Mi, 06:00 Uhr
15.04.2015
Was bleiben wird - Gysi und Schorlemmer in Nordhausen
Was wird von der DDR bleiben und wie sehen sie die Gegenwart - mit pointiertem Witz, reichem Wissen und der Weisheit des fortgeschrittenen Alters diskutierten darüber zwei Personen der Zeitgeschichte im Nordhäuser Ratssaal, die eigentlich vieles trennen sollte - Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Linkenpolitiker Gregor Gysi...
Was bleiben wird - Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer reden im Nordhäuser Ratssaal (Foto: Angelo Glashagel)
Gregor Gysi habe in der Umbruchszeit der Wende einmal gefordert, erzählt Bibliotheksleiterin Hildegard Seidel zur Begrüßung der Gäste, das jeder Haushalt ein Telefon haben müsse und dies auch nutzen können sollte, ohne Angst zu haben überwacht zu werden. Da muss der Politiker lachen und mit ihm das Publikum. Ob er gelacht hat, weil seine eigenen Gespräche von der Stasi oft genug mitgeschnitten wurden, oder weil die Forderung angesichts von Mobiltelefonen und des andauernden NSA-Skandals heute geradezu putzig erscheint, das wird nur er selbst wissen.
Es wird viel gelacht und geschmunzelt an diesem Abend, auch wenn die Themen ihrer Gespräche ernst sind, mit denen die beiden Herren ihr Buch "Was bleiben wird" derzeit in Thüringen bewerben. Das die Diskussion nicht in trockener Theorie versandet ist den beiden Protagonisten des Abends zu verdanken, die davon gelebt haben, mitreißend und überzeugend zu erzählen und die sich selbst nicht mehr zu ernst nehmen müssen. Auf der einen Seite Gregor Gysi, Ikone der Linken, aufgewachsen in einem kommunistisch geprägtem Haushalt und in der DDR als Anwalt tätig. Auf der anderen Seite Friedrich Schorlemmer, der oppositionelle Pfarrer aus evangelischem Hause, der Schwerter zu Pflugscharen schmieden ließ und den Demokratischen Aufbruch mitbegründete.
Sie reden über das was war, und das was ist. Über die Vergangenheit, die Politik und die Wirtschaft, über die Zukunft. Über die Angst und darüber das es wieder mehr Mahner bräuchte in diesen Zeiten. "Wenn wir nicht mehr mahnen, machen wir uns selbst überflüssig, als Priester und als Oppositionspolitiker", meint Gysi. Man habe eine funktionierende Wirtschaft, ein funktionierendes (Finanz-)Weltwirtschaftssystem aber keine funktionierende Weltpolitik. Nicht mehr die Politik leite, sondern die Banken. Die Folgen seien Orientierungslosigkeit und allgemeine Verunsicherung.
Im Kalten Krieg sei es die Angst gewesen, welche die Menschen habe aufwachen und aktiv werden lassen, die Angst vor dem atomaren Konflikt, vor dem dritten Weltkrieg, sagt Schorlemmer. Aber die Angst alleine trage nicht, sondern brauche auch die Hoffnung, das eine andere Welt möglich sei. Nur müsse man aufhören in Schablonen zu denken. Gysi sekundiert und empfiehlt den Mächtigen von heute wieder einmal die Reden von Walter Scheel, Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker zu lesen.
Gysi großes Thema ist, wenig verwunderlich, die Politik. Er erklärt mit Anekdoten wie die Hinterzimmerpolitik der Internationalen Beziehungen funktioniert, spricht davon, was der Kapitalismus kann und was er nicht kann. Er selbst sei "weit weg von der Idee eines Modells", er wolle "eine Transformation, die das überwindet, was der Kapitalismus nicht kann". Was der Kapitalismus könne, das sei Effizienz in der Wirtschaft und Topleistungen in Wissenschaft, Forschung und Kultur. Was er nicht könne, das sei Frieden schaffen, weil der Krieg zu profitabel sei und genutzt würde um neue Märkte zu erschließen. Ebenso wenig könne er ökologische Nachhaltigkeit schaffen, da diese dem Profitstreben im Weg stehe. Gleiches gelte für die soziale Gerechtigkeit und den Kampf gegen den Hunger.
"Ich bete lieber für Politiker, als das ich einer bin", sagt Schorlemmer, der sich nach der Wende selber in der Kommunalpolitik engagiert hat. Die Politiker würden unter vielen Zwängen stehen und es sei schwer, die Rolle des Vermittlers zu übernehmen. "Die wenigsten können die Früchte ihrer Vermittlung auch ernten". Er habe sich damals engagiert, weil er wollte, dass die christliche Botschaft in der Politik präsent ist, das Wort sollte ernst genommen werden, "so das es auch trägt". Im Vergleich zu damals macht er heute einen gravierenden Unterschied aus. Damals in der DDR hörte man ihm sehr genau zu, von staatlicher Seite sicher etwas zu genau und zu oft. "Heute kann ich sagen was ich will und ich weiß nicht, ob es überhaupt gehört wird".
Sie reden viel in diesen zwei Stunden, zuviel als das es sich in einem Artikel zusammenfassen ließe. Was aber bleibt nun von der DDR? Für Schorlemmer zunächst einmal: Ostbrötchen, der Nordhäuser Korn und sein Rema-Andante, ein altes Stück DDR-Technik, gebaut irgendwann in den sechzigern, das bis heute tadellos funktioniert. Dann: die Wut, "die Wut wie mir andere 25 Jahre lang erklärt haben, wie ich gelebt habe". Das sei auch ein Grund gewesen, das Buch zu machen, sagt Schorlemmer und man habe es gut hinbekommen, die Betrachtung differenziert gehalten. Er sei froh, das man damals etwas überwunden habe, sei froh über die Narben, die geblieben sind, auch wenn sie manchmal juckten. Man sollte aber "bestimmte Ideen nicht liegen lassen, nur weil sie missbraucht worden sind".
Gysi hofft, das man lernt "historisch zu denken" und erkennt, das die schlimmste Gesellschaft, die von deutschem Boden ausging, die zwischen 1933 und 1945 war. Die Strafe hierfür, die Teilung und die damit einhergehenden Systeme, die sich keiner der beiden deutschen Staaten ausgesucht habe, sei auszuhalten gewesen.
In der DDR habe man keine soziale Ausgrenzung gehabt, dafür aber die politische. Diese "soziale Erfahrung" tauge aber nichts ohne Freiheit und Demokratie. Die beiden letzteren widersprächen sich wiederum ohne das soziale Element. Deswegen müsse man die soziale Erfahrung, die Chancengleichheit in Bildung und Kultur von der heute alle sprechen, von der man aber meilenweit entfernt sei, wieder in die BRD getragen werden.
Was bleibt für das Publikum? Ein gutes Buch, sicher. Und das Gefühl zwei Menschen gehört zu haben, die viel von dem sagen, was man selber schon lange denkt, aber nicht vermag in Worte zu fassen. Ein wenig Hoffnung vielleicht, das reflektierte Menschen, Mahner die auch gehört werden, noch keine ausgestorbene Spezies sind, wie Moderator Hans-Dieter Schütt zu beginn provokant fragte. Und die Hoffnung, das eine andere Welt doch noch möglich ist. Irgendwann.
Angelo Glashagel
Autor: red
Was bleiben wird - Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer reden im Nordhäuser Ratssaal (Foto: Angelo Glashagel)
Gregor Gysi habe in der Umbruchszeit der Wende einmal gefordert, erzählt Bibliotheksleiterin Hildegard Seidel zur Begrüßung der Gäste, das jeder Haushalt ein Telefon haben müsse und dies auch nutzen können sollte, ohne Angst zu haben überwacht zu werden. Da muss der Politiker lachen und mit ihm das Publikum. Ob er gelacht hat, weil seine eigenen Gespräche von der Stasi oft genug mitgeschnitten wurden, oder weil die Forderung angesichts von Mobiltelefonen und des andauernden NSA-Skandals heute geradezu putzig erscheint, das wird nur er selbst wissen.
Es wird viel gelacht und geschmunzelt an diesem Abend, auch wenn die Themen ihrer Gespräche ernst sind, mit denen die beiden Herren ihr Buch "Was bleiben wird" derzeit in Thüringen bewerben. Das die Diskussion nicht in trockener Theorie versandet ist den beiden Protagonisten des Abends zu verdanken, die davon gelebt haben, mitreißend und überzeugend zu erzählen und die sich selbst nicht mehr zu ernst nehmen müssen. Auf der einen Seite Gregor Gysi, Ikone der Linken, aufgewachsen in einem kommunistisch geprägtem Haushalt und in der DDR als Anwalt tätig. Auf der anderen Seite Friedrich Schorlemmer, der oppositionelle Pfarrer aus evangelischem Hause, der Schwerter zu Pflugscharen schmieden ließ und den Demokratischen Aufbruch mitbegründete.
Sie reden über das was war, und das was ist. Über die Vergangenheit, die Politik und die Wirtschaft, über die Zukunft. Über die Angst und darüber das es wieder mehr Mahner bräuchte in diesen Zeiten. "Wenn wir nicht mehr mahnen, machen wir uns selbst überflüssig, als Priester und als Oppositionspolitiker", meint Gysi. Man habe eine funktionierende Wirtschaft, ein funktionierendes (Finanz-)Weltwirtschaftssystem aber keine funktionierende Weltpolitik. Nicht mehr die Politik leite, sondern die Banken. Die Folgen seien Orientierungslosigkeit und allgemeine Verunsicherung.
Im Kalten Krieg sei es die Angst gewesen, welche die Menschen habe aufwachen und aktiv werden lassen, die Angst vor dem atomaren Konflikt, vor dem dritten Weltkrieg, sagt Schorlemmer. Aber die Angst alleine trage nicht, sondern brauche auch die Hoffnung, das eine andere Welt möglich sei. Nur müsse man aufhören in Schablonen zu denken. Gysi sekundiert und empfiehlt den Mächtigen von heute wieder einmal die Reden von Walter Scheel, Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker zu lesen.
Gysi großes Thema ist, wenig verwunderlich, die Politik. Er erklärt mit Anekdoten wie die Hinterzimmerpolitik der Internationalen Beziehungen funktioniert, spricht davon, was der Kapitalismus kann und was er nicht kann. Er selbst sei "weit weg von der Idee eines Modells", er wolle "eine Transformation, die das überwindet, was der Kapitalismus nicht kann". Was der Kapitalismus könne, das sei Effizienz in der Wirtschaft und Topleistungen in Wissenschaft, Forschung und Kultur. Was er nicht könne, das sei Frieden schaffen, weil der Krieg zu profitabel sei und genutzt würde um neue Märkte zu erschließen. Ebenso wenig könne er ökologische Nachhaltigkeit schaffen, da diese dem Profitstreben im Weg stehe. Gleiches gelte für die soziale Gerechtigkeit und den Kampf gegen den Hunger.
"Ich bete lieber für Politiker, als das ich einer bin", sagt Schorlemmer, der sich nach der Wende selber in der Kommunalpolitik engagiert hat. Die Politiker würden unter vielen Zwängen stehen und es sei schwer, die Rolle des Vermittlers zu übernehmen. "Die wenigsten können die Früchte ihrer Vermittlung auch ernten". Er habe sich damals engagiert, weil er wollte, dass die christliche Botschaft in der Politik präsent ist, das Wort sollte ernst genommen werden, "so das es auch trägt". Im Vergleich zu damals macht er heute einen gravierenden Unterschied aus. Damals in der DDR hörte man ihm sehr genau zu, von staatlicher Seite sicher etwas zu genau und zu oft. "Heute kann ich sagen was ich will und ich weiß nicht, ob es überhaupt gehört wird".
Sie reden viel in diesen zwei Stunden, zuviel als das es sich in einem Artikel zusammenfassen ließe. Was aber bleibt nun von der DDR? Für Schorlemmer zunächst einmal: Ostbrötchen, der Nordhäuser Korn und sein Rema-Andante, ein altes Stück DDR-Technik, gebaut irgendwann in den sechzigern, das bis heute tadellos funktioniert. Dann: die Wut, "die Wut wie mir andere 25 Jahre lang erklärt haben, wie ich gelebt habe". Das sei auch ein Grund gewesen, das Buch zu machen, sagt Schorlemmer und man habe es gut hinbekommen, die Betrachtung differenziert gehalten. Er sei froh, das man damals etwas überwunden habe, sei froh über die Narben, die geblieben sind, auch wenn sie manchmal juckten. Man sollte aber "bestimmte Ideen nicht liegen lassen, nur weil sie missbraucht worden sind".
Gysi hofft, das man lernt "historisch zu denken" und erkennt, das die schlimmste Gesellschaft, die von deutschem Boden ausging, die zwischen 1933 und 1945 war. Die Strafe hierfür, die Teilung und die damit einhergehenden Systeme, die sich keiner der beiden deutschen Staaten ausgesucht habe, sei auszuhalten gewesen.
In der DDR habe man keine soziale Ausgrenzung gehabt, dafür aber die politische. Diese "soziale Erfahrung" tauge aber nichts ohne Freiheit und Demokratie. Die beiden letzteren widersprächen sich wiederum ohne das soziale Element. Deswegen müsse man die soziale Erfahrung, die Chancengleichheit in Bildung und Kultur von der heute alle sprechen, von der man aber meilenweit entfernt sei, wieder in die BRD getragen werden.
Was bleibt für das Publikum? Ein gutes Buch, sicher. Und das Gefühl zwei Menschen gehört zu haben, die viel von dem sagen, was man selber schon lange denkt, aber nicht vermag in Worte zu fassen. Ein wenig Hoffnung vielleicht, das reflektierte Menschen, Mahner die auch gehört werden, noch keine ausgestorbene Spezies sind, wie Moderator Hans-Dieter Schütt zu beginn provokant fragte. Und die Hoffnung, das eine andere Welt doch noch möglich ist. Irgendwann.
Angelo Glashagel


