Mo, 21:03 Uhr
13.04.2020
1.5 Millionen Bäume
Aufforstungsprogramm zu optimistisch
Thüringen will zeitnahe 1,5 Millionen Jungbäume pflanzen und damit jüngst in den Wäldern entstandene Schäden reparieren, berichtete die nnz gestern. Bodo Schwarzberg stimmt das ambitionierte Programm nachdenklich...
Abgestorbener Fichtenwald (Foto: B. Schwarzberg)
Abgestorbener Fichtenwald zwischen Eckerloch und Schierke am Brocken am 03.08.2019 (beim 13. Harz-Hunderter Extrem über 147 km nonstop von Seesen nach Lutherstadt Eisleben über den ganzen Harz).
Positiv ist, dass in Thüringen vor allem mit heimischen Baumarten aufgeforstet werden soll. Bezüglich der enormen Verluste an Fichtenbeständen durch den zunehmenden Klimawandel hätte ich mir aber schon ein paar selbstkritische Sätze der Forstverantwortlichen gewünscht. Schließlich haben ja zumindest ihre Vorgänger einen Hauptanteil an dem heutigen Borkenkäferdesaster. Aus Profitgründen wandelten sie einstige naturnähere Wälder in artenarme Fichtenmonokulturen um; und schon Kinder lernen seit Generationen, dass solche Monokulturen anfällig für Schadeinflüsse vielerlei Art sind.
Ja, bis vor wenigen Jahren waren auch die heutigen Forstpolitiker stolz auf eine ausschließlich in Geld und Festmetern berechnete Leistungsfähigkeit einer die Wälder immer weiter ausbeutenden Forstwirtschaft.
Ein zu großer Zweckoptimismus muss ihnen trotz ihres guten Willens aber auch insofern unterstellt werden, dass sie ja gar nicht genau wissen, wie sich das Klima entwickeln wird und ob die jetzt von ihnen gepflanzten Bäume einen wohlgemerkt vollkommen unnatürlichen Temperaturanstieg in einer Spannbreite zwischen den vorausgesagten 2 und 5 Grad in nur 100 Jahren überhaupt tolerieren werden.
Immerhin weisen nach den langanhaltenden Dürrperioden der letzten Jahre schon jetzt auch zahlreiche Laubbäume zum Teil schwere Schäden auf, so Buche und Stiel-Eiche. Dazu brauchen wir ja bloß in den Südharz zu schauen. Und wir liegen gerade einmal ein Grad über der 30-jährigen Klimareferenzperiode. Möglicherweise haben wir es aber bald mit einem zwei-, drei- oder gar fünffach höheren Temperaturanstieg zu tun.
Wie schon gesagt: Der Beitrag scheint mir zu optimistisch formuliert zu sein, ganz nach dem Motto: Wir wissen wie es geht und wir haben alles im Griff - auf dem sinkenden Schiff. Der optimistische Grundton riecht förmlich nach politischem Einfluss und er blendet die Hauptaufgabe der Gesellschaft aus: Die Emissionen klimaschädlicher Gase drastisch zu senken und, gut, parallel dazu C02-Senken zu schaffen, z.B. durch ein großes, am besten weltweites Aufforstungsprogramm.
Aber nichts kann die Verringerung der Emissionen und eine damit verbundene grundlegende Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft ersetzen.
Dass die Forstpolitik vor einem unglaublichen Desaster und dass sie geradezu hilflos vor der klimatischen Entwicklung und deren Auswirkungen steht, wird vollkommen ausgeblendet. Es gibt durchaus Forscher, die für Mitteleuropa Versteppung und Waldfreiheit voraussagen: Und das schon in nächster Zeit. Wir sollten auch solche unbequemen Ansichten nicht ausblenden.
Vor allem aber ist das gegenwärtige Waldsterben 2.0 Ausdruck eines unglaublichen Versagens der nationalen und internationalen Politik, die uns seit Jahrzehnten eine fortschrittliche Umweltpolitik nur suggeriert, aber in letzter Konsequenz nicht einmal in Ansätzen verwirklicht hat.
Lange wird sie der Bevölkerung diesen Widerspruch wohl auch in Thüringen nicht mehr zumuten können.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Abgestorbener Fichtenwald (Foto: B. Schwarzberg)
Abgestorbener Fichtenwald zwischen Eckerloch und Schierke am Brocken am 03.08.2019 (beim 13. Harz-Hunderter Extrem über 147 km nonstop von Seesen nach Lutherstadt Eisleben über den ganzen Harz).Positiv ist, dass in Thüringen vor allem mit heimischen Baumarten aufgeforstet werden soll. Bezüglich der enormen Verluste an Fichtenbeständen durch den zunehmenden Klimawandel hätte ich mir aber schon ein paar selbstkritische Sätze der Forstverantwortlichen gewünscht. Schließlich haben ja zumindest ihre Vorgänger einen Hauptanteil an dem heutigen Borkenkäferdesaster. Aus Profitgründen wandelten sie einstige naturnähere Wälder in artenarme Fichtenmonokulturen um; und schon Kinder lernen seit Generationen, dass solche Monokulturen anfällig für Schadeinflüsse vielerlei Art sind.
Ja, bis vor wenigen Jahren waren auch die heutigen Forstpolitiker stolz auf eine ausschließlich in Geld und Festmetern berechnete Leistungsfähigkeit einer die Wälder immer weiter ausbeutenden Forstwirtschaft.
Ein zu großer Zweckoptimismus muss ihnen trotz ihres guten Willens aber auch insofern unterstellt werden, dass sie ja gar nicht genau wissen, wie sich das Klima entwickeln wird und ob die jetzt von ihnen gepflanzten Bäume einen wohlgemerkt vollkommen unnatürlichen Temperaturanstieg in einer Spannbreite zwischen den vorausgesagten 2 und 5 Grad in nur 100 Jahren überhaupt tolerieren werden.
Immerhin weisen nach den langanhaltenden Dürrperioden der letzten Jahre schon jetzt auch zahlreiche Laubbäume zum Teil schwere Schäden auf, so Buche und Stiel-Eiche. Dazu brauchen wir ja bloß in den Südharz zu schauen. Und wir liegen gerade einmal ein Grad über der 30-jährigen Klimareferenzperiode. Möglicherweise haben wir es aber bald mit einem zwei-, drei- oder gar fünffach höheren Temperaturanstieg zu tun.
Wie schon gesagt: Der Beitrag scheint mir zu optimistisch formuliert zu sein, ganz nach dem Motto: Wir wissen wie es geht und wir haben alles im Griff - auf dem sinkenden Schiff. Der optimistische Grundton riecht förmlich nach politischem Einfluss und er blendet die Hauptaufgabe der Gesellschaft aus: Die Emissionen klimaschädlicher Gase drastisch zu senken und, gut, parallel dazu C02-Senken zu schaffen, z.B. durch ein großes, am besten weltweites Aufforstungsprogramm.
Aber nichts kann die Verringerung der Emissionen und eine damit verbundene grundlegende Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft ersetzen.
Dass die Forstpolitik vor einem unglaublichen Desaster und dass sie geradezu hilflos vor der klimatischen Entwicklung und deren Auswirkungen steht, wird vollkommen ausgeblendet. Es gibt durchaus Forscher, die für Mitteleuropa Versteppung und Waldfreiheit voraussagen: Und das schon in nächster Zeit. Wir sollten auch solche unbequemen Ansichten nicht ausblenden.
Vor allem aber ist das gegenwärtige Waldsterben 2.0 Ausdruck eines unglaublichen Versagens der nationalen und internationalen Politik, die uns seit Jahrzehnten eine fortschrittliche Umweltpolitik nur suggeriert, aber in letzter Konsequenz nicht einmal in Ansätzen verwirklicht hat.
Lange wird sie der Bevölkerung diesen Widerspruch wohl auch in Thüringen nicht mehr zumuten können.
Bodo Schwarzberg

