Do, 17:02 Uhr
05.11.2015
Ein Syrer besucht Nordhausen
"Das Volk hat bessere Politiker verdient"
Das sagte der Erfolgsautor Rafik Schami gestern Abend bei seiner Lesung in der Stadtbibliothek. Und er meinte das deutsche Volk. Nach der Erzählung seines neuen Romans sprach Olaf Schulze mit dem syrischen Schriftsteller.
In der gut besuchten Stadtbibliothek Rudolf Hagelstange las der syrische Dichter und Erzähler Rafik Schami auf Einladung des Fördervereins Nicolai in foro und der Buchhandlung Rose.
Nach einem brillanten Vortrag, in dem der christlich geprägte Erfolgsautor sein neues Buch Sophia geistreich vorstellte ohne ein einziges Mal hineinzublicken, sprach Olaf Schulze für die nnz mit dem bekanntesten syrischen Gegenwartsschriftsteller.
Märchenerzähler, Poet, Bestsellerautor: der syrische Schriftsteller Rafik Schami in Nordhausen (Foto: Eva Maria Wiegand)
nnz: Herr Schami, Sie leben und arbeiten seit 44 Jahren in der Bundesrepublik. Worin unterscheidet sich die heutige Berliner Republik von der Bonner der beginnenden 70er Jahre?
Rafik Schami: Als ich in Deutschland ankam, war die Nazigeneration noch aktiv und besetzte Schlüsselpositionen. Damals fand überall in Deutschland Politik statt, die 68er-Bewegung veränderte viele eingestaubte Ansichten. Von diesem politischen Interesse ist heute leider nichts mehr zu spüren. Deutschland ist ein viel reicheres Land geworden, aber das Engagement und auch das Wissen der Leute schwinden immer mehr. Die Deutschen sind in diesen vier Jahrzehnten offener geworden, sie sind reifer als in den 70ern und besser als ihr Ruf in der Welt. Und sie haben es gelernt, sich mit anderen zu verbrüdern. Deshalb finde ich auch, dass die deutsche Bevölkerung bessere Politiker verdient hat, als jene, die heute an der Macht sind.
nnz: Das einstmals so stolze Syrien befindet sich nach vier Jahren Bürgerkrieg in einem desaströsen Auflösungsprozess. Welche Vision haben Sie für die Zukunft Ihres Landes? Wie könnte ein möglicher Wiederaufbau nach dem Sieg über den IS aussehen?
Rafik Schami: Vor allem müssen wir Assad los werden und uns gegenseitig verzeihen lernen. In Syrien lebten vor dem Krieg über 15 Ethnien und Glaubensrichtungen friedlich zusammen. Ich bin gegen eine sofortige Demokratie-Einführung, wir brauchen einen langsamen, behutsamen Übergang mit Unterstützung der westlichen Welt. Es braucht Geduld, um alle Trümmer, auch die inneren, wieder aufzuräumen. Ich wünsche mir ein Syrien, dass auf die Menschen baut und nicht auf Religionen.
nnz: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation in Deutschland? Welche Entwicklungen halten Sie für wahrscheinlich?
Rafik Schami: Momentan herrscht eine faszinierende Gastfreundschaft, voller Euphorie. Doch das wird enden, die Fremden werden sich einigeln und die Bevölkerung wird unter der aufgebürdeten Last leiden. Die derzeitigen Regierungsentscheidungen sind planlos und ich fürchte mich vor dem Zeitpunkt, wenn die Stimmung kippt. Rechtsextreme und Populisten werden stärker werden, wer einfache Lösungen verspricht, wird erhört.
nnz: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das vereinte Europa in der Flüchtlingskrise?
Rafi Schami: Europa fällt gerade zurück und die deutsche Regierung spielt den Musterschüler. Das wird von den anderen Ländern so nicht akzeptiert werden. Wenn die Europäer nicht schnell beginnen aktiv zu werden, führt das zu großen Problemen.
nnz: Viele Ihrer Landsleute kommen dieser Tage nach Deutschland. Werden die hier bleiben, wenn der Krieg vorüber ist?
Rafik Schami: Ich hoffe, dass viele wieder zurückkehren werden in den Frieden. Nachdem sie hier gelernt haben, wie die Freiheit schmeckt. Es ist für Syrer eine große Chance zu erleben, wie man ohne die beengenden Sippenstrukturen leben kann.
nnz: Welche Sonderstellung nimmt Syrien in der arabischen Welt ein?
Rafik Schami: Die geografische Lage Syriens war immer schon auch eine strategische. Das ist schon so seit Alexander dem Großen. Syrien war sehr früh republikanisch, hatte das Frauenwahlrecht bspw. eher als die Schweiz. Die meisten politischen Bewegungen in Arabien nahmen in Syrien ihren Anfang. Syrien hatte eine Vorbildwirkung und verfügte über einen Vorsprung gegenüber anderen arabischen Staaten. Erfinder, Wissenschaftler, Ärzte und Künstler gab es immer schon viele in Syrien. Durch die geografische Lage und die Einflüsse verschiedener Völker, Religionen und Gruppierungen ist Syrien reich an Traditionen und Kultur. Syrien beherbergt auf seinem Staatsgebiet die meisten Minderheiten weltweit.
nnz: In welchem Zustand befindet sich die syrische Literatur heute?
Rafik Schami: In Syrien selbst gibt es gar keine Literatur mehr, nur noch Lobeshymnen auf das Regime. Syrische Autoren sind aber über die ganze Welt verstreut und so wie ich in Deutschland arbeite, schreiben syrische Kollegen in London oder Paris oder Amerika. Diese Exilautoren thematisieren größtenteils ihre Flucht und die Folgen.
nnz: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem neuen Buch.
Rafik Schami ist momentan auf Deutschlandtournee und stellt sein eben erschienenes Werk Sophia vor, in dem er - mit vielen autobiografischen Sequenzen versetzt - interessante Einblicke in die Geschichte Syriens im letzten Jahrhundert gibt.
Autor: nnzIn der gut besuchten Stadtbibliothek Rudolf Hagelstange las der syrische Dichter und Erzähler Rafik Schami auf Einladung des Fördervereins Nicolai in foro und der Buchhandlung Rose.
Nach einem brillanten Vortrag, in dem der christlich geprägte Erfolgsautor sein neues Buch Sophia geistreich vorstellte ohne ein einziges Mal hineinzublicken, sprach Olaf Schulze für die nnz mit dem bekanntesten syrischen Gegenwartsschriftsteller.
Märchenerzähler, Poet, Bestsellerautor: der syrische Schriftsteller Rafik Schami in Nordhausen (Foto: Eva Maria Wiegand)
nnz: Herr Schami, Sie leben und arbeiten seit 44 Jahren in der Bundesrepublik. Worin unterscheidet sich die heutige Berliner Republik von der Bonner der beginnenden 70er Jahre?
Rafik Schami: Als ich in Deutschland ankam, war die Nazigeneration noch aktiv und besetzte Schlüsselpositionen. Damals fand überall in Deutschland Politik statt, die 68er-Bewegung veränderte viele eingestaubte Ansichten. Von diesem politischen Interesse ist heute leider nichts mehr zu spüren. Deutschland ist ein viel reicheres Land geworden, aber das Engagement und auch das Wissen der Leute schwinden immer mehr. Die Deutschen sind in diesen vier Jahrzehnten offener geworden, sie sind reifer als in den 70ern und besser als ihr Ruf in der Welt. Und sie haben es gelernt, sich mit anderen zu verbrüdern. Deshalb finde ich auch, dass die deutsche Bevölkerung bessere Politiker verdient hat, als jene, die heute an der Macht sind.
nnz: Das einstmals so stolze Syrien befindet sich nach vier Jahren Bürgerkrieg in einem desaströsen Auflösungsprozess. Welche Vision haben Sie für die Zukunft Ihres Landes? Wie könnte ein möglicher Wiederaufbau nach dem Sieg über den IS aussehen?
Rafik Schami: Vor allem müssen wir Assad los werden und uns gegenseitig verzeihen lernen. In Syrien lebten vor dem Krieg über 15 Ethnien und Glaubensrichtungen friedlich zusammen. Ich bin gegen eine sofortige Demokratie-Einführung, wir brauchen einen langsamen, behutsamen Übergang mit Unterstützung der westlichen Welt. Es braucht Geduld, um alle Trümmer, auch die inneren, wieder aufzuräumen. Ich wünsche mir ein Syrien, dass auf die Menschen baut und nicht auf Religionen.
nnz: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation in Deutschland? Welche Entwicklungen halten Sie für wahrscheinlich?
Rafik Schami: Momentan herrscht eine faszinierende Gastfreundschaft, voller Euphorie. Doch das wird enden, die Fremden werden sich einigeln und die Bevölkerung wird unter der aufgebürdeten Last leiden. Die derzeitigen Regierungsentscheidungen sind planlos und ich fürchte mich vor dem Zeitpunkt, wenn die Stimmung kippt. Rechtsextreme und Populisten werden stärker werden, wer einfache Lösungen verspricht, wird erhört.
nnz: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das vereinte Europa in der Flüchtlingskrise?
Rafi Schami: Europa fällt gerade zurück und die deutsche Regierung spielt den Musterschüler. Das wird von den anderen Ländern so nicht akzeptiert werden. Wenn die Europäer nicht schnell beginnen aktiv zu werden, führt das zu großen Problemen.
nnz: Viele Ihrer Landsleute kommen dieser Tage nach Deutschland. Werden die hier bleiben, wenn der Krieg vorüber ist?
Rafik Schami: Ich hoffe, dass viele wieder zurückkehren werden in den Frieden. Nachdem sie hier gelernt haben, wie die Freiheit schmeckt. Es ist für Syrer eine große Chance zu erleben, wie man ohne die beengenden Sippenstrukturen leben kann.
nnz: Welche Sonderstellung nimmt Syrien in der arabischen Welt ein?
Rafik Schami: Die geografische Lage Syriens war immer schon auch eine strategische. Das ist schon so seit Alexander dem Großen. Syrien war sehr früh republikanisch, hatte das Frauenwahlrecht bspw. eher als die Schweiz. Die meisten politischen Bewegungen in Arabien nahmen in Syrien ihren Anfang. Syrien hatte eine Vorbildwirkung und verfügte über einen Vorsprung gegenüber anderen arabischen Staaten. Erfinder, Wissenschaftler, Ärzte und Künstler gab es immer schon viele in Syrien. Durch die geografische Lage und die Einflüsse verschiedener Völker, Religionen und Gruppierungen ist Syrien reich an Traditionen und Kultur. Syrien beherbergt auf seinem Staatsgebiet die meisten Minderheiten weltweit.
nnz: In welchem Zustand befindet sich die syrische Literatur heute?
Rafik Schami: In Syrien selbst gibt es gar keine Literatur mehr, nur noch Lobeshymnen auf das Regime. Syrische Autoren sind aber über die ganze Welt verstreut und so wie ich in Deutschland arbeite, schreiben syrische Kollegen in London oder Paris oder Amerika. Diese Exilautoren thematisieren größtenteils ihre Flucht und die Folgen.
nnz: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem neuen Buch.
Rafik Schami ist momentan auf Deutschlandtournee und stellt sein eben erschienenes Werk Sophia vor, in dem er - mit vielen autobiografischen Sequenzen versetzt - interessante Einblicke in die Geschichte Syriens im letzten Jahrhundert gibt.



