Fr, 10:02 Uhr
11.03.2016
Dichterwettstreit im Clubhaus
Poetry's Not Dead
Lyrik und Poesie fristen heute ein Schattendasein am Rande der kulturellen Existenz, möchte man meinen. Wer aber gestern den Poetry Slam im Clubhaus besuchte, kommt vielleicht zu einem anderen Urteil. Bei dem modernen Dichterwettstreit ging es nicht um Lorbeerkränze und Unsterblichkeit, sondern um Spaß und Nordhäuser Schnaps...
Ein Dichterwettstreit, gibt es das noch? Ist das nicht irgendwie aus der Zeit gefallen? Im alten Athen da traten bei den Dionysien einst Giganten gegeneinander an und rangen mit ihren Stücken, ihrer Wortkunst um die Gunst des Publikums. Für einige bedeutete der Sieg im "Agon" nichts anderes als Unsterblichkeit. Aischylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes - diese Namen sollten die meisten wenigstens in der Schule schon einmal gehört haben. Unbekannte Epenschreiber, Barden und ikonengleiche Dichterfürsten haben die Menschheit eigentlich immer begleitet und deren Existenz kommentiert.
Abseits der Theater und Arthaus-Kinos schreit heute der Kulturpessimist Postmoderne! Fragmentation! Seelenloses Simulacrum! und ärgert sich über Hollywood und Bestseller-Schmachtschinken für Heranwachsende. Was haben Lyrik und Poesie, hat die Kunst des Wortes heute schon noch zu sagen?
Wie sich herausstellt eine ganze Menge. Allerdings kämpfen die Verseschmiede dieser Tage nicht mehr um Lorbeerkranz und ewigen Nachruhm sondern um Kornbrand und frenetischen Applaus. Und es sind auch nicht Iphigenie und Orest, die da gestern im Clubhaus mit dem gesprochenen Wort durch ihr Schicksal geschickt wurden, sondern kleine Geschichten, Erinnerungen, Kommentare und Selbstreflexionen der modernen Dichter.
Da geht es um Träume von "Naziball" in Dortmund, Rattengift in der WG und das Bildungssystem, die Abgründe angewandter Mathematik, Betrachtungen über Socken und die Konstruktion von Normalität, um Erinnerungen, um Liebe, um Beziehungen, um Sex. Tagesaktuelles vermischt sich mit den Ewigkeitsthemen der Menschheit, mal im Vers, mal in Prosa. Die Poesie der kleinen Bühne kommt zur Not auch ohne alexandrinisches Hexameter aus.
Andreas In der Au, alias "Aida", organisiert Slams in Thüringen (Foto: Angelo Glashagel)
Regeln gibt es nur vier, erklärt Andreas In der Au, alias "Aida", vom Verein "Highslammer" aus Erfurt, der die Thüringer Szene am laufen hält. "Es müssen eigene Texte vorgetragen werden, Requisiten gibt es keine und man hat rund sechs Minuten Zeit, dass Publikum für sich zu gewinnen.", erklärt Aida. Das wiederrum hat die Poeten zu respektieren, während des Vortrags herrscht Stille, die Handys werden vorher bitte ruhig gestellt.
Das Format "Poetry slam" gibt es schon seit den 80ern, hat es aber erst in den letzten 15 Jahren geschafft, auch in Thüringen Fuß zu fassen. Die "Slams" genannten Wettkämpfe gibt es vor allem da, wo sich viel junges Publikum triftt, in den Metropolen und Studentenstädten also. Zu letzteren sollte eigentlich auch Nordhausen gehören, auch wenn das dem Einheimischen im Alltag meist nicht auffällt. Tatsächlich war es auch nicht der erste Slam in der Rolandsstadt, den Anfang hatte man 2012 noch in der Altendorfer Kirche gemacht. Im Clubhaus gastierte die Veranstaltung jetzt zum zweiten Mal.
Die Gemeinschaft ist recht klein, Aida spricht von der "Slamily", und die tritt in ganz Deutschland auf. Highlights sind Landes- und Bundesmeisterschaften, die aber wie alle Auftritte mehr Prestige als Gewinn bringen. Von der Kleinkunst lebt keiner der Dichter, als Preise winkten gestern lediglich Nordhäuser Spirituosen. Es geht um Spaß, darum den Mut zu haben sein eigenes Talent vor Publikum zu zeigen und das eigene Werk vortragen zu können. Nicht mehr, nicht weniger. Die Eintrittsgelder der gestrigen Veranstaltung werden der Altendorfer Kirche gespendet.
Das jemand den Sprung vom Slam ins professionelle Kabarett schafft, kommt vor ist aber selten. Insgesamt sie die Szene Studentenaffin, sagt Organisator Aida, "die haben viel Zeit und schreiben gern mal Texte. Wer im Berufsleben steht hat die Zeit dann oft nicht mehr." Das bedeute aber nicht das nur Studenten da sind, neben der U20 Szene sieht man gerade bei den größeren Wettbewerben auch mal ältere Slammer.
Poetryslam im Clubhaus Nordhausen - wer am Ende gewinnt, ist eigentlich egal (Foto: Angelo Glashagel)
Der Güte des Vortrags wird per Applaus ermittelt, volle Punktzahl gibt es bei fast schon orgiastischem Geklatsche. Geslamt wird in zwei Runden, wer es ins Finale schafft, kann einen zweiten Text vortragen. Wer gewinnt sei am Ende eigentlich egal, sagt Aida, "wir wollen einfach das es ein schöner Abend wird". So genau nimmt man es denn auch nicht mit den Punkten - dem Nordhäuser Publikum gefielen die Vorträge gestern Abend so gut, dass es vier statt drei Slammer(innen) in das Finale applaudierte und nach gut drei Stunden mit Björn Göcke und dem amtierenden Thüringer Landesmeister Friedrich Herrmann auch zwei erste Plätze vergab.
Der nächste Slam im Clubhaus findet am 26. Mai statt, ein weiterer Termin ist für den September geplant. Wer selber mal auf der Bühne stehen möchte und wissen will wie es geht, kann sich bei Organisator Aida unter aida@highslammer.de melden.
Autor: redEin Dichterwettstreit, gibt es das noch? Ist das nicht irgendwie aus der Zeit gefallen? Im alten Athen da traten bei den Dionysien einst Giganten gegeneinander an und rangen mit ihren Stücken, ihrer Wortkunst um die Gunst des Publikums. Für einige bedeutete der Sieg im "Agon" nichts anderes als Unsterblichkeit. Aischylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes - diese Namen sollten die meisten wenigstens in der Schule schon einmal gehört haben. Unbekannte Epenschreiber, Barden und ikonengleiche Dichterfürsten haben die Menschheit eigentlich immer begleitet und deren Existenz kommentiert.
Abseits der Theater und Arthaus-Kinos schreit heute der Kulturpessimist Postmoderne! Fragmentation! Seelenloses Simulacrum! und ärgert sich über Hollywood und Bestseller-Schmachtschinken für Heranwachsende. Was haben Lyrik und Poesie, hat die Kunst des Wortes heute schon noch zu sagen?
Wie sich herausstellt eine ganze Menge. Allerdings kämpfen die Verseschmiede dieser Tage nicht mehr um Lorbeerkranz und ewigen Nachruhm sondern um Kornbrand und frenetischen Applaus. Und es sind auch nicht Iphigenie und Orest, die da gestern im Clubhaus mit dem gesprochenen Wort durch ihr Schicksal geschickt wurden, sondern kleine Geschichten, Erinnerungen, Kommentare und Selbstreflexionen der modernen Dichter.
Da geht es um Träume von "Naziball" in Dortmund, Rattengift in der WG und das Bildungssystem, die Abgründe angewandter Mathematik, Betrachtungen über Socken und die Konstruktion von Normalität, um Erinnerungen, um Liebe, um Beziehungen, um Sex. Tagesaktuelles vermischt sich mit den Ewigkeitsthemen der Menschheit, mal im Vers, mal in Prosa. Die Poesie der kleinen Bühne kommt zur Not auch ohne alexandrinisches Hexameter aus.
Andreas In der Au, alias "Aida", organisiert Slams in Thüringen (Foto: Angelo Glashagel)
Regeln gibt es nur vier, erklärt Andreas In der Au, alias "Aida", vom Verein "Highslammer" aus Erfurt, der die Thüringer Szene am laufen hält. "Es müssen eigene Texte vorgetragen werden, Requisiten gibt es keine und man hat rund sechs Minuten Zeit, dass Publikum für sich zu gewinnen.", erklärt Aida. Das wiederrum hat die Poeten zu respektieren, während des Vortrags herrscht Stille, die Handys werden vorher bitte ruhig gestellt. Das Format "Poetry slam" gibt es schon seit den 80ern, hat es aber erst in den letzten 15 Jahren geschafft, auch in Thüringen Fuß zu fassen. Die "Slams" genannten Wettkämpfe gibt es vor allem da, wo sich viel junges Publikum triftt, in den Metropolen und Studentenstädten also. Zu letzteren sollte eigentlich auch Nordhausen gehören, auch wenn das dem Einheimischen im Alltag meist nicht auffällt. Tatsächlich war es auch nicht der erste Slam in der Rolandsstadt, den Anfang hatte man 2012 noch in der Altendorfer Kirche gemacht. Im Clubhaus gastierte die Veranstaltung jetzt zum zweiten Mal.
Die Gemeinschaft ist recht klein, Aida spricht von der "Slamily", und die tritt in ganz Deutschland auf. Highlights sind Landes- und Bundesmeisterschaften, die aber wie alle Auftritte mehr Prestige als Gewinn bringen. Von der Kleinkunst lebt keiner der Dichter, als Preise winkten gestern lediglich Nordhäuser Spirituosen. Es geht um Spaß, darum den Mut zu haben sein eigenes Talent vor Publikum zu zeigen und das eigene Werk vortragen zu können. Nicht mehr, nicht weniger. Die Eintrittsgelder der gestrigen Veranstaltung werden der Altendorfer Kirche gespendet.
Das jemand den Sprung vom Slam ins professionelle Kabarett schafft, kommt vor ist aber selten. Insgesamt sie die Szene Studentenaffin, sagt Organisator Aida, "die haben viel Zeit und schreiben gern mal Texte. Wer im Berufsleben steht hat die Zeit dann oft nicht mehr." Das bedeute aber nicht das nur Studenten da sind, neben der U20 Szene sieht man gerade bei den größeren Wettbewerben auch mal ältere Slammer.
Poetryslam im Clubhaus Nordhausen - wer am Ende gewinnt, ist eigentlich egal (Foto: Angelo Glashagel)
Der Güte des Vortrags wird per Applaus ermittelt, volle Punktzahl gibt es bei fast schon orgiastischem Geklatsche. Geslamt wird in zwei Runden, wer es ins Finale schafft, kann einen zweiten Text vortragen. Wer gewinnt sei am Ende eigentlich egal, sagt Aida, "wir wollen einfach das es ein schöner Abend wird". So genau nimmt man es denn auch nicht mit den Punkten - dem Nordhäuser Publikum gefielen die Vorträge gestern Abend so gut, dass es vier statt drei Slammer(innen) in das Finale applaudierte und nach gut drei Stunden mit Björn Göcke und dem amtierenden Thüringer Landesmeister Friedrich Herrmann auch zwei erste Plätze vergab.
Der nächste Slam im Clubhaus findet am 26. Mai statt, ein weiterer Termin ist für den September geplant. Wer selber mal auf der Bühne stehen möchte und wissen will wie es geht, kann sich bei Organisator Aida unter aida@highslammer.de melden.





























































































