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Sa, 18:30 Uhr
06.06.2020
Hilfe für Suchtkranke und Angehörige

In der Co-Abhängigkeit

Sind die Grenzen dicht, kommt der gewohnte Warenfluss schnell ins stocken. Das gilt auch für Drogen. An sich eine gute Sache, möchte man meinen. Für Suchtkranke kann der Wegfall der „Versorgung“ einer Katastrophe gleichkommen. Mit dem Leiter der Nordhäuser Suchthilfe hat sich die nnz über die Corona-Zeit, die allgemeinen Trends und über die „Co-Abhängigkeit“ von Angehörigen unterhalten…

Der Leiter des Diakonie-Suchthilfezentrums in Nordhausen, Dirk Rzepus (Foto: agl) Der Leiter des Diakonie-Suchthilfezentrums in Nordhausen, Dirk Rzepus (Foto: agl)

Gut zwei Monate konnte man am Schackenhof nur eingeschränkt arbeiten. Von Mitte März bis Mitte Mai war der Anlauf- und Ankerpunkt für die 16 Menschen, die sich aktuell in der Tagesbetreuung befinden, nicht zu erreichen. Man behalf sich mit regelmäßigen Telefonaten und „Hausbesuchen“ unter freiem Himmel, um den Kontakt nicht zu verlieren, erzählt Dirk Rzepus, Leiter der Suchthilfe. „Das hat uns noch einmal bewusst gemacht, wie wichtig Gemeinschaft in der Suchthilfe ist und welche Bedeutung tagesstrukturierende Maßnahmen haben, die in der Politik wegen ihrer Kosten immer mal wieder kritisch gesehen werden. Die Leute brauchen die gemeinsame Zeit um sich zu stabilisieren“.

Sechs Monate dauert ein Aufenthalt in der Tagesbetreuung mindestens, mancher kommt aber auch mehrere Jahre. Mit den Corona-Maßnahmen fiel dieser Anker weg. Und das Fußeisen, das man eigentlich loswerden will, die Sucht, brachte unter dem Primat des Virus für die Betroffenen weitere Härten mit sich. Durch die geschlossenen Grenzen sank nicht nur das „Angebot“, sondern auch die Qualität. Bei gestiegenen Preisen, versteht sich. Allgemein mag man die Entwicklung für Begrüßenswert halten, in der Suchthilfe wird sie eher problematisch betrachtet. In Nordhausen sei man vergleichsweise gut durch die Zeit der Schließung gekommen und hatte nur wenige Rückfälle zu verzeichnen, die man wieder „einfangen“ konnte, berichtet Rzepus. Kollegen aus größeren Städten haben ihm aber von gravierenderen Problemen berichtet.

„Deutliche Schwierigkeit hatten wir bei der Einweisung in Kliniken zur Entgiftung. Manche haben gar nicht mehr aufgenommen, andere nur mit langen Verzögerungen oder unter bestimmten Vorbedingungen. In der Regel dauert es rund eine Woche, einen Platz zu organisieren, zuletzt mussten wir sechs bis acht Wochen warten.“, berichtet der Leiter des Suchthilfezentrums. Zum Bild der Suchterkrankung gehört oft auch schwankende Motivation. Hat sich ein Abhängiger für einen Schritt in die richtige Richtung entschieden, heißt es schnell, oder doch zumindest in absehbaren Zeiträumen handeln. Im „Lockdown“ war das kaum möglich. Zwei Klienten der Nordhäuser Suchthilfe warten bis heute auf ihre Plätze.


Alkohol weiter Suchtmittel Nummer Eins

Auf die Probleme, Herausforderungen und Entwicklungen geht die Suchthilfe einmal im Jahr ein, wenn zum, stets gut besuchten, Öffentlichkeitstag geladen wird. Der findet traditionell im April statt und fiel damit in diesem Jahr den Umständen zum Opfer.

Die statistische Auswertung der vergangenen Monaten ist damit freilich nicht obsolet:
  • Insgesamt 674 Klientinnen und Klienten nutzten das Hilfsangebot am Schackenhof im Jahr 2019, rund 20 Personen mehr als im Vorjahr
  • Als häufigste Hauptdiagnose hält sich Alkoholmissbrauch (305), gefolgt von Stimulantienabhängigkeit (163) und Cannabis (71)
  • Eine klare gesellschaftliche oder ökonomische Trennlinie gibt es nicht, rund ein Drittel der Klienten waren Berufstätig (234), ein weiteres Drittel befand sich im ALG II Bezug (215). Im Betrachtungszeitraum seit 2008 liegt die Zahl der Klienten im ALG II Bezug damit zum ersten mal niedriger als die der Berufstätigen
  • 264 Klienten befanden sich zum Zeitpunkt der Erhebung noch in der Beratung, 221 folgten dem weiteren Behandlungsplan, 146 Klienten brachen die Beratung vorzeitig ab

Bei der Angabe der Hauptdiagnosen begibt Suchberater Rzepus zu bedenken, dass es die singuläre Sucht heute kaum noch gibt, sondern hier lediglich das dringlichste Problem identifiziert wird. In der Regel hat man es mit „Mischkonsum“ zu tun. Die Betroffenen berauschen sich nicht allein an einer Droge, sondern konsumieren zusätzlich auch andere illegale Stoffe und/oder Alkohol.

Der Konsum von Amphetaminen und Methamphetaminen wie „Chrystal Meth“, nimmt weiterhin zu. Die Fälle, die es bis in die Suchthilfe schaffen, steigen seit einem Jahrzehnt rasant an, von 34 im Jahr 2008 auf 318 im Jahr 2018. Rzepus ist aber vorsichtig optimistisch, dass sich die Lage jetzt stabilisieren könnte. Mit 322 Fällen im Jahr 2019 fiel der Anstieg weit weniger rasant aus als zuletzt.

Klassisch Co-Abhängig


Hinter den Zahlen verbirgt sich eine Vielzahl an persönlichen Schicksalen. 83 der 674 „Klienten“ sind Angehörige - Väter und Mütter, Ehepartner und Anverwandte, die Hilfe suchen. „Das sind immer hochemotionale Geschichten die nur sehr schwer zu handhaben sind. Häufig stützen Angehörige das Verhalten der Suchtkranken und tragen so ungewollt zur Stabilisierung der Sucht bei. So eine „Co-Abhängigkeit“ kann oft hartnäckiger als die eigentliche Sucht sein und ein großes Problem“. Die Mutter die dem Sohn das Bier nach Hause bringt, weil sie dann wenigstens weiß, das der nicht harten Schnapps trinkt. Der Ehepartner, der die Alkoholverstecke im gemeinsamen Haus kennt, aber ignoriert. Die Eltern, die sich Sorgen das ihr suchtkrankes Kind in die Kriminalität abgleitet, wenn sie ihm oder ihr die Unterstützung entziehen. Angehörige, die Schulden übernehmen oder sich um den Alltag der Betroffenen kümmern, Termine machen, Bewerbungen schreiben - was als Zeichen der Unterstützung und Zuneigung gedacht ist, trage meist eher dazu bei, das sich die Sucht verlängert und festigt. „Probleme sind ein Regulierungsfaktor. Ein Umdenken setzt bei Suchtkranken oft erst dann ein, wenn der Leidensdruck zu hoch wird.“, sagt Rzepus, wird der Leidensdruck durch Angehörige gemildert oder ganz aufgehoben, gibt es keinen Grund zur Verhaltensänderung.

„Oft sind das jahrelange Geschichten, gerade bei Alkoholmissbrauch, aber auch Drogenabhängigkeit, die häufig erst dann enden, wenn der „Co-Abhängige“ Teil emotional, nervlich oder finanziell nicht mehr länger kann“, erzählt Rzepus. „Der harte Bruch, der Entzug von Unterstützung für einen geliebten Menschen, fällt vielen schwer, insbesondere Eltern. Meiner Erfahrung nach muss es aber irgendwann eskalieren. Wenn man den Betroffenen deutlich macht, dass man ihren Lebenswandel nicht länger unterstützt, aber weiter Liebe und Zuneigung kommuniziert, dann dringt das irgendwann auch durch.“ Ein Erfolg sei auf dem harten Weg nicht garantiert und trage viele Risiken, letztlich aber wahrscheinlicher als dass sich das Suchtproblem von alleine löst.

Wer selber Hilfe braucht, sei es für sich selbst oder für Angehörige, der findet das Suchthilfezentrum der Diakonie am Schackenhof 2 in Nordhausen, im Netz unter https://www.diakonie-nordhausen.de/suchtberatung.html oder per Telefon unter 03631 4671-61.
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Kommentare

06.06.2020, 19.33 Uhr
habauchwaszusagen | Zu billig !!!!!
Leider ist der Alkohol viel zu billig. Beim Rauchen wird draufgehauen, die Glimmstängel werden immer teuerer. Werbeverbote werden erlassen.
Aber der Alkohol....der bleibt spottbillig. Es wird geworben was das Zeug hält. Da wird auch seitens der Politik weggeschaut. Ist ja eine sprudelnde Einnahmequelle.
Da sollte endlich mal eine härterer Gangart gewählt werden. Skandinavien macht es vor. Und es ist sehr gut.

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06.06.2020, 20.59 Uhr
Wolfi65 | Das tut mir aber unendlich leid
Dass dieser Dreck seit Corona nicht mehr so flüssig ins Land kommt.
Aber die Grenzen zu Tschechien sind ja wieder offen.
Da können die Junkies wieder hoffen.

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06.06.2020, 21.24 Uhr
tannhäuser | Dann hat wohl Deutschland...
...das flüssige Gift gebunkert und es gab ebenso wie beim Klopapier niemals einen Mangel.

Im Getränkemarkt, in dem ich einkaufe, waren alle tschechischen und polnischen Biersorten jederzeit vorrätig.

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07.06.2020, 08.10 Uhr
otto
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema des Beitrags
07.06.2020, 08.36 Uhr
Wolfi65 | Nochmal zur Klarstellung
Ich meine hier nicht den Alkohol.
Ich meine hiermit den Schnee, auf dem viele und nicht alle talwärts fahren.

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07.06.2020, 15.01 Uhr
tannhäuser | Lieber Wolfi!
Es war mir völlig klar, dass Sie das Crystal Meth aus Tschechien meinen.

Aber glauben Sie ernsthaft, dieser Engelmacher hat in Corona-Zeiten an der Grünen Grenze halt gemacht und die Schmuggler haben vorher den Todesdreck immer brav mit dem Risiko Kontrolle offiziell über die offenen europäischen Wege eingeschleppt?

Oder und Neisse sind natürliche Hindernisse und Großdealer bleiben lieber im Trockenen. Deshalb läuft dieser Abschaumschmuggel via die Wälder zwischen Sachsen und Tschechien.

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07.06.2020, 18.14 Uhr
Wolfi65 | Das sind die Ergebnisse des Schengen Abkommen
Offene Grenzen und ein paar Strassensperren werden die Dealer nicht abhalten.
Ist schon klar.
Aber Einschränkungen in der Lieferkette wird es allemal gegeben haben.
Da ist man bei Nacht und Nebel mit dem Rucksack über die grüne Grenze.
Der zusätzliche Aufwand tut mir natürlich unwahrscheinlich Leid.
Bei Beschlagnahme gar nicht erst in die Asservatenkammer.
Gleich auf dem Hof mit Benzin übergießen und anstecken den Dreck.

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