nnz-tv Eichsfelder Nachrichten Kyffhäuser Nachrichten Mansfeld-Südharz-Zeitung Unstrut-Hainich Zeitung
Mo, 07:05 Uhr
17.02.2020
nnz-Forum

„Thomas Mann“-Vereinshaus retten!

Seit kurzem ist die Frage, wie es um den Fortbestand des Nordhäuser Vereinshauses „Thomas Mann“ als Bildungs- und Kulturstätte bestellt ist, wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Wie zu hören und zu lesen war, will die Stadt Nordhausen das Haus im Laufe des Jahres verkaufen, oder sollte man besser sagen: verscherbeln? Hans-Georg Backhaus hat dazu einige Anmerkungen...


Den Verantwortlichen im Nordhäuser Rathaus, die nun offensichtlich den Verkauf des traditionsreichen Kulturhauses in der Wilhelm-Nebelung-Straße 39 noch in diesem Jahr über die Bühne bringen wollen, sei Nachfolgendes in Erinnerung gerufen:

Als ich 1977 nach Nordhausen kam, fiel mir eines sofort auf: Eine engagierte Kulturszene, die sich zum einen durch das Theater und zum anderen in Gestalt des unter der Regie des Kulturbundes der DDR agierenden Thomas-Mann-Klubs präsentierte. Gerne erinnere ich mich an die mannigfaltigen Veranstaltungen in den 1980er Jahren, die in dieser Kultur- und Bildungsstätte monatlich angeboten wurden.

digital
Dabei muss daran erinnert werden, dass die Kultur- und Kunstszene sowie die unter dem Dach des Hauses wirkenden Fachgruppen und Arbeitsgemeinschaften während der DDR-Zeit stets einem staatlichen Dirigismus unterworfen waren. Und trotzdem: Als durch Weggang zahlreicher bekannter Künstlerinnen und Künstler in den Westen in den 1970er Jahren die kulturelle Szene in der DDR auszubluten drohte, bemühten sich viele der Hiergebliebenen, mit Mut und Entschlossenheit, aber ebenso mit Ideenreichtum und Idealismus der Verödung des kulturellen Lebens zu begegnen.

So gab es auch im Rahmen der Arbeit des Nordhäuser Kulturbundes erfolgreiche Versuche, das im Land gebliebene Künstlerpotential den kulturbewussten und bildungshungrigen Nordhäusern näherzubringen. Besonders gefragt waren Künstler, Publizisten und Wissenschaftler, die nicht, zumindest aber nicht immer, der vorgegebenen Parteilinie der SED folgten. Derlei Aktivitäten waren verstärkt in den 1980er Jahren in der Rolandstadt zu verzeichnen.

Zahlreiche Mitglieder des Thomas-Mann-Klubs taten sich in dieser Zeit durch außerordentliches und ideenreiches Engagement hervor. Da fallen mir Namen ein wie Rita und Detlef Müller, Karin Kisker, Heidelore Kneffel, Gesine Bula, Erdmute-Maria Neubert, um nur einige zu nennen. Letztere, die als Puppengestalterin den älteren Nordhäusern noch gut bekannt sein dürfte, hatte sich viele Jahre unter anderem auch um den Schaukasten des Kulturbundes gekümmert. Immer kamen ihr neue Einfälle, und nicht selten reizte sie alle Möglichkeiten aus, um Kritikwürdiges bei der Schaukastengestaltung unterzubringen.

Darüber hinaus riefen Mitglieder des Thomas-Mann-Klubs unterschiedliche Veranstaltungsreihen ins Leben. Beispielsweise in der „Kleinen Galerie“ oder dem „Lesetermin“ hatten seitens der offiziellen Parteilinie nicht gerngesehene und oft mit Auftrittsverbot belegte Künstler/innen die Möglichkeit, ihre Werke, die sich mit Kritikwürdigem des DDR-Alltags auseinandersetzten, vorzustellen.

Wenn der Gothaer Schriftsteller Hanns Cibulka aus seinen Werken las (die hatten in der Regel Umweltprobleme zum Inhalt), der Wirtschaftsexperte Jürgen Kuszinski kritisch über die politische und wirtschaftliche Situation im Lande sprach oder der Leipziger Publizist Werner Fellmann Fakten und Hintergründe außenpolitischer Ereignisse präsentierte, die man in keiner DDR-Zeitung zu lesen bekam, war das Klubhaus stets bis auf den letzten Platz gefüllt.

Ob aber nun musikalisch-literarische Abende, Galerien, Gesprächsrunden, Kabarett oder Buchlesungen – die Abteilung Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung, insbesondere deren Chef, Bernd Kramer, hatte ihre Augen und Ohren überall. Nicht selten mussten bereits eröffnete Galerien abgebaut werden, erhielten Schriftsteller wie Cibulka Leseverbot.

Die Hardliner in der Agit-Prop-Zentrale der SED-Kreisleitung Nordhausen konnten kritische Künstler/innen und couragierte Klubmitglieder zwar maßregeln, sie gänzlich aus dem Kulturleben auszuschließen, gelang ihnen jedoch nicht. So kann wohl zurecht gesagt werden, dass das „Thomas Mann“- Haus über eine reiche kulturelle wie auch wissensvermittelnde Tradition verfügt, die es fortzusetzen gilt. Zumal auch bis heute zahlreiche Vereine, Arbeits- und Interessengemeinschaften und die kleine Jüdische Gemeinde hier ihr Domizil haben.

Man will es schlichtweg nicht glauben, dass man dieses Haus ausgerechnet im 30. Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands, nachdem man über Jahre eine erforderliche Sanierung aufgeschoben (oder auch absichtlich verhindert?) hat, an eine Privatperson oder sonstige Gruppierung veräußern will.

Der Ortsverein der SPD Nordhausen hat für Donnerstag, 27. Februar, eine große Mitgliederversammlung im „Nordhaus“ geplant. Da wird neben vielen anderen Tagesordnungspunkten ganz sicher auch die Problematik des „Thomas Mann“ - Vereinshauses für reichlich Diskussionsstoff und Positionierung sorgen.

Und welchen Standpunkt vertreten eigentlich die anderen Parteien zur Absicht der Stadt, das Haus zu verkaufen (die AfD hat bereits kritisch angefragt)? Da scheint gegenwärtig noch das buchstäbliche „Schweigen im Walde“ angesagt zu sein. Aber dabei muss es ja nicht bleiben.
Hans-Georg Backhaus
Mitglied SPD Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
→ Druckversion
← zum Nachrichtenüberblick

Kommentare

17.02.2020, 08.06 Uhr
Waldemar Ceckorr | die spd kann doch das haus kaufen,
sanieren, ein büro einrichten und andere räumlichkeiten der allgemeinheit zur verfügung stellen.
woran hapert es denn ?

fragt sich der waldi

5   |  5     Login für Vote
17.02.2020, 10.25 Uhr
Stechbarth | Wie viel kostet nun Sanierung des Thomas Mann Hauses?
Ich frage nochmal: Wie teuer ist denn nun die Sanierung des Hauses bzw. wieviel verspricht sich die Stadtverwaltung aus dem Verkauf.

Kann da die nnz nicht mal nachfragen?

Und ob die Gutachten unabhängig sind?

7   |  0     Login für Vote
17.02.2020, 10.34 Uhr
Zwerg78 | Vorschlag für das Vereinshaus
Eine gute Idee wäre doch, wenn die AfD dieses so geschichtsträchtige Haus kaufen und sanieren würde (ein entsprechendes Crowdfunding beispielsweise für die Finanzierung) und darin neben den Wahlkreisbüros und so eine Ausstellung installieren würde, in welchen Fällen andere Parteien das Grundgesetz gebeugt oder gebrochen haben und es die AfD als Nicht-Demokratische-Partei gebraucht hat, um dies ans Tageslicht zu bringen.

Bin gespannt, ob die SPD dann immer noch für eine Sanierung wäre oder welche Ideen sie sich einfallen lassen würden, dass dies nicht passiert :)

4   |  6     Login für Vote
17.02.2020, 15.39 Uhr
der Neue | Zukunft der Vereine
Unseren Mitstreitern vom Kulturbund Nordhausen e.V. und den Vereinen wurde von der Stadt das Klubhaus in der Kathe- Kollwitz-Straße als neues Domizil vorgeschlagen. Da steht ein Besichtigungstermin für uns noch aus.

0   |  0     Login für Vote
→ Kommentar hinzufügen



Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.

 
Wir verwenden Cookies um die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren und geben hierzu Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an Partner weiter. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Impressum und der Datenschutzerklärung.