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Fr, 09:04 Uhr
12.09.2014

Wo wird in Thüringen am meisten operiert?

Selbst in sehr leistungsstarken Gesundheitssystemen hängt eine angemessene medizinische Versorgung oftmals vom Wohnort ab. Das weisen OECD und Bertelsmann Stiftung in zwei aktuellen Studien für Deutschland und zwölf weitere Industrienationen nach. Auch innerhalb von Thüringen gibt es große Unterschiede...


So werden in manchen Städten und Landkreisen fünf Mal mehr Gaumenmandel-Operationen durchgeführt als anderswo. Rein medizinisch sind die Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen ein Warnsignal für die Studienautoren, die ihre Befunde am kommenden Dienstag auf einer gemeinsamen Konferenz in Berlin dem Fachpublikum vorstellen: „Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, sagte OECD-Direktor Mark Pearson.

In Schmalkalden-Meiningen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern die Gaumenmandeln entfernt werden fünf Mal höher als in Sonneberg. Und im Altenburger Land werden drei Mal so viele Blinddarm-Operationen durchgeführt wie im Nachbarkreis Greiz. Damit liegt der Kreis Altenburger Land auch im bundesweiten Vergleich bei den Blinddarm-OP-Raten mit an der Spitze.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Langzeituntersuchung. Seit 2007 beobachtet die Bertelsmann Stiftung in ihrem Faktencheck Gesundheit die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und Städten und hat dabei Verblüffendes festgestellt: Das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands bleibt über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. Und es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden.

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden.

Auffällig ist zudem, dass einige Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Fachgesellschaften, aber auch den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. „Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen“, sagte Dr. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Warum die Versorgungslage zwischen den Regionen so unterschiedlich ist, dazu kann auch die Forschung bislang nur erste Erklärungsansätze liefern. Die beiden Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung stellen übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. „Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, sollte es für alle operativen Eingriffe geben. Ihre Einhaltung muss strenger kontrolliert werden bei aller notwendigen ärztlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall“, sagte Brigitte Mohn.

Zudem seien Extremwerte in bestimmten Städten und Kreisen ein Indiz dafür, dass ärztliche Aufklärung regional unterschiedlich wahrgenommen wird: „Von Ärzten kann man normalerweise erwarten, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informieren. Dies sollten die Patienten auch einfordern“, sagte Mark Pearson von der OECD. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürften nicht, wie die Versorgungsforschung es für möglich hält, eine Frage der Angebotskapazität oder von Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein.

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