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Mi, 07:11 Uhr
28.01.2015

Pilotprojekt im Naturschutz (2)

Im Jahre 2013 starteten der Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser und Bodo Schwarzberg ein Projekt besonderer Art: Das „Referenzprojekt Artenschutz“ widmet sich 20 Standorten bedrohter Pflanzenarten im Landkreis Nordhausen. Das Projekt und seine Einzelflächen sollen im Rahmen dieser nnz-Serie in Wort und Bild vorgestellt werden...


Am 10.11.2014 schrieb ich im ersten Teil zu den Hintergründen für die Initiierung dieses vom Landschaftspflegeverband und von der unteren Naturschutzbehörde mit großem Aufwand vorbereiteten und über das Programm ENL geförderten Projekts, über dessen praktische Umsetzung sowie theoretische Betreuung durch den Autor dieses Beitrages.

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Zentraler Inhalt des Projekts ist die Bewirtschaftung und Betreuung von kleinflächigen Standorten bedrohter Gefäßpflanzenarten, deren Pflege mit Mitteln der in Thüringen üblichen naturschutzrelevanten Förderprogramme nicht gefördert werden kann. Besonderer Dank gilt dem Landschaftspflegeverband Südharz-Kyffhäuser und der unteren Naturschutzbehörde für die Schaffung der umfangreichen organisatorischen Voraussetzungen für die Durchführung des Projekts.

Als erste Projektart, liebe nnz-Leserinnen und –leser, möchte ich Ihnen eine wohl bekannte Pflanzenart mit dem Namen Arnika vorstellen, geläufig auch unter dem schönen Namen Bergwohlverleih, wissenschaftlich Arnica montana.

Merkmale der Arnika

20 bis 60 cm hoch, verfügt ihr Stängel über meist ein bis zwei Blattpaare. Die sich gegenüberstehenden, also gegenständigen Blätter sind bei den Korbblütengewächsen eine selten anzutreffende Besonderheit. Die Blütenkörbchen mit ihren strahlenförmigen Zungen- und den zentralen in ihrer Gesamtheit polsterartigen Röhrenblüten erreichen eine Breite von 6 bis 8 Zentimetern. Typisch ist die oftmals lediglich vierblättrige, dem Boden mehr oder weniger anliegende Rosette.

Standorte und Verbreitung

Die Arnika bevorzugt saure, ungedüngte Sand-Lehm-Böden sowie im Sommer trockene Rohhumusböden. Auf der Projektfläche in einem Südharzer Naturschutzgebiet ist sie Teil einer für diese Art typischen Bergwiesengesellschaft, die hier als Bärwurz-Rotschwingel-Wiese (Rote Liste Thüringen: 2 - stark gefährdet) anzusprechen ist.

Heute beschränken sich ihre deutschen Vorkommen fast ausschließlich auf unsere Mittelgebirge sowie auf die Alpen. Ihr Verbreitungsgebiet ist etwa auf einen zwischen Pyrenäen, Balkan, Südskandinavien und dem Baltikum liegendes Raum beschränkt. Deutschland liegt demnach im Arealzentrum, woraus sich nach LUDWIG et al. (2007) die „hohe Verantwortlichkeit“ des Landes für ihre weltweite Erhaltung ergibt.

Gefährdung

„Im Harze sehr häufig,…“ schrieben VOCKE & ANGELRODT im Jahre 1886 in ihrer „Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend“. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Im Harzanteil des Landkreises sind weniger als zehn individuenarme Vorkommen bekannt. Aber auch darüber hinaus ist die Arnika heute selten, Bestände mit mehreren hundert Pflanzen sind zu einer Ausnahme geworden. Oft siedelt sie nur noch in Randbereichen einst magerer und lückiger Bergwiesen. In Thüringen gilt die Art als stark gefährdet (Rote Liste 2), deutschlandweit als gefährdet (Rote Liste 3).

landwirtschaftliche Bedeutung

Aus Sicht der Landwirtschaft ist Arnica montana ohne jeglichen Futterwert. Nach RAUSCHERT (1961) wird sie nur von Schafen und Ziegen im frischen Zustand gelegentlich gefressen, andere Weidetiere meiden sie. Zudem sind ihre flach anliegenden Rosetten für die Tiere schwer erreichbar. Durch diese selektive Unterbeweidung breitete sie sich einst auf Bergweiden aus.

Gefährdungsursachen

Früher wurde die Arnika vor allem von Sammlern dezimiert, wenn sie es auf deren Rhizome abgesehen hatten. Seit mehreren Jahrzehnten jedoch gilt die Art der Landbewirtschaftung als entscheidende Rückgangsursache: Aufgabe der extensiven Bewirtschaftung mit einer Kombination aus einschüriger Mahd und schonender Beweidung, Intensivierung der Landnutzung durch Düngung der Bergwiesen, Intensivierung mittels hoher Besatzdichte an Rindern, Umbruch einst artenreicher Bergwiesen zur Gewinnung von Ackerland, Brachfallen einst extensiv genutzter Bergwiesen, weiter zunehmende Stickstoffimmissionen aus Verbrennungsprozessen.
Die eher Kühle liebende Art (nach ELLENBERG et al., 1991, Temperaturzahl 4 von 9) könnte zunehmend auch durch die anthropogen bedingte Klimaerwärmung unter Druck geraten.

Die Projektfläche im Naturschutzgebiet

Nach Beobachtung des Autors repräsentierte sie noch im Jahre 2006 mit rund 100 blühenden Pflanzen den wahrscheinlich größten verbliebenen Arnika-Bestand des Landkreises. Sie verteilen sich auf nur rund 400 Quadratmeter, einige wenige Exemplare finden sich auch außerhalb der Projektfläche. (Anzahl Exemplare auf der Projektfläche: 2006: 100, 2007-2009 nicht gezählt, 2010: 40, 2011: 30, 2012: 81, 2013: 23, 2014: 40)

Begründung für die Aufnahme der Projektfläche in das „Referenzprojekt Artenschutz“: Neben der bereits erwähnten hohen Gefährdung und der hohen Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Art, kam im konkreten Fall hinzu, dass der Bergwiesenausschnitt, in dem sich der Bestand befindet, nicht mehr bewirtschaftet oder aber in den zurückliegenden Jahren lediglich gemulcht wurde. Dabei erfolgt keine Entfernung des Mähguts von der Fläche, Nährstoffanreicherung ist ebenso die Folge wie Verfilzung und der Schluss von Bodenlücken. Auf diese Weise wäre auch dieser Arnikabestand innerhalb weniger Jahre vernichtet worden.

Vorarbeiten

Nachdem nach 2006 die eben beschriebene nicht artgerechte Bewirtschaftung beobachtet wurde, erfolgten ehrenamtlich sporadische Entfilzungsmaßnahmen mittels Gartenharke. Dadurch konnte der wahrscheinliche Standortverlust zumindest verzögert werden.

Konkrete Maßnahmen im Zuge des Referenzprojekts Artenschutz

Im August 2013 und im Juli 2014 erfolgte jeweils eine Mahd der Projektfläche. Das Mähgut wurde mittels Heuharke entfernt und unter einer nahestehenden großen Fichte abgelagert. Ziel der Maßnahme ist zum einen der notwendige Nährstoffentzug, die Zurückdrängung der stellenweise bestandsbildenden Bärwurz (Meum athamanticum – auf einem Fotos verbreitet weißblühende Pflanzen) und die Schaffung von Bodenverwundungen. Letztere sind für die konkurrenzschwache Arnika notwendig, damit sie sich vegetativ, d.h. durch das Wachstum ihres Rhizoms, ausbreiten kann. Zudem begünstigen sie die Keimung der Arnikasamen (Achänen). Einige von ihnen wurden auf offene Bodenstellen ausgebracht, um die Vergrößerung des Bestandes zu unterstützen.

Beobachtungen und erste Ergebnisse

In beiden Jahren fertigte der Autor des Beitrages eine Artenliste an, der Bestand der Arnika wurde erfasst. Es konnten 64 Arten festgestellt werden, was die überaus große Artenvielfalt veranschaulicht und Ausdruck der noch nährstoffarmen Standortverhältnisse ist. Hervorzuheben ist der Erstnachweis des in Thüringen stark gefährdeten Gewöhnlichen Sonnenröschens für den Südharz (Helianthemum nummularium ssp. nummularium, im Gipskarst nachgewiesen) und das schon seit längerem bekannte Vorkommen der in Thüringen ebenfalls stark gefährdeten, vor allem auf Disteln schmarotzenden Distel-Sommerwurz (Orobanche reticulata).

Auffallend waren die 2014 im Vergleich zu 2013 trotz recht hoher Niederschlagsmengen schon sichtbar geringere Aufwuchs an Biomasse und die Zunahme offener Bodenstellen, was möglicherweise bereits auf die erwünschte Aushagerung hindeutet. Die Zahl der blühenden Arnika-Pflanzen hat sich 2014 im Vergleich zu 2013 von 23 auf 40 fast verdoppelt. Allerdings liegt dies im seit 2010 in etwa üblichen „Schwankungsbereich“. Die weitere Entwicklung muss abgewartet werden.

Ausblick:

Es wird erwartet, dass sich der Arnikabestand durch die Rückkehr zu artgerechter Bewirtschaftung vergrößert. Er könnte zum Ausgangspunkt für eine weitere Ausbreitung der einst häufigen Art zunächst im hier betrachteten Naturschutzgebiet sein. Hierzu müssten in benachbarten, teils extensiv gemähten Bereichen wahrscheinlich lediglich verstärkt Bodenverwundungen angelegt werden. Einzelne dort siedelnde Arnikapflanzen sprechen für ein mögliches Ausbreitungspotenzial. Zudem sollte der Bereich des NSG, in dem sich die Projektfläche befindet, wieder einer extensiven Mahd oder Schaf-/Ziegen-Beweidung zugeführt werden.

Die Arnika als Heil- und Giftpflanze
Der Hauptwirkstoff Helenalin wird in Form der alkoholischen Arnikatinktur äußerlich u.a. gegen Entzündungen und z.B. Ödembildungen, aber auch bei Arhtritis angewandt. Die innere Anwendung als Tee oder „Schnaps“ ist auf Grund der Vergiftungsgefahr verboten. Bekannt sind schwere Durchfälle, Kollaps und Krämpfe, aber auch Abort infolge oraler Aufnahme. Das Sammeln der laut Bundesnaturschutzgesetzt besonders geschützten Arnika ist im Normalfall untersagt. Sie wurde in den Anhang V der FFH-Richtlinie aufgenommen. Demnach werden für ihre Entnahme aus der Natur besondere Regelungen getroffen. Mittlerweile ist es gelungen die Art kommerziell anzubauen.
Arnika (Foto: Bodo Schwarzberg)
Arnika (Foto: Bodo Schwarzberg)
Arnika (Foto: Bodo Schwarzberg)
Arnika (Foto: Bodo Schwarzberg)
Die Fotos zeigen einen Teil der Projektfläche, die Projektart Arnika und auf einem Foto, deren Samen (Achänen). Ein Foto wurde von einem Arnika-Bestand bei Sorge aufgenommen.
Bodo Schwarzberg

Literatur:Ellenberg, H., H. E. Weber, R. Düll, V. Wirth, W. Wermer & D. Paulißen (1991): Zeigerwerte von Pflanzen in Mitteleuropa. – Scripta geobotanica 18: 1–248Korsch, H.; W. Westhus; K. HORN & W. JANSEN (2011): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen (Pteridophyta et Spermatophyta) Thüringens. - Naturschutzreport 26: 365-390
LUDWIG, G.; R. MAY, & C. OTTO, (2007): Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Farn- und Blütenpflanzen – vorläufige Liste – BfN-Scripten 220: 1-202
RAUSCHERT, S. (1961): Wiesen- und Weidepflanzen. – Radebeul, 405 S.
TEUSCHER, E. & U. LNDEQUIST (1988): Biogene Gifte. – Berlin, 595 S.
Vocke, A. & C. Angelrodt (1886): Flora von Nordhausen und der weiteren Umgebung. – Berlin, 332 S.
Autor: red

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