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Sa, 09:24 Uhr
25.11.2017
An der Zonengrenze im Südharz wütete der Gewaltverbrecher Pleil

Ein Mörder bewarb sich als Scharfrichter

Im Südharz endete vor 70 Jahren die Blutspur des Massenmörders Rudolf Pleil. Mindestens fünf seiner Opfer wurden bei Ellrich, Walkenried und Zorge aufgefunden. Insgesamt zehn Raubmorde konnte ihm das Gericht nachweisen, wie Manfred Neubert recherchiert hat...


Der damals 23-jährige prahlte zunächst mit 25, später bis zu 40 Gewalttaten. Als selbst ernannter „größter Totmacher“ bewarb sich Pleil 1948 als Scharfrichter. Zu lebenslanger Haft verurteilt, erhängte sich der Sadist - so der psychiatrische Gutachter - am 16. Februar 1958 in seiner Zelle im Zuchthaus Celle.

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Die Aufdeckung der Mordserie im Zonengrenzgebiet der Nachkriegszeit war einem jungen Mann aus Zorge zu verdanken. Er schöpfte Verdacht, als er am 18. April 1947 Pleil mit einer jungen Frau sah. Beide waren auf dem Wege von Benneckenstein über Hohegeiß nach Zorge. Fünf Tage vorher hatte er zufällig denselben Mann zusammen mit einem Hamburger Kaufmann beobachtet. Dieser wurde mit gespaltenem Schädel im Flusslauf der Zorge tot aufgefunden. Ein blutiges Beil lag noch am Tatort im oberen Ortsteil der kleinen Gemeinde.

Während der Polizeibeamte befördert wurde, der Pleil aufgrund des Hinweises des jungen Mannes festnahm, konnte jener lediglich sich zugute halten, vermutlich einen weiteren Frauenmord verhindert zu haben. Pleil war 1946 aus dem sächsischen Erzgebirge nach Zorge gekommen und lauerte Frauen auf, die über die Zonengrenze von Ost nach West oder umgekehrt gingen.

Bevor das Ausmaß seiner Verbrechen erkannt wurde, verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig wegen Totschlags des Hamburger Kaufmanns zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe. Im ersten Prozess wurde Pleil eingeräumt, er habe zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss gestanden. So entging er der Todesstrafe (bis 1949 in der Bundesrepublik). In der zweiten Verhandlung wegen der Frauenmorde legte er es darauf an, als geisteskrank eingestuft und anstelle des Zuchthauses in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Der Gutachter hielt ihn jedoch für voll zurechnungsfähig. „Er war ein Sadist und hat sich jede Tat vorher genau zurechtgelegt: Ich suche mir eine Frau, raube sie aus, und dann mache ich sie kalt. Das war seine Logik. Der Kerl wusste ganz genau, was er tat.“

In der Haft galt Pleil anfangs als gefährlich. Der Gefängnis-Seelsorger konnte ihn nur in Begleitung aufsuchen. Bei dessen Abschied übergab er ihm drei Kladden mit Tagebuch-Eintragungen unter der Überschrift „Mein Kampf – Rudolf Pleil, Totmacher a.D.“ und eine weitere Schrift mit dem Titel „Ohne Gnade werde ich totmachen Kind und Greis, und nach hundert Jahren soll man noch von mir sprechen“. Im Prozess hatte er ausgesagt: „Ich wusste nicht, dass die Schädeldecke so dünn ist.“ Angeblich habe er seine Opfer mit dem Beil oder Hammer nur bewegungsunfähig machen wollen.

Die Mordserie begann im Frühsommer 1946 in seiner Heimat an der tschechischen Grenze. Sein erstes Opfer war ein plündernder Sowjet-Soldat. Dazu befragt, erklärte Pleil: „Mir wurde klar, dass ich zum Töten berufen bin.“ Oder: „Jeder Mensch hat eine Leidenschaft. Die einen für Skat, ich fürs Töten.“ Seine Mordslust ging weiter in Oberfranken und im Raum Helmstedt, wo zwei zerstückelte Leichen im Brunnen eines Bahnwärter-Häuschens in Vienenburg entdeckt wurden, und suchte schließlich den Südharz heim (nach Angabe von Wikipedia):
  • Am 19. Juli 1946 missbraucht und tötet er eine etwa 25-jährige Frau im Wald zwischen Ellrich und Walkenried. In der Umgebung schlägt in den 90er Jahren auch der so genannte „Rentner-Mörder von Bad Sachsa“ zu.
  • Im November 1946 erschlägt er stark alkoholisiert eine junge Frau ebenfalls in der Gemarkung Himmelreich, seither Mordwäldchen genannt.
  • Am 12. Dezember 1946 rauben Pleil und ein Komplice die 55-jährige Witwe Lydia Schmidt bei Nordhausen aus. Die Frau überlebt und tritt später als Belastungszeugin auf.
  • Anfang März 1947 ermorden Pleil und ein anderer Mittäter eine unbekannte Frau jenseits der Zonengrenze: ihr Kopf wird im Westen gefunden. Auf einem Zettel, den die Polizei nach Pleils Festnahme in dessen Jacke fand, hatte er aufgelistet (in fehlerhafter Schreibweise): „1946 Ellerich Julihütte 1, 1946 Walkenriet 1, 1947 Zorge 1, 1947 Zorge/Dreieck 1.“
Von der Juliushütte in Ellrich führte der kürzeste Weg nach Walkenried durch den Eisenbahntunnel auf der Strecke von Nordhausen nach Northeim aus der sowjetischen in die britische Besatzungszone. Pleil hatte sich einzelnen Frauen als Grenzführer angedient, sie von hinten erschlagen und vergewaltigt. Der Brillenträger war klein und korpulent, wirkte jovial, auch witzig und oft arrogant. Der meistgesuchte Mörder jener unsicheren Jahre konnte sich allzu lange der Fahndung entziehen, weil im Zonengrenzgebiet verwilderte Verhältnisse herrschten.

Nachdem zwischen 1945 und 1950 dort 13 Polizisten ermordet worden waren, kamen nun Doppelstreifen zum Einsatz. Unzureichend blieb damals auch die Zusammenarbeit zwischen der Schutz- und Kriminalpolizei. Als Ermittlungspanne musste eingestanden werden, dass der Leichenfund in Vienenburg zunächst keine besondere Beachtung fand und erst die Prahlsucht Pleils die Verbindung zu den Morden im Südharz herstellte.

Rudolf Pleil hatte eine turbulente Vergangenheit. Die Eltern flüchteten vor Hitler in die Tschechei und waren arbeitslos. Statt Schulbesuch betrieb er Grenzschmuggel. Mit 15 Jahren verließ er sein Zuhause; die Fleischer-Lehre brach er ab. Dann verdingte er sich als Schiffsjunge, erst auf der Elbe, dann auf einem Handelsschiff nach Südamerika. Aus der Kriegsmarine wurde er 1943 wegen epileptischer Anfälle entlassen. Er sollte zwangssterilisiert werden, was ein Bombenangriff verhinderte. Schließlich schlug er sich als Kellner und Handelsvertreter durch, bevor Pleil nach Zorge kam.

„Die Geschichte Rudolf Pleils ist auch die Geschichte einer gewalttätigen Gesellschaft, die damals Gewalt pries und nun die Saat der Gewalt erntet“, kommentierte Anfang der siebziger Jahre der Autor Oswald Kolle. Ein halbes Dutzend Bücher und TV-Dokumentationen beschäftigen sich mit Pleil und seinen zeitweiligen Kumpanen, von denen Karl Hoffmann im Gefängnis starb und Konrad Schüßler – zur Tatzeit 18 Jahre alt – Ende der siebziger Jahre begnadigt wurde.

Fünfzig Jahre nach dem Massenmörder Pleil wird der Südharz durch Gewaltverbrechen wieder in Angst und Schrecken versetzt: Am 20. Juni 1991 stirbt der 66 Jahre Werner Bierwisch, der auf einem Waldparkplatz zwischen Walkenried und Wieda austreten wollte, durch drei Schüsse eines Unbekannten.

Am 16. September 1991 wird der Gastwirt Dieter Dohle auf einer Weide bei Klettenberg, wo er auf einer Wanderung rastete, durch Schüsse niedergestreckt
und mit einer Machete geköpft. Am 7. Januar 1994 wird der 82 Jahre alte Ludwig Schinkel, der zwei Tage vermisst war, von einem Suchtrupp der Feuerwehr auf einem Waldweg im Kirchforst zwischen Bad Sachsa und Steina ebenfalls erschossen und kopflos aufgefunden.
Manfred Neuber
Autor: red

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Kommentare
Sparer
25.11.2017, 10:10 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema
Wolfi65
25.11.2017, 10:38 Uhr
Und jetzt?
Keine Verbrechen mehr im Südharz?
Ist der "Neue" Schlächter vom Südharz etwa selbst vom Sensenmann heimgesucht worden?
Oder lauert er im Eisenbahntunnel zwischen Ellrich und Walkenried noch immer auf seine Opfer?
Andreas Dittmar
25.11.2017, 13:13 Uhr
@Wolfi65
War es In der Nachwendezeit nicht unschwer möglich sich Waffen bei der uns verlassenden Roten Armee zu beschaffen ? Das könnte theoretisch die Schüsse erklären. Was hat der Täter damals in den 40'er Jahren mit dem Abtrennen der Köpfe bezweckt ? Wollte er die Identifizierung der Leiche verhindern, wenn ja warum ? Bei den Morden in den 90'er Jahren macht sowas auch wenig Sinn, da eine Identifizierung durch Fingerabdrücke möglich wäre. Vielleicht war es sein Markenzeichen, dass er nur verwenden konnte, wenn er auch das passende Werkzeug dabei hatte. Allerdings denke ich, darüber zu spekulieren bringt eh wenig. Zumindest gibt es bei der Zielgruppe der Opfer gravierende Unterschiede.
Wolfi65
25.11.2017, 20:24 Uhr
Tja, Herr Dittmar
Diese Fragen stellen sich mir nicht mehr.
Ich muss weder noch durch den Tunnel dienstlich laufen, noch mich in dem Gebiet am Pontelteich zwischen Niedersachsen und Thüringen aufhalten, um am Vorsignal vom Bhf Ellrich, die Gasflaschen für die Beleuchtung zu wechseln.
Ich muss auch nicht mehr von der ehemaligen Bahnmeistereigrenze (und ehemaligen Staatsgrenze) am Kilometer 142,22 bis nach Nordhausen, Kilometer 156,6 laufen.
Und das jeden Tag außer Sonntags, denn an diesem Tage hat es keine Schienenbrüche usw. zu geben gehabt.
Alles vorbei und jetzt wärme ich mir jeden Tag auf Kosten der Allgemeinheit den Hintern an der Heizung zu Hause und schaue mir das Bonn-Berliner Kaspertheater an.
Ist doch auch schon mal was, oder?
PS: Laufen Sie bitte nicht all zu oft in dem besagten Gebiet herum, nicht dass Sie noch ein Opfer eines Täters werden, der schon lange keine Straftaten mehr begangen hat.:-)
h3631
26.11.2017, 16:56 Uhr
Wolfi65,ja ja die alten Zeiten
Schöne Bahner Geschichten. Sie müssten eigentlich alle mit es war einmal anfangen. Unser Wolfi hat Eisenbahner Blut in den Adern. Wenn was über die Bahn geschrieben wird ist er mit seinem Kommentar dabei.
Wolfi65
26.11.2017, 19:13 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Inhalt
Wolfi65
26.11.2017, 19:38 Uhr
Sie können sich doch Beschweren h3631
Es ist schon schlimm, wenn man einfach nicht mitreden/schreiben kann. Mangels Fachwissen oder der Unkenntnis der Örtlichkeiten. Eigentlich waren die Zeilen für Herrn Dittmar. Leider hat sich wieder der falsche Empfänger zu Schrift gemeldet. Es geht eben nicht alles nach Wunsch. Selbst in der NNZ nicht.
h3631
26.11.2017, 23:17 Uhr
Nicht für alle Leser?
Wolfi,es sollte doch ein Lob sein!Wer noch die Kilometer Angaben 142,22 bis 156,6 heute noch im Kopf hat war Eisenbahner mit Herz und Seele. Bitte beim nächten Kommentar schreiben wen die Zeilen gewidmet sind.
Eisenbahner für Eisenbahner zum Beispiel.
Wolfi65
27.11.2017, 09:41 Uhr
Oder auch andere Wünsche
Wie z.B. Bürger an Polizei, oder bitte nur erstgemeinte Zuschriften. Aber Kilometerangaben sind auch für Aussenstehende im Netz zu erkunden. Wie auch z.B. Dienstbezeichnungen und Dienstgrade der Thüringer Polizei anhand der Schulterstreifen zu erkunden sind. Auch kann man den Aufbau und die Anzahl der Patronen einer HK P 10 erfragen. So ist man immer auf der sicheren Seite. Nicht war, h3631?!
h3631
27.11.2017, 14:23 Uhr
Ohne Ihr Kommentar Wolfi65 wäre die nnz un..........
Wolfi,danke für den Tipp das man alles im Netz nachlesen kann. Hätte es nicht gewusst. Von Wolfi65 kann man viel neues erfahren. Ohne ihrer Kommentare wäre die nnz nur halb so interessant. Weiter so.
Nicht war,Wolfi65?!
Wolfi65
28.11.2017, 12:42 Uhr
Bitte @h3631
Es freut mich Ihnen weiterhelfen zu können und verbleibe mit rechtstaatlichem Gruß.
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