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Mi, 16:18 Uhr
04.07.2001

nnz-Spezial: Deutsche in Stalins Dienst

Nordhausen/Berlin (nnz). Der Transfer von militaerischer Hochtechnologie aus Deutschland in die Sowjetunion nach 1945 gehört zu den spannendsten Kapiteln der modernen Technikgeschichte. Auch um Nordhausen machte dieser Zeitabschnitt keinen Bogen. In diesem Jahr ist dazu ein interessantes und zugleich spannendes Buch herausgegeben worden. Es trägt den Titel: „Forschen für Stalin: deutsche Fachleute in der sowjetischen Rüstungsindustrie 1945 bis 1958. nnz veröffentlicht heute exklusiv eine Rezension des Nordhäusers Matthias Uhl. Uhl arbeitet in der Berliner Außenstelle des Institutes für Zeitgeschichte.


An der Schnittstelle von Politik, militärischer Nutzung, sicherheitspolitischer Relevanz, wissenschaftlichem Fortschritt, technologischer Innovation und Wissenschaftsförderung angesiedelt, bekommt das Thema seine besondere Relevanz durch den Ost-West-Konflikt und den bisher unbefriedigenden Stand der Forschung als Ergebnis der restriktiven Archivnutzungspraxis in der UdSSR, die erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert, wenn auch nicht grundsätzlich liberalisiert wurde.

Hier liegt zunächst die Bedeutung dieser Pionierstudie von Christoph Mick. Er hat unter den schwierigen Bedingungen der russischen Archivpraxis das komplexe Thema des Technologietransfers von West nach Ost für die Forschung weiter geöffnet und damit Zeit- und Technikhistoriker sowie Kommunismusforscher auf neue relevante Bestände in russischen Archiven aufmerksam gemacht. Mick ist es dabei gelungen, in grossem Umfang bisher unbekanntes (und zum Teil wohl auch schon wieder unzugängliches) Material zu erschliessen, disparate Informationen aus sehr unterschiedlichen Dokumentenbeständen zu verknüpfen sowie Entscheidungs- und Entwicklungszusammenhänge grenzüberschreitend zu rekonstruieren.

Das Ergebnis ist eine Studie, welche die technologischen, grosstechnisch-industriellen, staatsorganisatorischen und aussenpolitischen Aspekte des Transfers von militärischer Hochtechnologie aus Deutschland in die UdSSR von 1945 bis 1958 überzeugend rekonstruiert. Dabei liegt in der integrativen Betrachtung dieser Problemfelder der entscheidende, sehr beträchtliche Mehrwert, den die Untersuchung erzeugt. So aufschlussreich die Klärung von Einzelkomplexen (interalliierte Konflikte beim Technologietransfer, Aufbau eines umfangreichen sowjetischen Forschungsnetzes in der SBZ, Nachkriegseinsatz deutscher Experten in der UdSSR und seine Wirkungen etc.) auch sein mag - erst aus der Zusammenschau dieser Komplexe erschliessen sich die Rationalitäten und Resultate des rüstungsindustriellen Handelns der Sowjetunion beim Transfer von militärischer Hochtechnologie.
Zu den wichtigen Einsichten von Mick gehört, dass die nach Kriegsende in der SBZ errichteten sowjetischen Forschungseinrichtungen eine wesentlich grössere Rolle für den Technologietransfer gespielt haben als bisher angenommen. Allein in den vier Konstruktionsbüros des Ministeriums für Luftfahrtindustrie der UdSSR in Dessau, Stassfurt, Halle und Berlin beschäftigten sich mehr als 8000 deutsche und sowjetische Fachleute mit dem Nachbau von zahlreichen Flugzeugen und Triebwerken, die in den letzten Kriegsmonaten auf deutscher Seite entwickelt worden waren.

Auf dem Sektor der Raketenentwicklung waren die Zahlen ähnlich hoch: Mitte 1946 arbeiteten mehr als 7000 deutsche und rund 1000 sowjetische Ingenieure, Techniker und Konstrukteure an der Rekonstruktion deutscher Fernlenkwaffen wie der "V-2". (S. 51-65)
Hauptziel des sowjetischen Vorgehens war die Nachentwicklung moderner deutscher Waffensysteme, die in den Augen der sowjetischen Staats- und Parteiführung über grosse Entwicklungsperspektiven verfügten. Hierfür bauten deutsche Fachleute unter sowjetischer Anleitung Entwicklungen aus der Kriegszeit nach oder setzten diese aus noch vorhandenen Einzelteilen zusammen. Gleichzeitig sollte so ein rascher Wissenstransfer von der deutschen auf die sowjetische Seite sichergestellt werden. Die Spezialisten aus der UdSSR studierten folglich in der "Rekonstruktionsphase" die neue Technik am Objekt und machten sich zugleich mit dem benötigten Forschungs- und Fertigungs-Know-how vertraut. Ergebnis dieser Vorgehensweise war die Bildung arbeitsfähiger Teams, die später zusammen mit ihren Forschungseinrichtungen in die UdSSR verlegt werden konnten. (S. 316)

Diese erste Phase des Technologietransfers verlief, wie Mick in seiner Arbeit herausstreicht, bei allen Siegermächten ähnlich. Interalliierte Konflikte um das Technologieerbe des Deutschen Reiches führten zugleich zu einer Aufwertung der deutschen Fachleute. Für zahlreiche Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler, die in der deutschen Rüstungsindustrie gearbeitet hatten, brachte das Kriegsende deshalb nur einen unwesentlichen Bruch ihrer beruflichen Tätigkeit mit sich. Nach nur kurzer Unterbrechung arbeiteten sie für die Siegermächte wieder an ihren alten Projekten. Diese gewährten ihnen dabei die gleichen Vergünstigungen, welche die Spezialisten bereits durch den NS-Staat erhalten hatten. Die Konkurrenzsituation der Alliierten bei der Suche nach deutschen Rüstungsexperten begründete ebenfalls eine laxe Entnazifizierungspolitik gegenüber den Wissenschaftlern. Auch die UdSSR glaubte beim beginnenden Rüstungswettlauf der ersten Nachkriegsjahre nicht auf den Einsatz nationalsozialistisch belasteter Techniker und Ingenieure verzichten zu können. (S. 33-42; 89-91)

Mit der am 22. Oktober 1946 begonnenen Verschleppung von mehr als 2200 deutschen Spezialisten in die UdSSR leitete die Sowjetunion die zweite Phase des Technologietransfers der deutschen Rüstungstechnik ein. Auf Grund der gesichteten sowjetischen Akten kann Mick nicht nur exakte Angaben zur Anzahl und den Einsatzgebieten der deutschen Techniker in der UdSSR liefern. Erstmals gelang es ihm auch, deren Qualifikationsstruktur im interalliierten Vergleich zu untersuchen. Dabei streicht Mick heraus, dass die UdSSR im Gegensatz zu den USA nicht nur an erstklassigen Wissenschaftlern interessiert war. Die nach dem Krieg komplizierte Situation der sowjetischen Forschung und Wirtschaft verlangte in der Sowjetunion den Einsatz kompletter deutscher Arbeitsgruppen. Deshalb wurden nicht nur Spitzenwissenschaftler, sondern auch zahlreiche gut qualifizierte und ausgebildete Ingenieure sowie Facharbeiter in die Sowjetunion verbracht. Für die praktische Umsetzung der technischen Entwürfe der deutschen Wissenschaftler waren sie in der UdSSR zunächst unverzichtbar. (S. 93-110)

Nach dem Ende der zweiten Phase des Transfers der deutschen Rüstungstechnik, die den Abschluss der Rekonstruktion der deutschen Waffenmuster und deren praktische Erprobung umfasste, modifizierte die UdSSR das von ihr angewendete Konzept des Technologietransfers radikal. Obwohl die Sowjetunion höchstes Interesse am wehrtechnischen Know-how des Deutschen Reiches zeigte, belegt Mick mit seiner Untersuchung, dass die UdSSR nie an eine langfristige Verwendung der deutschen Forschungskapazitäten für eigene Waffenentwicklungen dachte.

Die für die Sowjetunion typische Vorgehensweise bei der Akquisition ausländischer Technologie, die auf nachholenden Kompetenzerwerb ausgerichtet war, verhinderte, im Gegensatz zu den USA, eine weitgehende Integration der deutschen Wissenschaftler und Technikspezialisten in die sowjetische Scientific Community. Deshalb sank das Leistungsvermögen der von den Quellen ihres Wissens abgeschnittenen Deutschen rasch und sie wurden in den Augen der Rüstungsministerien der UdSSR zu einer zunehmend kostspieligen Belastung. Aus Geheimhaltungsgründen lehnte der Ministerrat der UdSSR bis Anfang der 50er Jahre jedoch immer wieder eine Verlegung dieser Wissenschaftler in zivile Bereiche oder eine Rückkehr nach Deutschland ab. (S. 202-205)

Mick macht in seiner Arbeit ebenfalls deutlich, dass die Ergebnisse des Technologietransfers nicht immer den hochgesteckten sowjetischen Erwartungen entsprachen. Während z.B. in den Bereichen der Raketen- und Flugzeugtechnik durch den Wissenstransfer beträchtliche Modernisierungsschübe zu verzeichnen waren, blieben in vielen anderen Bereichen langfristige positive Effekte aus. Die Ursache hierfür lag, so Mick, nicht nur in den Anpassungsschwierigkeiten zweier unterschiedlicher Wissenschaftssysteme oder den besonderen Bedingungen des sowjetischen Plansystems. (S. 180-195) Vielmehr erforderte es die wirtschaftliche Schwäche der UdSSR, sich beim Technologietransfer auf wenige ausgewählte prioritäre Bereiche wie Atom- und Fernlenkwaffen sowie Strahlflugzeuge zu konzentrieren. Hier spielte das sowjetische Kommandosystem seine Stärken bei der Mobilisierung von Forschungskapazitäten und Produktionsressourcen voll aus. "Unmittelbar mit dieser massiven Konzentration auf wenige Grossprojekte verbunden war aber das Zurückbleiben in vielen anderen Bereichen. Hier wies das Kommandosystem gegenüber den marktwirtschaftlichen Systemen gravierende Funktionsdefizite auf. (...) So ist es nicht verwunderlich, dass es in vielen nichtprioritären Bereichen zu Engpässen und mangelnder Planerfüllung kam". (S. 201-202) Zu den weiteren Forschungsergebnissen von Mick gehören ferner eine genaue Rekonstruktion der am Technologietransfer beteiligten Personenkreise in Wissenschaft, Verwaltung und Politik, präzise Erläuterungen der mit der Problematik verbundenen technischen und technologischen Fragen, aber auch eine detaillierte Darstellung der Arbeits- und Lebensbedingungen der deutschen Experten in sowjetischen Diensten.

Auch berücksichtigt der Verfasser die politische Verankerung des Wissenstransfers im sowjetischen Herrschaftssystem und zeigt das polykratische Beziehungs- und Patronagegeflecht der spätstalinistischen UdSSR auf. Zudem kann Mick, gestützt auf neue russische Aktenfunde, unsere bisherigen Kenntnisse über den militärisch-industriellen Komplex in der Sowjetunion wesentlich erweitern. Lediglich die Frage, inwieweit die umfangreichen sowjetischen Demontagen in der SBZ den Technologietransfer beeinflussten, beantwortet der Autor nicht.

Insgesamt handelt es sich bei der Arbeit von Christoph Mick um einen gewichtigen Forschungsbeitrag, der ohne seine intensive Arbeit in russischen Archiven nicht so hätte geschrieben werden können. Die hochprofessionelle Recherche überzeugt ebenso wie die gründliche und gelungene Verarbeitung der internationalen Literatur sowie die Lösung der methodischen Probleme. Das Buch von Mick ist mehr als nur ein Baustein zum Problem von Wissenstransfer, Wissensaneignung und eigenständiger Weiterentwicklung. Wie solche Prozesse des Transfers von Technologie und Wissen im 20. Jahrhundert erfolgten, wird hier beispielhaft dargestellt. Deshalb ist das Buch nicht nur für diejenigen unverzichtbar, die sich mit moderner Technikgeschichte beschäftigen. Auch Zeithistoriker werden an der Arbeit von Christoph Mick kaum vorbeikommen.
Christoph Mick: Forschen für Stalin: deutsche Fachleute in der sowjetischen Rüstungsindustrie 1945 - 1958, München, Wien: Oldenbourg 2000 (Abhandlungen und Berichte / Deutsches Museum; N.F., Bd. 14), 344 S., ISBN: 3-486-29003-7, Preis: DM 58,00
Autor: nnz

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