Di, 06:30 Uhr
07.03.2017
Gedenkstätten und Erinnerungskultur
Die Geschichte ist nicht auserzählt
Wer heute Richtung Kohnstein blickt, der kann es kaum ausmachen, das ehemalige Konzentrationslager. Das es dort gewesen ist und was dort geschehen ist, werden die meisten wissen. Weil es Teil der Geschichte der Stadt und des Landes ist. Aber auch weil dieses Land darauf achtet, dass seine Geschichte nicht nur nicht vergessen, sondern weiter erforscht wird...
Die Geschichte ist nicht auserzählt - ein Besuch bei der Gedenkstätte Mittelbau-Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Ruhig liegt die Gedenkstätte da, am Waldrand zu Füßen des Kohnsteins. Wie ein Monolith erhebt sich allein das Hauptgebäude über den Fundamenten des ehemaligen Konzentrationslagers, der Rest liegt verborgen unter der Erde, im Berg oder versteckt im Wald. Das war nicht immer so und wer Nordhäuser ist, der wird das wissen, sollte die Geschichte dieses Ortes kennen. Man hat sie oft gehört, kennt die Zahlen, wenn vielleicht auch nur vage, und hat diesen Friedhof am Berg mindestens einmal besucht.
Über 70 Jahre ist das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte inzwischen Vergangenheit und die kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit ist zum Teil der deutschen Seele geworden, spätestens seit den 60er Jahren, als die Nachkriegsgeneration alt genug geworden war, um unangenehme Fragen zu stellen.
Inzwischen sind wieder andere Töne zu hören, vereinzelt aber lautstark, die meinen es sei nun genug mit der ewigen Erinnerung. Dass die deutsche Geschichte ins rechte Licht gerückt höre. Dass völkische Parolen wieder salonfähig werden, betrachte man mit Sorge, sagt Dr. Stefan Hördler, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Derlei Aussagen würden aber auch zeigen, wie wichtig es sei ein kritisches Geschichtsbewusstsein und die Fähigkeit zu Reflexion und Einordnung zu entwickeln. Das gilt nicht nur für die Hitler-Diktatur, die Zeit des real existierenden Sozialismus wird auch ein Vierteljahrhundert nach ihrem Ende noch kritisch hinterfragt, ebenso die Reformation und andere heikle Epochen der deutschen Geschichte.
"Die Bundesrepublik hat in der Erinnerungskultur ein enorm hohes Niveau erreicht", sagt Dr. Hördler, und das gilt auch für Dora. So liegt die Gedenkstätte an einem Montagnachmittag nicht etwa im Dornröschenschlaf, sondern wird durch eine Schülergruppe aus Spanien erkundet. Mehrere Stunden sind sie hier, lernen unter Begleitung das Gelände, die Ausstellung und natürlich den Stollen kennen. Einfache Führungen gibt es in Dora gar nicht, erklärt Dr. Hördler, man habe einen hohen Anspruch, die Angebote für Gruppen seien mindestens mehrstündig und reichten bis zu längeren Aufenthalten von bis zu vier Tagen. "Ein Besuch von 90 Minuten ist keine nachhaltige Vermittlungsarbeit, wir stellen Qualität deutlich über Quantität, das muss unser Anspruch sein", erklärt der Leiter der Gedenkstätte, gerade die Gruppenangebote würden vermehrt nachgefragt.
Qualität steht über Quantität - Gedenkstättenleiter Dr. Stefan Hördler in der Bestandsbibliothek der Gedenkstätte (Foto: Angelo Glashagel)
Auf Qualität setzt man auch in der Forschung. Ein Bild der tatsächlichen Ausdehnung und Durchdringung des Lagersystems in die Gesellschaft hinein hat sich zum Beispiel erst in den letzten Jahren ergeben. Die tiefe Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, speziell in den zurückliegenden 25 Jahren, bedeute aber nicht, dass die Geschichte auserzählt oder vorbei sei, meint Dr. Hördler. "Je tiefer man gräbt, desto mehr Fragen ergeben sich und es gibt nach wie vor große Forschungslücken, etwa zur Besatzungspolitik in Osteuropa." Selbst vor Ort wisse man über einige Aspekte des Dritten Reiches immer noch recht wenig. Das Thema Zwangsarbeit ist so ein Fall und die Forschung innerhalb der Gedenkstätte hat hier viel zu Tage gefördert.
Aktuell widmet man sich unter anderem der Aufarbeitung der Geschichte der Firma "Topf & Söhne", ein prominentes Beispiel für die Mittäterschaft der Industrie bei der Vernichtung der europäischen Juden. Das Projekt fragt danach, wie es möglich war, dass Betriebsleiter, Ingenieure und Arbeiter ihr fachliches Können und ihre berufliche Erfahrung scheinbar bruchlos in den Dienst der nationalsozialistischen Verbrechen stellten.
Für den anstehenden 72. Jahrestag der Befreiung des Lagers wird man sich dem Thema "Frauen im Nationalsozialismus" widmen, speziell im KZ-System und im Widerstand. Entsprechende Veranstaltungen sind für den 3. und 4. April geplant. Im Laufe des Jahres will Dr. Hördler das Projekt des "sichtbar machens" weiter verfolgen und die Spuren des weit verzweigten Lagers aus ihrem Schlummer holen. Dazu wird man auch wieder ein Internationales Sommer-Camp organisieren, in dessen Verlauf die Grundmauern einer Baracke wieder zum Vorschein kommen sollen.
So wie einst, wird man das ehemalige Lager von Nordhausen aus auch dann noch nicht sehen können, aber das diffuse Bild, dass die Nachwelt von der Vergangenheit hat, wird für den einen oder anderen dann vielleicht wieder ein Stück klarer.
Die Geschichtsschreibung als solche ist beinahe so alt wie die Zivilisation selbst. Ihre kritische Betrachtung, der neutrale, nüchterne Blick auf das Geschehene, ist hingegen eine vergleichsweise junge Disziplin. Eine Disziplin, die in Deutschland ausgiebiger gepflegt wird, als in vielen anderen Ländern und in der es dieses Land zur Meisterschaft gebracht hat. Über Generationen hinweg hat man den Mut aufgebracht, in seine eigenen Abgründe zu blicken und ihnen standzuhalten anstatt verschämt wegzusehen. Blinde Flecken bleiben auch heute noch aber man scheut sich nicht, danach zu fragen und nachzubohren, wie die Dinge wirklich gelegen haben mögen, egal welche Epoche man betrachtet. Sei es die DDR, die Reformation, das Kaiserreich oder eben der Nationalsozialismus. Wenn es etwas gibt, auf das diese Gesellschaft stolz sein kann, dann darauf.
Angelo Glashagel
Autor: red
Die Geschichte ist nicht auserzählt - ein Besuch bei der Gedenkstätte Mittelbau-Dora (Foto: Angelo Glashagel)
Ruhig liegt die Gedenkstätte da, am Waldrand zu Füßen des Kohnsteins. Wie ein Monolith erhebt sich allein das Hauptgebäude über den Fundamenten des ehemaligen Konzentrationslagers, der Rest liegt verborgen unter der Erde, im Berg oder versteckt im Wald. Das war nicht immer so und wer Nordhäuser ist, der wird das wissen, sollte die Geschichte dieses Ortes kennen. Man hat sie oft gehört, kennt die Zahlen, wenn vielleicht auch nur vage, und hat diesen Friedhof am Berg mindestens einmal besucht.
Über 70 Jahre ist das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte inzwischen Vergangenheit und die kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit ist zum Teil der deutschen Seele geworden, spätestens seit den 60er Jahren, als die Nachkriegsgeneration alt genug geworden war, um unangenehme Fragen zu stellen.
Inzwischen sind wieder andere Töne zu hören, vereinzelt aber lautstark, die meinen es sei nun genug mit der ewigen Erinnerung. Dass die deutsche Geschichte ins rechte Licht gerückt höre. Dass völkische Parolen wieder salonfähig werden, betrachte man mit Sorge, sagt Dr. Stefan Hördler, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Derlei Aussagen würden aber auch zeigen, wie wichtig es sei ein kritisches Geschichtsbewusstsein und die Fähigkeit zu Reflexion und Einordnung zu entwickeln. Das gilt nicht nur für die Hitler-Diktatur, die Zeit des real existierenden Sozialismus wird auch ein Vierteljahrhundert nach ihrem Ende noch kritisch hinterfragt, ebenso die Reformation und andere heikle Epochen der deutschen Geschichte.
"Die Bundesrepublik hat in der Erinnerungskultur ein enorm hohes Niveau erreicht", sagt Dr. Hördler, und das gilt auch für Dora. So liegt die Gedenkstätte an einem Montagnachmittag nicht etwa im Dornröschenschlaf, sondern wird durch eine Schülergruppe aus Spanien erkundet. Mehrere Stunden sind sie hier, lernen unter Begleitung das Gelände, die Ausstellung und natürlich den Stollen kennen. Einfache Führungen gibt es in Dora gar nicht, erklärt Dr. Hördler, man habe einen hohen Anspruch, die Angebote für Gruppen seien mindestens mehrstündig und reichten bis zu längeren Aufenthalten von bis zu vier Tagen. "Ein Besuch von 90 Minuten ist keine nachhaltige Vermittlungsarbeit, wir stellen Qualität deutlich über Quantität, das muss unser Anspruch sein", erklärt der Leiter der Gedenkstätte, gerade die Gruppenangebote würden vermehrt nachgefragt.
Qualität steht über Quantität - Gedenkstättenleiter Dr. Stefan Hördler in der Bestandsbibliothek der Gedenkstätte (Foto: Angelo Glashagel)
Auf Qualität setzt man auch in der Forschung. Ein Bild der tatsächlichen Ausdehnung und Durchdringung des Lagersystems in die Gesellschaft hinein hat sich zum Beispiel erst in den letzten Jahren ergeben. Die tiefe Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, speziell in den zurückliegenden 25 Jahren, bedeute aber nicht, dass die Geschichte auserzählt oder vorbei sei, meint Dr. Hördler. "Je tiefer man gräbt, desto mehr Fragen ergeben sich und es gibt nach wie vor große Forschungslücken, etwa zur Besatzungspolitik in Osteuropa." Selbst vor Ort wisse man über einige Aspekte des Dritten Reiches immer noch recht wenig. Das Thema Zwangsarbeit ist so ein Fall und die Forschung innerhalb der Gedenkstätte hat hier viel zu Tage gefördert. Aktuell widmet man sich unter anderem der Aufarbeitung der Geschichte der Firma "Topf & Söhne", ein prominentes Beispiel für die Mittäterschaft der Industrie bei der Vernichtung der europäischen Juden. Das Projekt fragt danach, wie es möglich war, dass Betriebsleiter, Ingenieure und Arbeiter ihr fachliches Können und ihre berufliche Erfahrung scheinbar bruchlos in den Dienst der nationalsozialistischen Verbrechen stellten.
Für den anstehenden 72. Jahrestag der Befreiung des Lagers wird man sich dem Thema "Frauen im Nationalsozialismus" widmen, speziell im KZ-System und im Widerstand. Entsprechende Veranstaltungen sind für den 3. und 4. April geplant. Im Laufe des Jahres will Dr. Hördler das Projekt des "sichtbar machens" weiter verfolgen und die Spuren des weit verzweigten Lagers aus ihrem Schlummer holen. Dazu wird man auch wieder ein Internationales Sommer-Camp organisieren, in dessen Verlauf die Grundmauern einer Baracke wieder zum Vorschein kommen sollen.
So wie einst, wird man das ehemalige Lager von Nordhausen aus auch dann noch nicht sehen können, aber das diffuse Bild, dass die Nachwelt von der Vergangenheit hat, wird für den einen oder anderen dann vielleicht wieder ein Stück klarer.
Die Geschichtsschreibung als solche ist beinahe so alt wie die Zivilisation selbst. Ihre kritische Betrachtung, der neutrale, nüchterne Blick auf das Geschehene, ist hingegen eine vergleichsweise junge Disziplin. Eine Disziplin, die in Deutschland ausgiebiger gepflegt wird, als in vielen anderen Ländern und in der es dieses Land zur Meisterschaft gebracht hat. Über Generationen hinweg hat man den Mut aufgebracht, in seine eigenen Abgründe zu blicken und ihnen standzuhalten anstatt verschämt wegzusehen. Blinde Flecken bleiben auch heute noch aber man scheut sich nicht, danach zu fragen und nachzubohren, wie die Dinge wirklich gelegen haben mögen, egal welche Epoche man betrachtet. Sei es die DDR, die Reformation, das Kaiserreich oder eben der Nationalsozialismus. Wenn es etwas gibt, auf das diese Gesellschaft stolz sein kann, dann darauf.
Angelo Glashagel

