Sa, 13:00 Uhr
06.06.2020
Bemerkt
Narrenhände beschmieren...
Wieder einmal war ein selbsternanntes Polit-Kunst-Projekt in Nordhausen unterwegs. Und wieder einmal traf es eine Partei, die, demokratisch gewählt, in nahezu allen Parlamenten und kommunalen Gremien Mandate hat...
Narrenhände beschmieren Tisch und Wände (Foto: privat)
Narrenhände beschmieren Tisch und Wände - mit diesem Spruch lehrte mich meine Großmutter, dass ich nicht mit Kreide einfach so mal Häuswände bekritzeln kann.
Meine Großmutter war eine schlaue Frau, hatte zwar keinen irgendwelchen Magister in ihrer Tasche, wohl aber eine dicke Portion Lebenserfahrung. Und sie hatte Anstand. Sie scheute nicht den Konflikt mit ihrem Enkel oder mit Nachbarn, wenn es darum ging, Positionen durchzusetzen. Sie setzte dabei ausschließlich auf Kommunikation, wie man das heute so schön nennt.
Auch in der politischen Auseinandersetzung sollte Kommunikation eine wichtige Rolle spielen. Spielt sie aber schon längst nicht mehr, sie ist nahezu verloren gegangen im Keifern und Simplifizieren. So seit letzter Nacht zu lesen am Büro der Nordhäuser AfD. Alle AfD-ler sind Nazischweine. Peng, das sitzt immer, da muss nicht diskutiert werden.
Wie wäre es denn mit der Gleichsetzung von Mitgliedern der LINKE mit der Antifa? Ich kenne viele Linke, die sich von den Gedankengängen der Antifa distanzieren. Die durchaus auch dieses Land als ihre Heimat betrachten, die stolz auf Deutschland sind, trotzdem aber die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen", also das permanente Streben nach maximalen Profiten, nicht als das Nonplusultra der menschlichen Entwicklung sehen.
Die aber genauso - wie alle AfD-ler nun mal Nazis und Faschisten sein sollen - auch in diesen Topf der Antifa geworfen werden können, in dem zum Beispiel zu finden ist: Es geht uns mit körperlichen Angriffen darum, das öffentliche Auftreten der Faschisten soweit wie möglich zu unterbinden. Wir treiben den gesundheitlichen, organisatorischen und materiellen Preis dafür in die Höhe. Sie sollen mit Schmerzen, Stress und Sachschaden rechnen und dadurch möglichst isoliert, gehemmt, desorganisiert und abgeschreckt werden.... Dieser Wirkungsgrad politischer Gewalt erfordert keine gezielten schweren/tödlichen Verletzungen, hat sich in der Vergangenheit immer wieder als wirkungsvoll erwiesen.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: auch im rechtsradikalen Spektrum finden sich derartige "Anleitungen zum Kampf" gegen den Gegner auf der anderen extremistischen Seite der Palette ideologischer Verirrungen. Wohin das führen wird? Ich weiß es nicht, ahne es jedoch und denke an meine Großmutter zurück. Die wurde 1902 geboren, verlor im ersten Weltkrieg ihren älteren Bruder und im zweiten Weltkrieg ihren Sohn. Als Großmutter achtete sie vielleicht deshalb peinlich genau auf meine kindlichen Verfehlungen. Sie war sozusagen mein erzieherisches Korrektiv. Das fehlt heute, es gibt nur noch Gut und Böse.
Ja, auch Büros der LINKE sind in Nordhausen schon mehrfach beschädigt worden. Dahinter steckt der nahezu gleiche Kleingeist und die gleiche ideologische Borniertheit - nur eben mit anderen Vorzeichen.
Mitunter bin ich sprachlos und dann fällt mir bei diesen Gelegenheiten ein wirklich guter Songtext der DDR-Band "Karussell" ein. Da heißt es in "Entweder oder":
Als ich noch in meinen Träumen lag,
War'n die Bilder schwarz und weiß,
Und im Winter wollt' ich heißen Tee,
Und im Sommer wollt' ich Eis.
Also schien für mich die Welt geritzt
Und das Leben einfach klar.
Sag', was hat mir diese Welt verpfitzt,
Als ich dann erwachsen war?
Peter-Stefan Greiner
Autor: psg
Narrenhände beschmieren Tisch und Wände (Foto: privat)
Narrenhände beschmieren Tisch und Wände - mit diesem Spruch lehrte mich meine Großmutter, dass ich nicht mit Kreide einfach so mal Häuswände bekritzeln kann.
Meine Großmutter war eine schlaue Frau, hatte zwar keinen irgendwelchen Magister in ihrer Tasche, wohl aber eine dicke Portion Lebenserfahrung. Und sie hatte Anstand. Sie scheute nicht den Konflikt mit ihrem Enkel oder mit Nachbarn, wenn es darum ging, Positionen durchzusetzen. Sie setzte dabei ausschließlich auf Kommunikation, wie man das heute so schön nennt.
Auch in der politischen Auseinandersetzung sollte Kommunikation eine wichtige Rolle spielen. Spielt sie aber schon längst nicht mehr, sie ist nahezu verloren gegangen im Keifern und Simplifizieren. So seit letzter Nacht zu lesen am Büro der Nordhäuser AfD. Alle AfD-ler sind Nazischweine. Peng, das sitzt immer, da muss nicht diskutiert werden.
Wie wäre es denn mit der Gleichsetzung von Mitgliedern der LINKE mit der Antifa? Ich kenne viele Linke, die sich von den Gedankengängen der Antifa distanzieren. Die durchaus auch dieses Land als ihre Heimat betrachten, die stolz auf Deutschland sind, trotzdem aber die "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen", also das permanente Streben nach maximalen Profiten, nicht als das Nonplusultra der menschlichen Entwicklung sehen.
Die aber genauso - wie alle AfD-ler nun mal Nazis und Faschisten sein sollen - auch in diesen Topf der Antifa geworfen werden können, in dem zum Beispiel zu finden ist: Es geht uns mit körperlichen Angriffen darum, das öffentliche Auftreten der Faschisten soweit wie möglich zu unterbinden. Wir treiben den gesundheitlichen, organisatorischen und materiellen Preis dafür in die Höhe. Sie sollen mit Schmerzen, Stress und Sachschaden rechnen und dadurch möglichst isoliert, gehemmt, desorganisiert und abgeschreckt werden.... Dieser Wirkungsgrad politischer Gewalt erfordert keine gezielten schweren/tödlichen Verletzungen, hat sich in der Vergangenheit immer wieder als wirkungsvoll erwiesen.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: auch im rechtsradikalen Spektrum finden sich derartige "Anleitungen zum Kampf" gegen den Gegner auf der anderen extremistischen Seite der Palette ideologischer Verirrungen. Wohin das führen wird? Ich weiß es nicht, ahne es jedoch und denke an meine Großmutter zurück. Die wurde 1902 geboren, verlor im ersten Weltkrieg ihren älteren Bruder und im zweiten Weltkrieg ihren Sohn. Als Großmutter achtete sie vielleicht deshalb peinlich genau auf meine kindlichen Verfehlungen. Sie war sozusagen mein erzieherisches Korrektiv. Das fehlt heute, es gibt nur noch Gut und Böse.
Ja, auch Büros der LINKE sind in Nordhausen schon mehrfach beschädigt worden. Dahinter steckt der nahezu gleiche Kleingeist und die gleiche ideologische Borniertheit - nur eben mit anderen Vorzeichen.
Mitunter bin ich sprachlos und dann fällt mir bei diesen Gelegenheiten ein wirklich guter Songtext der DDR-Band "Karussell" ein. Da heißt es in "Entweder oder":
Als ich noch in meinen Träumen lag,
War'n die Bilder schwarz und weiß,
Und im Winter wollt' ich heißen Tee,
Und im Sommer wollt' ich Eis.
Also schien für mich die Welt geritzt
Und das Leben einfach klar.
Sag', was hat mir diese Welt verpfitzt,
Als ich dann erwachsen war?
Peter-Stefan Greiner

