Mi, 14:36 Uhr
22.04.2015
nnz-Forum: Erfolg im Naturschutz?
Die Klebrige Miere, eine kleines, unscheinbares Nelkengewächs, ist in Deutschland unmittelbar vom Aussterben bedroht. Zwei Botaniker verhinderten bisher den Verlust des einzig verbliebenen ostdeutschen Wuchsortes bei Halle. Dennoch kann die Art als Sinnbild für das Versagen der deutschen Naturschutzpolitik stehen, meint Bodo Schwarzberg...
Wenn man von Ungarn und Ostpolen, über die gegenwärtig keine genauen Kenntnisse vorliegen, absieht, muss man feststellen, dass die Art in Mitteleuropa fast am Erlöschen ist, schreibt K.-F. GÜNTHER im Jahre 1994.
So gilt sie in Dänemark und Tschechien als ausgestorben oder verschollen, in Deutschland und Schweden als vom Aussterben bedroht, in Frankreich, Österreich, der Slowakei und der Schweiz als stark gefährdet und in Rumänien als extrem selten. Liegt, wie in diesem Fall, der Hauptteil des Areals in Mitteleuropa, wird die Situation für die gesamte Art bedenklich. (GÜNTHER 1994).
Durch die globale Stickstoffvergiftung verschwinden daher immer mehr Standorte von Pflanzenarten, die sensibel auf die damit verbundenen Veränderungen reagieren. So sind sie meist viel zu konkurrenzschwach, um den vordringenden stickstoffliebenden Arten etwas entgegen zu setzen. Der Niedergang der Schafhaltung forciert diese Prozesse weiter: Denn Schafe und Ziegen entziehen den Böden Nährstoffe, wodurch artenreiche Pflanzengesellschaften mit vielen heute bedrohten Spezies erhalten und gefördert werden. Heute verbuschen und verfilzen viele frühere Schafweiden. Und die verbliebenden werden oft zu extensiv, also zu gering und zum verkehrten Zeitpunkt beweidet.
Durch die Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt auf den verschiedensten Gebieten, haben Arten wie die Klebrige Miere zunehmend auch an Wuchsorten keine Zukunft mehr, wo sie auch ohne die gestaltende Tätigkeit des Menschen vorkommen würden. Das aber führt zur Gefahr des kompletten Artenverlustes.
Kam die Klebrige Miere beispielsweise vor etwa 1950 noch in 10 Bundesländern vor, sind es heute noch 2 (Sachsen-Anhalt 1 Wuchsort, Rheinland-Pfalz mindestens 3). Von einst 186 Quadranten deutschlandweit (=Rasterfläche von ca. 5 km x 5 km) gelten nach dem Jahre 2000 gerade noch drei als besetzt. Das entspricht einem Verlust von 98,4 %.
2007 wurden wir, zwei Botaniker aus Mitteldeutschland, auf die dramatische Situation der Art aufmerksam.
Bekannt war, dass die Klebrige Miere zumindest an einem Wuchsort bei Halle (Saale) nach dem Jahre 2000 noch gesichtet wurde. Wir suchten den Sandtrockenrasen auf und stellten nur noch wenige offene, aber für das Überleben der Art dringend notwendige Sandstellen fest. Sie verteilten sich auf gerade einmal noch rund 20 Quadratmeter. Die zu geringe Schafbeweidung hatte bereits zu einem verbreiteten Lückenschluss durch Moose und andere Pflanzen geführt.
Wahrscheinlich durch parallel zur Schafbeweidung durchgeführte Maßnahmen wie Entfilzen mittels Gartenharke und seit 2013 auch Mahd, gelang es, 2009 zunächst eine und 2010 21 Exemplare der Klebrigen Miere zur Entwicklung zu bringen. Pflanzen waren auch 2013 und jetzt wieder 2015 zu sehen. Der letzte ostdeutsche und einer der letzten deutschen Wuchsorte der unscheinbaren Art konnte also bisher erhalten werden. Seit 2010 wird die Art im Botanischen Garten Halle und in einem Privatgarten zur Erhaltung kultiviert. Dies beruht auf der Entnahme einiger weniger Samen von der einzigen 2009 erschienenen Pflanze.
Absprachen mit dem zuständigen Schäfer verhindern ein versehentliches Abweiden der wenigen meist nicht einmal jährlich erscheinenden Pflanzen. Die Behörden in Sachsen-Anhalt unterstützen unsere Maßnahmen.
Für die deutschlandweit vom Aussterben bedrohte Klebrige Miere könnte an ihrem letzten ostdeutschen Standort u.a. der Klimawandel gefährlich werden: Studien besagen, dass es eine Veschiebung der Niederschlagsmengen von Frühjahr und Sommer in die Herbst- und Wintermonate gibt. Der April 2015 passt gut in dieses Bild. Der April 2007 war der trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und tatsächlich: Zwischen 2007 und 2015 kamen in vier Jahren mit besonders trockenen Frühjahrsmonaten (meist März) keine Pflanzen zur Entwicklung. Keimung und Wachstum werden immer öfter ver- oder behindert, also auch die Blüten- und Samenbildung. Dem schon sehr geringen Samenvorrat im Boden droht damit eine allmähliche Erschöpfung.
Verwunderlich bleibt dennoch die Tatsache, dass es einerseits eine fachlich fundierte, nationale Biodiversitätsstrategie gibt, für die Lösung derartiger Probleme aber meist ehrenamtlich Tätige aktiv werden und aktiv werden müssen. Die Länder sind doch aber durch selbst verfolgte Kartierungsprogramme hervorragend über die Situation bedrohter Arten informiert. Von politisch gewollten und organisierten, ausreichend finanzierten Rettungsaktionen für die vielen bedrohten Arten und deren Standorte aber, sind wir dennoch weit entfernt.
Zudem beklagen Wissenschaftler und Umweltverbände seit Jahren die schlimmen Folgen unserer intensiven und zu allem Übel auch noch bezuschussten Landwirtschaft.
Die Widersprüche zwischen den einzelnen Beschlüssen und Zielen auf wirtschaftlichen und andererseits umweltpolitischem Gebiet sind bekannt. Trotzdem wird am bisherigen Primat der Wirtschaft zuungunsten unserer Lebensgrundlagen nichts wirklich geändert.
Sterben beispielsweise Bienenarten durch Pestizide aus, droht das Aussterben von zahlreichen, auf deren Bestäubungsleistungen angewiesene Pflanzen- und damit Tierarten. Dies wiederum kann Schädlingsinvasionen begünstigen. Mit weiteren fatalen, auch wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen.
Bodo Schwarzberg
Quelle: GÜNTHER, K.-F. (1994): Die Verantwortung Thüringens bei der Erhaltung der Flora Mitteleuropas. – Naturschutzreport 7(1): 93-100
Autor: redWenn man von Ungarn und Ostpolen, über die gegenwärtig keine genauen Kenntnisse vorliegen, absieht, muss man feststellen, dass die Art in Mitteleuropa fast am Erlöschen ist, schreibt K.-F. GÜNTHER im Jahre 1994.
So gilt sie in Dänemark und Tschechien als ausgestorben oder verschollen, in Deutschland und Schweden als vom Aussterben bedroht, in Frankreich, Österreich, der Slowakei und der Schweiz als stark gefährdet und in Rumänien als extrem selten. Liegt, wie in diesem Fall, der Hauptteil des Areals in Mitteleuropa, wird die Situation für die gesamte Art bedenklich. (GÜNTHER 1994).
David verliert gegen Goliath
Die normalerweise nur 3 bis 10 cm messende, dünnstänglige Blütenpflanze besiedelt lückige Sand-Trockenrasen, die sehr nährstoffarm sein müssen. Die intensive Landwirtschaft aber führte im Verein mit dem Autoverkehr und modernen Heizungssystemen zu einem Anstieg der Stickstoffemissionen und damit zu einem wachsenden Nährstoffeintrag in Böden und Gewässer.Durch die globale Stickstoffvergiftung verschwinden daher immer mehr Standorte von Pflanzenarten, die sensibel auf die damit verbundenen Veränderungen reagieren. So sind sie meist viel zu konkurrenzschwach, um den vordringenden stickstoffliebenden Arten etwas entgegen zu setzen. Der Niedergang der Schafhaltung forciert diese Prozesse weiter: Denn Schafe und Ziegen entziehen den Böden Nährstoffe, wodurch artenreiche Pflanzengesellschaften mit vielen heute bedrohten Spezies erhalten und gefördert werden. Heute verbuschen und verfilzen viele frühere Schafweiden. Und die verbliebenden werden oft zu extensiv, also zu gering und zum verkehrten Zeitpunkt beweidet.
Durch die Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt auf den verschiedensten Gebieten, haben Arten wie die Klebrige Miere zunehmend auch an Wuchsorten keine Zukunft mehr, wo sie auch ohne die gestaltende Tätigkeit des Menschen vorkommen würden. Das aber führt zur Gefahr des kompletten Artenverlustes.
Kam die Klebrige Miere beispielsweise vor etwa 1950 noch in 10 Bundesländern vor, sind es heute noch 2 (Sachsen-Anhalt 1 Wuchsort, Rheinland-Pfalz mindestens 3). Von einst 186 Quadranten deutschlandweit (=Rasterfläche von ca. 5 km x 5 km) gelten nach dem Jahre 2000 gerade noch drei als besetzt. Das entspricht einem Verlust von 98,4 %.
Rettung für die Klebrige Miere?
2007 wurden wir, zwei Botaniker aus Mitteldeutschland, auf die dramatische Situation der Art aufmerksam.
Bekannt war, dass die Klebrige Miere zumindest an einem Wuchsort bei Halle (Saale) nach dem Jahre 2000 noch gesichtet wurde. Wir suchten den Sandtrockenrasen auf und stellten nur noch wenige offene, aber für das Überleben der Art dringend notwendige Sandstellen fest. Sie verteilten sich auf gerade einmal noch rund 20 Quadratmeter. Die zu geringe Schafbeweidung hatte bereits zu einem verbreiteten Lückenschluss durch Moose und andere Pflanzen geführt.
Wahrscheinlich durch parallel zur Schafbeweidung durchgeführte Maßnahmen wie Entfilzen mittels Gartenharke und seit 2013 auch Mahd, gelang es, 2009 zunächst eine und 2010 21 Exemplare der Klebrigen Miere zur Entwicklung zu bringen. Pflanzen waren auch 2013 und jetzt wieder 2015 zu sehen. Der letzte ostdeutsche und einer der letzten deutschen Wuchsorte der unscheinbaren Art konnte also bisher erhalten werden. Seit 2010 wird die Art im Botanischen Garten Halle und in einem Privatgarten zur Erhaltung kultiviert. Dies beruht auf der Entnahme einiger weniger Samen von der einzigen 2009 erschienenen Pflanze.
Absprachen mit dem zuständigen Schäfer verhindern ein versehentliches Abweiden der wenigen meist nicht einmal jährlich erscheinenden Pflanzen. Die Behörden in Sachsen-Anhalt unterstützen unsere Maßnahmen.
Probleme mit der Flasche
Der so genannte Flaschenhals-Effekt ist ein Begriff aus der Ökologie. Er besagt in etwa, dass winzige, isolierte Populationen durch nicht immer vorhersehbare Ereignisse schnell und unwiederbringlich verlöschen können. Ihre Fähigkeit, nicht artgerechte Verhältnisse für eine gewisse Zeit zu tolerieren, ist nur noch sehr klein. Eine kleine Population steckt in einem Flaschenhals, langfristig auch durch genetische Verarmung.Für die deutschlandweit vom Aussterben bedrohte Klebrige Miere könnte an ihrem letzten ostdeutschen Standort u.a. der Klimawandel gefährlich werden: Studien besagen, dass es eine Veschiebung der Niederschlagsmengen von Frühjahr und Sommer in die Herbst- und Wintermonate gibt. Der April 2015 passt gut in dieses Bild. Der April 2007 war der trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und tatsächlich: Zwischen 2007 und 2015 kamen in vier Jahren mit besonders trockenen Frühjahrsmonaten (meist März) keine Pflanzen zur Entwicklung. Keimung und Wachstum werden immer öfter ver- oder behindert, also auch die Blüten- und Samenbildung. Dem schon sehr geringen Samenvorrat im Boden droht damit eine allmähliche Erschöpfung.
Erfolg und Scheinerfolg
Dem versuchen wir mit einer allmählichen Vergrößerung des Bestandes zu begegnen, durch die Schaffung weiterer offener Sandstellen beispielsweise, durch Erweiterung der Mahdfläche und durch systematische Fortführung der Erhaltungskulturen. Potenzielle Ansiedlungsstellen müssen gefunden und auf Eignung geprüft werden. Bisher waren wir insgesamt erfolgreich.Verwunderlich bleibt dennoch die Tatsache, dass es einerseits eine fachlich fundierte, nationale Biodiversitätsstrategie gibt, für die Lösung derartiger Probleme aber meist ehrenamtlich Tätige aktiv werden und aktiv werden müssen. Die Länder sind doch aber durch selbst verfolgte Kartierungsprogramme hervorragend über die Situation bedrohter Arten informiert. Von politisch gewollten und organisierten, ausreichend finanzierten Rettungsaktionen für die vielen bedrohten Arten und deren Standorte aber, sind wir dennoch weit entfernt.
Zudem beklagen Wissenschaftler und Umweltverbände seit Jahren die schlimmen Folgen unserer intensiven und zu allem Übel auch noch bezuschussten Landwirtschaft.
Die Widersprüche zwischen den einzelnen Beschlüssen und Zielen auf wirtschaftlichen und andererseits umweltpolitischem Gebiet sind bekannt. Trotzdem wird am bisherigen Primat der Wirtschaft zuungunsten unserer Lebensgrundlagen nichts wirklich geändert.
Brauchen wir die Miere wirklich?
Längst ist erwiesen, dass artenarme Ökosysteme viel anfälliger für negative Einflüsse aller Art sind. Jede Pflanzen- und Tierart können wir als Säule in einem großen, vielsäuligen Schloss verstehen. Verschwindet die eine, hat das kaum Auswirkungen. Verschwinden aber im Laufe der Zeit immer mehr, kann das gesamte Gebäude, und damit dessen Schutzfunktion für die verbliebenen Säulen zusammenbrechen. Hierfür kennen wir zahlreiche Beispiele.Sterben beispielsweise Bienenarten durch Pestizide aus, droht das Aussterben von zahlreichen, auf deren Bestäubungsleistungen angewiesene Pflanzen- und damit Tierarten. Dies wiederum kann Schädlingsinvasionen begünstigen. Mit weiteren fatalen, auch wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen.
Rettung macht Spaß
Die Rettung von Standorten bedrohter Arten und deren Dokumentation ist ein sehr dankbarer Job. Die Antworten auf viele Fragen geben die Pflanzen selbst. Die dabei angewendeten oder neu gewonnenen Erkenntnisse dienen wiederum der Arterhaltung und damit unserem Gemeinwesen. Die Freude ehrenamtlicher Aktiver über einzelne Erfolge im Artenschutz kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Politik ihren selbst gestellten Aufgaben meist nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Erst jüngst verlautete, dass das Ziel der nationalen Biodiversitätsstrategie, den allgemeinen Artenrückgang bis 2020 zu stoppen, zum wiederholten Male nicht erreicht wird. Die Tendenz ist ungebrochen negativ.Bodo Schwarzberg
Quelle: GÜNTHER, K.-F. (1994): Die Verantwortung Thüringens bei der Erhaltung der Flora Mitteleuropas. – Naturschutzreport 7(1): 93-100
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.


