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Mo, 07:37 Uhr
04.07.2005

nnz-Betrachtung: Eine schöne Welt

Nordhausen (nnz). Eine Linkspartei macht von sich reden, in Sachsen sitzt die NPD fest im Landtag, in Nordhausen stehen immer mehr Menschen an der „Tafel“ an und am Genfer See wird ein Haus gebaut. Wie passt das alles in die eine Welt, in der wir zusammen leben (müssen)? Eine Antwort gibt es mit dem bekannten Klick auf MEHR nicht.


86 von 210 Lesern der nnz (41 Prozent), die sich an der abgelaufenen Umfrage der nnz beteiligt haben könnten sich vorstellen, das Linksbündnis aus PDS und WASG zu wählen. Das war, mit Verlaub gesagt, für mich ein Schock. Zugegeben – ich habe mich erholt, doch beim genaueren Nachdenken verschwanden die Zweifel einer Beeinflussung. War es vielleicht wirklich Frust, der die Leute genau dorthin klicken lässt? Ein Beispiel für den Zustand in einem Teil unseres Gemeinwesens:

Manuela U. (Name geändert) ist 56. Bis vor vier Jahren hatte die Nordhäuserin einen Job, der brachte zwar nicht viel Geld, doch es reichte zum Leben. Seit Januar ist die Frau nicht mehr Kundin der Arbeitsagentur, sondern der ARGE, sie bekommt Hartz IV. Jetzt reicht das, was ihr der Staat nach 40 Arbeitsjahren und der Erziehung von zwei Kindern zugesteht, gerade zum Überleben. Manuela U. ist seit März auch „Kundin“ der Tafel. Sie schämt sich, doch sie braucht diesen „Service“ für „Bedürftige“. Die Frau hat ihr Leben lang gearbeitet, sie war fleißig, selbst ihr letzter Arbeitgeber attestierte ihr das, doch der hatte keine Arbeit mehr für die damals 52jährige. Niemand hatte mehr Arbeit. Der Markt ist nicht gemacht für Frauen in diesem Alter.

In den ersten sechs Monaten ihrer Hartz-IV-Frist hat Manuela U. viel an Selbstwertgefühl verloren, sie geht nicht mehr so viel unter die Menschen, sie meidet selbst die einst so geliebte Kaffeerunde. Die anderen Frauen haben dort noch einen Job oder sind in Rente. Der Job der Bekannten reicht mit 400 Euro am Monatsende zwar auch nicht zum Leben, doch man hat Arbeit und einen Mann, man ist „dabei“.

Dabei, das ist die Gemeinschaft, die Gesellschaft. Doch die Gesellschaft hat sich verändert, sie ist kälter geworden. Sie und ihre Lenker in der Politik schaffen es nicht mehr, den Menschen ein lebenswertes Miteinander zu garantieren. Wie anders ist es zu erklären, dass Menschen, die acht, neun oder zehn Stunden am Tag arbeiten, am Ende nur 600 Euro in ihren Taschen haben? Sie leisten Volles und es wird ihnen nicht voll entlohnt. Es reicht für viele nur noch zum Überleben, nicht zum Leben.

Für diese Menschen hat die Politik versagt, der Kanzler der Bosse hat sich von der großen Bühne verabschiedet, durch einen Seitengang. Viele wollen eine andere Politik, wohlwissend, dass es die andere Volkspartei und ihre Mitläufer auch nicht besser können – für die Menschen. Doch Schröder samt Koalition muss abgestraft werden, so ist das in Deutschland. Konzentrierten sich die „Etablierten“ bei der Suche nach dem politischen Gegner bislang nur auf sich oder den rechten Rand des Parteienspektrums, so geht der Blick seit einem Monat nach links. Erst kürzlich fiel in einem Presseclub der ARD das Wort „Linkspartei“ öfter als SPD und CDU zusammen. Schlaue Leute hatten mitgezählt.

Doch was hat das alles mit dem Haus am Genfer See zu tun, werden Sie sich jetzt fragen. Dort läßt ein gewisser Herr M. Schumacher sich gerade ein Haus bauen. Das berichtet am Wochenende die große bunte Zeitung, die schon mal dem abgedankten Bundeskanzler namens Schröder vorgeschrieben hatte, dass er in Italien keinen Urlaub machen dürfe. Die Zeitung schreibt auch, dass das neue Anwesen des Rundenfahrers schlappe 24 Millionen Euro kosten wird. Vielleicht mag Herr M. Schumacher ein solches Häuschen verdient haben, schließlich wirken in den Kurven eines Rundkurses gigantische Fliehkräfte und ab und zu hat er ja auch Probleme mit den Reifen seines Autos. Es bleibt aber die Frage, warum ein Mensch in Nordhausen, der jeden Tag seine Kraft an seinem Arbeitsplatz gibt, der zehn bis zwölf Stunden auf dem Bau sich schindet, der jeden Tag Verpackungen herstellen muß und nur mit einem kollektiven Klingelzeichen aufs Klo gehen darf, sich solch ein Haus nicht leisten kann?

Von Manuela U. ganz zu schweigen. Sie wäre schon froh, wenn sie so viel Geld hätte wie vielleicht einer der Wasserhähne im Hause des Herrn M. Schumacher kosten wird. Sie will das Geld ja nicht geschenkt, denn glücklich wäre sie vor allem, wenn sie wieder arbeiten dürfte, wenn sie wieder Mensch sein könnte.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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