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Di, 19:19 Uhr
10.11.2015
Zum Tode von Helmut Schmidt

Ende einer Ära

Einen Nachruf auf einen der populärsten und beliebtesten deutschen Politiker in Ost und West schickte uns nnz-Leser Olaf Schulze...

Der Tod des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt beendet endgültig das Politikverständnis des 20. Jahrhunderts, wie es heute nicht mehr existiert. Gleichzeitig stirbt mit ihm einer der letzten Vertreter weitsichtiger, strategisch-taktischer Politik. Der deutschen Presseagentur diktierte er schon 1994 in den Schreibblock:

„Die heutige politische Klasse in Deutschland ist gekennzeichnet durch ein Übermaß an Karrierestreben und Wichtigtuerei und durch ein Übermaß an Geilheit, in Talkshows aufzutreten.“

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Helmut Schmidt wusste wovon er sprach - bis zuletzt. Er war immer um Ausgleich bemüht, um Abwägen, das Aufnehmen der gegnerischen Argumente. Schlichtes Frontendenken oder die vorschnelle Einteilung in Gut und Böse wie es seine derzeitigen Nachfolgern praktizieren, war ihm stets suspekt.

Als er 1974 Willy Brandt als Kanzler ablöste, verfolgte er konsequent dessen Politik der Versöhnung mit dem Ostblock und einer Verbesserung der Beziehungen zur DDR weiter. Obwohl oder gerade weil kalter Krieg war. Einen NATO-Doppelbeschluss zur Aufstellung weiterer US-Atomraketen in Deutschland lehnte er ab und wurde 1982 prompt gestürzt.

Gerade wir ehemalige DDR-Bürger haben dem kühlen Norddeutschen viel zu verdanken. Ohne die von ihm forcierte Lockerungen der Reiseerlaubnisse hätte es 1989 keine Wende gegeben.

Nach seiner aktiven Karriere, die so richtig in Fahrt kam, als er 1962 das Jahrhunderthochwasser in seiner Heimatstadt Hamburg als Innensenator managte, blieb er ein streitbarer „Zeit“-Genosse. Seinen Kollegen im gleichnamigen Wochenblatt schrieb der Verleger Schmidt schon 2010 ins Stammbuch: „Wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man, daß die politischen Journalisten eigentlich mehr zur politischen Klasse gehören und weniger zum Journalismus.“

Und für alle Raucher wird er natürlich ein ewiges Vorbild bleiben - 80 Jahre Raucher! Das soll erst mal einer nachmachen. Heute ist Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren in Hamburg verstorben. Deutschland verliert mit ihm mehr als nur einen Ex-Kanzler. Denn wem hätte man folgendes eher geglaubt als ihm und wer hätte es treffender sagen können: „Ich teile die Menschheit in drei Kategorien ein: Wir normalen Menschen, die irgendwann in ihrer Jugend Äpfel geklaut haben; die zweite hat eine kleine kriminelle Ader, und die dritte besteht aus Investmentbankern.“

Ach; und die Sanktionen gegen Russland wegen der angeblichen Annexion der Krim nannte er kurz und bündig: "Dummes Zeug".
Olaf Schulze
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
H.Buntfuß
10.11.2015, 19:46 Uhr
Helmut Schmidt
Ja das war noch ein Kanzler und SPD-Mitglied, der seinen Wählern noch in die Augen schauen konnte. Den Angehörigen mein Aufrichtiges Beileid.
DenkMal
10.11.2015, 19:55 Uhr
Ein Mann mit Rückgrat ist gegangen
Er hatte das, was wir heute bei vielen gewählten "Vertretern" (wen auch immer diese Menschen vertreten) suchen. Ich bin noch immer ein Bewunderer von Willy Brandt; für mich der deutsche Vater der Einheit (nicht Kohl) und seiner Nachfolgepolitik durch Schmidt (als Wessi!!) Haltung ist für mich das Festhalten an der eigenen Überzeugung für die man gewählt wurde ohne Blick auf die nächste Wahl.
Es bleibt zu wünschen, daß solche Politiker wieder geboren werden.
R.I.P. Helmut Schmidt
Paulinchen
10.11.2015, 20:35 Uhr
Helmut Schmid..
...hatte bis ins hohe Alter mehr politischen Sachverstand, wie die gegenwärtigen Machthaber in unserem Land. Er hat Deutschlands Politik geprägt, wie keiner nach ihm. Seine Fußstapfen sind noch heute für unsere Politiker viel zu groß. Ich verneige mich vor der letzten Galionsfigur der SPD. Möge er nun in seinem Frieden ruhen. Meine aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Tochter und Lebensgefährtin.
Paulinchen
10.11.2015, 20:36 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Anm. d. Red.: Doppelposting
Franziskus
11.11.2015, 08:48 Uhr
Helmut
Übrigens eine Wende gab es niemals .
Was hat sich denn gewendet?
Man spricht nur nach was ein Anderer 1989 vorgesprochen hat.
Waren es nicht die 3 600 000 Deutschen Flüchtlinge aus der SBZ/DDR, die den Staat zur handlungsunfähigkeit trieben.
Flüchtlinge, Antragsteller auf Ausreise und Freigekaufte aus den Gefängnissen machten Druck auf die SED und der war enorm.
Dann gab es 1989-1990 welche, die an einem runden Tisch saßen und die sich Bürgerrechtler nannten ?

Helmut, Deinen Angehörigen wünschen wir unser aufrichtiges Beileid.
Bodo Schwarzberg
12.11.2015, 22:20 Uhr
Helmut Schmidt - Lob an Olaf Schulze
Olaf Schulze hat den Altkanzler mit einigen denkwürdigen Zitaten hervorragend porträtiert. Und ich lernte etwas dazu: Schmidt unterstützte nicht die Stationierung von Atomraketen in Westdeutschland im Zuge des so genannten NATO-Doppelbeschlusses. Da muss ich wohl nochmal nachlesen.
RWE
13.11.2015, 07:12 Uhr
Helmut Schmidt hat den NATO-Doppekbeschluß durchgedrückt.
Gegen den Widerstand seiner Partei. Die FDP ließ die Koalition platzen.
sputnik
13.11.2015, 13:22 Uhr
EIn Mann mit Weisheit, Klugheit und Weitsicht
Ich muss Paulinchen da völlig recht geben. Heutige Politiker eines Schlages, wie Helmut Schmidt es war, kenne ich fast keine. Seine Weitsicht und Umsicht mit dem dazu gehörigen politischen und Sachverstand verdeinen sehr sehr große Hochachtung. An Schlagfertigkeit mit weitreichendem Sachverstand dahinter kenne ich nur noch Gregor Gysi. Die Parteizugehörigkeit spielt für mich da keine große Rolle, ich sehe im Vordergrund die Sacharbeit um die es eigentlich gehen sollte und soll.

Ich verneige mich vor Helmut Schmidt und seinen Angehörigen.
der_geraet
13.11.2015, 22:05 Uhr
Zeit für ne schöne Mentholzigarette...
... in Gedenken an den Märtyrer der Mentholzigarettenlobby in Europa. [/satire off]
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