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Mo, 07:00 Uhr
11.07.2016
Besuch am Geiersberg

Nicht aufgeben

Die nnz hatte im vergangenen Monat über Beschwerden von Anwohnern am Nordhäuser Geiersberg berichtet. Immer wieder müsse die Polizei an der Jugendwohngemeinschaft der AWO nach dem Rechten sehen. Umgesehen hat sich auch die nnz...

Bei Erlebnispädagogischen Maßnahmen an der Ostsee lernen die Jugendlichen, sich  auf sich selbst und aufeinander zu verlassen und dem anderen zu vertrauen. (Foto: privat) Bei Erlebnispädagogischen Maßnahmen an der Ostsee lernen die Jugendlichen, sich auf sich selbst und aufeinander zu verlassen und dem anderen zu vertrauen. (Foto: privat)
Bei erlebnispädagogischen Maßnahmen an der Ostsee lernen die Jugendlichen, sich auf sich selbst und aufeinander zu verlassen und dem anderen zu vertrauen.

Jana Kowitz, mit offizieller Bezeichnung Abteilungsleitung stationäre Fachdienste, empfängt mich. Zum Reden gehen wir in das sogenannte Elternzimmer im ersten Obergeschoss.

Natürlich haben auch Jana Kowitz und ihre Mitarbeiter den nnz-Artikel gelesen. Der stimme zwar von den Fakten her, dennoch müsse es Ergänzungen geben, um Verständnis dafür zu wecken, was im Haus "abgeht". Und dabei ist es wichtig zu wissen, wer hier betreut wird und wo die Möglichkeiten aber auch Grenzen in der Jugendhilfe liegen?

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14 Plätze gibt es in der offenen Einrichtung. Alle sind seit Jahren belegt. Sechs Pädagogen, eine Leiterin, ein Verbundleiter und eine Verwaltungsleiterin kümmern sich um die anvertrauten jungen Menschen. Ein Hausmeister ist für kleine Reparaturen zuständig. "Unsere Kinder und Jugendlichen werden rund um die Uhr von pädagogischen Fachkräften betreut“, leitet Jana Kowitz ein.

Was sind das für Kinder und Jugendliche, will ich wissen und erfahre und erahne die einzelnen Schicksale. Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalt in der Familie, überforderte Eltern. Die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren haben mitunter das durchlebt, was einem jungen Menschen erspart werden sollte. Oft jahrelang. Das hat Folgen für sie selbst. Sie kennen keine Regeln, keine Strukturen, keine Pflichten - aber: sie kannten auch keine Rechte.

Was über Jahre hinweg schief lief, das versuchen die Mitarbeiter der AWO so gut es geht aufzuarbeiten und gemeinsam geradezubiegen. Das braucht viel Zeit, nicht selten Jahre. Aber sie packen es an. Sie geben den Jugendlichen, die in zwei Gruppen am Geiersberg leben, das zurück, was ihnen genommen oder vorenthalten wurde. Sie müssen sich an Regeln gewöhnen, müssen ihren Alltag ordnen, müssen in die Schule gehen. Sie, das sind Kinder und Jugendliche, deren Eltern in allen sozialen Schichten Zuhause sind. Vom Arzt und Rechtsanwalt bis zum Hartz-IV-Haushalt in mittlerweile dritter Generation.

"Wir wollen und müssen den uns anvertrauten Menschen vor allem Grenzen setzen und ständig auf deren Einhaltung achten. Mit unterschiedlichen Ergebnissen", erklärt Frau Kowitz. Das sind die wunderbaren Momente für sie, ihre Mitarbeiter und für deren Schützlinge. Viele merken vielleicht nach langer Zeit und vielleicht zu ersten Mal, dass da jemand ist, der sich Sorgen macht, der hilft, auf den man sich verlassen kann. "Wir feiern in unserem Gemeinschaftsraum gemeinsam die Geburtstage“. Einige der Mädchen und Jungen erleben das zum ersten Mal. Ein Geburtstagskuchen, der frisch gebacken wurde. "Das sind Momente, die unwiederbringlich sind."

Die Misserfolge werden nicht verschwiegen. Es sind jene Bewohner, die sich weder ein- noch unterordnen wollen, sie lassen sich auf kein Angebot ein, sie verweigern sich komplett. Für sie müssen andere Hilfen gesucht werden, die ihren Bedürfnissen besser entsprechen. Manchmal sind das auch andere Einrichtungen, in denen die gesetzten Grenzen enger sind, als die am Nordhäuser Geiersberg. Dauerausreißer betrifft das. Die beschäftigen nicht nur die AWO-Mitarbeiter, sondern auch die Polizei. Und die Nachbarn. Ja klar, die leiden unter den Folgen, doch in seltensten Fällen sind es die Bewohner, sondern deren Kumpels aus der Stadt, die nicht akzeptieren wollen, dass ab 22 Uhr Nachtruhe am Geiersberg 11 herrscht.

Und dann da diese Momente, dass nach drei, vier oder fünf Jahren, plötzlich die Klingel läutet, ein junger Mann oder eine junge Frau in der Tür steht, die Jana Kowitz und ihren Mitarbeitern irgendwie bekannt vorkommt. Es sind ehemalige Bewohner, die ihren Weg gefunden haben ins Leben. Die einen Beruf oder eine Familie gegründet haben. Es gibt sogar die Fälle, wo ehemalige "Problemfälle" jetzt selbst Betreuer sind. Sie sind die „Glücksfälle“.

Mit 17 Jahren beginnt für die Bewohner am Geiersberg die Vorbereitung auf die Zeit danach. Hierfür stehen vier betreute Wohnungen im Stadtgebiet zur Verfügung. Sie müssen lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Noch bekommen sie Hilfe und Unterstützung, doch mit 18 werden sie in die Welt entlassen, aus der sie einst kamen. Wird sie ihnen gut tun, werden sie sich behaupten in dieser Welt, in der es eine scheinbare grenzenlose Freiheit gibt?

Die Antwort müssen die jungen Menschen selbst finden. Ein Stück ihres bisherigen Weges wurden sie am Geiersberg begleitet. Die freien Plätze, die sie zurücklassen, sind sofort wieder belegt. Die nächsten Kinder und Jugendlichen kommen und der Kampf um sie beginnt von Neuem. Immer wieder und immer wieder. Eine Bitte hat Jana Kowitz noch. Wenn es seitens der Nachbarn zu Problemen kommt, dann einfach klingeln oder anrufen. Mitunter kann ein Gespräch hilfreich sein. Jana Kowitz weiß aber auch: es wird nicht immer sein.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

Kommentare
Nordhäuser Freiheit
11.07.2016, 08.12 Uhr
Gut, dass die nnz vor Ort war.
Ich finde es gut, dass sich die nnz mal vor Ort umgesehen und mit den Menschen in der Einrichtung gesprochen hat.

So kann man sich ein selbst ein eigenes Bild machen und auch Eindrücke gewinnen, wie schwierig, wichtig aber auch erfüllend die Arbeit und das Leben in einem solcher Einrichtung ist.
Gehard Gösebrecht
11.07.2016, 15.45 Uhr
Schön für die Kinder und Jugendlichen
Und wenn man sich an der Ostsee richtig erholt hat, dann kann man am Geiersberg wieder Zirkus machen. Es sind nun mal Kinder aus gescheiterten Familienverhältnissen. Da müssen die angrenzenden Bewohner ihre eigenen Interessen schon mal zurückfahren. Fragt sich bloß, wer den gestressten Anwohnern auf Kosten der Allgemeinheit einen Urlaub an der Ostsee spendiert?

Und jetzt komme ich in die Schublade der Kinderhasser, weil ich nach getaner Arbeit meine Ruhe nach 22 Uhr haben will, um dann nach nächtlichen Gegröle und Gejole übermüdet wieder zur Arbeit gehe.
Nordhäuser Freiheit
11.07.2016, 17.00 Uhr
Genau, Gösebrecht!
Sie gehören genau in diese Schublade!
ich29
11.07.2016, 18.31 Uhr
Gut, dass wir alle perfekte Kinder haben...
Ich denke, wir können froh sein, das wir nicht in einem "kaputten" Elternhaus aufgewachsen sind. Wer weiß, wie wir dann wären...

Natürlich verstehe ich die Anwohner, die nach Feierabend ihre Ruhe haben wollen, dennoch ist es nicht schlimm genug, dass es so viele Kinder gibt, die nicht mehr in ihrem eigentlichen Elternhaus wohnen können?!
Und dann noch das Thema wann greift die " stationäre Jugendhilfe"? Böser Spruch von mir: " Jugendhilfe greift erst dann, wenn das Kind tot aus dem Fenster gefallen ist".
Heißt erst dann, wenn gar nichts anderes mehr hilft, weil ja gespart werden muss.
Und dann sind schon so viele "schräge" Verhaltensweisen manifestiert, und diese müssen dann die Erzieher wieder aberziehen. Hinzu kommt, dass Kinderheime niemals eine Familie ersetzen können, sondern nur ergänzend wirken.
Heißt für die Kinder ist es teilweise schon ernüchternd genug, dass sie in einem Heim leben müssen und nicht Mama und/ oder Papa haben, die mit ihnen schöne Dinge erleben wollen...
Kann man da nicht den direkten Weg wählen und das offene Gespräch suchen um einfach mal dahinter zu schauen?!
Boris Weißtal
12.07.2016, 00.01 Uhr
schwarz-weiss
genau das lieben unsere Kommentatoren. Danke PSG für den ausgewogenen Bericht. Wie oft mag ein Herr Gösebrecht das nGespräch mit der Einrichtung gesucht haben...
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