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Fr, 07:02 Uhr
25.01.2019
nnz-Forum

Primas argumentiert weltfremd

In zwei Interviewteilen veröffentlichte die nnz die Meinung des CDU-Agrar-, Jagd- und Waldexperten Egon Primas. Dazu eine Entgegnung von Bodo Schwarzberg...


29 Jahre sitzt Egon Primas nach eigenen Worten nun schon im Thüringer Landtag. Und auch schon in der DDR war er, unter gänzlich anderem gesellschaftlichen Vorzeichen, politisch aktiv. Ideologische Dogmen sind ihm also nicht fremd. Rund 25 Jahre hatte die von der SED geläuterte CDU nach der Wende das Sagen in Erfurt, Primas war in vorderster Front mit dabei.

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Wenn er nun ein Loblied auf die Agrar-, Naturschutz- und Waldpolitik seiner Partei singt, muss gegengehalten werden.

Ich selbst weiß als Botaniker und aktiver Artenschützer, welchen Scherbenhaufen uns all die CDU-Landesregierungen in Sachen Naturschutz hinterlassen haben. Zwar wurden auch im Landkreis Nordhausen mehrere Naturschutzgebiete ausgewiesen, deren Schutzgebietsverordnungen jedoch blieben weitestgehend Makulatur, d. h. papiergewordene Politik zum an die Wand nageln.

Verbuschung traditioneller Schafhutungen ohne Ende, der dies verursachende geradezu apokalyptische Niedergang der Schafhaltung und eine nie dagewesene Industrialisierung der Landwirtschaft. Artenrückgang wie er in der DDR kaum bekannt war. All das ungebremst, vielleicht mal kritisiert, aber aufgrund der Marktzwänge natürlich nicht gestoppt.

Dass der frühere so genannte und auch nur auf dem Papier stehende CDU-Umweltminister Reinholz einen in Afrika Elefanten jagenden Oberbeamten für einen zehntausende Dollar teuren Abschuss verteidigte, ist hoffentlich mit der Waidmannsehre eines Egon Primas nicht vereinbar. Näheres weiß man aber nicht.

Zumindest äußerte er im nnz-Interview wörtlich oder sinngemäß über den in Thüringen wieder heimischen Wolf: „Seine Existenz ist mir zuwider.“ Einem auch nur halbwegs ökologisch gebildeten Waidmann würde ich derartige Fehlschüsse eigentlich nicht zutrauen, da dieser ja wissen müsste, dass der Wolf ein ganz natürlicher Vertreter unserer mitteleuropäischen Waldfauna ist. Dass er wieder einwandert, ist also, im Gegensatz zu Primas‘ Argumentation nicht unnormal. Den Wolf erneut auszurotten, demzufolge unnatürlich.

Egon Primas sollte seinen Jagdschein, der ja auch auf Naturwissen beruht, überdenken.

Wenn er sich für den Schutz von Mensch und Vieh vor dem Wolf engagiert, so ist das blanker Populismus. Der Wolf hat in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren nicht einem Menschen auch nur ein Haar gekrümmt. In dieser Zeit kamen aber niedrig gerechnet rund 60.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben und Dutzende wurden durch Unfälle mit Hunden verletzt oder getötet. Stimmen da die Relationen von Primas argumentativem Widerstand gegen den Wolf?

Der Wiedersinn von seiner Argumentation wird noch deutlicher, wenn man die extrem geringe Zahl von nachgewiesenermaßen weniger als zehn Menschen betrachtet, die seit dem 2. Weltkrieg in ganz Europa Opfer von Wolfsangriffen wurden. – Primasscher Populismus.

Es geht ihm um nicht mehr und nicht weniger als um den Dogmatismus des Waidmannes, der neben sich keinen anderen Vertilger duldet.

Dass das vom Wolf angegriffene Weidevieh ein Problem ist, steht außer Frage. Wölfe die sich auf dieses spezialisieren, gehören abgeschossen. Das heißt aber nicht, dass die gesamte Spezies Wolf zu verdammen ist. Ein Land der superreichen Jäger und der exorbitanten Steuerverschwender wird wohl in der Lage sein, das Weidevieh mit entsprechenden Zäunen oder gut ausgebildeten Hütehunden zu schützen.

Statt mit Ausrottung zu drohen, sollte sich Primas an EU-Ländern wie Rumänien, Bulgarien aber auch dem Nicht EU-Land Russland orientieren, wo es immer Wölfe gab, aber auch sehr viel Weidevieh. Und beides bis heute ganz selbstverständlich nebeneinander.

An anderer Stelle beklagt Egon Primas das Insekten- und Vogelsterben und die Ideologisierung der Massentierhaltung. Dabei dürfte er doch in 29 Jahren als Agrarexperte im Thüringer Landtag am besten wissen, warum es so gekommen ist. Daher sollte er nicht von der das Problem angeblich heilenden Wirkung der Blühstreifen schwadronieren und die Pflügerei, am besten über jeden Feldweg hinweg, beklagen.

Die CDU tat gegen die Ausräumung unserer Landschaft auf Landes- und auf Bundesebene in all den Jahrzehnten ihrer Herrschaft schlichtweg nichts. Dem ewigen Wachstum verpflichtet, sorgt sie für milliardenschwere Subventionen der industriellen Landwirtschaft, die sich am Tropf der Lebensmittelspekulanten an der Börsen befindet und natürlich an dem des mit Billigfleisch umworbenen Verbrauchers.

Das lieber Herr Primas, sind die wahren Schuldigen, und natürlich der Lobbyismus der CDU, die enge Verzahnung der Politik mit der Agrarwirtschaft, die der Biodiversität zusetzt. Sie werden der letzte sein, der gegen diese Strukturen etwas unternimmt. Und natürlich gehen Sie darauf nicht ein.

Und schließlich ist da noch der deutsche Wald, der leidende, der Ihnen Sorgen bereitet. Sie wenden sich gegen ein aus der Bewirtschaftung nehmen von, ich glaube 1.000 Hektar und Sie beklagen den schlimmen Zustand der Thüringer Wälder nach Orkanen und Dürre.

Der Klimawandel aber ist bereits seit den 70er Jahren bekannt. Jetzt beklagen Sie erste deutlichere Auswirkungen mit all ihren auch wirtschaftlichen Konsequenzen? Wollen Sie mit einer solchen Herangehensweise zukunftsfähige Politik beweisen?

Die Politik, sehr geehrter Herr Primas, verschläft das globale Problem des Klimawandels mit all seinen schrecklichen ökologischen, ökonomischen und menschlichen Auswirkungen. Kognitive Dissonanz lautet das Fachwort aus der Psychologie dafür. Opfer aber sind wir alle bis hin zur Demokratie.

Ein Wald, der in nur sagen wir 100 Jahren, wie auf Grund ungehemmter Wachstums- und Emissionsmanie prognostiziert, mehrere Grad zunehmende Durchschnittstemperatur verkraften muss: Wie wollen Sie den denn fitmachen?

Es ist völlig klar, dass immer mehr Bevölkerungsteile sehen, dass den heute Verantwortlichen die Lösung der vielen von ihnen selbst geschaffenen und zugleich nicht gelösten Probleme entgleitet. 29 Jahre im Landtag haben auch bei Egon Primas zu keinem Erkenntnisgewinn geführt.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
sima
25.01.2019, 07:37 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB
Tobias Becker
25.01.2019, 10:30 Uhr
Faktencheck...
- seit 2010 gibt es in Ostdeutschland mehr Betriebe als vorher und die Größe der landw. Betriebe, auch hier vor Ort, hat seit der Wende abgenommen. Von Industrialisierung (wohl eher in der DDR) kann also keine Rede sein.
- die Landwirtschaft wird zwangsläufig immer "industrieller" je mehr sich alle einmischen und vorschreiben wie der Bauer sein Land zu bewirtschaften hat ohne ihm zuzutrauen, dass er mit seiner Existenzgrundlage vernünftig umgeht. Warum? Weil sich kleine Betriebe der Flut an Bürokratie, Vorschriften und Reglementrierungen nicht mehr hingeben wollen und können. Der Schuss geht also, wie bei der Mietpreisbremse, nach hinten los.
- der Wolf wird sich aus purer Verzweifelung dem Menschen nähern müssen - wir sind hier nicht in Russland oder Rumänien wo er großräumige Rückzugsgebiete hat.
- Zäune und Hütehunde bringen nicht annähernd das was man sich davon verspricht und ist in der Praxis überhaupt nicht durchsetzbar.
- das Waldsterben wird schon seit über 30 Jahren von den Grünen populistisch prophezeit. Heute gibt es in D mehr Wald. Den Wald aber (und den Borkenkäfer) sich selbst zu überlassen wie in Teilen des Harz ist ein Schande - wir lassen es hier verrotten, geben dem Borkenkäfer beste Bedingungen um sich auszubreiten und zu Recht kann man hier von einer Gefahr für den Wald sprechen.
harzwj
25.01.2019, 15:18 Uhr
warum eigentlich nicht,
sehr geehrter Herr Bodo Schwarzberg, habe ich Sie noch auf keiner öffentlichen Veranstaltung erlebt bei der ich anwesend sein durfte, auf der Sie ihre Gedanken darlegen und mit Sachargumenten hätten streiten können? Hat Ihnen ihr derzeitiger Arbeitgeber dazu nicht die Möglichkeit gegeben?
Ich und nicht nur ich nehme Ihre sehr interessanten Beiträge, wie auch den jetzigen zu Herrn Primas mit einigem Nachdenken zu Ihrer Person und "Ihren Auffassungen zum Leben" in einer Kulturlandschaft in der wir nunmal leben zur Kenntnis.
Ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten:
Wenn Sie als Mitglied des BUND keine Unterstützung dazu erhalten, im Nordhäuser Bürgersaal zu einem Forum einzuladen, wo Sie ihre Positionen vortragen können und damit Auge in Auge mit Andersdenkenden, aus der Industrie, der Land- und Forstwirtschaft usw. in einen Sachdialog treten können, ich unterstütze Sie gern.
Laden Sie mit Hilfe der NNZ dazu ein. Ich bin gespannt, sehr geehrter Herr Schwarzberg, ob Sie als ehemaliger Inhaber des "Verlag Bodo Schwarzberg" dazu den Mut haben.
Mit freundlchen Grüßen aus Sophienhof
Wolfgang Jörgens
In Ihrem Band "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregin" auf Seite 508 vorgestellt. Dies nur, für den Fall, dass Sie sich nicht an mich erinnern sollten.
Denn, als ich Sie vor Jahren (Tag und Uhrzeit und die Tätigkeit bei der ich Sie angesprochen habe, könnte ich Ihnen nennen) persönlich angesprochen habe und um Hilfe ihrerseits als den Fachmann für Natur und Ökologie bat, haben Sie geantwortet: "Sie sehen doch, dass ich frühstücke", Sie waren tatsächlich gerade bei Ihrer Fesper.
Meiner Bitte haben Sie nicht entsprochen. Warum eigentlich nicht? Scheuen Sie den direkten Sachdialog?
Oder haben Sie dazu keine Zeit?
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