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Mo, 12:39 Uhr
07.09.2015
nnz-Forum:

"Wir haben es in der Hand"

Die Betrachtung der nnz-Redaktion hat viele Menschen zum Nachdenken angeregt. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Beitrag von Dr. Christian Marx...


Sehr geehrter Herr Greiner,

Mit Interesse habe ich Ihre persönliche Betrachtung gelesen.

Bei dem Gedanken an die aktuelle Flüchtlingskrise befällt in der heutigen Zeit wohl jeden ein ungutes Gefühl. Wir erleben derzeit, daß nicht nur Deutschland sondern ganz Europa auf die harte Tour die Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte aufgetischt bekommt. Da kann man natürlich auf den Egoismus der einzelnen Staaten in der EU und auf die Unfähigkeit der Politiker schimpfen, die das Thema Einwanderung und Integration über lange Zeit als „Verliererthema“ gemieden haben.

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Wir erleben aber auch, dass es mit PEGIDA und ihren Ablegern zu einer Bewegung gekommen ist, in der diffuse Ängste und Sorgen vieler Menschen völlig undifferenziert artikuliert werden. In dieser sammelt sich nicht nur Angst vor Islamisierung und Überfremdung sondern auch Unzufriedenheit mit einem System, was Milliarden für die Rettung von maroden Banken und Börsenspekulanten ausgibt, dies als „alternativlos“ verkauft, gleichzeitig aber dem „kleinen Mann“ von der Entwicklung abhängt. Man sieht das an der großen Anzahl von Nicht- oder Frustwählern.

Es findet zu diesen Problemen keinerlei demokratische Auseinandersetzung mehr statt. Die Politik erreicht viele Menschen nicht mehr. Diesen Vorwurf muss man unseren Politikern tatsächlich machen!

Nicht anders ist es übrigens in Griechenland oder gar in Afrika, wo die Perspektivlosigkeit überhand nimmt, kommen dann noch Kriege wie in Afghanistan, Irak, Syrien oder Libyen hinzu, ist es nicht weit bis zur Flüchtlingskrise.

Sie schreiben von Ihrer Angst um das Gemeinwesen, von seinen ethnischen, sozialen, kulturellen, geschichtlichen, wirtschaftlichen Wurzeln… von der augenscheinlichen Unfähigkeit der deutschen Politik. Welche ethnischen, sozialen, kulturellen und geschichtlichen Wurzeln meinen Sie denn? Welche Ethnie? Den Deutschen? Den (West-) Europäer? Den Kaukasier? Welche kulturellen Wurzeln? Etwa „Deutschland sucht den Superstar“? Bach? „Bauer sucht Frau“? Goethe? Helene Fischer? Gar religiös-kulturelle Wurzeln des Christentums? Welche Geschichte meinen Sie? Die Reformation? Den Sozialismus? Die der D-Mark? Darüber kann man trefflich streiten… Ich fürchte eine Antwort muss sehr hilflos, wenn nicht gar deprimierend ausfallen, weil uns viele der wahren „Wurzeln“ nämlich verloren gegangen sind.

Und dieser Verlust kontrastiert mit den Wurzeln der Zuwanderer, von den noch viele starke religiös-kulturelle Wurzeln haben, die aber auch anderen Reizen, wie denen von Wohlstand und sozialer Sicherheit erliegen, die Ihnen der Westen über das Fernsehen auch in die armseligste afrikanische Hütte bringt… Ganz zu schweigen davon, dass unser Wohlstand maßgeblich auf dem Rücken anderer Länder und Kontinente fußt.

Was unser gesamtes soziales und wirtschaftliches Gemeinwesen angeht: es ist zum Scheitern verurteilt, wenn sich nichts ändert (Stichwort Überalterung, Geburtenrückgang, soziale Sicherung, Zuwanderung). Dass Migration in erster Linie durch Hilfe vor Ort oder durch eine Änderung des Konsumverhaltens reduzierbar wäre, dass eine geordnete Zuwanderung sogar notwendig ist und damit auch eine Chance darstellt.

Die erste Änderung muss dabei in den Köpfen passieren, nicht nur in denen der Politiker sondern in unseren allen. Und dass Integration darf nicht nur eine Floskel sein darf. Neukölln ist nur das Ergebnis der früheren Versäumnisse. Wie gesagt, wir lernen in Deutschland und Westeuropa gerade auf die harte Tour.

Und Sie schreiben von der Rolle der Medien. Die klassischen Medien wie Tageszeitungen suchen in der veränderten Medienwelt noch immer ihren Platz, müssen sich anpassen. Wer macht sich angesichts der Bilder und „Tweets“ noch die Mühe, Hintergründe zu ergründen? Die „neuen Medien“ macht mit ihrer Kraft aus jeder gesellschaftlichen Welle eine Flut.

Sie haben selbst eines geschaffen und besitzen damit eines, was subtil zur Meinungsbildung vieler Menschen in unserer Region beiträgt. Sie sind kritisch (im Gegensatz zu anderen), sie stellen berechtigte Fragen. Antworten liefern auch Sie nicht, aber die Fragen und die anonymen Kommentatoren tun das ihrige. Die Stimmungen, die hierbei übermittelt werden, sind schon lange nicht Folge sondern Teil des Problems, was unsere Stadt bzw. Region hat. Der Frust, die Lagerbildung in dieser Stadt, die (anonyme) Nörgelei…

Jetzt kommt mit der Flüchtlingskrise noch ein neues Problemfeld hinzu… Und da machen die neuen Medien MIR Angst! Konkret: Dass ein Medium überhaupt das Thema „Smartphone und Flüchtlinge“ aufgreifen muss, hat mit „Propaganda“ nichts zu tun, es hängt eher damit zusammen, dass in letzter Zeit durch wen auch immer völlig irrationale Stimmungen und Meinungen verbreitet wurden, die nichts anderes zum Ziel haben als Neid und Hass zu schüren.

Wir werden die Probleme der Welt und Europas nicht lösen. Nordhausen ist nicht Neu-Kölln und wird es auch nicht werden. Aber jeder von uns hat eine persönliche Verantwortung, sei es in seinem Konsumverhalten, sei es in dem was er sagt, schreibt oder tut. Es ist keinem von uns geholfen, wenn in der jetzigen Situation, hier in diesem Landkreis hier oder sonstwo, eines auf der Strecke bleibt: Menschlichkeit.

Wenn ein Volk es schafft menschlich zu sein, darf es sich auch ein bisschen auf die Schultern klopfen dafür. Die Probe aufs Exempel bringt allerdings erst der Alltag. Und im Gegensatz zu Neu-Kölln oder anderswo, haben wir hier in Nordhausen es noch in der Hand, es besser zu machen als anderswo. Ob es gelingt, liegt aber an jedem einzelnen von uns persönlich.
Dr. Christian Marx

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Autor: red

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Kommentare
Eckenblitz
07.09.2015, 14:27 Uhr
Antworten
Herr Dr. Christian Marx,
Sie schreiben, dass Herr Greiner Keine Antworten liefert. Bei ihnen finde ich aber auch keine Antworten auf das Problem. Die Macher der NNZ haben den Mut die ganze Angelegenheit Aufzugreifen und ehrlich darüber zu berichten, wo sonst können Sie das erleben.

Sie verlangen Klarnamen. Haben Sie davor Angst, dass Ihr Artikel eine Flut von negativ Artikel auslösen könnte, wie man in der politischen Ecke sagen würde? Ich kann Ihren Artikel nur zustimmen, aber Lösungen haben Sie auch keine.
Lösungen könnten nur die Bundespolitiker/innen liefern und die haben meiner Meinung nach nur ihre eigenen Belange im Kopf, nicht wahr????

Wir können von Glück sprechen, so ein Medium zu haben.
jnndh
07.09.2015, 18:26 Uhr
"Wir haben es in der Hand"
Sehr geehrter Herr Dr. Marx

Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. *Zur Kritik der politischen Ökonomie - Vorwort (Karl Marx)

Diese berühmte dialektische Erkenntnis Ihres Namensvetters konnte ich in den vergangenen 25zig Jahren in diesem Land hinreichend beobachten und erleben.

Ellenbogen.

Ich, nicht Du. Nicht Wir. Ihr könntet ja mein „Feind“ beim Kampf um eine Lehrstelle, einen Studien-oder Arbeitsplatz, auf der Leiter „meines“ Erfolges sein. Aus diesem gesellschaftlichen Bewusstsein heraus sieht mancher Mitbürger Flüchtlinge nicht mehr als Opfer globaler, imperialer Hegemonie, sondern als Feind, der daherkommt, mit der Absicht, seinen Lebensraum einzuengen.

Kurz um: Es muss uns mehr und mehr gelingen, breite Bündnisse im Kampf gegen die Ursachen der Flüchtlingsbewegungen zu schmieden.

Wie sagte ich hier schon oft: Nicht Krause hat Schuld an seinem Dasein, sondern Krupp. Ihnen einen guten Abend.
Jürgen Nagel
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