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Fr, 14:21 Uhr
31.10.2014

Ende einer Odyssee

Jetzt ist es offiziell: die Bibliothek des Klosters Himmelgarten ist nach Nordhausen zurückgekehrt. Warum die alten Bücher fortwährend als Schatz bezeichnet werden, konnte man heute bei der feierlichen Präsentation der gesammelten Schriften erfahren...

Die Rückkehr der Himmelfarten Bibliothek wurde heute festlich begangen (Foto: Angelo Glashagel) Die Rückkehr der Himmelfarten Bibliothek wurde heute festlich begangen (Foto: Angelo Glashagel)

"Endlich ist sie wieder da. Sie ist zu Hause angekommen und ihre Odyssee hat ein glückliches Ende genommen" - vor gut 140 Gästen wurde die Rückkehr der Klosterbibliothek nicht nur von Oberbürgermeister Dr. Zeh dankbar und mit vielerelei lobenden Worten zelebriert.

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Pfarrer Piontek, der als Leiter der Bibliothek des Predigerseminars zu Wittenberg bisher über die Bücher wachte, brachte seine Gefühle mit Goethe zum Ausdruck: "Zwei Seelen schlagen ach in meiner Brust".

Als gebürtiger Nordhäuser sei er froh, das sie nun zurückgekehrt sei, als Wittenberger Bibliothekar müsse er den Verlust verschmerzen. Die Gemeinde St. Blasii, die bis heute Besitzerin des Bücherschatzes ist, und mit ihr der evangelische Kirchenkreis Südharz freuten sich naturgemäß, das dass 40-jährige Exil nun ein Ende findet.

Erste Pläne zur Rückführung hatte es schon vor 15 Jahren gegeben. Doch das ist nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Bibliothek. Anno 1295 eröffnet der Servitenorden vor den Toren Nordhausens ein Mönchskloster. Der Orden ist klein, in der Stadt selbst befinden sich die Dependancen der größeren Klostergemeinschaften. Die Franziskaner, Dominikaner, Benediktiner und die Zisterzienser sind in der freien Reichsstadt vertreten. Dennoch ist das Kloster Himmelgarten alles andere als unbedeutend. Durch Schenkungen kommen die Mönche zu Reichtum und schaffen über die Jahrhunderte damit die Grundvoraussetzungen für die Bildung der späteren Bibliothek.

Am Vorabend der Reformation beginnen die Prioren des Klosters, Bücher anzukaufen. Aus dem Jahr 1488 datiert der erste Erwerb. Es war vor allem der studierte Theologe und Prior Johannes Pilearius, besser bekannt als Prior Huter, der einen Großteil der Werke ersteht. Die Klöster hatten damals ihr einstiges Monopol auf Bildung bereits verloren. Ob Himmelgarten überhaupt eine Schule betrieb, ist nicht bekannt.

Huter aber hatte seinen Bildungspfad in Erfurt zu einer Zeit betreten, da der Humanismus stetig an Verfechtern hinzu gewann. Als Huter Prior wird, ist es auch sein erklärtes Ziel, die Bildung seiner Brüder mit Hilfe der Literatur zu verbessern. Ob dies tatsächlich auch geschah, oder ob der Prior vornehmlich seinen eigenen Wissensdurst stillte, kann heute niemand mehr sagen. Der Prior sammelte verschiedenste Werke, nicht allein Theologische Schriften. Auch Bände zu Philosophie, Medizin, Metaphysik, Logik, Grammatik und Philologie finden sich im Bestand.

Es ist nicht allein ihr Alter, sondern vor allem diese Vielfalt, welche die Himmelgartenbibliothek bis heute zu einem echten Schatz machen. Die erste gedruckte Ausgabe von Petrarcas "Opus Omnia", 1496 in Basel gefertigt, ist in der Bibliothek zu finden. Oder auch ein von Lucas Cranach dem Älteren illustriertes Flugblatt von 1519. "Sie haben hier sehr gute Ausgaben aus dem frühen 16. Jahrhundert, die sehr selten sind, und auch einige Unikate", sagte Professor Dr. Wilhelmi, Philologe an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Professor Dr. Wilhelmi ist Philologe an der Akademie der Wissenschaft in Heidelberg und hat sich mit der Himmelgartenbibliothek beschäftigt (Foto: Angelo Glashagel) Professor Dr. Wilhelmi ist Philologe an der Akademie der Wissenschaft in Heidelberg und hat sich mit der Himmelgartenbibliothek beschäftigt (Foto: Angelo Glashagel)

Das sie über die Jahrhunderte erhalten geblieben sind, ist alles andere als Selbstverständlich. Es ist der Weitsicht des Priors Huter zu verdanken, dass die Bücher die Wirren des Bauernkrieges von 1525 überstanden haben. Während das Kloster Himmelgarten zerstört wurde, lagerten die schweren Folianten in einem Ordenshaus in Nordhausen. Im nahen Kloster Walkenried war man weniger vorsichtig gewesen.

Dort wurden die dicken Bände nach den blutigen Unruhen zum Teil als Pflastersteine zweckentfremdet. Bis 1552 werden die Himmelgartenbücher noch von Mönchen betreut. Danach gehen sie in den Besitz der inzwischen evangelischen Blasii-Gemeinde über. Die übernahmen den Schatz der katholischen Mönche nur zu gerne. Enthält er doch auch Schriften von Luther und christliche Standardliteratur wie die Werke eines Thomas von Aquin oder von Kirchenvätern wie Augustinus.

Mit dem Bauernkrieg beginnt die Odyssee der Bücher: sie wandern in der Blasiigemeinde hin und her. Vom Glockenturm wird das "Arkanum", das Geheimnisvolle, wie die Bibliothek damals von Pfarrer Kindervater ehrfürchtig betitelt wird, in die Sakristei verbracht. Ein Fehler wie sich herausstellen sollte: das feuchte Klima setzt den Büchern schwer zu. Den zweien Weltkrieg verbringen die Bücher in einem Stollen bei Wolkramshausen, 1974 schließlich übernimmt Naumburg die Bücher, 1989 die Altbestandsbibliothek Wittenberg. Der Umzug nach Nordhausen wurde vor allem dadurch möglich, dass sich Bürger wie die Familie Lösch Jahre lang darum bemühten. Finanziell war es die Unterstützung der Reemtsma-Stiftung und der Sparkassenkulturstiftung, welche die Heimkehr ermöglichten.

Zu Zeiten des Priors Huter muss es eine eindrucksvolle und vor allem teure Sammlung gewesen sein. Ein einziges, kleines Buch konnte den Verdienst eines halben Jahres verschlingen, wenn man ein einfacher Mann war, erklärte Prof. Wilhelmi. Die Deckel sind aus Holz, die zum Schutz vor Dreck und Staub mit Metallschließen versehen wurden. Das Papier selbst wurde aus zermalenen Textilien hergestellt und hatte noch keine Holzanteile, was zur langlebigkeit der Bücher beiträgt.

Über die Jahrhunderte ging vieles verloren, verrottete wurde an Gäste verschenkt oder staatlicherseits eingezogen. So war einst eine der berühmten, und heute äußerst wertvollen, Guthenbergbibeln Teil der Sammlung, wie von Prof. Wilhelmi zu erfahren war.

Ob nun auch Wissenschaftler nach Nordhausen kommen werden, um mit den Büchern zu arbeiten, ist allerdings fraglich. Zwar spricht die Bandbreite eine ganze Palette an Fachrichtungen an, vom Philologen über Hagiographen bis hin zum klassischen Historiker, doch die müssen im 21. Jahrhundert nicht mehr unbedingt das Buch in Händen halten. Ein Digitalkatalog ist im Internet zugänglich.

140 Besucher drängten sich im Sonderausstellungsraum der Flohburg, der neuen Heimat der Himmelgartenbibliothek (Foto: Angelo Glashagel) 140 Besucher drängten sich im Sonderausstellungsraum der Flohburg, der neuen Heimat der Himmelgartenbibliothek (Foto: Angelo Glashagel)

Die Bibliothek wird kein Publikumsmagnet. Sie ist auch nicht visuell ansprechend, wie sie so dasitzt, in grauem Karton sicher hinter Glas bewahrt. Es sind, wortwörtlich, die inneren Werte, welche aus der Himmelgartenbibliothek einen Schatz machen. Sie ist ein Spiegel der Geschichte am Vorabend der Reformation und ein Referenzpunkt für die Entwicklung Nordhausens in dieser Zeit. Und wer versuchen will, sich selbst und seine Umwelt in der Gegenwart zu verstehen, der wird nicht umhin kommen, in die Vergangenheit zu Blicken, sofern sie uns auch scheinen mag. Deswegen tun wir gut daran, uns diese Referenzpunkte vor Ort zu erhalten.
Angelo Glashagel
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Die Himmelgartenbibliothek kehrt zurück (Foto: Angelo Glashagel)
Autor: red

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