eic kyf msh nnz uhz tv nt
Anzeige symplr (4)
So, 16:02 Uhr
03.10.2004

nnz-doku: Die nicht gehaltene Rede

Nordhausen/Sollstedt (nnz). Jürgen Hohberg nahm heute in Erfurt an der Feier zum Tag der Deutschen Einheit teil. Eigentlich wollte Hohberg dort eine Rede halten. Das Protokoll sah das jedoch nicht vor. Die nnz veröffentlicht in der doku-Reihe die nicht gehaltene Rede des Sollstedter Bürgermeisters.


Wir begehen ihn in diesem Jahr zum 15. Mal: Den Tag, der von den seinerzeit noch zwei deutschen Regierungen, nämlich der Bundesregierung und der ersten frei gewählten DDR-Regierung, zu dem Tag auserkoren wurde, an dem die durch unsere friedliche Revolution erstrittene Einheit beider deutscher Staaten offiziell vor den Augen der Welt vollzogen wurde.

Und gerade weil es mittlerweile bereits eine ganze „Schülergeneration“ gibt, die an die über 40 Jahre währende widernatürliche Teilung Deutschlands keinerlei eigene Erinnerungen mehr hat lohnt es sich, diesen Tag als einen Feiertag zu begehen, an dem wir (bei aller Unvollkommenheit und negativen Begleiterscheinungen, die auch mir nicht fremd geblieben sind), immer wieder dankbar zurückblicken auf dieses „Geschenk“ der Geschichte. Es ist allerdings eine der schlechteren Eigenschaften von uns Deutschen, dass wir dazu neigen, gern alles mies zu reden, das Negative in den Vordergrund zu stellen und überhaupt unzufrieden zu sein.

Nationalstolz, von den Franzosen, den US-Amerikanern und vielen anderen Völkern kultiviert und gelebt, hat bei uns leider ebenso einen negativen Anstrich wie viele andere Tugenden. Man verbindet Stolz aufs Vaterland oft mit Rechtsextremismus und Fremdenhass! Geschäftstüchtigkeit und politisches Engagement werden ebenso in die Ecke von Profitgier und Machtstreben gestellt, wie die Mitarbeit in Vereinen und Verbänden als übersteigertes Geltungsbedürfnis verkannt wird.

Dabei ist es für unsere Demokratie so wichtig wie kaum einmal zuvor, dass sich unsere Bürgerinnen und Bürger, dass wir uns mit Gedanken und Ideen einbringen in das politische Geschehen, weil viele Verantwortliche/Gewählte in der „großen Politik“ Tätige offensichtlich, zumindest zeitweilig die Bodenhaftung verloren haben. Nicht von Ungefähr erwecken die Reformen der jüngsten Vergangenheit allesamt den Anschein, es werde immer nur beim kleinen Mann gespart.

Dabei wäre es für unsere Bundes- auch Landtagsabgeordneten so denkbar einfach und meines Erachtens wichtig, persönlich auch Zeichen zu setzen, indem sie vorhandene Gesetzlichkeiten ändern, um z.B. nicht bereits nach wenigen Jahren in einer Tätigkeit als Abgeordneter meiner Meinung nach unvertretbar höhere Pensionsansprüche zu „erwerben“, als ein Beschäftigter in seiner gesamten Lebensarbeits-Biografie und zwar, ohne z.B. in eine entsprechende Pensionskasse eingezahlt zu haben. Und dies gilt analog auch für unsere Beamten aller Körperschaften.

Die so genannte „Mitnahmementalität der Deutschen“, wie unser Bundeskanzler es kürzlich nannte, ist für mich auch deutlich, indem sie ihre als Full-time-Job vergütete Abgeordnetentätigkeit nicht „Full-Time“ ausfüllen. Würden sie es „Full-Time“ ausfüllen, bliebe ihnen automatisch keine Zeit mehr für horrend bezahlte Beraterverträge „nebenher“. Für diese erforderlichen Gesetzesänderungen will ich mich persönlich und hoffentlich mit Unterstützung unserer Bundestagsabgeordneten vor allem aus dem Osten einsetzen.

Viel wurde in den vergangenen Wochen und Monaten über Hartz IV und seine zu erwartenden Auswirkungen geschrieben und geredet. Man kann über die Inhalte durchaus geteilter Meinung sein, ein positives Signal ist aber von den geplanten Reformen schon jetzt ausgegangen: Tausende wurden aus ihrer Passivität der Politik gegenüber aufgerüttelt, weite Teile der Bevölkerung haben sich darauf besonnen, dass laut Grundgesetz „alle Macht vom Volke ausgeht“, und das nicht nur beim Gang zur Wahlurne!

Es ist mehr als töricht darüber zu diskutieren, ob die DDR nicht doch erhaltenswert gewesen wäre: Sie war politisch und wirtschaftlich am Boden und damit nicht erhaltensfähig. Einiges wäre allerdings meines Erachtens schon „überführungsfähig“ in unser gemeinsames Vaterland gewesen. Unsere Bürgerinnen und Bürger haben aber zur ersten und letzten freien Volkskammerwahl nicht den Aktivisten der Wende wie „Neues Forum“ oder „Bündnis 90“ oder der neuen „SPD der DDR“ oder dem Demokratischen Aufbruch oder, oder ,oder … den Auftrag zum Regieren erteilt, sondern mehrheitlich wahrscheinlich zuerst nur die D-Mark gesehen.

Diese Gegebenheiten (auch den Volkswillen) haben wir zu beachten, das Rad der Geschichte kann und soll nicht zurückgedreht werden. Wir können aber auch aus der jüngeren Geschichte lernen und eine aller erste Lehre aus der Wendezeit wäre: Der Wille des Volkes lässt sich nicht dauerhaft brechen, er muss aber erst genauer definiert und auch laut ausgesprochen werden.

Lassen Sie uns heute stolz sein auf das, was wir, die ehemaligen DDR-Bürger, gemeinsam mit unseren Freunden aus der „alten“ Bundesrepublik und der Unterstützung auch durch die Bundespolitik in den 14 Jahren bewegt haben. Wir sollten den Nationalfeiertag, nun aller Deutschen, aber auch nutzen, gemeinsam darüber intensiv nachzudenken, wie wir beim Gestalten und ggf. Verändern unserer Demokratie aktiv mittun können und dies dann gemeinsam umsetzen. Von radikalen Irrläufern oder politischen Scharlatanen jeglicher Coleur dürfen wir unser Vaterland allerdings nicht verunstalten lassen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen besinnlichen und schönen Feiertag!
Jürgen Hohberg, Bürgermeister von Sollstedt
Autor: nnz

Anzeige symplr (6)
Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Kommentare sind zu diesem Artikel nicht möglich.
Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.
Beachten Sie, dass die Redaktion unpassende, inhaltlose oder beleidigende Kommentare entfernen kann und wird.
Anzeige symplr (9)
Anzeige symplr (8)