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Do, 13:23 Uhr
05.07.2001

Geburtstagsfeier in Nordhäuser Loge

Nordhausen (nnz). Heute feierte die Wohnungsbaugenossenschaft Nordhausen (WBG) den 100. Geburtstag des genossenschaftlichen Bauens in der Rolandstadt. Exakt vor 100 Jahren wurde die erste Nordhäuser Wohnungsbaugenossenschaft - der „Nordhäuser Spar- und Bauverein“ - beim Königlichen Amtsgericht zu Nordhausen eingetragen. Aufsichtsrat und Vorstand der Genossenschaft luden an diesem Tag zu einer Festveranstaltung in die Nordhäuser Loge ein.

100 Jahre WBG „Bridge Over Trouble Water“, dieser Song von Simon & Garfunkel, vorgetragen von der Sängerin Kerstin Buchfelder, sollte symbolisch für den Grundgedanken der Genossenschaft stehen. Auch in bewegten Zeiten eine Brücke für das Gemeinwohl darstellen, so präsentierte und präsentiert sich die WBG auch nach 100 Jahren. Gemeinsam mit mehr als 100 genossenschaftlichen Vertretern sowie Gästen aus Politik und dem öffentlichen Leben gestaltete die größte Wohnungsbaugenossenschaft Nordthüringens diesen Feiertag würdig aus. Die Festrede hielt der Vorstandsvorsitzende der WBG, Hans-Werner Grimm. Dabei ging er auf die Geschichte der zurückliegenden 100 Jahre ebenso ein, wie er die derzeitige Situation erläuterte und einen Ausblick gab. An der Festveranstaltung nahmen auch führende Vertreter des Verbandes der Thüringer Wohnungswirtschaft teil und übermittelten entsprechende Grußworte.

Eingeladen wurden vom Vorstand der Genossenschaft auch vier der ältesten Mitglieder, die einen großen Teil des Weges mit zurücklegten. Diese Gäste repräsentierte schließlich auch die einzelnen Genossenschaften, aus denen sich dann die heutige WBG entwickelte (siehe dazu auch die umfangreiche Chronik der WBG im nnz-Archiv). Neben diesen Ehrengästen verdeutlichten auch die geladenen gewählten Vertreter der WGB den genossenschaftlichen Grundgedanken. Ihnen wurde an diesem Tag besonders für ihr ehrenamtliches Engagement gedankt.

nnz veröffentlicht an dieser Stelle die Festrede des Vorstandsvorsitzenden der WBG, Hans-Werner Grimm:


Liebe Genossenschaftsmitglieder, verehrte Gäste,

100 Jahre genossenschaftliches Wohnen heißt 100 Jahre Wohnen unter gesicherten, den Standards der jeweiligen Epochen angepaßten und sozialverträglichen Verhältnissen. Zu jeder Zeit gab es engagierte Leute, die die Notwendigkeit der Verbesserung bestehender Wohnverhältnisse erkannten und sich für Veränderungen einsetzten. An dieser Stelle können nur einige von Ihnen erwähnt werden, obgleich eine Vielzahl von Genossenschaftlern im Laufe der vergangenen 100 Jahre dazu beigetragen hat, daß unsere Genossenschaft heute das darstellt, was unsere Mitglieder von uns erwarten: Einen Dienstleistungsbetrieb, der im Interesse der Mieter tätig ist !

Es war kein leichter Weg von der Gründung der Ersten Genossenschaft bis heute, denn zwei Weltkriege, insbesondere die Bombardierung Nordhausens 1945, verschlechterten die Wohnungsbedingungen immens und stellten unter anderen die Wohnungsbaugenossenschaften vor große Probleme. Nach der Wiedervereinigung vollzog sich dann ein grundlegender Wandel der Aufgaben, denn der bisherige Wohnungsmangel wechselte zu einem Überangebot an freiem Wohnraum.

Doch wie sah die Genossenschaftsentwicklung in diesen vergangenen 100 Jahren konkret aus: Am 05. Juli 1901 erfolgte die erste Eintragung einer Baugenossenschaft, der Spar- und Bauverein eGmbH Nordhausen, beim hiesigen Königlich-Preußischen Amtsgericht zu Nordhausen. Die Anregung dazu kam vom Kaufmann Louis Eisner, der die Wohnungsnot und die daraus resultierenden menschenunwürdigen Wohnverhältnisse erkannte und Veränderungen herbeiführen wollte.

Der Mangel an gesunden und preiswerten Kleinwohnungen betraf insbesondere Arbeiter, den kleinen Mittelstand und kinderreiche Familien. Private Unternehmer hatten aus Rentabilitätsgründen kein Interesse an Kleinwohnungen und Privatvermieter sahen bei kinderreichen Familien nur Probleme auf sich zukommen. Um für diesen Personenkreis Abhilfe schaffen zu können, benötigte der Verein billiges Bauland und niedrig verzinsliche Baugelder. So entstanden die ersten Häuser in der Halleschen Straße mit Unterstützung der Landesversicherungsanstalt Merseburg und nach einigem Zögern auch der Stadt Nordhausen mit 2/3 der benötigten Mittel. Abgeschlossene Wohnungen, gute Belüftung, eigene Wasserversorgung und eigenes Abort wurden zu Bedingungen. Kleine Familiengärten trugen zum Wohlfühlen bei.

Die Rentabilität der vermieteten Wohnungen und damit den Erhalt Ihrer Genossenschaft sicherte sich diese durch ausreichend bemessene Mieten. Menschen verschiedenster Gesellschaftsschichten setzten sich für den Aufbau und den Erhalt des Spar- und Bauvereins ein. Neben dem bereits erwähnten Louis Eisner erwarben sich Prof. Dr. Schumann und Louis Binger große Verdienste während ihrer Tätigkeit zum Wohle der Genossenschaft.

Der Wohnkomplex Bochumer-, Hesseröder-,Hardenberg- und Yorckstraße sowie der Bingerhof dürfte den meisten Anwesenden bekannt sein. Dieser wurde von der ersten Nordhäuser Wohnungsgenossenschaft in den Anfangsjahren ihres Bestehens erbaut. Der Gedanke des gemeinschaftlichen Eigentums war mit der Gründung des Spar- und Bauvereins eGmbH in Nordhausen geboren und zog nun eine Reihe weiterer Genossenschaften nach sich.

So erfolgte bereits im Jahre 1909 die Eintragung des Beamten-Wohnungs-Vereins beim Amtsgericht Nordhausen mit dem Ziel, standesgemäße Wohnungen für Beamte zu schaffen. Dank der sozialen Sicherheit dieses Berufsstandes war es möglich, sich relativ geräumige und moderne Wohnungen zu leisten. Aus dieser Zeit sind die 4geschossigen Gebäude der Förstemannstraße erhalten. Alle anderen Bauten des Beamten-Wohnungs-Vereins fielen der Bombardierung 1945 zum Opfer.

Mit Beendigung des 1. Weltkrieges herrschte abermals eine große Wohnungsnot, denn zahlreiche Flüchtlinge aus Ost und West hatten Nordhausen als ihre neue Heimatstadt auserkoren. Ihren Wunsch nach Eigenheimen teilten auch bereits ansässige Nordhäuser Bürger. So war es nur folgerichtig, daß im Jahre 1921 die Siedlungs- und Baugenossenschaft, genannt „Siebano“, mit der gerichtlichen Eintragung ihr Ziel verfolgte, Land billig zu erwerben und mit Eigenheimen zu bebauen. Ein Beispiel dafür sind die Einfamilienhäuser an der Bleiche. In der Folgezeit kamen im Interesse der Stadtentwicklung auch Mietwohnungen hinzu, meistens in 2geschossigen Doppelhäusern. Obst- und Gemüsegärten verschönerten das Wohnumfeld. Noch heute zeugen davon die Zweifamilienhäuser in der Bochumer Straße. Desweiteren erfolgte in Abstimmung und mit Hilfe der Stadt Nordhausen die damalige Bebauung des Randgebietes in Niedersalza und es entstand die Blumensiedlung.

Der Bombardierung Nordhausens am 3. und 4. April 1945 fielen zahlreiche Bauten aller 3 bestehenden Genossenschaften zum Opfer. Ein Grund dafür, Solidarität zu üben, um gemeinsam den Wiederaufbau in Eigenverantwortung durchzuführen. Nach den Beschlüssen der Generalversammlungen vereinigten sich die drei Genossenschaften 1954 zur Nordhäuser Baugenossenschaft eGmbH. Die Verordnung über die Umbildung gemeinnütziger und sonstiger Genossenschaften von 1957 zog nicht nur eine Namensänderung in GWG Nordhäuser Baugenossenschaft nach sich, sondern brachte auch bessere finanzielle Perspektiven. Fördermaßnahmen und die Vermögensbereinigung aus Altforderungen der Kreditinstitute gaben der Nordhäuser Baugenossenschaft die Möglichkeit, am Neubauprogramm teilzunehmen. Erste Wohnungen auf eigenem Grund und Boden entstanden so in der Thomas-Müntzer-Straße und am Stresemannring.Den Wohnungsmangel aufgrund der ca. 75-prozentigen Zerstörung der Stadt Nordhausen am Ende des 2. Weltkrieges konnte diese eine vereinigte Genossenschaft nicht beheben. Zu Beginn der 50er Jahre siedelten sich zudem immer mehr Großbetriebe an, deren Bedeutung über Stadt- und Landesgrenzen hinausging. Qualifizierte Arbeiter und Angestellte wurden benötigt. Teilweise kamen sie aus allen Teilen der Republik und benötigten Wohnraum. So wurde 1954 die AWG „8. Mai“ gegründet. Großbetriebe wie Schlepperwerk, Hochbau, NOBAS, Reichsbahn, RFT und viele andere unterstützten die Genossenschaft, wurden zu Trägerbetrieben. Ihre Mitglieder kamen hauptsächlich aus diesen Betrieben und ihr erstes Vorzeigeobjekt war der Neubau in der Halleschen Straße. Die Mitgliederzahl wuchs stetig mit den neu geschaffenen Wohnhäusern auf ehemaligem Trümmergelände, insbesondere im Innenstadtbereich.

Eine zweite, von Betrieben getragene Genossenschaft, die AWG „Aufbau“, wurde 1958 gegründet. Auch hier stieg die Anzahl der Mitglieder und die Nachfrage nach einer Neubauwohnung rapide. Somit waren es Ende der 50er Jahre wieder 3 Genossenschaften, die innerhalb der Stadt Nordhausen durch ihr großes Engagement, ihre gut organisierte und fleißige Arbeit zur Verbesserung der Wohnbedingungen ihrer Mitglieder und zum Wiederaufbau ihrer Heimatstadt beitrugen. Die gleichen Ziele aller 3 Genossenschaften mündeten, nach Magdeburger Vorbild, in dem Gedanken, eine Vereinigung herbeizuführen.

Ein einheitlicher Vorstand, die bessere Koordination der anstehenden Aufgaben sowie eine rationellere Ausnutzung der wenigen Reparaturmittel als unumstrittener Vorteil eines Zusammenschlusses wurde den Delegierten in den Jahreshauptversammlungen erläutert. 1974 entstand daraufhin die Vereinigte Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Nordhausen, genannt VAWG. Sie entwickelte sich in der Zeit von 1974 bis 1989 zu einem wohnungswirtschaftlichen Dienstleistungsbetrieb. So konnte der Bestand von 1974 mit rund 3.600 Wohnungen bis 1990 um 2875 erhöht werden. Um die betrieblichen Abläufe innerhalb einer solch großen Genossenschaft in kürzester Zeit effektiv koordinieren zu können, bedurfte es der Zentralisierung aller betrieblichen Bereiche. Dies wurde durch den Aufbau der Geschäftsstelle in der Bochumer Straße erreicht. Alle Abteilungen, von der Verwaltung bis zu den Handwerkerbereichen, befanden sich nun unter einem Dach. Bis heute hat sich diese Maßnahme bewährt.

Mit der politischen Wende ergab sich für die Genossenschaft die Aufgabe, die Übergangsregelung laut Einigungsvertrag umzusetzen. Eine richtungsweisende Vertreterversammlung fand im Oktober 1990 statt. Das überarbeitete Statut, die Wahl eines Aufsichtsrates sowie eine neue Wahlordnung für Mitgliedervertretungen wurden durch die bisherigen Vertreter bestätigt. Damit endete ihre Amtszeit. Der neu berufene Vorstand löste die Eintragung beim Kreisgericht Erfurt aus. Heute ist die Genossenschaft unter Nr. 29 im Genossenschaftsregister beim Amtsgericht in Mühlhausen registriert..

Nun hieß es, viele kleinere und größere Hindernisse zu überwinden und sich den marktwirtschaftlichen Bedingungen anzupassen. Als sehr hilfreich erwies sich die aktive Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Thüringer Wohnungswirtschaft. Mit der Stabilisierung der Mieterlöse durch die folgenden Mietrechtsreformen, der schrittweisen grundbuchlichen Eintragung der Flurstücke wurde die Genossenschaft kreditwürdig und das dringend notwendige Sanierungsprogramm konnte anlaufen. Die Wohnungsnot vor der Wende änderte sich zu Beginn der 90er Jahre schlagartig. Aus dem Vermietermarkt wurde plötzlich ein Mietermarkt. Der Abwanderung ganzer Familien nach Arbeitssuche in die alten Bundesländer sowie dem Eigenheimneubau in und um Nordhausen folgten Leerstände u.a. auch in genossenschaftlichen Wohnungen.

Diesen neuen Bedingungen stellt sich die Genossenschaft. Mit der komplexen Sanierung werden die Wohnungen auf einen Standard gebracht, die den Mietern Sicherheit, aber auch ein Gefühl des Wohlseins bietet. Die Genossenschaft hat mit all ihren modernisierten Häusern und den angrenzenden dazugehörigen wohnungswirtschaftlichen Anlagen dazu beigetragen, der Stadt Nordhausen ein angenehmes, sauberes und ordentliches Erscheinungsbild zu geben. Auch im Kreisgebiet Nordhausen gab es nach dem 2. Weltkrieg viele Wohnungsprobleme. So ergriff ein kleines Team von Bürgern aus Niedersachswerfen und Ilfeld 1957 die Initiative zur Gründung der Wohnungsgenossenschaft „AWG Albert Kuntz“. Mit viel Einsatz der ehrenamtlichen Vorstände und Eigenleistung der Mitglieder entwickelte sich diese Genossenschaft in den Jahren bis zur Wende auf 300 Mitglieder und 250 Wohnungen. In der ersten Vollversammlung wurde mit Annahme des Statutes der Name „Wohnungsgenossenschaft Ilfeld/Niedersachswerfen e.G. „zur Eintragung ins Genossenschaftsregister festgelegt. Die Mitgliedervertretungen der WBG Nordhausen und der WG Ilfeld/Niedersachswerfen beschlossen 1999 ihre Verschmelzung mit dem Ziel der Verbesserung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit sowie der langfristigen Existenzsicherung.

Ein weiteres Problem der genossenschaftlichen Arbeit ergab sich aus den Altschulden aus DDR Zeit. Um den Fortbestand der Wohnungsbaugenossenschaft eG Nordhausen zu sichern, stimmten die Vertreter 1993 der Annahme der Bedingungen aus dem Altschuldenhilfe-Gesetz zu. Es beinhaltet u.a. eine Privatisierungspflicht und die Abführung eines Teils der Erlöse an den Erblastentilgungsfonds. Dem Handlungszwang folgend, wurden 795 WE an einen Zwischenerwerber verkauft. Zur Sicherung der langfristigen Bewirtschaftung der Wohnungen des Zwischenerwerbers wurde 1998 die Wohnungsverwaltungsgesellschaft Nordhausen mbH als 100% Tochtergesellschaft gegründet.

Liebe Genossenschaftsmitglieder, verehrte Gäste,

die Wohnungsbaugenossenschaft eG Nordhausen hat sich in den vergangenen 100 Jahren zu einem wirtschaftlichen Unternehmen auf dem Gebiet der Wohnungswirtschaft entwickelt. Sie garantiert für ihre Mitglieder sicheren, komfortablen und anspruchsvollen Wohnraum bei sozial verträglichen Mieten. Auch in der kommenden Zeit werden die Organe der Genossenschaft auf die Verbesserung des Wohnkomforts durch umfassende Sanierung setzen. Aber auch der Neubau von Wohnungen mit höherer Ausstattung wird künftig wieder zu den Aufgaben der Genossenschaft gehören. Den aktuellen Aufgaben des Wohnungsmarktes werden wir uns stellen. Das betrifft vor allem den Umgang mit dem Überangebot an Wohnungen, hervorgerufen durch den Rückgang der Bevölkerungszahlen der Stadt Nordhausen. Es ergibt sich die Notwendigkeit, den Wohnungsbestand sowie die Stadtstruktur an die rückläufige Nachfrage anzupassen. Dieser sicher auch für uns schmerzhafte Anpassungsprozeß, verbunden mit Rückbau und Neugestaltung, muß auch als Chance erkannt werden, nachhaltige Stadtentwicklung zu betreiben und Wohngebiete entsprechend aufzuwerten. Eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen der Stadt und allen Wohnungsunternehmen ist dazu notwendig. Wir setzen aber bei diesem Prozeß auch auf die Unterstützung der uns bisher begleitenden Banken.

Mit Stolz können wir auf 100 Jahre genossenschaftliche Entwicklung unter den verschiedensten politischen Zeitabschnitten zurückblicken. Gleichzeitig sehen wir aber auch optimistisch in die Zukunft.
Autor: nnz

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