Sa, 12:41 Uhr
09.12.2017
Unerwarteter Tod eines Nordhäuser Stasi-Offiziers
Studierter Kleinbürger, nicht Tschekist
Der Nordhäuser Karl-Otto Scharbert, der am 24. Dezember 1935 im Sudetenland geboren wurde und am 15. Mai 1987 in Hönow bei Berlin starb, konnte sich des Doktortitels der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR in Golm bei Potsdam rühmen. Im Alter von 51 Jahren ereilte ihn als Dozent der Partei-Hochschule für Ökonomie Bruno Leuschner in Berlin-Karlshorst ein unerwarteter Tod...
Scharbert war Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze und anderer hoher staatlicher und gesellschaftlicher Auszeichnungen. Mit ihm verlieren wir einen profilierten Hochschullehrer und angesehenen Wissenschaftler, der seine ganze Kraft für die Erfüllung der von der Partei der Arbeiterklasse gestellten Aufgaben eingesetzt hat, heißt es in der Todesanzeige im SED-Zentralorgan Neues Deutschland vom 10. Juni 1987.
In der Danksagung der Witwe am 3. Juli 1987, ebenfalls im ND, dankt sie allen Genossen und Freunden, die ihre hohe Wertschätzung und enge Verbundenheit mit ihrem Kampfgefährten, Genossen Prof. Dr. sc. Karl-Otto Scharbert, zum Ausdruck brachten. Vor dem Wechsel an die Ökonomie-Hochschule leitete er am Institut in Golm die Abteilung Operative Psychologie, die dem Stasi-Chef Erich Mielke direkt unterstand. Scharbert hatte sie in den sechziger Jahren gegen erheblichen Widerstand alter Tschekisten aufgebaut, die statt reiner Theorie eine verstärkte Nutzanwendung forderten.
Weiter heißt es in der Dokumentation Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit (Personalstruktur /Lebenswelt 1950 – 1989/90) von Jens Gieseke, herausgegeben vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsi-cherheitsdienstes der ehemaligen DDR: Junge Genossen ohne Erfahrung aus der politsch-operativen Arbeit trafen dort auf Kader, denen die theoretischen Psychologie-Kenntnisse fehlten. Psychologen und Praktiker gingen eine konfliktträchtige Symbiose ein.
Der Nutzen lag also nicht in einer ausgefeilten geheimwissenschaftlichen Psychologie; doch immerhin floss Basiswissen in die Ausbildung ein: zur Erziehung und Anleitung hauptamtlicher Mitarbeiter, zur Gewinnung und Führung inoffizieller Mitarbeiter, für Verhörtechniken und ‚verdeckte Operationen’ bis hin zu den ‚Zersetzungsmaßnahmen’ sowie schließlich zum besseren Verständnis der vermeintlichen, Feindmethode’ geistiger Beeinflussung, erläutert Jens Gieseke, der Karl-Otto Scharbert als begabten Autodidakten qualifiziert.
Scharbert besuchte bis zum Abitur 1954 die Humboldt-Oberschule in Nordhausen. Ein Mitschüler – damals FDJ-Klassensekretär - erinnert sich im Mai 2017 an Scharbert als einen Utopisten, der von einer klassenlosen Gesellschaft träumte. Kosch – so sein Spitzname – galt als Edelkommunist und anständiger Kerl. Von Klassenfesten blieb er als fröhlicher Unterhalter in Erinnerung, der seine Schulfreundin Gisela Tetzel heiratete. Zeitweilig war er hauptamtlicher FDJ-Sekretär an seiner Schule. An der Karl-Marx-Universität in Leipzig stu-dierte Scharbert Philosophie mit Schwerpunkt Psychologie.
Nach dem Abschied aus Golm sei er in die innere Emigration gegangen. Im Freundeskreis hieß es, er habe Zweifel an der SED-Politik geäußert. Er ließ sich
vom Ministerium für Staatssicherheit zum Innenministerium versetzen und nahm eine Professur für Arbeitswissenschaften an der Partei-Hochschule an. Seine Kritiker schmähten: Genosse Scharbert ist sehr von sich eingenommen. Weiter: Sein Auftreten ist oft nicht das eines klassenmäßigen Tschekisten, sondern eines studierten Kleinbürgers.
Der Arbeiter-Sohn war 1960 als frischgebackener Diplom-Philosoph an die MfS-Hochschule gekommen. Nach sechs Jahren stand in seiner Beurteilung: Genosse Scharbert … gehörte zu den befähigsten Lehrern des Instituts Philosophie. Dank ausgeprägter intellektueller Fähigkeiten erwarb er sich durch intensives Selbststudium in relativ kurzer Zeit solide Kenntnisse auf dem Gebiete der marxistischen Philosophie und konnte deshalb 1963 als Leiter der Arbeitsgruppe Psychologie eingesetzt werden. In dieser Eigenschaft und später als Institutsdirektor leistete er eine wertvolle Unterrichts- und Erziehungsarbeit.
Das theoretische Niveau der Vorlesungen Psychologie entsprach bald Hochschulanforderungen.
Der Mustergültige wird jedoch 1966 kritisiert: Genosse Sch. neigt dazu, sein hohes Wissen zum alleinigen Maßstab der Wertschätzung anderer Genossen zu nehmen. Es entsteht oft der Eindruck, dass er mit überheblichen Manieren andere Genossen als ‚dumm’ einschätzt. In seinen Worten liegt nicht selten beißende Ironie … In seinem ganzen Auftreten und Verhalten wird sichtbar, dass er in der Vergangenheit weder beruflich noch in der gesellschaftlichen Arbeit eine solche aktive Arbeit leistete, die ihn mit der arbeitenden Bevölkerung zusammenführte. Umgangsformen und Kleidung seien die eines Kleinbürgers.
Scharbert war bis zu seinem frühen Tod ein erfolgreicher Marathon-Läufer. Nach dem Wechsel nach Berlin blieb er im Training und nahm weiter an Marathon-Läufen teil. Unbegreiflich für seine Angehörigen erlag er nach Auskunft der Ärzte im DDR-Regierungskrankenhaus Potsdam einem nicht therapierbaren Herzversagen. Fragen nach dem Warum blieben unbeantwortet.
Allerdings sind Leistungssportler nach Prof. Meinertz großer Gefahr ausgesetzt, weil der Herzmuskel so stark belastet wird. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR-Diktatur verwundert es noch, wofür akademische Würden von Stasi-Gnaden verliehen wurden. Zur Promotion hatte der Offizier im besonderen Einsatz eine Arbeit mit dem Titel vorgelegt: Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit. Der Stasi-Major schrieb auch an der Gemeinschaftsarbeit mit Die Gewinnung inoffizieller Mitarbeiter und ihre psychologischen Bedingungen, wobei die Beiträge der beiden anderen Autoren mit summa cum laude bewertet wurden.
Tatsächlich hatten sie ein niedriges wissenschaftliches Niveau. Deshalb wird die Gültigkeit dieser akademischen Grade seither angezweifelt. Als würdig einer Doktorarbeit galt damals auch Die Wirksamkeit moralischer Funktionen im Verhalten der Bürger der DDR zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit den Organen des MfS. Einige Historiker sehen in Stasi-Papieren Anleitungen zu Mord, Entführungen und Erpressung.
Mit Rechtswissenschaft im engeren Sinne hatte die MfS-interne Ausbildung nur entfernt zu tun. In der BStU-Publikation wird belegt, wie das Stasi-Institut in großer Zahl juristische Doktortitel verlieh, um dem ganzen einen wissenschaftlichen Anschein zu geben. In Kollektiv-Dissertationen mit ambitionierten Nachwuchskadern kamen hohe Funktionäre bis hin zum stellvertretenden MfS-Minister Gerhard Neiber zu akademischen Ehren. Allerdings hielt Mielke nichts davon und untersagte 1981 das Führen von Doktortiteln im dienstlichen Verkehr.
Alexander Schalck-Golodkowski, späterer Devisen-Beschaffer des Honecker-Regimes, hatte mit Zur Bekämpfung imperialistischer Störtätigkeit auf dem Gebiet des Außenhandels an der Stasi-Hochschule sich akademische Meriten erworben. Nach der Wende wurde er heimisch in Rottach-Egern am Tegernsee in Nachbarschaft von Millionären wie Steuerhinterzieher Uli Hoeness, Fußball-Profis Manuel Neuer und Philip Lahm, Oligarch Alischer Usmanow und einst Michael Gorbatschow.
Manfred Neuber
Autor: redScharbert war Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze und anderer hoher staatlicher und gesellschaftlicher Auszeichnungen. Mit ihm verlieren wir einen profilierten Hochschullehrer und angesehenen Wissenschaftler, der seine ganze Kraft für die Erfüllung der von der Partei der Arbeiterklasse gestellten Aufgaben eingesetzt hat, heißt es in der Todesanzeige im SED-Zentralorgan Neues Deutschland vom 10. Juni 1987.
In der Danksagung der Witwe am 3. Juli 1987, ebenfalls im ND, dankt sie allen Genossen und Freunden, die ihre hohe Wertschätzung und enge Verbundenheit mit ihrem Kampfgefährten, Genossen Prof. Dr. sc. Karl-Otto Scharbert, zum Ausdruck brachten. Vor dem Wechsel an die Ökonomie-Hochschule leitete er am Institut in Golm die Abteilung Operative Psychologie, die dem Stasi-Chef Erich Mielke direkt unterstand. Scharbert hatte sie in den sechziger Jahren gegen erheblichen Widerstand alter Tschekisten aufgebaut, die statt reiner Theorie eine verstärkte Nutzanwendung forderten.
Weiter heißt es in der Dokumentation Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit (Personalstruktur /Lebenswelt 1950 – 1989/90) von Jens Gieseke, herausgegeben vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsi-cherheitsdienstes der ehemaligen DDR: Junge Genossen ohne Erfahrung aus der politsch-operativen Arbeit trafen dort auf Kader, denen die theoretischen Psychologie-Kenntnisse fehlten. Psychologen und Praktiker gingen eine konfliktträchtige Symbiose ein.
Der Nutzen lag also nicht in einer ausgefeilten geheimwissenschaftlichen Psychologie; doch immerhin floss Basiswissen in die Ausbildung ein: zur Erziehung und Anleitung hauptamtlicher Mitarbeiter, zur Gewinnung und Führung inoffizieller Mitarbeiter, für Verhörtechniken und ‚verdeckte Operationen’ bis hin zu den ‚Zersetzungsmaßnahmen’ sowie schließlich zum besseren Verständnis der vermeintlichen, Feindmethode’ geistiger Beeinflussung, erläutert Jens Gieseke, der Karl-Otto Scharbert als begabten Autodidakten qualifiziert.
Scharbert besuchte bis zum Abitur 1954 die Humboldt-Oberschule in Nordhausen. Ein Mitschüler – damals FDJ-Klassensekretär - erinnert sich im Mai 2017 an Scharbert als einen Utopisten, der von einer klassenlosen Gesellschaft träumte. Kosch – so sein Spitzname – galt als Edelkommunist und anständiger Kerl. Von Klassenfesten blieb er als fröhlicher Unterhalter in Erinnerung, der seine Schulfreundin Gisela Tetzel heiratete. Zeitweilig war er hauptamtlicher FDJ-Sekretär an seiner Schule. An der Karl-Marx-Universität in Leipzig stu-dierte Scharbert Philosophie mit Schwerpunkt Psychologie.
Nach dem Abschied aus Golm sei er in die innere Emigration gegangen. Im Freundeskreis hieß es, er habe Zweifel an der SED-Politik geäußert. Er ließ sich
vom Ministerium für Staatssicherheit zum Innenministerium versetzen und nahm eine Professur für Arbeitswissenschaften an der Partei-Hochschule an. Seine Kritiker schmähten: Genosse Scharbert ist sehr von sich eingenommen. Weiter: Sein Auftreten ist oft nicht das eines klassenmäßigen Tschekisten, sondern eines studierten Kleinbürgers.
Der Arbeiter-Sohn war 1960 als frischgebackener Diplom-Philosoph an die MfS-Hochschule gekommen. Nach sechs Jahren stand in seiner Beurteilung: Genosse Scharbert … gehörte zu den befähigsten Lehrern des Instituts Philosophie. Dank ausgeprägter intellektueller Fähigkeiten erwarb er sich durch intensives Selbststudium in relativ kurzer Zeit solide Kenntnisse auf dem Gebiete der marxistischen Philosophie und konnte deshalb 1963 als Leiter der Arbeitsgruppe Psychologie eingesetzt werden. In dieser Eigenschaft und später als Institutsdirektor leistete er eine wertvolle Unterrichts- und Erziehungsarbeit.
Das theoretische Niveau der Vorlesungen Psychologie entsprach bald Hochschulanforderungen.
Der Mustergültige wird jedoch 1966 kritisiert: Genosse Sch. neigt dazu, sein hohes Wissen zum alleinigen Maßstab der Wertschätzung anderer Genossen zu nehmen. Es entsteht oft der Eindruck, dass er mit überheblichen Manieren andere Genossen als ‚dumm’ einschätzt. In seinen Worten liegt nicht selten beißende Ironie … In seinem ganzen Auftreten und Verhalten wird sichtbar, dass er in der Vergangenheit weder beruflich noch in der gesellschaftlichen Arbeit eine solche aktive Arbeit leistete, die ihn mit der arbeitenden Bevölkerung zusammenführte. Umgangsformen und Kleidung seien die eines Kleinbürgers.
Scharbert war bis zu seinem frühen Tod ein erfolgreicher Marathon-Läufer. Nach dem Wechsel nach Berlin blieb er im Training und nahm weiter an Marathon-Läufen teil. Unbegreiflich für seine Angehörigen erlag er nach Auskunft der Ärzte im DDR-Regierungskrankenhaus Potsdam einem nicht therapierbaren Herzversagen. Fragen nach dem Warum blieben unbeantwortet.
Allerdings sind Leistungssportler nach Prof. Meinertz großer Gefahr ausgesetzt, weil der Herzmuskel so stark belastet wird. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR-Diktatur verwundert es noch, wofür akademische Würden von Stasi-Gnaden verliehen wurden. Zur Promotion hatte der Offizier im besonderen Einsatz eine Arbeit mit dem Titel vorgelegt: Die verbrecherischen Grenzüberschreitungen Jugendlicher und Heranwachsender in ihren Erscheinungsformen sowie in ihrer sozialen und psychischen Determiniertheit. Der Stasi-Major schrieb auch an der Gemeinschaftsarbeit mit Die Gewinnung inoffizieller Mitarbeiter und ihre psychologischen Bedingungen, wobei die Beiträge der beiden anderen Autoren mit summa cum laude bewertet wurden.
Tatsächlich hatten sie ein niedriges wissenschaftliches Niveau. Deshalb wird die Gültigkeit dieser akademischen Grade seither angezweifelt. Als würdig einer Doktorarbeit galt damals auch Die Wirksamkeit moralischer Funktionen im Verhalten der Bürger der DDR zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit den Organen des MfS. Einige Historiker sehen in Stasi-Papieren Anleitungen zu Mord, Entführungen und Erpressung.
Mit Rechtswissenschaft im engeren Sinne hatte die MfS-interne Ausbildung nur entfernt zu tun. In der BStU-Publikation wird belegt, wie das Stasi-Institut in großer Zahl juristische Doktortitel verlieh, um dem ganzen einen wissenschaftlichen Anschein zu geben. In Kollektiv-Dissertationen mit ambitionierten Nachwuchskadern kamen hohe Funktionäre bis hin zum stellvertretenden MfS-Minister Gerhard Neiber zu akademischen Ehren. Allerdings hielt Mielke nichts davon und untersagte 1981 das Führen von Doktortiteln im dienstlichen Verkehr.
Alexander Schalck-Golodkowski, späterer Devisen-Beschaffer des Honecker-Regimes, hatte mit Zur Bekämpfung imperialistischer Störtätigkeit auf dem Gebiet des Außenhandels an der Stasi-Hochschule sich akademische Meriten erworben. Nach der Wende wurde er heimisch in Rottach-Egern am Tegernsee in Nachbarschaft von Millionären wie Steuerhinterzieher Uli Hoeness, Fußball-Profis Manuel Neuer und Philip Lahm, Oligarch Alischer Usmanow und einst Michael Gorbatschow.
Manfred Neuber


