Do, 12:05 Uhr
26.12.2019
DIE BAHN, DAS FEST UND NORDHAUSENS BAHNHOF
Wenn einer eine Reise …
Weihnachten ist die Zeit der Herzen, der Liebe, der Besuche und des Bahnfahrens! Wir erleben Familienzusammenführungen allerorten, für die von einzelnen Familienmitgliedern weite Strecken zurückgelegt werden, um pünktlich in die Arme ihrer Lieben sinken und ein fröhliches Fest feiern zu können…
Irgendwann endet aber jeder noch so schöne Besuch und es geht an die Heimfahrt. Gerade junge, internetaffine Menschen organisieren sich heute vieles über Apps und deren großartige Serviceleistungen, die unser Leben und das Reisen vereinfachen sollen.
Dumm nur, wenn sich die App wenige Minuten vor Abfahrt des Zuges meldet und verkündet, der gebuchte Zug fiele heute aus. Noch dümmer, wenn der Reisende an einem Weihnachtsfeiertag auf dem Nordhäuser Bahnhof steht, der servicetechnisch eine endzeitliche Stimmung ausstrahlt, wie sie ein Stephen King nicht hätte trefflicher ersinnen können. Glück im Unglück ist dann, wenn der verblüffte Reisewillige einen Bahnmitarbeiter erblickt, ihn anspricht und zum Antritt und weiteren Verlauf seiner Fahrt befragen zu können hofft. Aber diese Hoffnung auf kompetente Hilfe zerschlägt sich im ersten Satz des Dienstleisters, der etwa so weihnachtlich gestimmt wie der Grinch, zu Protokoll gibt, dass es sich bei dem ausgefallenen Zug um einen Privatanbieter handele und ihn das nichts anginge.
Nach diesem Rückschlag aktiviert der nervöser werdende Bahnkunde die telefonische Auskunft, die erst nicht helfen kann, dann die Fahrt über Erfurt nach Berlin empfiehlt und auf Nachfrage angibt, die entstehenden Taxikosten für eine alternative Fahrt nach Halle übernehmen zu wollen. Als unser potentieller Zugreisender dafür eine schriftliche Bestätigung wünscht, verbindet die Dame am anderen Ende der Leitung ihn lieber mit einer Kollegin. Nun heißt es von vorn anfangen und den Fall schildern, währenddessen knapp zehn Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit auf dem zugigen Bahnsteig durchgesagt wird, dass der Zug heute entfällt. Die Deutsche Bahn läßt aber ihre Kunden nicht desinformiert zurück und liefert die erhellende verbale Begründung gleich mit: wegen Vandalismus!
Aha! Das beruhigt weder die verstörten Bahnkunden, noch ändert es etwas und ist so vage wie die Wettervorhersage für Ostern. Inzwischen hat die Servicemitarbeiterin am Handy die Finanzierung einer Taxifahrt strikt abgelehnt, denn die gäbe es nur nachts. Warum nicht tagsüber, wusste sie nicht, so sei die Vorschrift. Immerhin organisierte die Mitarbeiterin, dass die Fahrt über Erfurt mit der ursprünglichen Fahrkarte (über Halle) ermöglicht wird und dass es für unseren Reisenden, mit reichlich Gepäck versehen, sogar eine Platzkarte im ICE von Erfurt nach Berlin gibt.
So verläßt der Besucher also Nordhausen in die falsche Richtung und kann sich glücklich schätzen, über so viel Intelligenz verfügt zu haben, einen großen - wirklich großen - zeitlichen Puffer eingebaut zu haben, bis sein Flieger ihn heute Abend aus der deutschen Hauptstadt ans andere Ende Europas führen wird. In Erinnerung bleiben werden ihm vom diesjährigen Weihnachtsfest neben schönen Stunden in der Familie mit Sicherheit auch der Start seiner Reise auf Nordhausens Bahnhof.
Olaf Schulze
Autor: oschIrgendwann endet aber jeder noch so schöne Besuch und es geht an die Heimfahrt. Gerade junge, internetaffine Menschen organisieren sich heute vieles über Apps und deren großartige Serviceleistungen, die unser Leben und das Reisen vereinfachen sollen.
Dumm nur, wenn sich die App wenige Minuten vor Abfahrt des Zuges meldet und verkündet, der gebuchte Zug fiele heute aus. Noch dümmer, wenn der Reisende an einem Weihnachtsfeiertag auf dem Nordhäuser Bahnhof steht, der servicetechnisch eine endzeitliche Stimmung ausstrahlt, wie sie ein Stephen King nicht hätte trefflicher ersinnen können. Glück im Unglück ist dann, wenn der verblüffte Reisewillige einen Bahnmitarbeiter erblickt, ihn anspricht und zum Antritt und weiteren Verlauf seiner Fahrt befragen zu können hofft. Aber diese Hoffnung auf kompetente Hilfe zerschlägt sich im ersten Satz des Dienstleisters, der etwa so weihnachtlich gestimmt wie der Grinch, zu Protokoll gibt, dass es sich bei dem ausgefallenen Zug um einen Privatanbieter handele und ihn das nichts anginge.
Nach diesem Rückschlag aktiviert der nervöser werdende Bahnkunde die telefonische Auskunft, die erst nicht helfen kann, dann die Fahrt über Erfurt nach Berlin empfiehlt und auf Nachfrage angibt, die entstehenden Taxikosten für eine alternative Fahrt nach Halle übernehmen zu wollen. Als unser potentieller Zugreisender dafür eine schriftliche Bestätigung wünscht, verbindet die Dame am anderen Ende der Leitung ihn lieber mit einer Kollegin. Nun heißt es von vorn anfangen und den Fall schildern, währenddessen knapp zehn Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit auf dem zugigen Bahnsteig durchgesagt wird, dass der Zug heute entfällt. Die Deutsche Bahn läßt aber ihre Kunden nicht desinformiert zurück und liefert die erhellende verbale Begründung gleich mit: wegen Vandalismus!
Aha! Das beruhigt weder die verstörten Bahnkunden, noch ändert es etwas und ist so vage wie die Wettervorhersage für Ostern. Inzwischen hat die Servicemitarbeiterin am Handy die Finanzierung einer Taxifahrt strikt abgelehnt, denn die gäbe es nur nachts. Warum nicht tagsüber, wusste sie nicht, so sei die Vorschrift. Immerhin organisierte die Mitarbeiterin, dass die Fahrt über Erfurt mit der ursprünglichen Fahrkarte (über Halle) ermöglicht wird und dass es für unseren Reisenden, mit reichlich Gepäck versehen, sogar eine Platzkarte im ICE von Erfurt nach Berlin gibt.
So verläßt der Besucher also Nordhausen in die falsche Richtung und kann sich glücklich schätzen, über so viel Intelligenz verfügt zu haben, einen großen - wirklich großen - zeitlichen Puffer eingebaut zu haben, bis sein Flieger ihn heute Abend aus der deutschen Hauptstadt ans andere Ende Europas führen wird. In Erinnerung bleiben werden ihm vom diesjährigen Weihnachtsfest neben schönen Stunden in der Familie mit Sicherheit auch der Start seiner Reise auf Nordhausens Bahnhof.
Olaf Schulze

