Mo, 15:10 Uhr
18.05.2020
Eine Prise Kultur in Corona-Zeiten
Unter Balkonen
Die Einschränkungen, die das Leben der letzten Wochen bestimmt haben, fallen langsam, nicht für alle und nicht überall gleichzeitig. Für viele spielt sich das Leben auf absehbare Zeit in den eigenen vier Wänden ab. In Nordhausen will eine kleine Gruppe Künstler jetzt ein wenig Abwechslung und Kultur in den Corona-Alltag bringen…
Unter Balkonen - die Caritas, der Zirkus Zappelini und das junge Theater bringen ein wenig Kultur auf die Hinterhöfe (Foto: agl)
Grau und trist zeigte sich der Himmel über Nordhausen am vergangenen Donnerstag, eine passende Metapher für den Alltag der letzten Wochen und Monate. Keine Schule, kein Theater, kein Konzert, kein Kino, nicht einmal ein bisschen toben auf dem Spielplatz - unter Kontaktbeschränkungen und Lockdown mag mancher das Gefühl gehabt haben, dass die Tage zu einem grauen Einheitsbrei ohne Konturen verschwimmen.
Eine kleine Allianz aus Kulturschaffenden und Sozialarbeitern will dem jetzt mit einem Spritzer Farbe begegnen und kleine Kunstaktionen auf die Hinterhöfe der großen Wohnblocksiedlungen der Stadt bringen. Unter Balkonen heißt die Aktion, die von der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt der Caritas erdacht wurde.
In der Domstraße macht man sich berechtigte Sorgen um den familiären Frieden hinter den Fassaden. Als Ansprechpartner war man zwar auch während der Krise verfügbar, der persönliche Kontakt, den man in der sozialen Arbeit pflegt, blieb unter den Abstandsregelungen und Kontaktverboten aber auf der Strecke. Wir haben nach einem Weg gesucht, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben, ihnen eine kleine Freude zu machen und ihnen zu zeigen Ihr seid nicht allein, sagt Steffi Mayer, Leiterin der Interventionsstelle. Die Idee: mit ein paar kleinen Kunstaktionen für etwas Abwechslung im Alltag sorgen. Insbesondere den Kindern wollte man eine Freude machen und über den Nachwuchs auch die Eltern erreichen.
Mit dem Zirkus Zappelini und dem jungen Theater fanden sich schnell nicht nur zwei Institutionen die das nötige Know-How mitbringen, sondern auch begeisterte Mitstreiter, die gerne die Chance beim Schopfe packten, wieder vor Publikum spielen zu können. Letzteres fand sich in der vergangenen Woche auf Balkonen und hinter Fensterscheiben in Salza. Steffi Böttcher vom Zirkus Zappelini hatte die nötigen Requisiten mitgebracht: große Tücher, Jonglage-Keulen, bunte Bälle, ein kleines, maskiertes Maskottchen und treibende, musikalische Untermalung - alles Dinge, die man auch aus der Ferne sehen und hören kann.
In der Ausführung erinnerte die Aktion ein wenig an Flashmobs, Guerilla-Kleinkunst, die schnell und ohne große Ankündigung im öffentlichen Raum durchgezogen wird. Vorfahren, zehn Minuten aufbauen, zehn Minuten Show, dann ist der Zauber auch schon wieder vorüber. Wir wollen keine großen Veranstaltungen machen, die Leute sollen nicht zusammenströmen sondern das Programm von dort erleben können, wo sie sind, erklärt Mayer. Zur Ausstattung gehören deswegen neben Ball, Keule und Musik auch große, selbstgebastelte und zum Teil mehrsprachig beschriftete Schilder. Die Aktion ist letztlich für alle gedacht, wir leben alle unter den gleichen Einschränkungen. Deswegen richten wir uns auch an Migranten und Migrantinnen und ihre Familien, so Mayer.
Neben der Abwechslung im Alltag geht es auch darum, den Menschen Mut zu machen, erzählt die Sozialarbeiterin. Mut zum Durchhalten und auch Mut sich zu melden. Auf den Veranstaltungsflyern, die man an den Spielorten verteilt hat, finden sich neben der knappen Ankündigung auch die Kontaktdaten der Caritas und anderer Hilfseinrichtungen, sodass über die Kultur im besten Fall auch auf das soziale Hilfsangebot zumindest wahrgenommen wird.
Unter Balkonen muss, auch schon wegen des Abstands zum Publikum, größtenteils ohne das gesprochene Wort auskommen. In der Artistik, wie man sie im Zirkus Zappelini lernt, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Für das Schauspiel aber bringt der Mangel an Text und damit Kontext einige Herausforderungen mit sich, denen man sich am jungen Theater mit Feuereifer gestellt hat. Das Team um Eva Lankau hat sich eine ganze Reihe kleiner Geschichten ausgedacht, die sich auch ohne Dialog und großes Bühnenbild inszenieren lassen.
Dafür kommen große, stilisierte Köpfe zum Einsatz, die das junge Theater in der Vergangenheit für die Inszenierung der "Verwandlung" von Kafka genutzt hatte. Gespielt wird, gut sichtbar, zu allen Seiten und mit einem Blick auf den Spannungsbogen. Die Handlung ist so angelegt, dass die kleinen Geschichten beim nächsten Besuch fortgesetzt werden können. "In Salza haben wir heute mit einem "Opener" angefangen um die Leute einzustimmen. Im Laufe der Woche wollen wir dann eine Liebesgeschichte in drei Akten erzählen", berichtet die Theaterpädagogin.
Die erste Tour, die man am vergangenen Donnerstag mit dem Zirkus Zappelini in Salza startete, verlief ohne große Schwierigkeiten und mit dem gewünschten Effekt. Schon beim Aufbau fanden sich ein paar Neugierige auf den Balkonen ein, am Ende der Show zeigten sich auf beiden Seiten der Wohnanlage interessierte Gesichter, Junge wie Alte. Und neben Applaus und Danksagungen gab es auch ein kleines Geschenk in Form von Süßigkeiten, das vom Balkon einer älteren Dame geflogen kam. Zur Fortsetzung am heutigen Montag fand das junge Theater ein eingestimmtes Publikum vor. "Es war toll, die Leute wussten das wir kommen und haben mitgemacht", freute sich Lankau.
Am Ende der Show zeigten sich viele interessierte Gesichter auf Balkonen und hinter Fensterscheiben (Foto: agl)
In den nächsten Tagen und Wochen will man rund 30 Shows im ganzen Stadtgebiet durchführen, allein das junge Theater hat 15 Auftritte vor sich. Wer also auf den Hinterhof bunte Bälle fliegen oder seltsame Figuren umherwandert sieht, darf sich auf ein klein wenig Abwechslung im Corona-Alltag freuen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Unter Balkonen - die Caritas, der Zirkus Zappelini und das junge Theater bringen ein wenig Kultur auf die Hinterhöfe (Foto: agl)
Grau und trist zeigte sich der Himmel über Nordhausen am vergangenen Donnerstag, eine passende Metapher für den Alltag der letzten Wochen und Monate. Keine Schule, kein Theater, kein Konzert, kein Kino, nicht einmal ein bisschen toben auf dem Spielplatz - unter Kontaktbeschränkungen und Lockdown mag mancher das Gefühl gehabt haben, dass die Tage zu einem grauen Einheitsbrei ohne Konturen verschwimmen.
Eine kleine Allianz aus Kulturschaffenden und Sozialarbeitern will dem jetzt mit einem Spritzer Farbe begegnen und kleine Kunstaktionen auf die Hinterhöfe der großen Wohnblocksiedlungen der Stadt bringen. Unter Balkonen heißt die Aktion, die von der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt der Caritas erdacht wurde.
In der Domstraße macht man sich berechtigte Sorgen um den familiären Frieden hinter den Fassaden. Als Ansprechpartner war man zwar auch während der Krise verfügbar, der persönliche Kontakt, den man in der sozialen Arbeit pflegt, blieb unter den Abstandsregelungen und Kontaktverboten aber auf der Strecke. Wir haben nach einem Weg gesucht, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben, ihnen eine kleine Freude zu machen und ihnen zu zeigen Ihr seid nicht allein, sagt Steffi Mayer, Leiterin der Interventionsstelle. Die Idee: mit ein paar kleinen Kunstaktionen für etwas Abwechslung im Alltag sorgen. Insbesondere den Kindern wollte man eine Freude machen und über den Nachwuchs auch die Eltern erreichen.
Mit dem Zirkus Zappelini und dem jungen Theater fanden sich schnell nicht nur zwei Institutionen die das nötige Know-How mitbringen, sondern auch begeisterte Mitstreiter, die gerne die Chance beim Schopfe packten, wieder vor Publikum spielen zu können. Letzteres fand sich in der vergangenen Woche auf Balkonen und hinter Fensterscheiben in Salza. Steffi Böttcher vom Zirkus Zappelini hatte die nötigen Requisiten mitgebracht: große Tücher, Jonglage-Keulen, bunte Bälle, ein kleines, maskiertes Maskottchen und treibende, musikalische Untermalung - alles Dinge, die man auch aus der Ferne sehen und hören kann.
In der Ausführung erinnerte die Aktion ein wenig an Flashmobs, Guerilla-Kleinkunst, die schnell und ohne große Ankündigung im öffentlichen Raum durchgezogen wird. Vorfahren, zehn Minuten aufbauen, zehn Minuten Show, dann ist der Zauber auch schon wieder vorüber. Wir wollen keine großen Veranstaltungen machen, die Leute sollen nicht zusammenströmen sondern das Programm von dort erleben können, wo sie sind, erklärt Mayer. Zur Ausstattung gehören deswegen neben Ball, Keule und Musik auch große, selbstgebastelte und zum Teil mehrsprachig beschriftete Schilder. Die Aktion ist letztlich für alle gedacht, wir leben alle unter den gleichen Einschränkungen. Deswegen richten wir uns auch an Migranten und Migrantinnen und ihre Familien, so Mayer.
Neben der Abwechslung im Alltag geht es auch darum, den Menschen Mut zu machen, erzählt die Sozialarbeiterin. Mut zum Durchhalten und auch Mut sich zu melden. Auf den Veranstaltungsflyern, die man an den Spielorten verteilt hat, finden sich neben der knappen Ankündigung auch die Kontaktdaten der Caritas und anderer Hilfseinrichtungen, sodass über die Kultur im besten Fall auch auf das soziale Hilfsangebot zumindest wahrgenommen wird.
Unter Balkonen muss, auch schon wegen des Abstands zum Publikum, größtenteils ohne das gesprochene Wort auskommen. In der Artistik, wie man sie im Zirkus Zappelini lernt, ist das nicht weiter ungewöhnlich. Für das Schauspiel aber bringt der Mangel an Text und damit Kontext einige Herausforderungen mit sich, denen man sich am jungen Theater mit Feuereifer gestellt hat. Das Team um Eva Lankau hat sich eine ganze Reihe kleiner Geschichten ausgedacht, die sich auch ohne Dialog und großes Bühnenbild inszenieren lassen.
Dafür kommen große, stilisierte Köpfe zum Einsatz, die das junge Theater in der Vergangenheit für die Inszenierung der "Verwandlung" von Kafka genutzt hatte. Gespielt wird, gut sichtbar, zu allen Seiten und mit einem Blick auf den Spannungsbogen. Die Handlung ist so angelegt, dass die kleinen Geschichten beim nächsten Besuch fortgesetzt werden können. "In Salza haben wir heute mit einem "Opener" angefangen um die Leute einzustimmen. Im Laufe der Woche wollen wir dann eine Liebesgeschichte in drei Akten erzählen", berichtet die Theaterpädagogin.
Die erste Tour, die man am vergangenen Donnerstag mit dem Zirkus Zappelini in Salza startete, verlief ohne große Schwierigkeiten und mit dem gewünschten Effekt. Schon beim Aufbau fanden sich ein paar Neugierige auf den Balkonen ein, am Ende der Show zeigten sich auf beiden Seiten der Wohnanlage interessierte Gesichter, Junge wie Alte. Und neben Applaus und Danksagungen gab es auch ein kleines Geschenk in Form von Süßigkeiten, das vom Balkon einer älteren Dame geflogen kam. Zur Fortsetzung am heutigen Montag fand das junge Theater ein eingestimmtes Publikum vor. "Es war toll, die Leute wussten das wir kommen und haben mitgemacht", freute sich Lankau.
Am Ende der Show zeigten sich viele interessierte Gesichter auf Balkonen und hinter Fensterscheiben (Foto: agl)
In den nächsten Tagen und Wochen will man rund 30 Shows im ganzen Stadtgebiet durchführen, allein das junge Theater hat 15 Auftritte vor sich. Wer also auf den Hinterhof bunte Bälle fliegen oder seltsame Figuren umherwandert sieht, darf sich auf ein klein wenig Abwechslung im Corona-Alltag freuen.
Angelo Glashagel














