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Sa, 16:30 Uhr
22.09.2018
erstes Cricket-Match in Nordhausen

Entschleunigter Sport-Krimi in Krimderode

Auf dem Sportplatz in Krimderode konnte man heute Nachmittag eine Premiere erleben. Zum ersten Cricket-Match auf Nordhäuser Boden hatte sich sogar ministerieller Besuch angekündigt. Wer da gespielt hat und wie der englische Traditionssport eigentlich funktioniert, das hat die nnz erfahren...

Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Wer Cricket spielt oder einem Match zusehen will, der braucht Geduld. Viel Geduld. Bis zu fünf Tage kann ein Aufeinandertreffen internationaler Spitzenmannschaften dauern, die indische Nationalmannschaft weilte jüngst ganze drei Monate in Großbritannien um insgesamt fünf Partien gegen die Gastgeber auszutragen.

Gar so lang ging das Spiel heute in Krimderode nicht, für Amateurmannschaften gibt es nach 300 Jahren Circket-Geschichte auch andere Regelwerke, die ein etwas strafferes Spiel ermöglichen, erzählt Brian Mantle, Chef des deutschen Cricketverbandes. Sein Sport findet zunehmend mehr Freunde, als er vor sieben Jahren den Vorsitz über die deutsche Szene übernahm, da gab es deutschlandweit 50 Vereine und 70 Mannschaften, heute sind es 149 Vereine mit 370 Mannschaften, erzählt der gebürtige Engländer.

Zwei davon gibt es jetzt auch in Thüringen, eine aus Jena und eine aus Nordhausen. Auf dem Sportplatz des TSG Krimderode trafen sie heute erstmals aufeinander. Auf dem Spielfeld stehen dabei aktuell noch vor allem Zugewanderte, zumeist aus Afghanistan. Deutsche seien noch schwer für den Sport zu begeistern, erzählt Mantle, hier sei man von Sportarten wie Hand- oder Fußball schnelleres gewohnt.

Andernorts hat man die Liebe zum Cricket schon lange entdeckt. Während das Spiel in Großbritannien bis heute ein Art Eliten-Sport ist, ist Cricket in vielen ehemaligen Kolonien der Briten vielerorts Volkssport geworden.

Nordhausens erste Cricket-Mannschaft (Foto: Angelo Glashagel)
In einem Spiel treten zwei Mannschaften à 11 Spielern gegeneinander an. Auf dem Feld stehen jeweils ein Duo aus Schlagmännern sowie die gesamte gegnerische Mannschaft. Die Schlagmännern müssen den "Wicket" verteidigen, eine kleines, fragiles Holzgerüst. Die Werfer der Gegner müssen versuchen den Wicket zu treffen. Gelingt das, ist der Schlagmann raus aus dem Spiel und muss ersetzt werden. Kann der Schlagmann den Wurf abwehren muss er mit seinem Partner auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes den Platz wechseln.

Einen Punkt gibt es, wenn der Wechsel vollzogen werden kann bevor der Ball wieder beim Werfer ist, vier Punkte können erzielt werden wenn der Ball aus dem Spielfeld fliegt, dabei aber den Boden berührt und sechs gibt es wenn der Ball ohne Bodenkontakt aus dem Spielfeld fliegt. Nach sechs Würfen wird gewechselt. Das Prozedere vollzieht man insgesamt 20 mal oder, in internationalen Wettbewerben, bis alle Spieler ausgeschieden sind.

Wenn man die Regeln verstanden hat, dann könne Cricket wie ein echter Krimi sein, ähnliche einem Fußballspiel bei dem viele Führungs- und Ausgleichstreffer fallen, sagt Mantle. Nur eben langsamer. "Cricket ist auch ein soziales Ereignis, es geht ruhiger zu, man trifft sich mit Freunden, tauscht sich aus. Ein ausgesprochener Sommersport." Und einer bei dem der Fairplay-Gedanke noch größer geschrieben werde als in anderen Sportarten, eine Reklamation beim Schiedsrichter ist nur in einem speziellen Fall erlaubt, ansonsten hat man sich mit den Entscheidungen abzufinden ohne zu murren oder den eigenen Missmut anderweitig deutlich zu machen.

Gejubelt wird freilich trotzdem. Als auf dem Krimderöder Platz der erste "Wicket" fiel, lag man sich in den Armen als wäre gerade der lang ersehnte Führungstreffer auf dem Bolzplatz gefallen.

Sport-Import aus Afghanistan

Für den Sportverein TSG Krimderode ist der frische Sport ein Import, den die neuen Mitglieder in den Verein gebracht haben. Seit 2015 hat man knapp 35 neue Mitglieder aus Afghanistan, dem Irak, Syrien und Eritrea begrüßen können. Viele sind zu den Fußballern des Vereins gestoßen, aber auch die Turnsparte und sogar die Karnevalstruppe haben so Verstärkung bekommen.

"Sie kommen zum Training, sie kommen zum Spiel. Das funktioniert super.", sagt Christian Lautenbach, Vorsitzender des TSG. Die Krimderöder sind nicht die einzigen mit neuen Mannschaftsmitgliedern, bei der FSG Salza spielt inzwischen eine neue Frauenfußballmannschaft bei der rund die Hälfte aller Spielerinnen Migrantinnen sind.

Man tut seinen Teil für die Integration der Flüchtlinge. "Heute können die Vereine damit sicherer umgehen", sagt Andreas Meyer vom Kreissportbund, auch weil es Unterstützung von "oben" gab. Insgesamt fünf Stellen zur Unterstützung der Integration durch Sport schuf die Landesregierung vor drei Jahren, eine davon auch in Nordhausen. Die Ansprechpartner der Vereine nahmen Fragen auf und sorgten für Klärung in der Landeshauptstadt, etwa wenn es um Versicherungsschutz, Satzungsprobleme oder Beitragsfragen ging. Auf dem Spielfeld soll die Integration nicht aufhören, ein interkultureller Kochkurs durchgeführt vom Verein Horizont sorgte heute für die Verpflegung.

"Die richtige Arbeit wird hier gemacht" - auch Thüringens Integrationsminister war zu Gast in Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
"Die Politik kann nur den Rahmen schaffen, die echte Arbeit passiert hier, in den Vereinen und Integrationsprojekten", lobte denn auch Thüringens Integrationsminister Dieter Lauinger. Der hatte bei einem Treffen des Landessportbundes von der Partie im Südharz gehört und sich entschieden sich das ganze auch einmal anzusehen. "Integration bedeutet nicht zu 100% alles zu übernehmen und alles alte abzulegen. Die Basis ist freilich das man sich an die Regeln des Landes hält, aber Kultur, Küche, Sport und auch Religion kann man mitnehmen und hier auch leben.", so Lauinger weiter, die Teilhabe am Vereinsleben im Sport sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg Teil der Gesellschaft zu werden.

Für die TSG Krimderode bringt die Integrationsarbeit aber auch heute noch Probleme mit sich. Allerdings solche, mit denen man sich gerne herumschlägt. Der Verein wächst wieder. Statt wie ehedem zwei hat man heute sechs Mannschaften im Liga-Betrieb, im kommenden Jahr könnten eine weitere Jugendmannschaft und ein Alt-Herren-Team hinzukommen. Zusammen mit der Cricket-Truppe wird es langsam eng auf dem heimischen Sportplatz, denn auch die können nur am Wochenende trainieren, weil alle Spieler geregelter Arbeit nachgehen, erzählt Vereinschef Lautenberg.

Es müsste also ein zweiter Platz her. Die alte Anlage auf dem Schurzfell ist nur knappe 500 Meter entfernt, müsste aber vom Verein in Eigenregie neu erschlossen werden und verfügt über keinerlei sanitäre Anlagen. Besser wäre es da schon gleich neben dem alten Platz ein neues Spielfeld zu schaffen, doch das ist Kirchenland und von einem Landwirt als brachliegende Fläche gepachtet.

Man sei am "Projekt Schurzfell" dran, positive Signale von Seiten der Stadt habe es bereits gegeben. Bleibt zu hoffen das man für die Erweiterung der sportlichen Flächen nicht ähnlich viel Geduld aufbringen muss, wie für ein ausgedehntes Cricket-Match.
Angelo Glashagel
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
Erstes Cricket-Match des TSG Krimderode (Foto: Angelo Glashagel)
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