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Sa, 08:29 Uhr
15.09.2001

JS-special: Nach Art des Hauses?

Nordhausen (nnz). Eine Pressemitteilung aus dem Landratsamt Nordhausen regt zum Nachdenken über die Wirtschaft im Osten Deutschlands an. Die Mitteilung kommt aus dem Büro des Landrats und befasst sich mit dem Entschluss des Hauses Reemtsma, den Standort Nordhausen aufzugeben.


Es mag politisch und menschlich verständlich sein, wenn die Entscheidung des Reemtsma-Konzerns, von der Landesregierung angefangen, bei Landratsamt, der Stadtverwaltung, den Gewerkschaften und schließlich und vor allem bei den Betriebsangehörigen auf Unverständnis und Widerstand stößt. Wenn aber über dieser Entscheidung wieder einmal der Aufschwung Ost ins Gespräch gebracht wird, dann stellt sich elf Jahre nach der Wende schon die Frage, ob es sich - im Gegensatz zu den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung - bei der Reaktion auf wirtschaftspolitische und unternehmerische Entscheidungen noch um Verbitterung über deren Auswirkungen handelt, oder ob es nicht langsam Selbstmitleid ist, was da zum Ausdruck kommt.

Wenn man den Entschluss des Vorstands des Reemtsma-Konzerns mit politischen Motiven unterlegt, dann mag die Frage erlaubt sein, was wohl die Triebfeder der Firma Brandt in Hagen/Westfalen (Zwieback) war, ihr dortiges Werk aufzugeben, mehr als 400 Arbeitnehmer abzufinden, um einen neuen Standort im Thüringischen Ohrdruf zu gründen? Sollte da auch etwas aus politischen Überlegungen „plattgemacht“ werden, oder waren es nicht einfach die höheren Fördermittel, die man in Ostdeutschland bietet? Beispiele dieser Art gibt es inzwischen genügend. Und alle zeigen nur, dass es Konzernleitungen nicht um politische Entscheidungen geht, sondern um wirtschafts- und unternehmensorientierte. Für Unternehmen hat nicht die Frage des Schicksals von Arbeitnehmern oder politische Auswirkungen primäres Interesse, sondern dann schon eher die Überlegung, ob man seine Entscheidungen gegenüber den Aktionären begründen und rechtfertigen kann. Und deren gibt es ja inzwischen sogar in Arbeitnehmerkreisen schon recht viele. Wodurch auch die kapitalistischen Pfeile ihre Zielscheibe verloren haben.

Die Beispiele Reemtsma oder auch Brandt zeigen aber auch, dass das Problemfeld viel komplexer ist als man das offenbar wahrhaben möchte. Es lässt aber auch erkennen, dass Unternehmensentscheidungen und politische Vorstellungen im Grunde nichts miteinander zu tun haben. Das scheint man hierzulande zwar noch immer anders zu sehen, wird aber irgendwann zu dieser Einsicht führen müssen. Die bevorstehende Osterweiterung könnte einiges dazu beitragen. Man kann natürlich eine Verbindung schaffen, die auch einen Namen hat: Fördermittel. Ein so begründeter Standort aber wird nie zu Aspekten traditioneller oder sozialer Art führen oder derartige Verantwortlichkeiten oder gar Verpflichtungen mit sich bringen. Die gesamte bisherige Geschichte des Aufbaues Ost beweist es.

Man kann darüber noch so viel diskutieren, im Grunde kann es eigentlich nur zu einem Ergebnis führen, wenn man den weiteren Aufbau Ost von einem solchen Argwohn wie oben erwähnt abkoppeln will: Auf derartige Konstellationen verzichten, sich auf die eigenen Potentiale besinnen und das Ruder der Wirtschaftsentwicklung selbst in die Hand nehmen. Dann ist man auch unter sich, wie man das schon lange bei der Auftragsvergabe fordert. („Aufträge müssen in der Region bleiben“.)

In der jüngsten Versammlung des Nordhäuser Wirtschaftsrates der CDU im Landgasthof Bielen - der bisher farblosesten übrigens - deutete der Sprecher der LEG, Reinhold Stanitzek, eine solche Besinnung an. Der Berichterstatter wollte in der Diskussion konkreter wissen, was damit gemeint sei und wie er die regionale Wirtschaftsförderung einschätze. Stanitzek wich mit dem Bemerken aus, dass er sich nicht in die regionale Problematik einmischen werde. Es scheint indessen an der Zeit, sich einzumischen und sich zu besinnen. Firmen wie zum Beispiel Mühl, Intershop oder - im lokalen Bereich - Interlogistic zeigen, dass dies möglich ist. Stattdessen hofft man auf die Fertigstellung der Autobahn und damit verbunden auf viele Investoren aus den alten Bundesländern und sonst woher. Und beklagt, wenn keine kommen oder sich mit Fördermitteln ködern lassen und sich dann so verhalten wie im Moment der Reemtsma-Konzern. Und schon zahlreiche vor ihm.

Es wäre übrigens interessant gewesen, wenn die Betriebsangehörigen dieses Unternehmens in Nordhausen das Angebot einer Umsetzung nach Hannover oder Berlin allesamt angenommen hätten. Vermutlich wäre die Konzernleitung in erhebliche Schwierigkeiten gekommen, denn so ernst war es wohl gar nicht gemeint.
Autor: nnz

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