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Fr, 06:56 Uhr
13.06.2014

nnz-Forum: Gespaltene Zunge

Die Diskussionen zur Tagung der Nordthüringer Waldbesitzer im Waldhotel "Kalkhütte" und einer damit verbundenen Exkursion gehen weiter. Dazu eine weitere Lesermeinung...


Es ist natürlich klar, dass ein Förster, der von Knauf bezahlt wird, positiv über seine Arbeit berichten muss. Er muss die Vernichtung naturnaher Wälder, die sich über Jahrhunderte auf Millionen Jahre altem, ebenfalls zu zerstörenden europäisch einmaligen Karsterscheinungen entwickelten, gutheißen und er muss sagen, dass das, was Knauf der Natur im Alten Stolberg antut, trotzdem keine Zerstörung ist, sondern ein Gewinn für alle Beteiligten.

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Ein Förster in Diensten von Knauf wird gewiss nichts über die Ängste der Leute aus Stempeda berichten, die sich vor der Ausweitung des unseeligen Steinbruchs fast in die Sichtweite ihrer Häuser fürchten und auch nichts über das Gefühl von Ohnmacht gegenüber einem Konzern, der weiß Gott nicht den Naturschutz, sondern Gewinnmaximierung als einzigen Existenzgrund hat. Förster Kothe wird auch nicht über die Methoden von Vertretern der Gipsindustrie berichten, Menschen einzuschüchtern, die ihre Grundstücke nicht bereit sind, an die jeweiligen Firmen zu verkaufen. Ein Ehepaar erzählte mir, dass es in gewissen Abständen von einer Gipsfirma Anrufe erhalte, in denen ihm Enteignung angedroht werde, falls es sich im Gegensatz zu anderen weiterhin weigere, ihren gipshaltigen Grund und Boden abzutreten.

Und schließlich sagt Herr Kothe nichts über die verheerende Zerstörung unwiederbringlicher Karsterscheinungen und von Biodiversität, die der Gipsabbau in unser Region und in nur geologisch gesehen verschwindend kurzer Zeit zu verantworten hat. Ich habe darüber mehrfach und mit Quellenangaben in der nnz berichtet. Mehrfach und hinreichend sind die nicht wieder gut zu machenden Folgen des Gipsabbaus in der Literatur belegt.

In der nnz verfasste ich eine kleine Übersicht: http://www.nnz-online.de/news/news_lang.php?ArtNr=118898)b Wer sich von Knauf oder den anderen Gipsfirmen weißmachen lässt, unsere Landschaft würde aufgewertet, der vertiefe sich in diese und andere Quellen und wird eines Besseren belehrt. Knauf-Vertreter selbst mussten in einer Publikation zugeben, dass es eben nicht ganz so mit der Ansiedlung naturschutzrelevanter Arten bzw. Gesellschaften läuft, wie gewünscht.

WEISE, R, ZIBELL, J., KOTHE, L. (2010): Artenschutz und Bergbau – Fallbeispiele aus dem Gipskarst des Alten Stolberg. Artenschutzreport 25: 39-44
Allein der Steinbruch Kohnstein / Hohe Schleife vernichtete die Standorte mehrerer Arten ((Schmalblättriges Brillenschötchen, Gips-Fettkraut), die weltweit nur im Gebiet des Landkreises Nordhausen vorkommen.

Ich persönlich bemühe mich mit teilweisem Erfolg um zwei Standorte des Glazialrelikts Alpen-Gänsekresse, die als Folge des Gipsabbaus ohne menschliche Hilfe kaum noch überlebensfähig wären und ostdeutschlandweit nur im Landkreis Nordhausen siedelt. Auch hierzu gibt es Literaturstellen. Allein der am Kohnstein und im Raum Ellrich angerichtete Schaden müsste ausreichen, der Mär vom "gesunden, großen Steinbruch" keinen Glauben mehr zu schenken. Ökologisch entscheidend ist immer der Blick auf die gesamte Region und nicht auf ein einzelnes Exkursionsgebiet, in dem es natürlich fast immer auch ein paar Orchideen zu sehen gibt.

Die ökologische Gesamtbilanz der Gipsindustrie im Gebiet des Südharzer Zechsteinrandes fällt absolut verheerend aus. Orchideen und Uhu sind kein Ökosystem.

Dass sich Orchideen laut Herrn Kothe auch sekundär in seinen Steinbrüchen ansiedeln, also in menschgemachten, auf Zerstörung beruhenden Biotopen, ist nichts Neues. Die Braunrote Sitter zum Beispiel findet sich in fast jedem naturfernem Gips-Steinbruch. Die Fokussierung auf den wertbesetzten Begriff „Orchidee“ soll Natur pur suggerieren. Vielfach aber harren Enzian-Schillergrasrasen, Blaugras-Rasen und Fieder-Zwenkenrasen ebenso wie verschiedenen Buchenwaldgesellschaften und Eichen-Hainbuchenwälder ihrer Entwicklung und ebenso die sich über Jahrhunderte ausgebildeten Übergänge zwischen naturnahen Wäldern und Halbtrockenrasen, also von Pflanzengesellschaften, in denen teilweise nicht zwei oder drei Arten, sondern vierzig oder sechzig wirklich gesellschaftsrelevante Spezies siedeln. Eine einmal abgebaute naturnahe Landschaft ist unwiederbringlich zerstört. Erdfälle, Halbtrockenrasen, Felsfluren und Karstquellen lassen sich nicht am Reißbrett entwickeln.

Und selbst dann, wenn manche naturschutzrelevante Arten in Steinbrüchen vorhanden wären, oder stellenweise vorhanden sind: Unsere Südharzer Gipskarstlandschaft bezieht ihre Prominenz aus ihrer Naturbelassenheit und aus ihrer langen, geologisch, klimatisch und landwirtschaftlich bedingten Entwicklung und eben nicht aus Retortenlandschaften, die ein Konzernförster als etwas Schönes verkaufen will.

Wenn die Wirtschaft mit ihrem Gerede über die positiven Folgen ihrer Aktivitäten für unsere Natur recht hätte, dann müssten wir heute keine Roten Listen bedrohter Arten führen, deren Länge tendenziell ständig weiter zunimmt, dann hätten wir weltweit keine so genannte fünfte Aussterbewelle und keinen existenziell bedrohlichen Klimawandel.
Wer weiß, wie unsere Wirtschaft funktioniert und wer weiß, welch große Flächen allein Knauf in weiten Teilen der Südharzer Zechsteinlandschaft gehören, der kann erahnen, dass dieser Konzern seine Zerstörung langfristig plant und natürlich bestrebt sein muss, Politik, Behörden und Bevölkerung mit welchen Methoden auch immer bei der Stange zu halten.

Am Ende bleibt nur eine vielfach unwissende Bevölkerung, der Knauf u.a. mit ein paar Spielenachmittagen (v)erklären kann, wie viel die Firma doch für die Allgemeinheit tut und ein Bergrecht, das einseitiger bzw. wirtschaftsfreundlicher nicht sein könnte. Wenn sich Knauf so wenig im Widerspruch zum Naturschutz sehen würde, wie Herr Kothe uns Glauben machen möchte, dann würde der Gemeinderat Südharz ganz gewiss die Bestätigung des Biosphärenreservates Karstlandschaft Südharz in Sachsen-Anhalt durch die UNESCO nicht blockieren. Dass er dies tut, spricht Bände.

In Thüringen indes blockiert die Politik ebenso ein Biosphärenreservat. Die Gründe hierfür dürften dieselben sein, wie in Sachsen-Anhalt. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sich nach den nächsten Wahlen daran etwas ändert.

Als Resümee der von Herrn Kothe geführten Exkursion durch die Knaufsche Naturlandschaft fällt mir nur wieder das Zitat des früheren und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrten Dr. Walter Elmer ein. „Die Empörung in unserer Bevölkerung ist groß. Geschäftemacher aus aller Herren Länder stürzen sich förmlich auf die Rohstoffe in unserer Landschaft, um das schnelle Geld zu machen und sich auf Jahrzehnte hinaus zu bevorraten.“

ELMER, W. (1993): Südharzlandschaft – Quo vadis? – In: Jahrbuch des Landkreises Nordhausen 1990-1993. – Nordhausen: 76-82
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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Leser SK
14.06.2014, 00:06 Uhr
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