Mi, 12:25 Uhr
30.11.2016
Zukunft auf dem Bau
Handwerk hat goldenen Boden
Der Baubranche geht es gut. Noch. Rund ein Viertel der Beschäftigten nähert sich in den kommenden zehn Jahren dem Ruhestand, die Konkurrenz zu anderen Branchen in Sachen Nachwuchswerbung ist groß. Wie es in Nordthüringen um das Problem bestellt ist, das erläuterte die Arbeitsagentur heute Vormittag beim Besuch der Baufirma Kirchner in Mauderode...
Insgesamt gab es in Nordthüringen Ende Septemeber 179 Ausbildungsstellen im Bereiche Bau- und Gebäudetechnik. Aber nur 90 Bewerber. Das ist, soweit die gute Nachricht, immerhin ein Plus von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, erklärte Karsten Froböse, Leiter der Nordhäuser Arbeitsagentur am Vormittag in Mauderode. Auch wenn der positive Trend weiter anhalten sollte lässt sich kaum verhehlen, dass die Handwerksberufe mit einem massiven Nachwuchsproblem zu kämpfen haben.
Zu Gast war man heute bei der Kirchner Bau GmbH. Dem Unternehmen geht es an sich gut. Mit seinen 20 Beschäftigten ist Günther Kirchner vor allem regional tätig, zur Zeit etwa bei der Schwammsanierung und Trockenlegung der Kneiff'schen Villa im Park Hohenrode. Noch könne man sich das leisten, sagt Kirchner.
Die Schwierigkeiten liegen eher in der Zukunft. 30% seiner Belegschaft haben ihr 55. Lebensjahr bereits überschritten, in den kommenden zehn Jahren gehen sie in den Ruhestand. Derweil hatte Kirchner im vergangenen Jahr nur zwei Auszubildende, welche die Firma auch übernommen hat. In diesem Jahr gab es nicht einmal eine Bewerbung.
Man müsse alles dafür tun, das Handwerk wieder interessant zu machen, sagte der Bauunternehmer. Kirchner steht mit seinen Sorgen nicht alleine da, im gesamten Baugewerbe sind ein Viertel der Beschäftigten älter als 55 Jahre, mehr als in den meisten anderen Branchen. Im Metallbereich liegt der Schnitt bei rund 20, bei den Gesundheitsberufen "nur" bei rund 16 Prozent. Der Nordhäuser Arbeitsagentur bereitet das Sorgen, immerhin 9,2 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse entfallen in den drei Kreisen Nordhausen, Eichsfeld und Kyffhäuser heute auf das Baugewerbe, ein signifikanter Wirtschaftszweig also.
v.l.: Günther Kirchner, Andrea Springer, Karsten Froböse und Klaus-Dieter Worm (Foto: Angelo Glashagel)
Dabei ist die Situation besser als es die traditionellen Vorstellungen vom Leben auf dem Bau vielleicht erahnen lassen. Die Zahl der Entlassungen während der Wintermonate ist in den vergangenen zwei Jahren von 1.688 auf 1.134 gesunken. Dabei hilft das "Schlechtwettergeld", auch als Saisonarbeiterkurzgeld bekannt. Der Staat übernimmt einen Teil der Kosten, der Unternehmer hält an seinen Fachkräften fest und muss nicht damit rechnen, das der Mitarbeiter im Frühjahr aus der Arbeitslosigkeit zum Konkurrenten wechselt. Rein unternehmerisch mache das keinen Sinn, sagt Kirchner, fällt der Schnee hat er zwar Leute aber keine Aufträge und damit Kosten ohne Einnahmen. Am Ende ist das aber immer noch besser, als die Kosten nicht zu haben und im Frühling ohne qualifiziertes Personal dazustehen.
Wer will, kann auch Weiterbildungen im Rahmen der Winterqualifizierung antreten, sagte Klaus-Dieter Worm, Chef der Kreishandwerkerschaft Nordthüringen. Die Chancen für den Nachwuchs stünden gut, schnell Karriere zu machen und in kleineren Betrieben mehr Gewicht zu haben als im anonymen Großkonzern. Dennoch: in anderen Branchen wird 12 Monate durchgearbeitet, das sei ein Nachteil des Baugewerbes, trotz "Schlechtwettergeld". Wer im Baugewerbe arbeiten will muss von Tag 1 an bereit sein auf Montage zu gehen und man muss anpacken können, auch wenn die Mechanisierung in den letzten Jahren bei den Baustellen nicht halt gemacht hat.
Ein Eigenheim errichte man heute mit drei Leuten und einem eigenen Kran, der wiederrum drei Arbeitskräfte ersetzt, erläuterte Kirchner. Die Digitalisierung der Arbeit hält vor allem über Verwaltung und Logisitik Einzug auf den Baustellen. Große Lager hat kaum noch jemand, die Zulieferer bringen das Material direkt zur Baustelle, im Idealfall innerhalb eines Tages. Das alles seien durchaus Arbeitserleichertungen, sagte der Bauunternehmer, die Hände müsse man sich aber schon noch schmutzig machen.
Und hierin könnte letztlich auch der Ansatz für die Nachwuchswerbung liegen. Mehr mit der Hand zu arbeiten werde von vielen Jugendlichen wieder gewünscht, erläuterte Klaus-Dieter Worm. Entsprechend früh versucht man die Kinder- und Jugendlichen an das Arbeitsfeld heranzuführen. In Nordhausen passiert das zum Beispiel im Ausbildungszentrum der Kreishandwerkerschaft. Kinder der Klassen 7. und 8. lädt man hierhin ein, lässt sie im Rahmen der Berufsorientierung erste Erfahrungen mit den Werkstoffen und Techniken machen. Kirchner selbst ist desöfteren in der Ellricher Regelschule zu Gast um sein Handwerk zu vertreten. "Handwerk hat goldenen Boden", sgat Kirchner, "das gilt immer noch".
Angelo Glashagel
Autor: redInsgesamt gab es in Nordthüringen Ende Septemeber 179 Ausbildungsstellen im Bereiche Bau- und Gebäudetechnik. Aber nur 90 Bewerber. Das ist, soweit die gute Nachricht, immerhin ein Plus von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, erklärte Karsten Froböse, Leiter der Nordhäuser Arbeitsagentur am Vormittag in Mauderode. Auch wenn der positive Trend weiter anhalten sollte lässt sich kaum verhehlen, dass die Handwerksberufe mit einem massiven Nachwuchsproblem zu kämpfen haben.
Zu Gast war man heute bei der Kirchner Bau GmbH. Dem Unternehmen geht es an sich gut. Mit seinen 20 Beschäftigten ist Günther Kirchner vor allem regional tätig, zur Zeit etwa bei der Schwammsanierung und Trockenlegung der Kneiff'schen Villa im Park Hohenrode. Noch könne man sich das leisten, sagt Kirchner.
Die Schwierigkeiten liegen eher in der Zukunft. 30% seiner Belegschaft haben ihr 55. Lebensjahr bereits überschritten, in den kommenden zehn Jahren gehen sie in den Ruhestand. Derweil hatte Kirchner im vergangenen Jahr nur zwei Auszubildende, welche die Firma auch übernommen hat. In diesem Jahr gab es nicht einmal eine Bewerbung.
Man müsse alles dafür tun, das Handwerk wieder interessant zu machen, sagte der Bauunternehmer. Kirchner steht mit seinen Sorgen nicht alleine da, im gesamten Baugewerbe sind ein Viertel der Beschäftigten älter als 55 Jahre, mehr als in den meisten anderen Branchen. Im Metallbereich liegt der Schnitt bei rund 20, bei den Gesundheitsberufen "nur" bei rund 16 Prozent. Der Nordhäuser Arbeitsagentur bereitet das Sorgen, immerhin 9,2 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse entfallen in den drei Kreisen Nordhausen, Eichsfeld und Kyffhäuser heute auf das Baugewerbe, ein signifikanter Wirtschaftszweig also.
v.l.: Günther Kirchner, Andrea Springer, Karsten Froböse und Klaus-Dieter Worm (Foto: Angelo Glashagel)
Dabei ist die Situation besser als es die traditionellen Vorstellungen vom Leben auf dem Bau vielleicht erahnen lassen. Die Zahl der Entlassungen während der Wintermonate ist in den vergangenen zwei Jahren von 1.688 auf 1.134 gesunken. Dabei hilft das "Schlechtwettergeld", auch als Saisonarbeiterkurzgeld bekannt. Der Staat übernimmt einen Teil der Kosten, der Unternehmer hält an seinen Fachkräften fest und muss nicht damit rechnen, das der Mitarbeiter im Frühjahr aus der Arbeitslosigkeit zum Konkurrenten wechselt. Rein unternehmerisch mache das keinen Sinn, sagt Kirchner, fällt der Schnee hat er zwar Leute aber keine Aufträge und damit Kosten ohne Einnahmen. Am Ende ist das aber immer noch besser, als die Kosten nicht zu haben und im Frühling ohne qualifiziertes Personal dazustehen.
Wer will, kann auch Weiterbildungen im Rahmen der Winterqualifizierung antreten, sagte Klaus-Dieter Worm, Chef der Kreishandwerkerschaft Nordthüringen. Die Chancen für den Nachwuchs stünden gut, schnell Karriere zu machen und in kleineren Betrieben mehr Gewicht zu haben als im anonymen Großkonzern. Dennoch: in anderen Branchen wird 12 Monate durchgearbeitet, das sei ein Nachteil des Baugewerbes, trotz "Schlechtwettergeld". Wer im Baugewerbe arbeiten will muss von Tag 1 an bereit sein auf Montage zu gehen und man muss anpacken können, auch wenn die Mechanisierung in den letzten Jahren bei den Baustellen nicht halt gemacht hat.
Ein Eigenheim errichte man heute mit drei Leuten und einem eigenen Kran, der wiederrum drei Arbeitskräfte ersetzt, erläuterte Kirchner. Die Digitalisierung der Arbeit hält vor allem über Verwaltung und Logisitik Einzug auf den Baustellen. Große Lager hat kaum noch jemand, die Zulieferer bringen das Material direkt zur Baustelle, im Idealfall innerhalb eines Tages. Das alles seien durchaus Arbeitserleichertungen, sagte der Bauunternehmer, die Hände müsse man sich aber schon noch schmutzig machen.
Und hierin könnte letztlich auch der Ansatz für die Nachwuchswerbung liegen. Mehr mit der Hand zu arbeiten werde von vielen Jugendlichen wieder gewünscht, erläuterte Klaus-Dieter Worm. Entsprechend früh versucht man die Kinder- und Jugendlichen an das Arbeitsfeld heranzuführen. In Nordhausen passiert das zum Beispiel im Ausbildungszentrum der Kreishandwerkerschaft. Kinder der Klassen 7. und 8. lädt man hierhin ein, lässt sie im Rahmen der Berufsorientierung erste Erfahrungen mit den Werkstoffen und Techniken machen. Kirchner selbst ist desöfteren in der Ellricher Regelschule zu Gast um sein Handwerk zu vertreten. "Handwerk hat goldenen Boden", sgat Kirchner, "das gilt immer noch".
Angelo Glashagel



