitet. Es komme da schon zu Irritationen und Verständigungsproblemen. Aber sie habe einen langen Atem und irgendwie komme sie immer zurecht.

Stets positiv zu sein, hält Jutta Wörne für eine ihrer stärksten Charaktereigenschaften. Sie sagt häufig ‚sehr‘, am liebsten mehrmals hintereinander: „Ich bin sehr, sehr, sehr positiv. Selbst Misserfolge bewerte ich so“. Ach ja, eine gewisse Offenheit habe sie auch. Ihre kerzengerade Haltung, der Blick aus den dunkelbraunen Augen und das von der blonden Kurzhaarfrisur gerahmte Gesicht zementieren diesen Satz. Auch Willenskraft und Disziplin gehören zu ihr und das Streben nach Perfektion. „Ich wünsche mir, dass ich manchmal geduldiger wäre – auch mit mir selbst“, sagt die junge Choreografin, die gerade lernt, dass gewisse Dinge Zeit brauchen im Leben. Eines stört sie ungemein: „Wenn mir jemand keine Antwort gibt, das ist schlimm für mich.“ Mit einem „Nein“ könne sie leben. Ausdauer? Natürlich, die gehöre auch dazu. Haben wir nun alles? Die dunklen Augen stimmen in ihr fröhliches Lachen ein.

Ein Gemisch aus Ausdauer und Zielstrebigkeit, das ist der Kraftstoff für Jutta Wörnes Motor. Schließlich wurde aus dem kleinen badischen Tanzmariechen auf schnurgeradem Weg eine Ballett – Tänzerin. Und Tanzpädagogin, denn man weiß ja nicht. Warm und liebevoll klingt ihre Stimme, wenn sie von der Kindheit spricht. „Ich wollte Tänzerin werden. Es war einfach da in mir. Ich wurde in nichts reingedrückt, ich habe mich selbst entschieden. Ich wollte immer nur tanzen, tanzen“. Die Klugheit und Güte der Eltern begleiten sie noch immer. Oft sieht man sich leider nicht, Jutta Wörne lebt jetzt in Nordhausen, ihr Mann in Mannheim. Zeit und Gelegenheiten sind Mangelware, ausgepreist in Kilometern.

Doch sollte sie die Chance vertun zu dem Schritt aus der Compagnie heraus vor die Compagnie? Das ewige Tänzerleben gibt es nicht und was kommt dann? Gut sieben Jahre Bühnentanz, soviel sei das nicht gewesen. Er vertraue ihr, sagte im Herbst 2003 Intendant Lars Tietje, für den das Theater Nordhausen ebenso neu war wie für seine zukünftige Ballettdirektorin das Choreografieren. Sie könne das, meinte er. „Also habe ich zugesagt und den Schritt nicht bereut“, das klingt unspektakulär. Dieses Vertrauen habe sie getragen und sie gibt es weiter an ihre Leute. Das sei ganz, ganz wichtig. Auch dem Freund und Kollegen Bolan vertraue sie.

Im Ballettsaal nebenan dröhnt noch immer Leo Delibes‘ „Coppelia“, die Tänzer mühen sich und schwitzen. Die Passagen sitzen noch nicht perfekt. Sie habe den Ballettmeister aus Leipzig geholt, weil er ein Spezialist für klassisches Ballett sei und sie könne gar nicht alle Stücke choreographieren. Außerdem gebe das neue Impulse, für sie und auch die Tänzer. Die üben und üben immer wieder dieselben Schritte, Gesten, Mienen. Jutta Wörne muss schnell in die Verwaltung, nur kurz etwas regeln: “Ich bin gleich wieder da“.

Natürlich geht es jetzt einmal ohne sie weiter, natürlich möchte sie gern eine größere Compagnie und natürlich möchte sie etwas Bleibendes schaffen. Und Gäste, die extra wegen ihrer Truppe kommen – das wäre schön. Sie sei erst ein Jahr hier, das müsse wachsen. In den nächsten Spielzeiten möchte sie noch viel bewegen, sagt die junge Frau. Sie kann gar nicht anders. Weil Bewegung nun einmal ihr Leben ist.
Evelyn Lange
Autor: nnz

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