Fr, 14:29 Uhr
11.05.2001
nnz-Historie: Die Loge in Nordhausen
Nordhausen (nnz). Am 23. September 2000 nahmen die Logenbrüder der Loge Zur gekrönten Unschuld die Räume im sanierten Gebäude Domstraße 20 in Besitz, die vorher durch den Großmeister des Freimaurerordens geweiht wurden. Sie setzten damit am alten Standort eine Tradition fort, die in Nordhausen über 211 Jahre Bestand hat...
Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts. Es war die Zeit der größten Gegensätze auf politischem und geistigem Gebiet: Auf der einen Seite die lähmende Ohnmacht des großen Vaterlandes bedingt durch die Kleinstaaterei, auf der anderen Seite die Entfaltung freien deutschen Geisteslebens, welches die klassische Zeit der großen Dichter und Denker (u.a. Goethe und E. Kant, beide gehörten der Loge an) schuf und trotz aller staatlicher Zerrissenheit ein einigendes nationales Band um seine gebildeten Schichten knüpfte.
Sieben junge Verfechter dieser progressiven Entwicklung, der Arzt Dr. Fahner und der Papierfabrikant Keferstein, beide aus Ilfeld, Pastor Heinrich Plieth aus Salza sowie die Nordhäuser Pfarramts-Anwärter Bohne, Advokat Hüpeden, Legationsrat Seidler und Magister Ehrhardt, die seit einiger Zeit einen literarischen Zirkel betrieben, gründeten in der Wohnung von Friedrich Ehrhardt am 21. April 1790 in Nordhausen die Johannis-Freimaurerloge. Bis auf Bruder Ehrhardt waren alle anderen Gründungsmitglieder in ihrer Studienzeit in Göttingen in die Loge aufgenommen worden, die der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in Berlin angehörte. Es war daher naheliegend, daß sich die Nordhäuser Gründer am 2. Juni 1790 ebenfalls dieser Großloge anschlossen. Sie gaben ihrer Loge den Namen Zur gekrönten Unschuld. Zum ersten Logenmeister erwählten die Mitglieder Heinrich Plieth. Zu den Wertvorstellungen der Logenbrüder gehörten schon damals Nächstenliebe, Menschlichkeit, Konsensbereitschaft und Toleranz, was gerade in der heutigen Zeit von besonderer Bedeutung ist.
Nach längerer wechselvoller Zeit in den ersten Jahren nahm das Logenwesen einen steilen Aufstieg, der für eine kleine Stadt wie Nordhausen sehr außergewöhnlich und bemerkenswert war. 1812 erfolgte die Grundsteinlegung für ein Logengebäude, welches am 2. Juni 1815, anläßlich des Stiftungsfestes eingeweiht wurde. Ab diesem Zeitpunkt gewann die Loge immer mehr an Bedeutung. Waren es zu Beginn fast nur Theologen und Juristen, wurden nun auch mehr und mehr Kaufleute, Handwerker, Brennerei- und Tabakfabrikanten, Ärzte und Apotheker sowie Gutsbesitzer und Waldpächter aus den umliegenden Ortschaften in die Loge aufgenommen.
Mit der weiteren Entwicklung der Loge ist der Name Ferdinand Conrad Seiffart eng verbunden. Ihm gelang es durch seine Verbindungen zur Ordensleitung in Berlin, besonders zum Ordensmeister der Andreasloge, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, auch die zweite Ordensabteilung, die Andreasloge (1870) und schließlich das Provinzial-Ordens-Kapitel (1876) in die Rolandsstadt zu holen. Das kleine Nordhausen erlangte im Logenwesen plötzlich die gleiche Bedeutung wie die Großstädte Berlin, Hamburg, Königsberg oder Breslau. Den räumlichen Anforderungen für die ständig wachsende Zahl der örtlichen Mitglieder sowie für die Andreasloge und das Kapitel war die Nordhäuser Loge in den 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen. Zukauf von Grundstücken, An- und Neubauten waren dringend erforderlich und konnten auf Grund der guten wirtschaftlichen Situation vieler Mitglieder realisiert werden.
Am 15. Juni 1935 erlosch durch die politische Gewalt das maurerische Licht auch in Nordhausen. Der Verbotsbefehl des Reichs- und Preußischen Ministers des Inneren wurde an diesem Tag wirksam und betraf sowohl die Johannis- und Andreasloge als auch das Ordenskapitel. Die ehemaligen Logengebäude wurden in den darauffolgenden sechs Jahrzehnten zweckentfremdet genutzt, denn auch im totalitären System des real existierenden Sozialismus blieb das Verbot der Freimaurerei bestehen. Die wertvolle Bausubstanz verfiel.
Anläßlich des 200. Jahrestag der Gründung der Nordhäuser Loge wurde bei der Ordensleitung in Berlin der Antrag auf Reaktivierung der Nordhäuser Loge gestellt. Am 19. Oktober 1991 fand mit 16 Gründungsmitgliedern der Patenloge aus Kassel die Neugründung der Johannisloge Zur gekrönten Unschuld statt. Im Februar 1999 erfolgte die Rückübertragung der Logen-Immobilien. Danach begannen schrittweise die Bau- und Sanierungsarbeiten.
Rainer Hellberg
Autor: nnzDeutschland Ende des 18. Jahrhunderts. Es war die Zeit der größten Gegensätze auf politischem und geistigem Gebiet: Auf der einen Seite die lähmende Ohnmacht des großen Vaterlandes bedingt durch die Kleinstaaterei, auf der anderen Seite die Entfaltung freien deutschen Geisteslebens, welches die klassische Zeit der großen Dichter und Denker (u.a. Goethe und E. Kant, beide gehörten der Loge an) schuf und trotz aller staatlicher Zerrissenheit ein einigendes nationales Band um seine gebildeten Schichten knüpfte.
Sieben junge Verfechter dieser progressiven Entwicklung, der Arzt Dr. Fahner und der Papierfabrikant Keferstein, beide aus Ilfeld, Pastor Heinrich Plieth aus Salza sowie die Nordhäuser Pfarramts-Anwärter Bohne, Advokat Hüpeden, Legationsrat Seidler und Magister Ehrhardt, die seit einiger Zeit einen literarischen Zirkel betrieben, gründeten in der Wohnung von Friedrich Ehrhardt am 21. April 1790 in Nordhausen die Johannis-Freimaurerloge. Bis auf Bruder Ehrhardt waren alle anderen Gründungsmitglieder in ihrer Studienzeit in Göttingen in die Loge aufgenommen worden, die der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in Berlin angehörte. Es war daher naheliegend, daß sich die Nordhäuser Gründer am 2. Juni 1790 ebenfalls dieser Großloge anschlossen. Sie gaben ihrer Loge den Namen Zur gekrönten Unschuld. Zum ersten Logenmeister erwählten die Mitglieder Heinrich Plieth. Zu den Wertvorstellungen der Logenbrüder gehörten schon damals Nächstenliebe, Menschlichkeit, Konsensbereitschaft und Toleranz, was gerade in der heutigen Zeit von besonderer Bedeutung ist.
Nach längerer wechselvoller Zeit in den ersten Jahren nahm das Logenwesen einen steilen Aufstieg, der für eine kleine Stadt wie Nordhausen sehr außergewöhnlich und bemerkenswert war. 1812 erfolgte die Grundsteinlegung für ein Logengebäude, welches am 2. Juni 1815, anläßlich des Stiftungsfestes eingeweiht wurde. Ab diesem Zeitpunkt gewann die Loge immer mehr an Bedeutung. Waren es zu Beginn fast nur Theologen und Juristen, wurden nun auch mehr und mehr Kaufleute, Handwerker, Brennerei- und Tabakfabrikanten, Ärzte und Apotheker sowie Gutsbesitzer und Waldpächter aus den umliegenden Ortschaften in die Loge aufgenommen.
Mit der weiteren Entwicklung der Loge ist der Name Ferdinand Conrad Seiffart eng verbunden. Ihm gelang es durch seine Verbindungen zur Ordensleitung in Berlin, besonders zum Ordensmeister der Andreasloge, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, auch die zweite Ordensabteilung, die Andreasloge (1870) und schließlich das Provinzial-Ordens-Kapitel (1876) in die Rolandsstadt zu holen. Das kleine Nordhausen erlangte im Logenwesen plötzlich die gleiche Bedeutung wie die Großstädte Berlin, Hamburg, Königsberg oder Breslau. Den räumlichen Anforderungen für die ständig wachsende Zahl der örtlichen Mitglieder sowie für die Andreasloge und das Kapitel war die Nordhäuser Loge in den 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht mehr gewachsen. Zukauf von Grundstücken, An- und Neubauten waren dringend erforderlich und konnten auf Grund der guten wirtschaftlichen Situation vieler Mitglieder realisiert werden.
Am 15. Juni 1935 erlosch durch die politische Gewalt das maurerische Licht auch in Nordhausen. Der Verbotsbefehl des Reichs- und Preußischen Ministers des Inneren wurde an diesem Tag wirksam und betraf sowohl die Johannis- und Andreasloge als auch das Ordenskapitel. Die ehemaligen Logengebäude wurden in den darauffolgenden sechs Jahrzehnten zweckentfremdet genutzt, denn auch im totalitären System des real existierenden Sozialismus blieb das Verbot der Freimaurerei bestehen. Die wertvolle Bausubstanz verfiel.
Anläßlich des 200. Jahrestag der Gründung der Nordhäuser Loge wurde bei der Ordensleitung in Berlin der Antrag auf Reaktivierung der Nordhäuser Loge gestellt. Am 19. Oktober 1991 fand mit 16 Gründungsmitgliedern der Patenloge aus Kassel die Neugründung der Johannisloge Zur gekrönten Unschuld statt. Im Februar 1999 erfolgte die Rückübertragung der Logen-Immobilien. Danach begannen schrittweise die Bau- und Sanierungsarbeiten.
Rainer Hellberg


