Di, 08:32 Uhr
07.06.2005
Stumm schalten
Nordhausen/Sollstedt (nnz). Von einem Tag auf den anderen Bürgermeister zu werden und dann nicht mal einer Partei angehören, das alles brachte die Wende vor fast 16 Jahren mit sich. Heute feiert ein Mann seinen 15. Dienstgeburtstag. Als Bürgermeister...
Exakt vor 15 Jahren zog Jürgen Hohberg in die Verwaltung der Gemeinde Sollstedt ein. Einen Tag zuvor war er zum Bürgermeister, aufgestellt von der Bürgerinitiative Sollstedt (BIS), gewählt worden. Er, der Kalikumpel, der für eine demokratischere DDR, für die Abschaffung einer Überwachungs- und Parteidiktatur auf die Straße gegangen war, er sollte nun lenken und leiten. Vier Monate hatte er noch Zeit, sich in DDR-Gesetzlichkeiten zurechtzufinden, dann wurden die durch die bundesdeutschen ersetzt.
Hohberg ahnte, dass er nun bis an sein Lebensende lernen müsste. Er müsste sich mit Paragraphen, Gesetzen, Verordnungen, Genehmigungen und weiterem notierten Behördenwahn beschäftigen. Doch Jürgen Hohberg war wissbegierig, wollte den Dingen auf den Grund gehen. Vielleicht auch, um sich in der neuen Welt zurechtzufinden und seinen Job zu machen, der ab dem 7. Juni des Jahres 1990 eine Berufung geworden war. Vielleicht wollte er auch so viel wissen, weil er den Menschen, die ihn damals gewählt hatten, immer eine Antwort geben wollte und noch will.
Ich kenne den Jürgen Hohberg seit 13 Jahren. Damals war er schon im Kreistag, damals galt er als Bürgerbewegter aus Sollstedt. Wir haben uns in diesen 13 Jahren oft unterhalten. Mal über die kleine, mal über die große Politik, mal über gleiche Auffassungen, mal über unterschiedliche. Und wenn Zuhause zu den unmöglichsten Zeiten (nach 20 Uhr oder Samstagsnachmittag) das Handy klingelt, dann hat die angezeigte Nummer immer eine 036338-Vorwahl. Dann sitzt Jürgen Hohberg immer noch oder schon wieder in seinem Büro und arbeitet auf. Meist sind es Papierberge.
Jene Berge haben ihm in den zurückliegenden Jahren oft das Leben schwer genug gemacht und haben seine Gesundheit gefährdet. Die hing auch schon mal am seidenen Faden, viele seiner kommunalpolitischen Mitstreiter – auch die Gegenspieler – bangten um ihn. Wir haben dem Jürgen immer gesagt, er soll einen Gang zurücknehmen, hörte man die Leute sagen.
Doch ist das dann noch der Hohberg, der immer wieder zum Bürgermeister in Sollstedt gewählt wurde? Ist das dann noch der Hohberg, der in vermutlich so vielen politischen und politikverwandten Gremien sitzt, wie ein Westbürgermeister Mitglied in diversen Vereinen ist? Wohl kaum – den Jürgen Hohberg zieht es magisch in Gruppierungen, in Arbeitsgemeinschaften, in kommunale Spitzenverbände. Nur: In der Gewerkschaft ist er nur noch so. Aber da bleibt er drin, weil er Arbeiter war und Arbeiter ist. Damals im Schacht, heute im Büro.
Was kann man einem Menschen wünschen, dessen Arbeitstag 30 Stunden haben müsste. Ganz einfach, nämlich das, was ihm seine Freunde gestern und heute mal direkt, mal indirekt wünschten: Tritt etwas kürzer, Jürgen! Doch diesen Wunsch wird der Hohberg dem Rest dieser Welt kaum erfüllen können. Es muß noch so viel erledigt werden, in Sollstedt, im Gemeinde- und Städtebund und anderswo.
Ich hoffe, Jürgen Hohberg bleibt auch weiterhin der streitbare Meister seiner Bürger. Und trotzdem mag er mir verzeihen, dass ich mein Handy am Samstagmittag stumm schalte.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzExakt vor 15 Jahren zog Jürgen Hohberg in die Verwaltung der Gemeinde Sollstedt ein. Einen Tag zuvor war er zum Bürgermeister, aufgestellt von der Bürgerinitiative Sollstedt (BIS), gewählt worden. Er, der Kalikumpel, der für eine demokratischere DDR, für die Abschaffung einer Überwachungs- und Parteidiktatur auf die Straße gegangen war, er sollte nun lenken und leiten. Vier Monate hatte er noch Zeit, sich in DDR-Gesetzlichkeiten zurechtzufinden, dann wurden die durch die bundesdeutschen ersetzt.
Hohberg ahnte, dass er nun bis an sein Lebensende lernen müsste. Er müsste sich mit Paragraphen, Gesetzen, Verordnungen, Genehmigungen und weiterem notierten Behördenwahn beschäftigen. Doch Jürgen Hohberg war wissbegierig, wollte den Dingen auf den Grund gehen. Vielleicht auch, um sich in der neuen Welt zurechtzufinden und seinen Job zu machen, der ab dem 7. Juni des Jahres 1990 eine Berufung geworden war. Vielleicht wollte er auch so viel wissen, weil er den Menschen, die ihn damals gewählt hatten, immer eine Antwort geben wollte und noch will.
Ich kenne den Jürgen Hohberg seit 13 Jahren. Damals war er schon im Kreistag, damals galt er als Bürgerbewegter aus Sollstedt. Wir haben uns in diesen 13 Jahren oft unterhalten. Mal über die kleine, mal über die große Politik, mal über gleiche Auffassungen, mal über unterschiedliche. Und wenn Zuhause zu den unmöglichsten Zeiten (nach 20 Uhr oder Samstagsnachmittag) das Handy klingelt, dann hat die angezeigte Nummer immer eine 036338-Vorwahl. Dann sitzt Jürgen Hohberg immer noch oder schon wieder in seinem Büro und arbeitet auf. Meist sind es Papierberge.
Jene Berge haben ihm in den zurückliegenden Jahren oft das Leben schwer genug gemacht und haben seine Gesundheit gefährdet. Die hing auch schon mal am seidenen Faden, viele seiner kommunalpolitischen Mitstreiter – auch die Gegenspieler – bangten um ihn. Wir haben dem Jürgen immer gesagt, er soll einen Gang zurücknehmen, hörte man die Leute sagen.
Doch ist das dann noch der Hohberg, der immer wieder zum Bürgermeister in Sollstedt gewählt wurde? Ist das dann noch der Hohberg, der in vermutlich so vielen politischen und politikverwandten Gremien sitzt, wie ein Westbürgermeister Mitglied in diversen Vereinen ist? Wohl kaum – den Jürgen Hohberg zieht es magisch in Gruppierungen, in Arbeitsgemeinschaften, in kommunale Spitzenverbände. Nur: In der Gewerkschaft ist er nur noch so. Aber da bleibt er drin, weil er Arbeiter war und Arbeiter ist. Damals im Schacht, heute im Büro.
Was kann man einem Menschen wünschen, dessen Arbeitstag 30 Stunden haben müsste. Ganz einfach, nämlich das, was ihm seine Freunde gestern und heute mal direkt, mal indirekt wünschten: Tritt etwas kürzer, Jürgen! Doch diesen Wunsch wird der Hohberg dem Rest dieser Welt kaum erfüllen können. Es muß noch so viel erledigt werden, in Sollstedt, im Gemeinde- und Städtebund und anderswo.
Ich hoffe, Jürgen Hohberg bleibt auch weiterhin der streitbare Meister seiner Bürger. Und trotzdem mag er mir verzeihen, dass ich mein Handy am Samstagmittag stumm schalte.
Peter-Stefan Greiner


