Mi, 11:24 Uhr
23.05.2001
Alltag in Nordhausen?: "Behinderte an den Stadtrand!"
Nordhausen (nnz). Der Nordhäuser Kreistag beschloß gestern den Umzug von Schülern und Erziehern der Sundhäuser Förderschule nach Sülzhayn. Hintergrund ist die beabsichtigte Schließung der Einrichtung durch das Thüringer Sozialministerium. Der geplante Umzug hat aber auch eine skandalöse Seite.
Neben den Sundhäuser Patienten, die künftig in Sülzhayn oder im Werkstatt-Wohnheim der Nordthüringer Lebenshilfe (NTL) lernen, wohnen und arbeiten werden, müssen auch Schwerst-Mehrfachbehinderte das Sundhäuser Domizil verlassen. Ihr neues Zuhause wird ebenfalls die NTL sein, die Betreuung soll im Oktober beginnen.
Die NTL plant parallel dazu schon seit längerem den Neubau eines neuen Heims, direkt hinter dem jetzigen Lutherheim. Der nicht genutzte Garten wurde als Grundstück auserkoren, alle Vorbereitungen für den Baubeginn sind getroffen. Zwar fehlt noch die Baugenehmigung, doch die soll nach nnz-Informationen zügig ausgestellt werden. Zügig, weil die Lebenshilfe bereit im kommenden Monat mit dem Bau beginnen will. In die Planung des neuen Heims wurden auch die Bäume auf den jetzigen Grundstück einbezogen.
Bäume sind seit den Arbeiten in Vorbereitung der Landesgartenschau in Nordhausen zum einem Reizthema mutiert. Auch in Vorbereitung des Neubaus an der Hölderlin Straße müssen einige - nicht alle - Bäume weichen. Die großen Gewächse werden in die Planungen einbezogen, für die Gefällten werden Ersatzpflanzungen vorgenommen, unter anderem entlang der Zorge. Doch die Grundstücksnachbarn des neuen Heims haben weniger mit den Bäumen, dafür mit den künftigen Heimbewohnern so ihre Probleme. Im Zuge einer Anhörung hat deren Aversion bereits makabre Züge angenommen. Wiese bleiben die Doofen nicht am Stadtrand? soll noch die harmloseste Frage gewesen sein, die gestellt wurde. Auch das ehemalige Lager Dora soll ins Spiel gebracht worden sein. Bei behinderten Nachbarn hört für normale gesellschaftsfähige Menschen der Spaß auf.
In Nordhausen sind solche Reaktionen allerdings kein Einzelfall. Als es um die Integration von Ausländern und Aussiedlern in Niedersalza ging, wurden ebenfalls nicht spruchreife Argumente gebraucht. Die Nordthüringer Lebenshilfe als Auftraggeber für den Neubau ist zwar schockiert, will dennoch nicht vom Projekt abrücken. Zugeständnisse werden gemacht. So soll eine große Hecke die normalen Menschen vor den unnormalen visuell schützen. Die Frage, wer normal und wer unnormal ist, die muß sich jeder selbst beantworten. Das neue Heim für 36 Menschen mit mehrfachen Schwerstbehinderungen wird fast vier Millionen Mark kosten, zwei Drittel der Kosten trägt die Nordthüringer Lebenshilfe.
Autor: nnzNeben den Sundhäuser Patienten, die künftig in Sülzhayn oder im Werkstatt-Wohnheim der Nordthüringer Lebenshilfe (NTL) lernen, wohnen und arbeiten werden, müssen auch Schwerst-Mehrfachbehinderte das Sundhäuser Domizil verlassen. Ihr neues Zuhause wird ebenfalls die NTL sein, die Betreuung soll im Oktober beginnen.
Die NTL plant parallel dazu schon seit längerem den Neubau eines neuen Heims, direkt hinter dem jetzigen Lutherheim. Der nicht genutzte Garten wurde als Grundstück auserkoren, alle Vorbereitungen für den Baubeginn sind getroffen. Zwar fehlt noch die Baugenehmigung, doch die soll nach nnz-Informationen zügig ausgestellt werden. Zügig, weil die Lebenshilfe bereit im kommenden Monat mit dem Bau beginnen will. In die Planung des neuen Heims wurden auch die Bäume auf den jetzigen Grundstück einbezogen.
Bäume sind seit den Arbeiten in Vorbereitung der Landesgartenschau in Nordhausen zum einem Reizthema mutiert. Auch in Vorbereitung des Neubaus an der Hölderlin Straße müssen einige - nicht alle - Bäume weichen. Die großen Gewächse werden in die Planungen einbezogen, für die Gefällten werden Ersatzpflanzungen vorgenommen, unter anderem entlang der Zorge. Doch die Grundstücksnachbarn des neuen Heims haben weniger mit den Bäumen, dafür mit den künftigen Heimbewohnern so ihre Probleme. Im Zuge einer Anhörung hat deren Aversion bereits makabre Züge angenommen. Wiese bleiben die Doofen nicht am Stadtrand? soll noch die harmloseste Frage gewesen sein, die gestellt wurde. Auch das ehemalige Lager Dora soll ins Spiel gebracht worden sein. Bei behinderten Nachbarn hört für normale gesellschaftsfähige Menschen der Spaß auf.
In Nordhausen sind solche Reaktionen allerdings kein Einzelfall. Als es um die Integration von Ausländern und Aussiedlern in Niedersalza ging, wurden ebenfalls nicht spruchreife Argumente gebraucht. Die Nordthüringer Lebenshilfe als Auftraggeber für den Neubau ist zwar schockiert, will dennoch nicht vom Projekt abrücken. Zugeständnisse werden gemacht. So soll eine große Hecke die normalen Menschen vor den unnormalen visuell schützen. Die Frage, wer normal und wer unnormal ist, die muß sich jeder selbst beantworten. Das neue Heim für 36 Menschen mit mehrfachen Schwerstbehinderungen wird fast vier Millionen Mark kosten, zwei Drittel der Kosten trägt die Nordthüringer Lebenshilfe.

