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So, 08:56 Uhr
17.09.2017
Ein Nordhäuser erinnert sich

Auch noch in hundert Jahren

Auch Häftlinge in der Boelcke-Kaserne waren unter den Opfern (Foto: Archiv) Auch Häftlinge in der Boelcke-Kaserne waren unter den Opfern (Foto: Archiv) „Wir werden auch in hundert Jahren noch Blindgänger finden“, schätzen Experten des Kampfmittel-Räumdienstes. Erst kürzlich musste in Nordhausen wieder eine Flieger-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden...


„Sogar 70 Jahre nach den britischen Luftangriffen auf die ehemals Freie Reichsstadt sind die meisten Bomben noch intakt und die Zünder in einem guten Zustand. Man kann sogar noch die Beschriftung lesen.“ Nach Einschätzung der Fachleute sind bis zu 30 Prozent der abgeworfenen Bomben nicht detoniert.

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Nordhausen wurde wenige Wochen vor Kriegsende von der Royal Air Force in Schutt und Asche gelegt. Bei zwei schweren Luftangriffen am 3. und 4. April 1945 kamen mindestens 8.800 Menschen ums leben. Unter den Opfern waren viele KZ-Häftlinge in der Boelcke-Kaserne. Das Ausmaß der Zerstörung von 74 Prozent des mittelalterlichen Stadtkerns gleicht der am schlimmsten heimgesuchten deutschen Stadt – Dresden. Sieben Tage nach dem verheerenden Feuersturm stieß die US-Armee in den Südharz vor.

Bevor die Sprengmeister an ihr gefährliches Werk gehen können, müssen jedes Mal ganze Stadtteile oder Feldfluren evakuiert werden. Zuletzt war davon Nordhausen Nord betroffen, vorher der Bereich am Taschenberg und andere Bezirke. „Bei britischen Bomben sind der Zünder und die Sprengkapseln nicht fest miteinander verbunden“, erklären Experten. Deshalb muss nach der Entfernung des Zünders anschließend der Detonator entfernt werden. Solange ist die Bombe gefährlich.“ Besondere Herausforderung: Bomben mit drei Zündern.

„Bomben entschärfen ist eine sehr gefährliche Sache. Aber man hat sich den Beruf selbst ausgesucht, es ist eine sehr interessante Arbeit“, bekennt der Feuerwerker Dieter Schwetzler. „Wenn man mit Sorgfalt herangeht und das Team hervorragend arbeitet, dann funktioniert es auch.“ Dennoch sitzt den Männern die Angst im Nacken. „Wenn man so einen Beruf ausübt, muss man natürlich Courage haben.“ Wenn Bomben gefunden werden, ist unmittelbar Gefahr im Verzuge.

Schwankende Temperaturen können eine Detonation auslösen. „Es gibt Schlimmeres“, hört man oft von Evakuierten, „woanders in der Welt fallen noch immer Bomben.“ Während des Zweiten Weltkrieges warfen die
Bomber-Flotten der Alliierten 1,3 Millionen Sprengstoff über Deutschland ab. Auf Nordhausen fielen beim ersten Angriff 1 166 Bomben und 1,8 Tonnen Brandzünder und bei der zweiten Welle 1 262 Bomben und 1,3 Tonnen Brandzünder. Diese Angaben erhielt der Autor schon Mitte der fünfziger Jahre bei seinen Recherchen im britischen Verteidigungsministerium.

Besonders gefürchtet waren Luftminen wegen ihres heulenden Geräusches. Durch ihre Druckwelle wurden im Umkreis von hundert Metern alle Gebäude dem Erdboden gleichgemacht und die Lungen der Leute in den Luftschutzkellern zerrissen. Noch in 200 Meter Entfernung wurden Dächer abgedeckt und Fenster zersplittert. Die grausam-effizient genannten Block-Buster (Wohnblock-Knacker) hatten eine verheerende psychologische Wirkung beim sogenannten „moral bombing“ (Bomben-Teppiche zur Brechung des Durchhaltewillens) gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Fast 70 000 dieser Luftminen warfen Lancaster-Bomber über Deutschland ab. Im Volksmund hießen die röhrenförmigen Bomben „Badeöfen“, weil sie wie ein Wasserboiler aussahen. Anders als bei den Blindgängern in Nordhausen, auf die Bauarbeiter zufällig stießen, werden Sprengbomben in den meisten Fällen bei der systematischen Suche des Kampfmittel-Beseitigungsdienstes gefunden.

Seit geraumer Zeit können dabei auch digitalisierte Luftbilder genutzt werden, mit denen die Alliierten ihre Zielgebiete vor und nach den Bombardements akribisch dokumentierten. Die britischen Bomber-Staffeln stießen an beiden Tagen der Angriffe auf Nordhausen auf keinerlei deutsche Luftabwehr. „Null“ lauten jeweils die Eintragungen in den Rubriken „Flak“ und „Einsatz von Jagdflugzeugen“.

Am 8. April werden „Fotos von exzellenter Qualität“ aus der Luft vom zerstörten Nordhausen aufgenommen. Der Schriftsteller Rudolf Hagelstange schrieb in seiner deutschen Familienchronik (Band 2: „Der Niedergang“) über die Feuersbrunst in seiner Heimatstadt: „Die Hitze war so groß, dass der Asphalt in den Straßen schmolz und Flüchtende einsanken, einige so zum Flammentod verurteilt.“

Während der SED-Diktatur wurde die Zerstörung Nordhausens hauptsächlich den Amerikanern angelastet. Die Inschrift auf dem Mahnmal neben dem Alten Rathaus lautete: „Für die 8.800 Toten der anglo-amerikanischen Terrorangriffe.“ Die historische Wahrheit sieht anders aus; deshalb wurde der Text nach der Wende korrigiert. Bei Nachforschungen im Pentagon und der Historischen Abteilung der Universität der US-Luftwaffe auf der Maxwell Air Force Base in Alabama stellte sich heraus, dass keine US-Bomber an den Luftangriffen auf Nordhausen beteiligt waren.

Die Angaben von amerikanischer und britischer Seite enthielten auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Stadt Nordhausen vorher zur Kapitulation aufgefordert worden wäre. Seit 1945 hielt sich die Legende, die Luftangriffe hätten eigentlich Gotha gelten sollen. Doch dort seien rechtzeitig weiße Fahnen aufgezogen worden. Darauf hin hätten die Bomber ihren Kurs nach Nordhausen geändert. Hier hätten die verantwortlichen Stellen es abgelehnt, Nordhausen zur offenen Stadt zu erklären.

In den ersten April-Tagen 1945 standen die Panzer-Spitzen von US-General Patton noch vor Kassel. Dr. Herbert Meyer, Oberbürgermeister Nordhausens in den letzten Kriegstagen und später Stadtdirektor in Bad Lauterberg, versicherte dem Autor in einem Gespräch über dessen Recherchen in Großbritannien und in den USA, die Stadt Nordhausen habe keine Aufforderung der
Alliierten erhalten, Nordhausen zur offenen Stadt zu erklären. Eine Entscheidung darüber hätte auch nicht in seiner Kompetenz gelegen.

„Ob eine solche Aufforderung an den Kreisleiter Hans Nentwig ergangen ist und ob dieser sich geweigert hat, ihr nachzukommen, weiß ich nicht. Ich möchte es aber bezweifeln“, erklärte Dr. Meyer. Der NSDAP-Kreisleiter Nentwig hatte das Bombardement in seiner Ausweich-Befehlsstelle unbeschadet überstanden. Von der marxistischen Geschichtsschreibung in der DDR wurde ihm wegen „seiner verbrecherischen Durchhalte-Politik“ eine Hauptschuld an der Zerstörung Nordhausens zugeschrieben.

Die Bilanz des Grauens nach den Luftangriffen: Von 4.588 Gebäuden in der Stadt Nordhausen blieben nur 971 unbeschädigt, von 13.075 Wohnungen sind
6.187 völlig und 4.575 teilweise zerstört worden. Von vordem 377 Einzelhandelsgeschäften blieben weniger als hundert übrig. Sieben Schulen und drei Kinos wurden zerstört, 411 der vorher 685 Handwerksbetriebe total oder teilzerstört, ebenso die Mehrzahl der 109 großen Betriebe der Nahrungs- und Genussmittelindustrie (Nordhäuser Korn und Kautabak).

Im Agitprop-Stil der DDR hieß es 1977 in der Festschrift „1050 Jahre Nordhausen“: Das heutige Nordhausen entwickelt sich, dank der schöpferischen und angestrengten Arbeit der Arbeiterklasse und aller Bürger unserer Stadt, auf festen sozialistischen Fundamenten. Ständig entsteht Neues, man braucht sich bloß umzuschauen.“ Tatsächlich wurde das „kulturelle Vermächtnis“ in der „sozialistischen Industriestadt“ (Dieselmotoren, Schachtbau, Nachrichtentechnik) vernachlässigt – stehen gebliebene Fachwerkhäuser verfielen, warteten unbewohnt auf Abbruch.
Manfred Neuber

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARows_of_bodies_of_dead_inmates_fill_the_yard_of_Lager_Nordhausen%2C_a_Gestapo_concentration_camp.jpg
Autor: red

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Kommentare
henry12
17.09.2017, 11:00 Uhr
Ein Nordhäuser soll das sein ?
Weil der Mann in Nordhausen geboren ist, ist er noch lange kein Nordhäuser und wird es auch nie !
Ein Fazit der "Wende" ist für mich, das ich Ideologie, egal welcher Couleur, ablehne. Die Beiträge dieses Menschen triefen davon und stehen damit auf der gleichen Stufe wie die sozialistische Geschichtsschreibung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Merkt der aber nicht! Setzen, 5, Herr Oberlehrer .
Leser X
17.09.2017, 17:24 Uhr
Historische Wahrheit
Vielen Dank, Herr Neuber, dass sie uns Ossis in loser Folge über die Lügen unsere ehemaligen Diktatur aufklären. Was sollten wir nur ohne Sie tun. DANKE!!!
Doerfler
17.09.2017, 23:36 Uhr
Krieg ist immer Terror gegen die Zivilbevölkerung!
Die von Herrn Neuber aufgezählten nackten Fakten beinhalten auch die vollständige Zerstörung beider Häuser meiner Eltern in der Nordhäuser Innenstadt.
Die ganze Perversität von Krieg ist am Beispiel der Bombardierung Nordhausens gut zu dokumentieren: während nahezu die gesamte wichtige Infrastuktur (Bahnhof) und die Kriegsbetriebe verschont blieben (Montania (Panzermotoren), Schmidt / Kranz (U-Boot-Türme) und Mittelbau-Dora(Raketen)), wurde hier am Osterwochenende (!) die wehrlose Stadt (Zitat: "Die britischen Bomber-Staffeln stießen an beiden Tagen der Angriffe auf Nordhausen auf keinerlei deutsche Luftabwehr. „Null“ lauten jeweils die Eintragungen in den Rubriken „Flak“ und „Einsatz von Jagdflugzeugen“. -Zitatende).
Allein das stuft die britischen Bombenangriffe auf die deutschen Städte Dresden, Würzburg, Nordhausen und Halberstadt als Kriegsverbrechen gem. immer noch geltender Haager Landskriegsordnung Art.25 ein: "Unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnungen oder Gebäude dürfen nicht angegriffen werden.
Herrn Neubers Behauptung das „kulturelle Vermächtnis“ in der „sozialistischen Industriestadt“ (Dieselmotoren, Schachtbau, Nachrichtentechnik) sei zu DDR-Zeiten vernachlässigt worden kann man nur entgegen halten, dass als eine der ersten Aktionen das schwer beschädigte Theater wieder instandgesetzt und dass eine schwer zerstörte Stadt nichts nötiger als Wohnungen braucht ist nachvollziehbar - hier ist von Nordhäusern unter unsäglich schwierigen Bedingungen Grosses geleistet worden (Predigerstrasse, Königshof, Weber-, Blödaustrasse, westliche Rautenstrasse etc.).
Der Verfall von Fachwerkhäusern ist kein typisch ostdeutsches Problem: Denken Sie nur an Hameln, dessen Innenstadt auch nur mit viel Glück der Abrissbirne entgangen ist.
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