Di, 09:30 Uhr
03.09.2019
Rettungsodyssee für die Alpen-Gänsekresse
Viermal vernichtet – und sie lebt doch
Forscher wiesen anhand genetischer Analysen nach, dass die Alpen-Gänsekresse bereits seit rund 125.000 Jahren in Mitteleuropa zu Hause ist. Doch nur ganze 100 Jahre brauchte der Mensch, um die Art am Südharzrand beinahe zu vernichten...
Historische Aufnahme (Foto: Meusel/Archiv Schwarzberg)
Eine historische Aufnahme: Der hallesche Botaniker und spätere Professor Hermann Meusel fotografierte die Alpen-Gänsekresse 1938 am "locus classicus" bei Ellrich, wo sie von Friedrich Wilhelm Wallroth 1840 entdeckt worden war. Hier wurde die Art 1979 durch den Gipsabbau vernichtet. Foto: Meusel
Doch bis heute gibt es erfolgreiche Rettungsaktionen für die exotische Art, die innerhalb Ostdeutschlands nur im Landkreis Nordhausen heimisch ist. Ein Bericht aus dem Hotspot 18 der Artenvielfalt.
Als Glazialrelikt wird die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina) bezeichnet, also als Art, die im Zuge einer Eiszeit in unser Gebiet einwanderte und an besonders begünstigten, kühl-feuchten Geröllhalden erhalten blieb. Durch die Bewegung des Schutts und der Dynamik des Gipskarsts, der zur ständigen Erneuerung dieser Halden beiträgt, fand sie zwischen dem späteren Ellrich und dem späteren Cleysingen über viele Jahrtausende hinweg zusagende Lebensbedingungen. Der Alpen-Gänsekresse macht es nichts aus, von ein paar Gipssteinen überrollt zu werden. Ganz im Gegenteil: Dass ist ihr Konkurrenzvorteil gegenüber allen anderen Pflanzenarten. Nur sie kann sich oft bewegenden Gipsschutt besiedeln und sie wird durch dessen Bewegung befördert – sofern es nur kühl und dauerfeucht ist.
Diese drei Bedingungen, beweglicher Gipsschutt, kühl und dauerfeuchtes Umfeld, sollte zur Achillesferse der Art im Konflikt mit der menschlichen Zivilisation in unserem Gebiet werden.
Denn der gesteigerte Gipsabbau ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts drohte das Ende für die Alpen-Gänsekresse im heutigen Landkreis Nordhausen einzuläuten. Ihr Substrat und damit auch jene kühl-feuchten Nischen, von denen sie abhängig ist, wurden und werden bekanntlich zu Baumaterial verarbeitet.
72 Jahre nach ihrer Entdeckung durch Friedrich Wilhelm Wallroth war sie schon fast vernichtet: Die Ellricher Wohnstätte von Arabis alpina ist außerordentlich gefährdet, schrieb der Botaniker August Schulz 1912 in einer Arbeit.
Erste Vernichtung
Dennoch blieb dem einzigen, bis dahin belegten Wuchsort der Art im Gebiet des heutigen Landkreises noch eine jahrzehntelange Galgenfrist: Denn erst am 24. April 1979 wurde er von Mitarbeitern des damaligen VEB Harzer Gipswerke Rottleberode, Werk Ellrich, mit Abraum überschüttet und damit endgültig vernichtet. So schrieb es der Ellricher Lehrer und Artenkenner Kurt Reinhardt 1981. Der Werkleiter musste 100 Mark der DDR als Strafe zahlen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktive Berufsbotaniker der Universität Halle, Dr. Friedrich Ebel und Dr. Stephan Rauschert, sowie lokal tätige Artenkenner, wie Reinhardt, jedoch hatten bereits ab Ende der 60er Jahre versucht, den Südharzer Genotyp der Alpen-Gänsekresse vor der drohenden Vernichtung durch den Gipsabbau zu bewahren. Die Exotik des Eiszeitrelikts beflügelte die Weitsicht der Wissenschaftler.
Zwar konnten sie die Zerstörung des Ellricher Wuchsortes nicht verhindern, die Macht der SED und der regionalen Wirtschaftsfunktionäre war zu groß, sie gewannen jedoch noch rechtzeitig vor der endgültigen Vernichtung Samen, legten Erhaltungskulturen im Botanischen Garten Halle an - und fanden einen geeignet erscheinenden Ersatzstandort für die Alpen-Gänsekresse an anderer Stelle der Südharzer Gipskarstlandschaft im Landkreis Nordhausen.
Zweite Vernichtung
Dort konnte sich die seltene Art die folgenden Jahrzehnte über halten. Um das Jahr 2000 wurde jedoch mit 12 Pflanzen nur noch eine ausgesprochen kleine Individuenzahl am Ersatzwuchsort festgestellt. Erneut drohte die Alpen-Gänsekresse im Südharzer Zechsteinrand zu verschwinden, diesmal durch zunehmende Beschattung durch aufkommende Gehölze. Wahrscheinlich war der Ersatzstandort für die Alpen-Gänsekresse doch nicht hundertprozentig für ihre dauerhafte Sicherung geeignet. Ein immer wieder beobachtetes Phänomen. Das Ursprüngliche ist oft das Bewährte.
Alpen-Gäsekresse (Foto: B. Schwarzberg)
Hier war die Welt für die Alpen-Gänsekresse wenigstens noch ein bisschen in Ordnung: Keine Pilzinfektion und keine ewige Dürre setzten dem arktisch-alpin verbreiteten Relikt an ihrem nach Vernichtung durch den Gipsabbau besiedelten Ersatzswuchsort zu. Aufnahme eines Exemplares vom 01.05.2011
Auflichtungen (Entbuschung) durch den Autor des Beitrages und später ein Projekt unter Federführung des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser brachten auch die notwendige Schuttbewegung wieder in Gang. Arabis alpina breitete sich aus und erreichte 2012 mit geschätzten 400 Rosetten einen neuen Höchststand.
Der zweite Versuch, das Eizeitrelikt für unsere Region und damit für Ostdeutschland zu erhalten, schien zu glücken.
Dritte Vernichtung
Doch der Schein trog: Denn 2013 bedeckten sich die Blattunterseiten der Blätter etwa ab Mai plötzlich mit einem weißlichen, spinnenwebenartigen Belag. Bis August waren die meisten Pflanzen abgestorben. Das war das Werk eines an sich häufigen Phytoparasiten, genannt Albugo candida. Der weißliche Belag bestand aus aus beschädigtem Blattgewebe herausquellenden Pilzfäden.
Auf diesen bestätigten Erstfund des Pilzes auf der Alpen-Gänsekresse in Thüringen hätten wir gern verzichtet, denn er machte das über rund zehn Jahre für den Schutz der Pflanze Erreichte zunichte. - 2014 gab es weniger als 20 Rosetten. Bis 2018 wütete der hochinfektiöse Pilz im Bestand und er erfasste sogar die Nordhäuser Erhaltungskultur, wahrscheinlich durch eigene Unachtsamkeit.
Dass es ausgerechnet die verheerende Dürre von 2018 sein würde, die den Pilz und womöglich seine Dauersporen im Boden abtöten oder zumindest vorläufig dezimieren würden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn oberhalb von rund 25 Grad wiesen neu entwickelnde Blätter der Alpen-Gänsekresse keine weißlichen Beläge mehr auf. Jedoch wurde hier der Teufel mit dem berühmten Belzebub ausgetrieben:
Vierte Vernichtung
Denn die seit Mai 2018 und bis heute fast ununterbrochen anhaltende Dürre nahm auch der auf kühl-feuchte Lebensbedingungen angewiesenen Alpen-Gänsekresse zunehmend die für sie entscheidenden Lebensbedingungen: Ihre über Jahrzehnte ganzjährig kühl-feuchte, von den Botanikern sorgsam ausgewählte Ersatzwohnstätte nach Vernichtung des locus classicus bei Ellrich durch den Gipsabbau trocknete im Laufe des Jahres 2018 erstmals so stark aus, dass die wenigen verbliebenen Pflanzen trockenheitsbedingt abstarben. Erstmals seit (meinem) Beobachtungsbeginn 2003 gab es im Frühjahr 2019 keine wilden Alpen-Gänsekressen mehr in Ostdeutschland. Dies betraf übrigens auch einen zweiten, erst 1980 durch den Ellricher Reinhardt entdeckten, als natürlich angesehenen Wuchsort, der trotz vieler Bemühungen wahrscheinlich ebenso ein Opfer der zunehmenden Hitze- und Dürreperioden geworden sein könnte.
Natürlich war klar, dass es noch Samen irgendwo im Gipsgeröll gab, die, das zeigten eigene Versuche, auch noch nach Jahren keimfähig sind. Andererseits war der Samenvorrat durch die zunehmende Dezimierung des Bestandes der extrem seltenen Art nach 2013 kaum noch aufgefüllt worden.
Das Dilemma war offenkundig: Würde eine überwiegend arktisch-alpin verbreitete Pflanzenart in Zeiten des Klimawandels bei uns im austrocknenden Mitteldeutschland doch noch eine Nische zum Überleben finden?
Prinzipiell ging es auch darum, die seit den 60er Jahren andauernden, und von Botanikergeneration zu Botanikergeneration weitergegebenen Bemühungen trotz der hoffnungslos erscheinenden Entwicklung nicht abreißen zu lassen.
Dass hier ein Abriss drohte, war auch in der Nordhäuser Erhaltungskultur zu beobachten: Die Alpen-Gänsekresse, jetzt auch hier wieder pilzfrei, tolerierte die immer extremere Sonneneinstrahlung und Hitze nicht mehr. 2019 starben die vorläufig letzten Pflanzen in Beetkultur ab. Eine geplante Umpflanzung an eine weniger strahlungsintensive Stelle kam zu spät.
Wiedermal letzte Rettung?
Vielleicht gerade noch rechtzeitig wurde eine fachliche Befürwortung eingeholt: Der wissenschaftlich begründeten Ansiedlung der Alpen-Gänsekresse an einem neuen, dem eventuell letzten geeigneten Biotop des Landkreises, einem auch nach der 2018er Dürre dauerfeuchten Gipsschuttbereich, wurde fachbehördlicherseits gut geheißen.
Letztes geeignetes Biotop klingt simpel: Es handelt sich aber hier um eine ganz besondere, 2018 laufend beobachtete Gipsschuttfläche: Sie war auch nach sechsmonatiger Dürre, im Oktober des Jahres noch gut durchfeuchtet. Und das war und ist in Zeiten der menschgemachten Klimakrise zu etwas wirklich Besonderem geworden. Hierhin wurden im Sommer 2019 mehr als vier Dutzend Jungpflanzen der Alpen-Gänsekresse gepflanzt. Sie waren auf einer schattigen Fensterbank herangezogen worden.
Anfänglich deutete sich leider kein Erfolg des Versuchs an: Die Blätter der Jungpflanzen wurden gelb. Erst nach eineinhalb Monaten ergrünten sie plötzlich, und die kleinen Alpen-Gänsekressen begannen zu wachsen. Anfang September 2019 nun keimt leichter Optimismus auf: Mit etwas Glück könnte die wintergrüne Alpen-Gänsekresse 2020 an ihrem neuen Wuchsort erblühen und so dem Südharz, wie vermutlich seit rund 125.000 Jahren noch ein wenig erhalten bleiben.
Am ersten, vor Jahrzehnten künstlich besiedelten Ersatzwuchsort waren bis September 2019, trotz der neuen, 2019er Dürre, acht Pflanzen zu sehen. Ob sie den Rest des Jahres überleben werden, ist ungewiss. Denn noch immer ist es, wie seit Monaten gewohnt, viel zu trocken. Und was passiert, wenn die Temperaturen wie von Klimaforschern prognostiziert, weiter ansteigen, das steht, wie für alles Lebende auf der Erde, natürlich auch für die Alpen-Gänsekresse noch in den Sternen. In der neuen Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten Thüringens wird Arabis alpina wahrscheinlich von stark gefährdet auf vom Aussterben bedroht hochgestuft werden.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Historische Aufnahme (Foto: Meusel/Archiv Schwarzberg)
Eine historische Aufnahme: Der hallesche Botaniker und spätere Professor Hermann Meusel fotografierte die Alpen-Gänsekresse 1938 am "locus classicus" bei Ellrich, wo sie von Friedrich Wilhelm Wallroth 1840 entdeckt worden war. Hier wurde die Art 1979 durch den Gipsabbau vernichtet. Foto: Meusel
Doch bis heute gibt es erfolgreiche Rettungsaktionen für die exotische Art, die innerhalb Ostdeutschlands nur im Landkreis Nordhausen heimisch ist. Ein Bericht aus dem Hotspot 18 der Artenvielfalt.
Als Glazialrelikt wird die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina) bezeichnet, also als Art, die im Zuge einer Eiszeit in unser Gebiet einwanderte und an besonders begünstigten, kühl-feuchten Geröllhalden erhalten blieb. Durch die Bewegung des Schutts und der Dynamik des Gipskarsts, der zur ständigen Erneuerung dieser Halden beiträgt, fand sie zwischen dem späteren Ellrich und dem späteren Cleysingen über viele Jahrtausende hinweg zusagende Lebensbedingungen. Der Alpen-Gänsekresse macht es nichts aus, von ein paar Gipssteinen überrollt zu werden. Ganz im Gegenteil: Dass ist ihr Konkurrenzvorteil gegenüber allen anderen Pflanzenarten. Nur sie kann sich oft bewegenden Gipsschutt besiedeln und sie wird durch dessen Bewegung befördert – sofern es nur kühl und dauerfeucht ist.
Diese drei Bedingungen, beweglicher Gipsschutt, kühl und dauerfeuchtes Umfeld, sollte zur Achillesferse der Art im Konflikt mit der menschlichen Zivilisation in unserem Gebiet werden.
Denn der gesteigerte Gipsabbau ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts drohte das Ende für die Alpen-Gänsekresse im heutigen Landkreis Nordhausen einzuläuten. Ihr Substrat und damit auch jene kühl-feuchten Nischen, von denen sie abhängig ist, wurden und werden bekanntlich zu Baumaterial verarbeitet.
72 Jahre nach ihrer Entdeckung durch Friedrich Wilhelm Wallroth war sie schon fast vernichtet: Die Ellricher Wohnstätte von Arabis alpina ist außerordentlich gefährdet, schrieb der Botaniker August Schulz 1912 in einer Arbeit.
Erste Vernichtung
Dennoch blieb dem einzigen, bis dahin belegten Wuchsort der Art im Gebiet des heutigen Landkreises noch eine jahrzehntelange Galgenfrist: Denn erst am 24. April 1979 wurde er von Mitarbeitern des damaligen VEB Harzer Gipswerke Rottleberode, Werk Ellrich, mit Abraum überschüttet und damit endgültig vernichtet. So schrieb es der Ellricher Lehrer und Artenkenner Kurt Reinhardt 1981. Der Werkleiter musste 100 Mark der DDR als Strafe zahlen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktive Berufsbotaniker der Universität Halle, Dr. Friedrich Ebel und Dr. Stephan Rauschert, sowie lokal tätige Artenkenner, wie Reinhardt, jedoch hatten bereits ab Ende der 60er Jahre versucht, den Südharzer Genotyp der Alpen-Gänsekresse vor der drohenden Vernichtung durch den Gipsabbau zu bewahren. Die Exotik des Eiszeitrelikts beflügelte die Weitsicht der Wissenschaftler.
Zwar konnten sie die Zerstörung des Ellricher Wuchsortes nicht verhindern, die Macht der SED und der regionalen Wirtschaftsfunktionäre war zu groß, sie gewannen jedoch noch rechtzeitig vor der endgültigen Vernichtung Samen, legten Erhaltungskulturen im Botanischen Garten Halle an - und fanden einen geeignet erscheinenden Ersatzstandort für die Alpen-Gänsekresse an anderer Stelle der Südharzer Gipskarstlandschaft im Landkreis Nordhausen.
Zweite Vernichtung
Dort konnte sich die seltene Art die folgenden Jahrzehnte über halten. Um das Jahr 2000 wurde jedoch mit 12 Pflanzen nur noch eine ausgesprochen kleine Individuenzahl am Ersatzwuchsort festgestellt. Erneut drohte die Alpen-Gänsekresse im Südharzer Zechsteinrand zu verschwinden, diesmal durch zunehmende Beschattung durch aufkommende Gehölze. Wahrscheinlich war der Ersatzstandort für die Alpen-Gänsekresse doch nicht hundertprozentig für ihre dauerhafte Sicherung geeignet. Ein immer wieder beobachtetes Phänomen. Das Ursprüngliche ist oft das Bewährte.
Alpen-Gäsekresse (Foto: B. Schwarzberg)
Hier war die Welt für die Alpen-Gänsekresse wenigstens noch ein bisschen in Ordnung: Keine Pilzinfektion und keine ewige Dürre setzten dem arktisch-alpin verbreiteten Relikt an ihrem nach Vernichtung durch den Gipsabbau besiedelten Ersatzswuchsort zu. Aufnahme eines Exemplares vom 01.05.2011Auflichtungen (Entbuschung) durch den Autor des Beitrages und später ein Projekt unter Federführung des Landschaftspflegeverbandes Südharz-Kyffhäuser brachten auch die notwendige Schuttbewegung wieder in Gang. Arabis alpina breitete sich aus und erreichte 2012 mit geschätzten 400 Rosetten einen neuen Höchststand.
Der zweite Versuch, das Eizeitrelikt für unsere Region und damit für Ostdeutschland zu erhalten, schien zu glücken.
Dritte Vernichtung
Doch der Schein trog: Denn 2013 bedeckten sich die Blattunterseiten der Blätter etwa ab Mai plötzlich mit einem weißlichen, spinnenwebenartigen Belag. Bis August waren die meisten Pflanzen abgestorben. Das war das Werk eines an sich häufigen Phytoparasiten, genannt Albugo candida. Der weißliche Belag bestand aus aus beschädigtem Blattgewebe herausquellenden Pilzfäden.
Auf diesen bestätigten Erstfund des Pilzes auf der Alpen-Gänsekresse in Thüringen hätten wir gern verzichtet, denn er machte das über rund zehn Jahre für den Schutz der Pflanze Erreichte zunichte. - 2014 gab es weniger als 20 Rosetten. Bis 2018 wütete der hochinfektiöse Pilz im Bestand und er erfasste sogar die Nordhäuser Erhaltungskultur, wahrscheinlich durch eigene Unachtsamkeit.
Dass es ausgerechnet die verheerende Dürre von 2018 sein würde, die den Pilz und womöglich seine Dauersporen im Boden abtöten oder zumindest vorläufig dezimieren würden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn oberhalb von rund 25 Grad wiesen neu entwickelnde Blätter der Alpen-Gänsekresse keine weißlichen Beläge mehr auf. Jedoch wurde hier der Teufel mit dem berühmten Belzebub ausgetrieben:
Vierte Vernichtung
Denn die seit Mai 2018 und bis heute fast ununterbrochen anhaltende Dürre nahm auch der auf kühl-feuchte Lebensbedingungen angewiesenen Alpen-Gänsekresse zunehmend die für sie entscheidenden Lebensbedingungen: Ihre über Jahrzehnte ganzjährig kühl-feuchte, von den Botanikern sorgsam ausgewählte Ersatzwohnstätte nach Vernichtung des locus classicus bei Ellrich durch den Gipsabbau trocknete im Laufe des Jahres 2018 erstmals so stark aus, dass die wenigen verbliebenen Pflanzen trockenheitsbedingt abstarben. Erstmals seit (meinem) Beobachtungsbeginn 2003 gab es im Frühjahr 2019 keine wilden Alpen-Gänsekressen mehr in Ostdeutschland. Dies betraf übrigens auch einen zweiten, erst 1980 durch den Ellricher Reinhardt entdeckten, als natürlich angesehenen Wuchsort, der trotz vieler Bemühungen wahrscheinlich ebenso ein Opfer der zunehmenden Hitze- und Dürreperioden geworden sein könnte.
Natürlich war klar, dass es noch Samen irgendwo im Gipsgeröll gab, die, das zeigten eigene Versuche, auch noch nach Jahren keimfähig sind. Andererseits war der Samenvorrat durch die zunehmende Dezimierung des Bestandes der extrem seltenen Art nach 2013 kaum noch aufgefüllt worden.
Das Dilemma war offenkundig: Würde eine überwiegend arktisch-alpin verbreitete Pflanzenart in Zeiten des Klimawandels bei uns im austrocknenden Mitteldeutschland doch noch eine Nische zum Überleben finden?
Prinzipiell ging es auch darum, die seit den 60er Jahren andauernden, und von Botanikergeneration zu Botanikergeneration weitergegebenen Bemühungen trotz der hoffnungslos erscheinenden Entwicklung nicht abreißen zu lassen.
Dass hier ein Abriss drohte, war auch in der Nordhäuser Erhaltungskultur zu beobachten: Die Alpen-Gänsekresse, jetzt auch hier wieder pilzfrei, tolerierte die immer extremere Sonneneinstrahlung und Hitze nicht mehr. 2019 starben die vorläufig letzten Pflanzen in Beetkultur ab. Eine geplante Umpflanzung an eine weniger strahlungsintensive Stelle kam zu spät.
Wiedermal letzte Rettung?
Vielleicht gerade noch rechtzeitig wurde eine fachliche Befürwortung eingeholt: Der wissenschaftlich begründeten Ansiedlung der Alpen-Gänsekresse an einem neuen, dem eventuell letzten geeigneten Biotop des Landkreises, einem auch nach der 2018er Dürre dauerfeuchten Gipsschuttbereich, wurde fachbehördlicherseits gut geheißen.
Letztes geeignetes Biotop klingt simpel: Es handelt sich aber hier um eine ganz besondere, 2018 laufend beobachtete Gipsschuttfläche: Sie war auch nach sechsmonatiger Dürre, im Oktober des Jahres noch gut durchfeuchtet. Und das war und ist in Zeiten der menschgemachten Klimakrise zu etwas wirklich Besonderem geworden. Hierhin wurden im Sommer 2019 mehr als vier Dutzend Jungpflanzen der Alpen-Gänsekresse gepflanzt. Sie waren auf einer schattigen Fensterbank herangezogen worden.
Anfänglich deutete sich leider kein Erfolg des Versuchs an: Die Blätter der Jungpflanzen wurden gelb. Erst nach eineinhalb Monaten ergrünten sie plötzlich, und die kleinen Alpen-Gänsekressen begannen zu wachsen. Anfang September 2019 nun keimt leichter Optimismus auf: Mit etwas Glück könnte die wintergrüne Alpen-Gänsekresse 2020 an ihrem neuen Wuchsort erblühen und so dem Südharz, wie vermutlich seit rund 125.000 Jahren noch ein wenig erhalten bleiben.
Am ersten, vor Jahrzehnten künstlich besiedelten Ersatzwuchsort waren bis September 2019, trotz der neuen, 2019er Dürre, acht Pflanzen zu sehen. Ob sie den Rest des Jahres überleben werden, ist ungewiss. Denn noch immer ist es, wie seit Monaten gewohnt, viel zu trocken. Und was passiert, wenn die Temperaturen wie von Klimaforschern prognostiziert, weiter ansteigen, das steht, wie für alles Lebende auf der Erde, natürlich auch für die Alpen-Gänsekresse noch in den Sternen. In der neuen Roten Liste gefährdeter Pflanzenarten Thüringens wird Arabis alpina wahrscheinlich von stark gefährdet auf vom Aussterben bedroht hochgestuft werden.
Bodo Schwarzberg


