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Di, 12:59 Uhr
28.08.2018
Offener Brief aus Stempeda

Schärfen Sie den Blick für das, was uns wichtig ist

Nicht nur am Kuhberg flammt der Konflikt um den Gipsabbau im Landkreis wieder auf, auch in Stempeda wollen sich die Bürgerinnen und Bürger wieder Gehör verschaffen. In einem offenen Brief legen Heimatverein und Ortsteilrat ihre Sicht auf die Pläne der Gipsindustrie am Alten Stolberg dar...

Wir, die Mitglieder des Heimatvereines und des Ortsteilrates, die Bürger von Stempeda, melden sich hiermit zu Wort.

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Wir sind hier zu Hause, als Eltern mit unseren Kindern, als Großeltern und Urgroßeltern. Viele von uns sind seit Generationen mit diesem Ort am Fuße des „Alten Stolberg“ und seiner geschichtsträchtigen Umgebung stark verwurzelt.

Wir hoffen, dass unsere Meldung wortwörtlich gedruckt wird und werden sie vielfach verbreiten: In Medien, an gesellschaftliche und politische Institutionen. Wir sind sicher, dass man sich unserer Argumente bedienen wird.
Das in Rottleberode ansässige Unternehmen Knauf (Stammsitz: Iphofen) hat einen neuen obligatorischen Rahmenbetriebsplan vorgelegt, in welchem der Rohstoffabbau im „Alten Stolberg“, einem die Gipskarstlandschaft und die Lebensqualität der Einwohner prägenden Waldgebiet, bis ins Jahr 2100 (!!) und damit generationenübergreifend, genehmigt werden soll.

In zwei dicken A4 Ordnern wird festgehalten, wie unser Berg in den nächsten 70 Jahren gerodet, weggesprengt, abgebaggert und verkauft werden soll. Die Umwelt und die hier lebenden Menschen sind laut der vom Auftraggeber bezahlten Gutachten in keiner Weise beeinträchtigt. Lärm, Staub, Erschütterungen, Schwerlasttransporte – ohne
Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebensqualität?

Ein Steinbruch von 315 ha Größe, angeblich ohne negative Auswirkungen auf das Landschaftsbild, mit scheinbar schnell heilenden Wunden. Keine Erschütterungen, durch die sich bis auf 650 m an unsere Häuser nähernden Sprengungen, kein Staub trotz Schwerlasttransporter, keine Risse in den Häusern, keine schlaflosen Nächte, keine Angst vor Absperrzäunen und Schildern mit „Betreten auf Grund von Sprengungen strengstens untersagt“, keine Beeinträchtigung von Wanderfalke, Feuersalamander, Fledermäusen – alles im Lot. Doch uns fehlt der Glauben daran. Denn wir sind nicht naiv und nicht käuflich. Wir stemmen unsere Dorffeste mit Eigeninitiative, Idealismus und Kreativität. Der bisher gültige Rahmenbetriebsplan hätte dem Unternehmen noch mindestens bis ins Jahr 2035
Planungssicherheit verschafft. Welches andere Unternehmen verfügt über eine derartige Rohstoffbevorratung und Standortsicherheit?

Hang am Alten Stolberg (Foto: Bodo Schwarzberg) Hang am Alten Stolberg (Foto: Bodo Schwarzberg)

Im jetzt vorliegenden Rahmenbetriebsplan ist ein Flächentausch vorgesehen, bei dem Waldbereiche abgebaut werden sollen, die über das bisherige Bergwerksfeld von 315 ha hinaus in Richtung unseres Ortes Stempeda reichen. Der „gewollte Verzicht“ auf die Abbauerweiterung in das NSG „Alter Stolberg“ wird als großzügige Geste des Unternehmens ausgelegt.

Wir sind Bürger von Nordhausen und fordern daher die Unterstützung unserer gewählten Vertreter. Die Fehler der Nachwendezeit, als der Alte Stolberg (übrigens eines der ersten Naturschutzgebiete der ehemaligen DDR) dem Abbau preisgegeben wurde, können wir vermutlich nicht wiedergutmachen. Aber es ist aus unserer Sicht weder sozial, noch ökologisch, noch ökonomisch vertretbar, eine
unzeitgemäße Unternehmensphilosophie zu stützen, mit Auswirkungen auf die nächsten 3 Generationen der Menschen, die hier leben und ihre Heimat „Wert schätzen“.

Wir haben die Hoffnung, dass sich auch dieses Unternehmen einer neuen Wirtschaftsweise öffnen wird, wenn wir ihm gemeinsam Anregungen geben. Tragen wir gemeinsam dazu bei, dass sich eine neue „Unternehmenskultur“ entwickelt und sich die Werksleitung einer neuen Philosophie öffnet, die da nicht mehr lautet: „Die Welt ist nicht genug“, sondern „Langfristige Standortsicherung durch umsichtiges Wirtschaften“.
Fordern Sie, dass
  • Der neue Rahmenbetriebsplan auf 20 Jahre zeitlich minimiert wird und in dieser Zeit dem Unternehmen die Möglichkeit eingeräumt wird, in eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu investieren
  • Eine Rekultivierung der seit der Wende im großflächigen Stil frei gelegten Abbaustrossen und brach liegenden Tagebauflächen zeitnah umgesetzt wird und durch ein Fachgremium begleitet wird. Die Rekultivierung muss „einsehbar“ werden, die Gewinne des Unternehmens neben der Rekultivierung auch in die Anwendung von Forschungsprojekten zum Gipsrecycling und zur Substitution von Naturgips fließen.
  • Tragen Sie dazu bei, dass der rechtsgültige Flächennutzungsplan der Stadt Nordhausen mit Blick auf die Flächen der Gemeinde Stempeda nicht den Bedürfnissen der Gipsindustrie angepasst wird, sondern im Interesse der Bevölkerung die Flächen um das Bergwerksfeld (315 ha) auch weiterhin als „Natur und Landschaft“ sowie als „Flächen für die Naherholung“ deklariert bleiben.
  • Dass die zuständige städtische Behörde mit Bezug auf den geltenden Flächennutzungsplan der Stadt eindeutig zum Erweiterungsvorhaben negativ positioniert, und zwar nicht mit Fragen, sondern mit eindeutigen Formulierngen
  • Dass eine Prüfung der Raumverträglichkeit des Abbauvorhabens unter dem Aspekt der geplanten Steinbrucherweiterung gen`Stempeda durchgeführt wird. Hinterfragen Sie, ob es eine solche Verträglichkeitsprüfung im Zuge des geltenden Raumordnungsplanes jemals gegeben hat und wenn ja, wie diese durchgeführt wurde und welche Belange dabei abgewogen wurden.
Abschließend gestatten wir uns ein Anliegen zu unterbreiten: Besuchen Sie in den Abend- oder Morgenstunden den „Alten Stolberg“ und erwandern Sie
ihn über den „Alten Stempedaer Marktweg??“ ab Stempeda, genießen Sie den Duft des kühlen Waldes, bestaunen sie atemlos die noch wenigen vorhandenen Waldriesen, wie sie
sich mit ihren Wurzeln im Boden verankern und mit ihren Zweigen den Himmel berühren, lauschen Sie dem Gesang der Vögel, sehen sie das Marienglas an den Felsen glitzern, hören Sie das Käuzchen und beobachten den Specht an der alten Buche. Schärfen sie den Blick für das, was uns wichtig ist: Das Gefühl, dass es sich lohnt, nach Hause zu kommen.
Marlen Eckert
Ortsteilrat Stempeda
Autor: red

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