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Do, 07:23 Uhr
14.07.2005

Die Nachtigall im Tresor

Nordhausen (nnz). Ein kleiner grauer Vogel, dessen Gesang das Innerste des Menschen anrührt, „Die Nachtigall“, ist Hauptfigur eines weltbekannten Märchens des Hans Christian Andersen. Was dieser Vogel mit einem Tresor zu tun hat, diese Frage will Heidelore Kneffel für die Leser der nnz beantworten.


In Nordhausen ist es bis zum 30. September möglich, sich durch die Zeichenkunst Eva Grohs auf den Weg zu Andersen und anderen Märchenerzählern zu begeben. Im Zentrum, in der Stadtinformation, und dort in der zweietagigen „Galerie im Tresor“ stellt die durch ihre Illustrationen bekannt gewordene Künstlerin ihre Sicht auf diese besondere Kunst des Fabulierens vor.

Am 2. April 1805 begann im dänischen Odense das Leben des Mannes, dessen Name sich eng und dauerhaft mit der Dichtkunst des Märchens verbindet, Hans Christian Andersen. In Deutschland, wo er sich häufig aufhielt - übrigens auch im Harz -, wird er in einem Atemzug mit den Gebrüdern Grimm, mit Bechstein, mit Hauff genannt, wobei bei ihm im Geschriebenen intensive Momente der Melancholie mitschwingen. In diesem Jahr, also 200 Jahre nach seiner Geburt, war und ist er in den Schlagzeilen, aber, was wichtiger ist, man liest ihn.

Eva Groh, Jahrgang 1923, widmet ihre Ausstellung mit dem Plakat, das eine ihrer szenischen Darstellungen der „Nachtigall“ zeigt, diesem Dichter. In Leipzig geboren, begann sie 1942 ihr Kunststudium in dieser Stadt des Buches an der dortigen Akademie für graphische Künste. Intensives Naturstudium und eine umfassende Ausbildung in den druckgrafischen Techniken zeichneten das Studium aus. Sie wird sich dann, ermutigt durch solche großen Zeichenkünstler wie Prof. Hans Theo Richter und Prof. Max Schwimmer, besonders der Illustration widmen. Eine Erkenntnis des Grafikers Wolfgang Würfel über das Illustrieren ist dabei für Eva Groh eine wichtige Maxime: „So ein Illustrator ist ein ganzes Theater. Er spielt alle Rollen von der jugendlichen Naiven bis zum zittrigen Greis ... Ein Illustrator muß außerdem die ganze Geschichte seit Adam und Eva kennen ... Er weiß alles oder zumindest, wo es steht.“

Die freischaffende Grafikerin geht mit ihrem Mann Günther Groh zuerst nach Greifswald, dann nach Nordhausen. Ihre geistige Mitte fand und findet sie in der Natur und in der Kunst. Eva Groh fällt es leicht, aus der Vorstellung zu zeichnen, sie bedarf nicht der ständigen Anschauung. Ihr, der das Leise und Tiefgründige in der Literatur gefällt, sind deshalb Märchen ein unerschöpfliches Reservoire. Dass sie sich bei Hans Christian Andersen „Die Nachtigall“ und „Des Kaisers neue Kleider“ zum Illustrieren aussuchte, kommt nicht von ungefähr.

„Die Nachtigall“, die der Ausstellung in Nordhausen den Titel gab, spielt in China. So ist es für Eva Groh selbstverständlich, dass sie in ihren Blättern dieses traditionsreiche Land mit seiner reichhaltigen Kultur und Geschichte auferstehen lässt. Der Kaiser von China, von erstarrten Ritualen umgeben, erfährt aus Büchern, die in fernen Ländern erschienen waren, dass es in seinem Park „im Wald bei dem tiefen See“ einen Vogel gäbe, von dessen Gesang alle Schönheiten des Schlosses übertroffen würden. Endlich wird dieser kleine graue unscheinbare Geselle vor den Kaiser gebracht, den er mit seinem Gesang zu Tränen rührt. Es schlägt also ein fühlendes Herz in dessen Brust! Das rührt wiederum die Nachtigall, die am Hofe bleibt, einen goldenen Käfig bekommt und ein Seidenband an den Fuß. Mit ihrer Freiheit war es also vorbei. Da wurde dem Kaiser eine künstliche Singmaschine geschenkt, aus der eine schöne, aber sich ständig wiederholende Melodie erklang. Man war vor Überraschungen sicher, man wusste, was kam. Die echte Nachtigall konnte entkommen. Per Order wurde sie deshalb des Reiches verwiesen.

Aber, die künstliche Nachtigall versagte den Dienst. Eine Reparatur war nur notdürftig möglich. Der Kaiser erkrankte, der Tod trat an sein Bett und bedrängte ihn mit Szenen aus seinem Herrscherleben. Da sang plötzlich vom Fenster her die lebendige Nachtigall, das wirkliche Leben drang zu ihm. Der Kaiser gesundete und die Sängerin war frei, immer dann zu ihm zu kommen, wenn sie es wollte, um ihm vom echten Dasein zu singen. In 30 graphischen Blättern, viele von ihnen behutsam coloriert, zeigt Eva Groh, was die Märchen in ihr an Bildern freisetzten. Angeregt, Märchen doch wieder einmal zum Lesen in die Hand zu nehmen, verlässt man die „Galerie im Tresor“.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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