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Fr, 12:36 Uhr
25.10.2019
nnz-Interview

Pessimismus ist nicht mein Ding

Am Sonntag findet der Landtags-Wahlkampf in Thüringen sein Ende. Die nnz beschließt ihre Wahlkampfberichterstattung heute im Gespräch mit Rüdiger Neitzke, Landtagskandidat für das Bündnis/90 die Grünen. Es geht um Spaß an der politischen Arbeit, Erlebnisse mit jungen Migranten, Lehrermangel, Wald und Klimakrise...

Rüdiger Neitke kandidiert bei der Landtagswahl für die Grünen (Foto: Angelo Glashagel) Rüdiger Neitke kandidiert bei der Landtagswahl für die Grünen (Foto: Angelo Glashagel)

nnz: Herr Neitzke, wie haben Sie ihren Weg in die Politik gefunden?

Rüdiger Neitzke: Ich muss ganz ehrlich sagen das ich nach 1989 lange gebraucht habe um überhaupt irgendeiner Partei nahe zukommen. Als ich nach dem Studium nach Nordhausen kam, habe ich eine Diskrepanz gesehen zwischen den Möglichkeiten, die eine Stadt in ihrer Entwicklung haben kann und den Möglichkeiten, die Nordhausen damals genutzt hat. Das hat dann auch dazu geführt, dass ich 1998 den Nordhäuser Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs gegründet habe, danach habe ich mich lange um Familie und Beruf gekümmert. Vor 10 Jahren habe ich mich dann das erste Mal für die Grünen aufstellen lassen, mit meinen Engagement im ADFC hat das ganz gut gepasst und politisch fühle ich mich bei den Grünen noch am besten aufgehoben. Ich war ehrlich gesagt überrascht, wie viele Stimmen ich damals bekam. Vor fünf Jahren bin ich im Kreistag für Christian Darr nachgerückt und musste zu meiner großen Überraschung feststellen, dass Lokalpolitik tatsächlich Spaß macht. Heute bin ich Vorsitzender einer kleinen Fraktion und habe einige Erfahrungen sammeln können, auch Dank Leuten wie Gisela Hartmann, die mir da eine gute Lehrerin war.

nnz: “Spaß“ ist jetzt nicht unbedingt der erste Begriff, der einem in den Sinn kommt wenn man an die Nordhäuser Lokalpolitik denkt. Wo finden Sie diesen Reiz?

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Neitzke: In der Politik muss man Geduld haben, man kann und muss Kompromisse suchen und Lösungen finden, die im Gespräch entstehen. Solche Kompromisse auszuhandeln, hartnäckig zu bleiben aber dabei den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, das ist das Spannende. Die Entscheidungen, die man fällt müssen gut überlegt sein. Der Entscheidung des Kreistags zum Schülerticket im vergangenen Jahr gingen zum Beispiel lange, lange Diskussionen voraus. Da geht es dann auch nicht unbedingt primär nur um die Bezahlbarkeit, sondern um praktikable Lösungen für die Menschen. Wir haben lange nach einer solchen gemeinsamen Lösung gesucht und letztlich auch gefunden.

nnz: Das ist die Kommunalpolitik, warum aber wollen gerade Sie Nordhausen in Erfurt vertreten?

Neitzke: Ich denke der Thüringer Norden braucht eine Stimme, die das, was wir haben, den Harz oder das Theater zum Beispiel, positiv vertritt und nicht nur jammert und klagt. Pessimismus ist nicht mein Ding, ich bin jemand der lieber nach den Dingen schaut, die möglich sind, als nur auf das zu blicken, was dem im Weg stehen könnte. Nordhausen hat in Erfurt oft eine Randposition. Wir müssen im Landtag die Stärken unserer Region vertreten und vom Rand in die Mitte des Bewusstseins tragen und ich möchte das mit einem gesunden Optimismus tun.

nnz: Sie sind selber als Sozialarbeiter an einer Nordhäuser Regelschule tätig und kennen die Situation in den Lehrerkollegien aus erster Hand. Wie soll da Abhilfe geschaffen werden?

Neitzke: Die Situation ist tatsächlich gruselig. Ich denke, wir müssen kurz-, mittel-, und langfristige Ziele definieren und umsetzen, um da wieder Ordnung reinzubekommen. Als erstes muss dafür gesorgt werden, dass man wesentlich schneller auf Bewerbungen junger Lehrer reagieren kann, um ihnen die Unterstützung und die Chance zu geben, hier zu bleiben. Die Lücken, die in der Vergangenheit bewusst geschlagen wurden, werden aber auch damit ad hoc nur sehr schwer zu schließen sein. Eine weitere kurzfristige Möglichkeit ist die Stärkung des Quereinstiegs, wobei der zur Zeit überall versucht wird, nicht nur im Bildungsbereich. Mit mäßigem Erfolg. Mittelfristig müssen wir die Lehrerausbildung wieder so attraktiv machen, dass der Beruf eine Perspektive bietet. Ich würde mir da einen deutlich höheren Praxisanteil in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer wünschen, eine Art duales Studium. Grundsätzlich sind die offenen Stellen da, uns fehlen vor allem die Bewerber. Hier hat man also die richtigen Stellschrauben offensichtlich noch nicht gefunden und wenn wir nicht ausreichend aus unserem eigenen Pool schöpfen können, dann müssen wir darüber nachdenken ob man nicht auch Verstärkung von außen holt und die bürokratischen Hürden dafür senkt. Am Ende muss man es schaffen, in den Kollegien wieder eine Reserve aufzubauen. Bei Krankheit muss Vertretung, nicht Ausfall die Regel sein. Das hebt auch die Qualität wieder. Außerdem denke ich, dass jede weiterführende Schulform verstärkt auch lebenspraktisches Wissen vermitteln sollte und mit den Schülerinnen und Schülern frühzeitig am Übergang in das Berufsleben arbeitet.

nnz: Die Migrationsproblematik haben Sie an ihrer Schule seit 2015 ebenfalls an der Basis erlebt, unter anderem durch zwei Sprachklassen.

Neitzke: Wir betreuen 80 Schülerinnen und Schüler Nicht-Deutscher Herkunft. Das sind nicht nur Flüchtlinge, sondern auch die Kinder von Menschen aus dem EU-Ausland, die zum arbeiten hier sind oder Spätaussiedler. Ich denke, das es wichtig ist, dass die Sprachklassen weiter bestehen bleiben, denn das Thema Migration wird uns auch in Zukunft weiterhin beschäftigen. Wenn wir in die Integration soviel Aufwand stecken würden, wie wir es in Sachen Abschottung tun, dann würden es uns allen besser gehen. Mit Blick auf die Kinder erlebt man im Alltag viel Gutes. Ich habe zum Beispiel Schüler aus dem Iran und Syrien, die absolute Mathe-Asse sind oder einen Jungen vom Balkan, der fantastisch Englisch spricht. Schwierig wird es da, wo es vor allem um Texte geht, in Geschichte oder Sozialkunde etwa. Da müsste man auch in der Bewertung der Leistung eine flexiblere Herangehensweise gefunden werden, damit man die Kinder bei dem abholen kann, was sie gut beherrschen.

nnz: Das ist ihre alltägliche Arbeit, wie sehen Sie die derzeitige Migrationspolitik in ihrer Gesamtheit?

Neitzke: Am Recht auf Asyl ist nicht zu rütteln und dem Thema müssen wir endlich mit einem modernen Einwanderungsgesetz begegnen. Die Geschichte der Migration ist weit über 2000 Jahre alt und sie wird nicht einfach verschwinden. Wenn überhaupt wird sie durch Klimaveränderungen, Wasserknappheit, Armut und Krieg noch verstärkt werden. Uns davon abzuschotten wird langfristig keine Lösung sein, deswegen müssen wir Fluchtursachen bekämpfen und da könnten wir direkt bei den Waffenexporten anfangen. Wenn sich zwei Schüler streiten drück ich denen doch auch nicht jedem ein Messer in die Hand und sage: so, jetzt ist es gerecht. Aber genau das macht die Rüstungsindustrie.

nnz: Sie haben die Klimakrise angesprochen, das Thema mit dem gerade die Grünen momentan stark punkten können. Wie stehen Sie zu den Ansätzen ihrer Partei?

Neitzke: Die Rettung unseres Bildungssystems muss unsere erste Priorität sein. Priorität zwei ist der Kampf gegen den Klimawandel. Wir haben schon heute in vielen Gegenden ernste Trinkwasserprobleme. Das wird nicht besser werden und erreicht irgendwann auch uns. Was glauben Sie was mit der Wasserversorgung in München passiert, wenn die Alpengletscher ganz weggeschmolzen sind? Wer heute die Klimakrise leugnet, der handelt schlicht unverantwortlich. Über das „Wie“ bin ich mit meiner Partei nicht immer einer Meinung. Ich bin zum Beispiel kein Freund der CO2-Steuer. Wir besteuern Autos und Tabak und trotzdem fahren die Leute weiter und rauchen, man wird das Problem so nicht in den Griff bekommen. Was wir praktisch tun können wäre zum Beispiel ein massives Aufforstungsprogramm. Ganz nach dem Motto „Global denken, lokal handeln“ könnten wir, wenn wir in Thüringen oder in Nordhausen die Waldfläche perspektivisch verdoppeln, unseren Beitrag ohne weiteres leisten. Im Sinne der Klimaanpassung müssen wir unsere Innenstädte stärker begrünen und in der Gestaltung auf helle Farben setzen, um die Temperaturen zu senken. Es gib da viele Möglichkeiten, wichtig ist, dass man nach vorne denkt, da werden wir nicht drum herumkommen.

nnz: Wie denken Sie, geht der Wahlgang am Sonntag aus? Reicht es noch einmal für Rot-Rot-Grün?

Neitzke: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass sich vor fünf Jahren starke Vorbehalte gegen die Koalition hatte, insbesondere in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Linken. Ich war positiv überrascht, dass die Koalition fünf Jahre lang gehalten hat und sollte heute die Möglichkeit bestehen sie fortzuführen, dann gerne. Unabhängig davon bin ich gerne bereit auch mit der FDP oder der CDU zu reden, auf der kommunalen Ebene habe ich da gute Erfahrungen gemacht.

nnz: Herr Neitzke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Latimer Rex
25.10.2019, 15:51 Uhr
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