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Fr, 08:03 Uhr
05.04.2019
Berichte aus den Hotspots der Artenvielfalt 18 und 19

Erdhaufen im Naturschutzgebiet Alter Stolberg

Viel ist von der großen Artenvielfalt im Gebiet des Südharzer Zechsteinrandes die Rede. Gern wird sie von Politikern hervorgehoben. Viele Arten jedoch sind längst verschwunden, sie fallen logischerweise, und das ist recht bequem, niemandem mehr auf. Bodo Schwarzberg hat sich in den "Hotspots der Artenvielfalt" auf die Suche gemacht...

Schon oft haben wir über Ablagerungen von Müll, über die Beschädigung von eigentlich per Gesetz geschützten Teilen unserer Landschaft, über die fehlende, für den Artenschutz aber so wichtige Kontinuität der Landschaftspflege aber auch über das gelegentliche, verdrängende Schweigen eigentlich verantwortlicher Institutionen zu unbequemen Themen im ökologischen Bereich berichtet.

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In diesem Beitrag geht es um die Ablagerung von bodenartigem Schüttgut im Naturschutzgebiet Alter Stolberg. Am Singerberg unweit von Buchholz wurden diese Ablagerungen von mir erst vor wenigen Tagen gesehen.

Sie ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Die Haufen befinden sich an einem Wegrand, der durch ungeeignete Pflegemaßnahmen (Stickstoffeintrag durch Kuhfladen in Verbindung mit Bodenverwundungen) die Ansiedlung des invasiven Neophyten Orientalische Zackenschote (Bunias orientalis) begünstigt. Mittlerweile beeinträchtigt die Art bereits die Schutzfunktion der angrenzenden Trocken- und Halbtrockenrasen.

Ein einzelnes Exemplar des invasiven Neophyten hat sich den Stierbergteich bei Sophienhof zu seiner Heimat erkoren. Im Jahre 2014 hatte die Orientalische Zackenschote die naturnahe Ufervegetation noch nicht verdängt (Foto: Bodo Schwarzberg) Ein einzelnes Exemplar des invasiven Neophyten hat sich den Stierbergteich bei Sophienhof zu seiner Heimat erkoren. Im Jahre 2014 hatte die Orientalische Zackenschote die naturnahe Ufervegetation noch nicht verdängt (Foto: Bodo Schwarzberg)
Ein einzelnes Exemplar des invasiven Neophyten hat sich den Stierbergteich bei Sophienhof zu seiner Heimat erkoren. Im Jahre 2014 hatte die Orientalische Zackenschote die naturnahe Ufervegetation noch nicht verdängt.

Die eigentlich aus Südeuropa stammende Zackenschote dringt randlich immer weiter in das Naturschutzgebiet vor. Sie wurde mutmaßlich durch menschliche Aktivitäten in Mitteleuropa verbreitet. Dies geschieht vor allem durch die Verfrachtung ihrer Samen oder Wurzelstücke mit Bodenmaterial. Denn die Früchte der Art sind relativ schwer und werden von Wind oder von Tieren allein kaum verbreitet.

Hinzu kommt, dass die Zackenschote viel schneller als heimische Arten in der Lage ist, loses Bodenmaterial zu besiedeln. Sie hat eine sehr lange Pfahlwurzel und kann mit ihr, das war im Dürrejahr 2018 gut zu beobachten, auch lange trockene Phasen zu ihrem Vorteil nutzen. Das entfernt an Raps erinnernde Kreuzblütengewächs dürfte ein Gewinner des Klimawandels sein. Es kann zudem zweimal im Jahr blühen und dementsprechend zweimal jährlich große Mengen Samen produzieren. Auf frischen Erdhaufen, wie sie am Singerberg abgekippt wurden, findet die Art geradezu paradiesische Keimbedingungen vor. Ihre Bekämpfung hingegen ist schwierig, teuer, und sie braucht Stehvermögen über Jahre.

Die in der Nähe des Singerberggipfels im Naturschutzgebiet Alter Stolberg an einem Wegrand illegal abgekippten Erdhaufen begünstigen u.a. die weitere Ausbreitung des dort bereits siedelnden invasiven Neophyten Orientalische Zackenschote (Bunia orientalis). Dieser stellt zusätzlich zu den schon bestehenden Beeinträchtigungen einen weiteren negativen Einflussfaktor dar. (Foto: Bodo Schwarzberg) Die in der Nähe des Singerberggipfels im Naturschutzgebiet Alter Stolberg an einem Wegrand illegal abgekippten Erdhaufen begünstigen u.a. die weitere Ausbreitung des dort bereits siedelnden invasiven Neophyten Orientalische Zackenschote (Bunia orientalis). Dieser stellt zusätzlich zu den schon bestehenden Beeinträchtigungen einen weiteren negativen Einflussfaktor dar. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Die in der Nähe des Singerberggipfels im Naturschutzgebiet Alter Stolberg an einem Wegrand illegal abgekippten Erdhaufen begünstigen u.a. die weitere Ausbreitung des dort bereits siedelnden invasiven Neophyten Orientalische Zackenschote (Bunia orientalis). Dieser stellt zusätzlich zu den schon bestehenden Beeinträchtigungen einen weiteren negativen Einflussfaktor dar.

Die leuchtend hellgelb blühende Art produziert zwar reichlich Nektar und wird gern von Insekten besucht, Ökologen befürchten aber, dass die zunehmende Dominanz des Kreuzblütengewächses die überlebenswichtige Bestäubung heimischer Wildpflanzen hemmen könnte. -Denn: Haben Bienen genug Nektar gesammelt; warum sollten sie noch nach anderen Blüten suchen?

Die Orientalische Zackenschote ist also, ebenso wie andere invasive Arten, ein gutes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn verschiedene negative menschliche Einflüsse ungehindert gemeinsam wirken: globale Transporte, Beeinträchtigung von Biotopen, Klimawandel, fehlende strategische Konzepte zur Beseitigung eintretender Schäden, Untätigkeit.

Damit sind die eingangs erwähnten Ablagerungen im Naturschutzgebiet Alter Stolberg gleich in mehrfacher Hinsicht schädlich. Hinzu kommt übrigens noch die Überdeckung der eigentlich im Naturschutzgebiet zu schützenden Vegetation der Trocken- und Halbtrockenrasen durch die Erdhaufen, welche ja schon durch die schleichende Verbuschung (z.B. durch sie sich vegetativ trotz gelegentlicher Entbuschung ausbreitende Schlehe) und die Nährstoffanreicherung beeinträchtigt sind.

Auch im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz breitet sich die invasive Art auf Weideflächen immer weiter aus und beeinträchtigt schutzbedürftige Pflanzengesellschaften, hier am Weg von der Straße Krimderode-Rüdigsdorf in Richtung Winkelberg. (Foto: Bodo Schwarzberg) Auch im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz breitet sich die invasive Art auf Weideflächen immer weiter aus und beeinträchtigt schutzbedürftige Pflanzengesellschaften, hier am Weg von der Straße Krimderode-Rüdigsdorf in Richtung Winkelberg. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Auch im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz breitet sich die invasive Art auf Weideflächen immer weiter aus und beeinträchtigt schutzbedürftige Pflanzengesellschaften, hier am Weg von der Straße Krimderode-Rüdigsdorf in Richtung Winkelberg.

Denn mit ihren großen, langlebigen Rosetten ist die Orientalische Zackenschote gegenüber heimischen Arten sehr konkurrenzstark. Der eigentlich dort vorherrschende und zu schützende Biotoptyp, ein Mosaik aus Trocken- und Halbtrockenrasen, wird von ihren schnell wachsenden Beständen im Handumdrehen überwuchert.

Die Art breitet sich fast überall im Offenland aus: Selbst von den Zorgebrücken in Nordhausen aus sieht man stellenweise schon die gelben, von tausenden Zackenschotenblüten verursachten Schleier entlang des Flussufers. Mitten im Harz, also in vermeintlich naturnaher Umgebung, konnte ich sie am Stierbergteich bei Sophienhof entdecken.

Es gibt also viele Argumente dafür, die Erdhaufen am Singerberg zu entfernen und zu den bereits bestehenden negativen Einflüssen auf das Naturschutzgebiet keine weiteren hinzukommen zu lassen. Zudem sollte der Ausbreitung der Art gerade in unseren Naturschutzgebieten nicht weiter tatenlos zugesehen werden.

Übrigens sind alle Maßnahmen eigentlich verboten, die die Schutzfunktion dieser Refugien beeinträchtigen. Die Untere Naturschutzbehörde wird informiert.
Bodo Schwarzberg
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