Di, 08:00 Uhr
23.06.2015
nnz-Betrachtung: Alle Politiker sind...
...faule, überbezahlte, inkompetente, machtgeile, korrupte Opportunisten, die nur in die Politik gegangen sind weil sie in der Wirtschaft niemand haben wollte. So oder ähnlich sehen die Vorurteile aus, denen man tagtäglich begegnen kann, wenn es um diejenigen geht, welche die Geschicke des Landes leiten. In Nordhausen bezogen gestern Abend eine ganze Riege Lokalpolitiker Stellung und berichteten aus ihrem Alltag...
Alle Politiker sind.... (Foto: nnz)
Wer in die Politik geht, der muss damit rechnen, dass viele Mitmenschen einem nicht eben gerade viel Verständnis entgegenbringen und man grundsätzlich an alldem Schuld ist, was gerade im Land oder vor Ort schief läuft.
Katja Mitteldorf etwa, seit einem guten halben Jahr Landtagsabgeordnete für die Partei die Linke, ist Schuld an der Finanzkrise. Und an Griechenland. Und natürlich nur daran interessiert, sich selber die Taschen voll zu hauen. Solche und ähnliche Vorwürfe scheinen unausweichlich, wenn man Berufspolitiker wird oder auch "nur" Lokalpolitiker.
In einer Studie des Marktforschungsinstitunts GfK aus dem vergangenen Jahr, die sich mit dem Ansehen verschiedener Berufsfelder auseinandersetzte, landeten die Politiker auf dem letzten Platz, deutlich abgeschlagen hinter Versicherungsvertretern, Werbefachleuten und Journalisten. Ganz oben standen Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenschwestern.
Der Politikverdrossenheit und den mit ihr einhergehenden Vorurteilen, in welcher Gestalt sie auch immer auftreten mögen, wollten Katja Mitteldorf mit Unterstützung von Christa Biesenbach (CDU), Manuel Thume (FDP), Georg Müller (SPD) und Holger Richter (Bündnis 90/ Die Grünen) am gestrigen Abend im Theaterrestaurant DaCapo entgegen treten.
Angekündigt wurde die Veranstaltung als "szenische Lesung", die den "vermeintlichen Politiker- Mythen mit einem Augenzwinkern" auf den Grund gehen wollte. Ein vielversprechender, ein lobenswerter Ansatz in Zeiten, in denen man übereinander aber nur noch selten miteinander zu sprechen scheint. Einmal nicht über die Grabenkämpfe, das alltägliche Klein-Klein der lokalen Politik reden und ein wenig Realität und gegenseitiges Verständnis in das stille Gespräch zwischen Souverän und Volksvertreter bringen, gewürzt mit einer Prise Humor.
Die Vorurteile, die das Publikum zunächst aufschreiben und in eine kleine Wahlurne werfen konnte, die nach und nach entleert wurde, kamen dabei durchaus zur Sprache. Die Vertreter des politischen Nordhausen berichteten wie viel sie tatsächlich für ihre Arbeit in Stadtrat und Kreistag, für Ausschussarbeit und Vorstandssitzungen bekommen und wie sich der Arbeitsaufwand dazu verhält, warum in Plenarsitzungen des Landtages nicht alle gebannt den Reden zuhören und die Abgeordneten häufig untereinander sprechen, warum in manchen Sitzungen mehr leere Sitze als Volksvertreter zu sehen sind und wie politischer Alltag und öffentliche Wahrnehmung auseinanderklaffen.
Der Großteil der Veranstaltung fühlte sich jedoch eher wie ein Bürgergespräch im kleinen Rahmen an, das (vorsichtig ausgedrückt) starke "Nordhäuser Züge" trug und schnell in den Morast der lokalen Aufregerthemen führte. Die wenigen Nicht-Politiker die ins DaCapo gekommen waren konnten Dampf ablassen, ließen sich über die Verwaltung, das Bürgerhaus, das Seniorenbegegnungszentrum, die Parkraumbewirtschaftung und noch einiges mehr aus.
"Die Politik", und damit sind nicht allein die fünf Redner gemeint, reagierte und versuchte zu erläutern, den Prozess und die Dynamik der demokratischen und der persönlichen Entscheidungsfindung zu erklären, ohne dabei zu deutlich zu werden. Darf man ja nicht, Ausschussarbeit ist schließlich nicht öffentlich, was auch nicht jedem in der Nordhäuser Politik gefällt, glaubt man den Aussagen des gestrigen Abends. Man erging sich in den Details, den Anklagen, Bewertungen und Rechtfertigungen, die sich fast täglich in den Nachrichten und Kommentarspalten finden lassen.
"Die Regionalpolitik ist greifbar", sagte Organisatorin Katja Mitteldorf, "das was kommunalpolitisch passiert, betrifft einen ja zu großen Teilen ganz direkt. Die "große Politik" ist viel entfernter und man hat selten die Möglichkeit mit Abgeordneten ins Gespräch zu kommen. Mein Anliegen war von Anfang an zu sagen "ich bin nicht entfernt und weit weg", sondern mich kann man bei jeder Gelegenheit ansprechen denn ich bin ein ganz normaler Mensch".
Das Verhältnis von Souverän und Vertreter ist angespannt und die Kommunikation schwierig, der Weg zueinander verbaut. Das gilt nicht nur für die große Bundes- oder Europapolitik, sondern auch für die Regionen, Städte und Gemeinden. Woran das liegt, ob an intransparenten Abläufen in Politik und Parteien, dem wachsenden Desinteresse des Bürgers, den Mängeln der medialen Vermittlung oder einem Zusammenspiel aus allen Faktoren, darüber ließe sich vortrefflich streiten, sogar mit Humor. Nur diese Chance wurde gestern verpasst.
Es scheint als könnte man nicht zwanglos über das große Ganze sprechen oder gar scherzen, ohne das dass Bleigewicht der subjektiven Alltagserfahrung einen hinabzieht zum Detail. Zumindest nicht dann, wenn alles so nah ist.
Dem Abend sei zu Gute gehalten, dass durchaus ein Schritt in Richtung gegenseitige Verständigung gemacht wurde. Die Nicht-Politik konnte Sorgen und Nöte artikulieren, die Vertreter der Nordhäuser Politik konnten zeigen das es sich bei den Damen und Herren auch nur um Menschen handelt und nicht um machtgeile Egomanen ohne Durchblick.
Und hin und wieder wurde auch gelacht. Miteinander und übereinander, unabhängig von Parteibüchern oder inoffiziellen Bündnissen in Stadtrat oder Kreistag, sowohl im Podium als auch im Publikum.
Die Vorurteile gegenüber der Politik kommen nicht aus dem Nichts. Sie entstehen nicht an einer einzigen Stelle, sondern aus der Summe an Erfahrungen, die man mit "der Politik" gemacht hat, egal auf welcher Ebene, sei sie nun in Berlin oder im Bürgerhaus zu finden. Zum Problem werden sie dann, wenn man anfängt zu generalisieren, die Fehler im System jedem einzelnen anzukreiden, jedem Vertreter der Politik unlautere Motive zu unterstellen und dabei jegliches Vertrauen verliert. Es kommt der Punkt, an dem die Maschinerie der Gesellschaft am Misstrauen zerbricht und wir kommen diesem Punkt immer näher.
Um das zu vermeiden bedarf es Offenheit und Mut. Von beiden Seiten - die offene und ehrliche Kommunikation der Politik mit dem Bürger, egal ob es sich dabei um Außenpolitik und Wirtschaftsabkommen oder die Haushaltspläne einer Kommune handelt, und Mut von Seiten der Bürger, die eigenen Anliegen auch offen und öffentlich zu vertreten und nicht nur Dampf abzulassen.
Vielleicht kann man dann wieder miteinander statt übereinander reden. Und vielleicht sogar miteinander, und: übereinander lachen.
Angelo Glashagel
Autor: red
Alle Politiker sind.... (Foto: nnz)
Wer in die Politik geht, der muss damit rechnen, dass viele Mitmenschen einem nicht eben gerade viel Verständnis entgegenbringen und man grundsätzlich an alldem Schuld ist, was gerade im Land oder vor Ort schief läuft.
Katja Mitteldorf etwa, seit einem guten halben Jahr Landtagsabgeordnete für die Partei die Linke, ist Schuld an der Finanzkrise. Und an Griechenland. Und natürlich nur daran interessiert, sich selber die Taschen voll zu hauen. Solche und ähnliche Vorwürfe scheinen unausweichlich, wenn man Berufspolitiker wird oder auch "nur" Lokalpolitiker.
In einer Studie des Marktforschungsinstitunts GfK aus dem vergangenen Jahr, die sich mit dem Ansehen verschiedener Berufsfelder auseinandersetzte, landeten die Politiker auf dem letzten Platz, deutlich abgeschlagen hinter Versicherungsvertretern, Werbefachleuten und Journalisten. Ganz oben standen Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenschwestern.
Der Politikverdrossenheit und den mit ihr einhergehenden Vorurteilen, in welcher Gestalt sie auch immer auftreten mögen, wollten Katja Mitteldorf mit Unterstützung von Christa Biesenbach (CDU), Manuel Thume (FDP), Georg Müller (SPD) und Holger Richter (Bündnis 90/ Die Grünen) am gestrigen Abend im Theaterrestaurant DaCapo entgegen treten.
Angekündigt wurde die Veranstaltung als "szenische Lesung", die den "vermeintlichen Politiker- Mythen mit einem Augenzwinkern" auf den Grund gehen wollte. Ein vielversprechender, ein lobenswerter Ansatz in Zeiten, in denen man übereinander aber nur noch selten miteinander zu sprechen scheint. Einmal nicht über die Grabenkämpfe, das alltägliche Klein-Klein der lokalen Politik reden und ein wenig Realität und gegenseitiges Verständnis in das stille Gespräch zwischen Souverän und Volksvertreter bringen, gewürzt mit einer Prise Humor.
Die Vorurteile, die das Publikum zunächst aufschreiben und in eine kleine Wahlurne werfen konnte, die nach und nach entleert wurde, kamen dabei durchaus zur Sprache. Die Vertreter des politischen Nordhausen berichteten wie viel sie tatsächlich für ihre Arbeit in Stadtrat und Kreistag, für Ausschussarbeit und Vorstandssitzungen bekommen und wie sich der Arbeitsaufwand dazu verhält, warum in Plenarsitzungen des Landtages nicht alle gebannt den Reden zuhören und die Abgeordneten häufig untereinander sprechen, warum in manchen Sitzungen mehr leere Sitze als Volksvertreter zu sehen sind und wie politischer Alltag und öffentliche Wahrnehmung auseinanderklaffen.
Der Großteil der Veranstaltung fühlte sich jedoch eher wie ein Bürgergespräch im kleinen Rahmen an, das (vorsichtig ausgedrückt) starke "Nordhäuser Züge" trug und schnell in den Morast der lokalen Aufregerthemen führte. Die wenigen Nicht-Politiker die ins DaCapo gekommen waren konnten Dampf ablassen, ließen sich über die Verwaltung, das Bürgerhaus, das Seniorenbegegnungszentrum, die Parkraumbewirtschaftung und noch einiges mehr aus.
"Die Politik", und damit sind nicht allein die fünf Redner gemeint, reagierte und versuchte zu erläutern, den Prozess und die Dynamik der demokratischen und der persönlichen Entscheidungsfindung zu erklären, ohne dabei zu deutlich zu werden. Darf man ja nicht, Ausschussarbeit ist schließlich nicht öffentlich, was auch nicht jedem in der Nordhäuser Politik gefällt, glaubt man den Aussagen des gestrigen Abends. Man erging sich in den Details, den Anklagen, Bewertungen und Rechtfertigungen, die sich fast täglich in den Nachrichten und Kommentarspalten finden lassen.
"Die Regionalpolitik ist greifbar", sagte Organisatorin Katja Mitteldorf, "das was kommunalpolitisch passiert, betrifft einen ja zu großen Teilen ganz direkt. Die "große Politik" ist viel entfernter und man hat selten die Möglichkeit mit Abgeordneten ins Gespräch zu kommen. Mein Anliegen war von Anfang an zu sagen "ich bin nicht entfernt und weit weg", sondern mich kann man bei jeder Gelegenheit ansprechen denn ich bin ein ganz normaler Mensch".
Das Verhältnis von Souverän und Vertreter ist angespannt und die Kommunikation schwierig, der Weg zueinander verbaut. Das gilt nicht nur für die große Bundes- oder Europapolitik, sondern auch für die Regionen, Städte und Gemeinden. Woran das liegt, ob an intransparenten Abläufen in Politik und Parteien, dem wachsenden Desinteresse des Bürgers, den Mängeln der medialen Vermittlung oder einem Zusammenspiel aus allen Faktoren, darüber ließe sich vortrefflich streiten, sogar mit Humor. Nur diese Chance wurde gestern verpasst.
Es scheint als könnte man nicht zwanglos über das große Ganze sprechen oder gar scherzen, ohne das dass Bleigewicht der subjektiven Alltagserfahrung einen hinabzieht zum Detail. Zumindest nicht dann, wenn alles so nah ist.
Dem Abend sei zu Gute gehalten, dass durchaus ein Schritt in Richtung gegenseitige Verständigung gemacht wurde. Die Nicht-Politik konnte Sorgen und Nöte artikulieren, die Vertreter der Nordhäuser Politik konnten zeigen das es sich bei den Damen und Herren auch nur um Menschen handelt und nicht um machtgeile Egomanen ohne Durchblick.
Und hin und wieder wurde auch gelacht. Miteinander und übereinander, unabhängig von Parteibüchern oder inoffiziellen Bündnissen in Stadtrat oder Kreistag, sowohl im Podium als auch im Publikum.
Die Vorurteile gegenüber der Politik kommen nicht aus dem Nichts. Sie entstehen nicht an einer einzigen Stelle, sondern aus der Summe an Erfahrungen, die man mit "der Politik" gemacht hat, egal auf welcher Ebene, sei sie nun in Berlin oder im Bürgerhaus zu finden. Zum Problem werden sie dann, wenn man anfängt zu generalisieren, die Fehler im System jedem einzelnen anzukreiden, jedem Vertreter der Politik unlautere Motive zu unterstellen und dabei jegliches Vertrauen verliert. Es kommt der Punkt, an dem die Maschinerie der Gesellschaft am Misstrauen zerbricht und wir kommen diesem Punkt immer näher.
Um das zu vermeiden bedarf es Offenheit und Mut. Von beiden Seiten - die offene und ehrliche Kommunikation der Politik mit dem Bürger, egal ob es sich dabei um Außenpolitik und Wirtschaftsabkommen oder die Haushaltspläne einer Kommune handelt, und Mut von Seiten der Bürger, die eigenen Anliegen auch offen und öffentlich zu vertreten und nicht nur Dampf abzulassen.
Vielleicht kann man dann wieder miteinander statt übereinander reden. Und vielleicht sogar miteinander, und: übereinander lachen.
Angelo Glashagel


